Im letzten Oktober begrüßte Sparta Prag Slovan Liberec in der tsche­chi­schen Liga und das Team aus der Haupt­stadt hatte zuvor neun Spiele in Folge gewonnen. Es sah so aus, als ob die Meis­ter­schaft schon im Winter ent­schieden ist. Doch Liberec fegte Sparta mit per­fektem Kon­ter­fuß­ball 3:0 vom Platz. Beson­ders der dritte Treffer war ein Hoch­ge­nuss: Jiri Sta­jner passte den Ball mit der Hacke in den Lauf von Sel­assie, der in vollem Tempo auf dem Weg nach vorne stürmte und den Ball eben­falls mit der Hacke an seinem Gegen­spieler vorbei spielte und anschlie­ßend den Ball zen­ti­me­ter­genau auf Michal Brez­nanik flankte, der nur noch ein­zu­ni­cken brauchte. Ich habe es ein­fach pro­biert und es hat geklappt“, sagte Sel­assie nachdem Spiel. Wenn wir 0:2 im Rück­stand gewesen wäre“, hätte ich es nicht gemacht.

Nach dem Tor ver­höhnten ein paar Sparta-Fans Sel­assie mit Affen­lauten. Später wehrten sich die Anhänger gegen diesen Vor­wurf und meinten, dass die Buh­rufe Brez­nanik galten, weil der mal in einem Freund­schafts­tur­nier einem Sparta-Spieler den Fuß gebro­chen hatte. Der Klub wurde trotzdem wegen ras­sis­ti­scher Gesänge bestraft.

Theodor Gebre Sel­assie fällt auf im tsche­chi­schen Fuß­ball. Er ist ein äußerst talen­tierter Rechts­ver­tei­diger, seine Vor­stöße und punkt­ge­nauen Dia­go­nal­bälle sind töd­lich für jede Abwehr. Und er ist schwarz. Seine Nomi­nie­rung für ein Freund­schafts­tur­nier in Japan 2011 durch Natio­nal­trainer Michal Bilek war eine Offen­ba­rung und ein Ver­spre­chen für die Zukunft. Theodor war eine Rie­sen­über­ra­schung. Er hat sich wirk­lich ins Ram­pen­licht gespielt“, sagte Natio­nal­trainer Bilek. Im ver­gan­genen August zeigte Tsche­chien beim 0:3 in Nor­wegen dann eine der schlech­testen Leis­tungen seit langem. Die Offen­sive prä­sen­tierte sich mau, die Abwehr plump. Es sollte das letzte Spiel vom erfah­renen Zdenek Pos­pech (Mainz 05) auf der rechten Seite werden. Die hef­tige Nie­der­lage öff­nete Bilek die Augen. Pospechs Erfah­rung konnte nicht mehr mit der jugend­li­chen Energie und Aus­dauer von Sel­assie mit­halten. Die Posi­tion des Rechts­ver­tei­di­gers war von nun an Eigentum von Sel­assie, der als Bestand­teil einer Gruppe von jungen Spie­lern Tsche­chien im End­spurt der Qua­li­fi­ka­tion zur Euro­pa­meis­ter­schaft führte.

Aller­dings gibt es immer noch Leute, die der Mei­nung sind, dass er wegen seiner Haut­farbe nicht ins Natio­nal­team gehört. Ich finde das sehr merk­würdig und bin traurig dar­über. Ich bin in Tsche­chien geboren, lebe seit meiner Geburt hier“, sagt Theo im per­fekten Tsche­chisch. „ Ich war nur einmal in Äthio­pien und da war ich zwei Jahre alt. Das muss man sich mal vor­stellen. Da ist ein Schwarzer der Anführer der mäch­tigsten Nation der Welt und dann dis­ku­tieren Leute dar­über, warum ich in der tsche­chi­schen Natio­nal­mann­schaft spiele!“

Doch ganz langsam ver­schwindet der Ras­sismus in der tsche­chi­schen Gesell­schaft. Die von Iso­la­tion geprägte kom­mu­nis­ti­sche Ver­gan­gen­heit stirbt aus, immer weniger Tsche­chen sehen Men­schen mit anderer Haut­farbe als eine Bedro­hung für die eigene Kultur an. Vorbei sind die Neun­ziger und die Zeit nach dem Jahr­tau­send­wechsel, als Fans Bananen auf Zim­babwes Ken­nedy Chihuri schmissen, der bei Vik­toria Zizkov spielte. Das hat auch Sel­assie bemerkt. Er muss nur“ noch mit ver­ein­zelten Affen­ge­räu­schen umgehen, was ihm dank seines posi­tiven Cha­rak­ters, seiner Intel­li­genz und aus­ge­prägter men­taler Stärke leicht gelingt. Ich bin froh, dass ich anders bin. So bin ich wenigs­tens besser zu sehen. Ande­rer­seits ist das auch ein Nach­teil, wenn ich mal schlecht spiele“, scherzt Sel­assie lächelnd.

