Chris­tian Wörns, in den letzten Wochen waren Sie…
… uff, sehr von der Trai­nings­ar­beit ein­ge­spannt.

Wir dachten eher an: In den letzten Wochen waren Sie eigent­lich über­ra­gend.
(Lacht.) Ich war zwanzig Jahre lang Spieler, ich bin in so viele Fett­näpf­chen getreten. (Lacht immer noch.) Ich glaube, zu diesem Satz gibt es im Internet noch immer ein Musik­video, es ist mir ein wenig pein­lich.

Sie sagten diesen Satz, als sich vor der Heim-WM die Gra­ben­kämpfe zwi­schen Ihnen und Bun­des­trainer Jürgen Klins­mann ver­schlim­mert hatten. Wann merkten Sie, dass es für die Welt­meis­ter­schaft nicht rei­chen könnte?
Bei der EM 2004 war ich noch Füh­rungs­spieler. Aber mir musste nie­mand sagen, dass in den zwei Jahren bis zum Tur­nier ein Kon­kur­renz­kampf aus­bre­chen würde. Das war ich als Leis­tungs­sportler gewöhnt. Jürgen Klins­mann rief mich im Sep­tember 2005 an und sagte mir, dass er ein wenig aus­pro­bieren wolle. Das konnte ich total akzep­tieren. Gegen die Türkei spielten dann bei­spiels­weise Mar­cell Jansen, Per Mer­te­sa­cker, Patrick Owo­mo­yela und Lukas Sin­kie­wicz. Völlig in Ord­nung! Aber danach wurde mit mir kaum noch gespro­chen. Ich bin nicht eitel, aber mit mir wurde nicht ver­nünftig umge­gangen.

Zu dieser Zeit mehrten sich Ihre öffent­li­chen State­ments. Standen Sie unter Druck?
Eigent­lich glaube ich, dass man seinen Aller­wer­testen nicht in jede Kamera halten muss, um sich in den Vor­der­grund zu drängen. Ich hatte nach kurzer Zeit kein gutes Gefühl mehr und habe dann auch mal etwas aus­ge­spro­chen. Das Pro­blem war: Die Trainer hatten vor der WM den großen Kon­kur­renz­kampf aus­ge­rufen und das Leis­tungs­prinzip vor­an­ge­stellt. Das haben sie in meinen Augen damals nicht umge­setzt.

Hans-Joa­chim Watzke hatte ver­sucht, ein Ver­söh­nungs­ge­spräch mit Jürgen Klins­mann und Ihnen zu orga­ni­sieren. Woran schei­terte das?
Ab einem gewissen Punkt brauchte ich kein Ver­söh­nungs­ge­spräch mehr. Da war es mir wich­tiger, dass ich mor­gens noch in den Spiegel schauen konnte.

Wie sind Sie als Kind zum Fuß­ball gekommen?
Sehr tra­di­tio­nell. Bei Phönix Mann­heim habe ich ange­fangen, der Platz war um die Ecke. In Mann­heim spielte jeder auf dem nächst­ge­le­genen Bolz­platz. Nach einigen Ein­la­dungen zu Aus­wahl­mann­schaften wurde Waldhof auf mich auf­merksam.

Waldhof Mann­heim galt als Ver­tei­di­ger­schule.
Sie kamen ja alle aus Mann­heim: die Förster-Brüder, also Karl­heinz und Bernd, Dieter Schlind­wein, Roland Dick­gießer und – natür­lich – Jürgen Kohler. Offen­siv­spieler wie Mau­rizio Gau­dino werden immer ver­gessen. Aber das war reiner Zufall, nie­mand im Verein hat ein beson­deres Augen­merk auf die Ver­tei­diger gelegt.

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Ein wasch­echter Buwe: Chris­tian Wörns zu Beginn seiner Kar­riere.

Mit 17 Jahren debü­tierten Sie in der Bun­des­liga. Wie war das mög­lich?
Ich hatte einige Male mit den Profis mit­trai­nieren dürfen, und als sich meh­rere Spieler schwer ver­letzt hatten, war ich plötz­lich dabei. Das war mein Glück, für Waldhof Mann­heim war die Situa­tion ver­hee­rend. Die Aus­fälle der gestan­denen Männer konnten wir in dieser Saison nicht kom­pen­sieren. Eines meiner ersten Spiele war gegen den FC Bayern Mün­chen. Im Sturm spielte Alan McI­nally, ein euro­päi­scher Top­spieler.

Sie standen nervös neben ihm?
Ich hatte in dem Alter gar kein Bewusst­sein für die Situa­tion. Plötz­lich stand ich im Münchner Olym­pia­sta­dion. Da bin ich rein­ge­gangen und habe meinen Stiefel run­ter­ge­spielt.

Wie konnten Sie mit 17 Jahren so gelassen bleiben?
Ich habe aus dem Bauch heraus gekickt. Für mich war kein Druck dabei. Und ich pro­fi­tierte von einem guten Jugend­trainer. Valentin Herr war früher Pro­fit­or­wart, er führte bei uns eine Art Ampel­system ein, damit wir wussten, in wel­chem Spiel­feld­drittel wir wel­ches Risiko ein­gehen durften. Das war revo­lu­tionär.

Sie stiegen im ersten Jahr ab, blieben aber trotz anderer Ange­bote in Mann­heim. Warum?
Der Abstieg war bitter. Aber als junger Spieler war es für mich nicht schlimm, beim Waldhof zu bleiben. Ich habe die zweite Liga als Sprung­brett gesehen.