Roberto Hil­bert, gibt es eine Regel, die ein Fuß­ball­profi beher­zigen sollte, wenn er nach einer hohen Nie­der­lage durch Istanbul schlen­dert?
Ich bleibe in sol­chen Fällen zu Hause. (lacht)

Das ist tat­säch­lich kein Kli­schee?
Nein. Die tür­ki­schen Fans sind in der Tat sehr emo­tional, das ist nochmal eine andere Nummer als in Deutsch­land. Ich meine das aller­dings nicht negativ – im Vor­der­grund stehen bei ihnen näm­lich meist Freude und Euphorie. Ver­lieren wir aller­dings ein Derby, kann die Kritik auch mal hef­tiger aus­fallen. Damit kann ich aber leben. Ent­schei­dend ist, wie man ver­liert – die Fans spüren schließ­lich, ob man sich rein­hängt.

Wie gut spre­chen Sie Tür­kisch?
Das Spre­chen hält sich noch in Grenzen, meine Gram­matik ist – um es vor­sichtig zu for­mu­lieren – aus­bau­fähig. Aber: Ich ver­stehe alles.
 
Es gibt Profis, die sagen, es reiche aus, die typi­schen Fuß­ball­wörter zu ver­stehen, der Rest sei eher unwichtig. Wie sehen Sie das?
Inner­halb der Mann­schaft kommt man auch klar, wenn man kein Tür­kisch spricht, denn Kom­mu­ni­ka­tion läuft ja auf ver­schie­denen Ebenen ab. Auf dem Fuß­ball­platz spielen Sprach­kennt­nisse keine ent­schei­dende Rolle – die Fach­be­griffe hat man schnell drauf.

Und im Alltag?
Das kann schon eher ein Pro­blem sein. Ich denke manchmal zurück an meine Zeit in Deutsch­land, in der ich mich häufig wun­derte, warum einige Mann­schafts­kol­legen nicht inten­siver Deutsch lernten. Mitt­ler­weile kann ich nach­voll­ziehen, wie schwierig es ist, in kür­zester Zeit eine neue Sprache zu lernen. Das dauert eine Weile. Wir jeden­falls haben uns inzwi­schen gut in der Türkei ein­ge­lebt.

Lesen Sie tür­ki­sche Zei­tungen?
Ich ver­suche mir regel­mäßig einen groben Über­blick zu ver­schaffen, was jedoch äußerst ambi­tio­niert ist bei den vielen Blät­tern in Istanbul. Der Sport­teil ist grund­sätz­lich sehr, sehr aus­führ­lich. Das Thema Fuß­ball“ ist überall prä­sent.

Anders als in Stutt­gart?
Schon, ja. Aber es gibt auch die andere Seite: In Deutsch­land stehen die Spieler in engem Kon­takt mit den Jour­na­listen, von denen viele regel­mäßig beim Trai­ning dabei sind. Bei uns dagegen haben die Medi­en­ver­treter nur 1 – 2 Mal pro Woche Zutritt. Aller­dings beob­achten sie das Geschehen an diesen Tagen ledig­lich aus der Ent­fer­nung. Gespräche mit ihnen gibt es daher eher selten. Da fällt mir ein: Was wäre da nur in Deutsch­land los?

Stich­wort Auf­re­gung“: Wie stark hat Sie der Mani­pu­la­ti­ons­skandal belastet?
Das war für uns alle ein Rie­sen­schock. Täg­lich kamen neue Vor­würfe und Fakten auf den Tisch, eine Aus­nah­me­si­tua­tion, auf die ich nicht vor­be­reitet war. 

Haben Sie das Thema aus­ge­blendet?

Natür­lich. Wir Spieler mussten und wollten uns schließ­lich auf unseren Beruf kon­zen­trieren. Irgend­wann verlor ich auch den Über­blick, habe mich bewusst nicht mehr mit dem Thema beschäf­tigt; zwi­schen­zeit­lich gab es ja auch eine Bericht­erstat­tungs­sperre. Ich sagte mir: Mach‘ deinen Job gut – für die Auf­ar­bei­tung sind schließ­lich die Experten zuständig. Alles andere hätte sich negativ auf meine Leis­tung aus­ge­wirkt.

Einige Experten berich­teten, viele Fans hätten sich nach dem Skandal von der Süper Lig abge­wendet – stimmt das?
Das ist schwierig zu beant­worten. In den Sta­dien war davon nichts zu spüren, die Stim­mung war –wie gewohnt- phä­no­menal. Ich will aber nicht bestreiten, dass die Auf­re­gung im Umfeld teils bedroh­liche Aus­maße ange­nommen hatte, dass große Emo­tionen zu spüren waren. Der tür­ki­sche Fuß­ball stand in einem extrem nega­tiven Licht da. Das hat die Fans natür­lich frus­triert.