Lächeln ist sein sowieso sein Ding. Es unmög­lich ihm zu begegnen, ohne seine Zähne zu sehen. Er hat den Vor­teil, mit einem son­nigen Gemüt geboren zu sein, was ihm immer geholfen hat, nega­tive Reak­tionen zu ver­dauen. Einer seiner Lehrer hat mal gesagt, dass er sich durch die Schule gelacht hat“, erzählt Mutter Jana, selbst Leh­rerin. Sie bringt den tsche­chi­schen Teil in Sel­as­sies Familie. Vater Cha­mola, von Beruf Arzt, stammt aus Äthio­pien, dessen Geschichte typisch für die dama­lige Tsche­cho­slo­wakei ist – ein Stu­dent oder Arbeiter aus einem Ent­wick­lungs­land ver­liebt sich in ein tsche­chi­sches Mäd­chen und hei­ratet sie.

Ihr Sohn ist bei der EM einer der auf­fäl­ligsten Spieler. Für einige Trainer, die ihn zum Anfang seiner Kar­riere beglei­teten, kommt das sicher­lich uner­wartet. In seiner Zeit bei Jihlava in der zweiten Liga wurde er an den Viert­li­gisten Velke Mezi­rici aus­ge­liehen. Sel­assie erwägte, mit dem Fuß­ball auf­zu­hören und statt­dessen in Olmütz sein Stu­dium des Kata­stro­phen­schutzes wei­ter­zu­führen, wel­ches er im ersten Jahr begonnen hatte. Theo hatte Pro­blem mit seiner Aus­dauer und kör­per­liche Wider­stands­fä­hig­keit“, erklärt sein Coach von damals, Milan Boksa. Doch er hat immer zum rich­tigen Zeit­punkt einen Schritt nach vorne gemacht und zurück­ge­schlagen, wenn es nötig war.“ Dadurch setzte er sich bei Jihlava doch noch durch, der end­gül­tige Start für seine Kar­riere. Den größten Vor­teil hat er seinen Genen zu ver­danken. Mutter Leh­rerin und Vater Arzt – Theodor erbte fast zu viel Intel­li­genz für einen Fuß­baller. Des­halb weiß er genau, wie er sich auf dem Feld zu bewegen hat. Seine Spiel­in­tel­li­genz und Auf­fas­sungs­gabe ist über­ra­gend. Nur seine Mutter ist traurig, dass der Fuß­ball den Kampf gegen die Bil­dung gewonnen hat. Ich habe über ein halbes Jahr des­wegen geweint, habe ihm vor­ge­worfen, dass er es nicht mal ver­sucht hat, beides zu kom­bi­nieren. Doch ich weiß, dass dies sehr großen Willen erfor­dert und ich viel­leicht etwas zu viel erwartet habe.“

Viel­leicht gibt es noch Hoff­nung für Mama Sel­assie. Wenn ich etwas älter bin, werde ich dar­über nach­denken“, lenkt ihr Sohn ein. Mir ist schon klar, dass ich als Profi viel Zeit habe und ich mich even­tuell wieder bei einer Uni­ver­sität ein­schreiben sollte.“ Jetzt aber gilt die ganze Kon­zen­tra­tion der EM. Und danach steht viel­leicht ein Wechsel ins Aus­land an, falls das Tur­nier gut laufen sollte. Es scheint so, dass die nächste Uni­ver­sität die Sel­assie besucht, außer­halb von Tsche­chien liegen wird.

Michal Petrak ist Redak­teur bei der tsche­chi­schen Sport­zei­tung Sport“. Folgt ihm auf Twitter unter https://​twitter​.com/​#​!​/​m​i​c​h​a​l​p​etrak

Dieser Artikel ist Teil des Guar­dian Netz­werks zur EM 2012, einer Koope­ra­tion zwi­schen 16 Medien-Orga­ni­sa­tionen aus den qua­li­fi­zierten Län­dern.