Haben Sie zu jener Zeit dar­über nach­ge­dacht, die Türkei zu ver­lassen?
Nein. Das war damals kein Thema. Ich hatte mich selbst­ver­ständ­lich geär­gert, war sauer, aber an einen Ver­eins­wechsel habe ich keinen Gedanken ver­schwendet. Ich fühle mich schließ­lich wohl in der Türkei. Ich werde hier in Istanbul respek­tiert und sehr gut behan­delt.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten jeden Kar­rie­re­schritt vorher exakt so geplant…
Ja, das stimmt. Ich möchte mich später nicht über ver­passte Chancen ärgern. Es ist wichtig, zu reflek­tieren, was man erreicht hat und welche Ziele rea­lis­tisch sind.

Ist es noch immer ihr Traum, irgend­wann in der Pre­mier League zu spielen?
Ich bin erst 27. Ich wäre doch dumm, würde ich bereits jetzt Dinge abhaken. Fakt ist: Ich bin fit und spiele auf einem hohem Niveau. Aber meine Familie und ich fühlen uns in Istanbul richtig wohl. Was in der Zukunft pas­siert, weiß nie­mand.

Aber die Liga reizt Sie schon, oder?
Die Pre­mier League ist immer ein Ziel, für jeden Profi. Der­zeit ist sie für mich aber nicht einmal ansatz­weise ein Thema. Ich spiele unheim­lich gerne in der Türkei – zudem habe ich eine Frau und vier Kinder, da über­legt man schon genau, wel­cher Kar­rie­re­schritt Sinn ergäbe. Meine Kinder gehen in Istanbul in den Kin­der­garten und in die Schule, die werde ich sicher­lich nicht ein­fach so aus ihrem Umfeld her­aus­reißen. Ich habe exzel­lente Berater, mit denen ich mich gern aus­tau­sche. Meine engste Ver­traute ist und bleibt aber meine Frau – ohne ihre Zustim­mung geht gar nichts.

Ihr Kol­lege Fabian Ernst gin einen anderen Kar­rie­re­schritt und wech­selt von Bes­iktas zu Kas­im­pas­aspor – wie schwer wiegt der Ver­lust?
Ich per­sön­lich bedaure es sehr – sport­lich und mensch­lich. Fabian ist ein richtig guter Typ. Aber der Verein hat diese Ent­schei­dung getroffen, das habe ich als Spieler zu akzep­tieren.

Was ver­missen Sie aus Ihrer Heimat?
Zuhause ist es immer am schönsten, keine Frage. Ein gewisses Heimweh kann ich nicht leugnen. Das ist aber wahr­schein­lich normal. Ich ver­misse es bei­spiels­weise, spontan in die Stadt zu gehen, bum­meln, spa­zieren gehen und so. Das ist in Istanbul oft schwierig. Die Stadt ist riesig, der Ver­kehr eine Welt für sich. Wir Fuß­ball­profis müssen schon genauer über­legen.

Wie meinen Sie das?
Es ist für mich kaum mög­lich, mal eben so durch die Straßen zu schlen­dern, ich bin bekannt und werde sofort ange­spro­chen, bei­nahe jeder will ein Foto mit mir.

Ist das nicht normal?
Na ja. Wie gesagt, so etwas kennt man auch aus Deutsch­land, aber hier ist es viel, viel extremer. Es gibt stets auf­ge­bauschte Themen, zu denen jeder eine Mei­nung hat. Fuß­ball­profis haben in der Türkei einen Rie­sen­status. Aber nochmal: Es ist nicht so, dass ich mich nicht vor die Tür traue. Man über­legt ein­fach genau, wo man sich unge­stört auf­halten könnte.

Man sagt Ihnen eine heim­lich Lei­den­schaft für Greu­ther Fürth nach. Sind Sie tat­säch­lich Fan?
Ja, klar!

Gab es im Hause Hil­bert nach dem Auf­stieg eine große Party?
Kein Kom­mentar! Ich habe mich jeden­falls wahn­sinnig über den Auf­stieg gefreut. Aber seien wir ehr­lich: Die Zeit war langsam mal reif! Die Ver­ant­wort­li­chen haben es sich ver­dient. Ich habe bis zuletzt ordent­lich mit­ge­fie­bert.

Wie eng ist Ihr Kon­takt nach Fürth?
Ich bin mit Thomas Kleine befreundet , wir tele­fo­nieren ab und an. Nach dem Auf­stieg habe ich sofort Glück­wün­sche nach Fürth geschickt. Das war schon eine geile Sache. Bin ich Zuhause und habe Zeit, schaue ich dort immer wieder gern vorbei. Ich glaube, die Jungs haben das Zeug dazu, die Klasse zu halten.

Für wie wahr­schein­lich halten Sie es, irgend­wann nochmal für Fürth auf­zu­laufen?
Eine gemeine Frage. Ich weiß doch nicht, wie meine Kar­riere ver­läuft! Eins steht fest: Ich bin beken­nender Klee­blatt-Fan. Viel­leicht kommen wir ja irgend­wann tat­säch­lich noch einmal zusammen – ich will nichts aus­schließen.