Jürgen Klopp, sollen wir uns Aktien von Borussia Dort­mund zulegen?

Wie Sie Ihr Geld anlegen, müssen Sie schon selbst ent­scheiden.

Kennen Sie den aktu­ellen Kurs?

Nein.



Der liegt bei etwa 1,60 Euro. Können Sie mit dieser Zahl etwas anfangen?

Nein. Es gibt nichts, was mich mehr lang­weilt als Zahlen. Ich habe noch nie Aktien gekauft. Wenn ich in der FAZ auf die Seite mit den Bör­sen­kursen komme, klappen mir die Augen zu. (lacht) Das ist nicht meine Welt.

Spüren Sie, dass Sie nun einen bör­sen­no­tierten Verein trai­nieren?


Borussia ist für mich ein Fuß­ball­verein, weil sie eine Mann­schaft haben. Die Orga­ni­sa­ti­ons­form ist für mich als Trainer nicht rele­vant. Aber ich wurde vorab darauf hin­ge­wiesen, dass ich bestimmte Dinge nicht oder nicht zu früh sagen darf. Wobei ich ohnehin kein Plau­derer bin, auch wenn es viel­leicht anders wirkt. (lacht.)

Wenn Sie einen Top-Star an der Angel hätten, würden Sie es uns also wegen des Akti­en­kurses nicht erzählen?

Ich würde es Ihnen sowieso nicht ver­raten. Es gibt hier genug andere Leute, die den rich­tigen Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung kennen.

Hat sich Ihr Job als Trainer beim BVB im Ver­gleich zu Ihrer Zeit beim FSV Mainz 05 ver­än­dert?


Ich habe nicht das Gefühl, dass ich einen anderen Job mache, wobei ich in Mainz noch einige Auf­gaben über­nehmen musste, die nun weg­fallen.

Zum Bei­spiel?

In Mainz bin ich anfäng­lich noch die Sport­plätze der Umge­bung abge­fahren, auf der Suche nach Trai­nings­mög­lich­keiten. Bis zum Schluss war ich noch bei vielen Mar­ke­ting­ter­minen dabei, weil Spon­soren immer wieder fragten, ob sie mich kennen lernen könnten.

Sie waren gleich­zeitig Trainer und Gesicht des Mar­ke­tings.

Wenn man so will. Die Zeit in Mainz war eben geprägt von einer Gold­grä­ber­stim­mung: Schaufel raus und los! Da musste jeder mit anpa­cken, dafür konnten wir fast neu anfangen und peu a peu wachsen.

Wie schwer fiel es Ihnen, von diesem Indie-Kon­zept Abschied zu nehmen?

Ich wusste schon sehr lange, dass der Moment kommen würde. Es ist mir nicht leicht gefallen, sonst wäre es ja kein Abschied, son­dern eine Flucht gewesen. Aber die Abschieds­me­lan­cholie war auch gepaart mit einer großen Vor­freude auf das, was jetzt kommt.

Es wurde Zeit, das warme Nest zu ver­lassen.

Klar. Ich wollte nach 18 Jahren die Ver­än­de­rung. Ich brauche keine Sicher­heit. Bevor ich nach Mainz kam, habe ich jedes Jahr den Klub gewech­selt, mit­unter auch gezwun­ge­ner­maßen wegen meines Sport­stu­diums. Jetzt freue ich mich brutal auf Dort­mund. Es gab keinen Plan B.

In Mainz konnten Sie es sich später sogar erlauben, per Mega­phon mit dem Publikum zu dis­ku­tieren. Bei 80 000 im ehe­ma­ligen West­fa­len­sta­dion wird diese Nähe zu den Fans schwierig.

Jetzt macht es Euch mal nicht so leicht. So eine Frage ent­täuscht mich. Ihr solltet in der Lage sein zu abs­tra­hieren, dass meine Nähe und der daraus resul­tie­rende Umgang mit den Fans in Mainz über Jahre gewachsen ist.

Natür­lich. Trotzdem fragen wir uns, ob Ihnen diese Nähe nicht fehlen wird.

Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, das habe ich beim Wechsel mit ein­kal­ku­liert. Über­haupt bin ich in diesem Gefüge sen­sa­tio­nell unwichtig. Ich genieße es ledig­lich, total am Limit mit einer Gän­se­haut im Sta­dion zu sein. Und ich möchte dafür sorgen, dass auch andere Men­schen dieses Emp­finden haben. Was jetzt in Dort­mund pas­siert, ist etwas ganz anderes. Und ich garan­tiere Ihnen, ich werde bei meinem ersten Heim­spiel kein Mega­phon in der Hand haben und nicht auf den Zaun gehen.

Sie hatten lang­fristig bekannt gegeben, dass Sie im Falle des Nicht­auf­stiegs Mainz ver­lassen würden. Wie lange planten Sie ihren Abschied schon?

Den Zeit­punkt gab es nicht, aber es war immer klar, dass ich nicht bis an mein Lebens­ende Trainer von Mainz 05 bleiben würde. Dafür bin zu neu­gierig. Ande­rer­seits kam für mich aber auch nicht in Frage, vor Ablauf meines Ver­trages zu gehen.

Wann reifte die Ent­schei­dung, wohin es geht?


Als bekannt wurde, dass ich mit den Ver­ant­wort­li­chen des FC Bayern gespro­chen hatte, fing ich an zu über­legen. Ich habe mich mit der Bun­des­li­ga­ta­belle hin­ge­setzt und über­legt, welche Ver­eine, mich reizen würden. Natür­lich war Dort­mund dabei. Mein Plan war: 1. Liga, ja, 2. Liga, nein. Und wäre kein pas­sendes Angebot gekommen, hätte ich ein paar Prak­tika bei Top-Klubs in Eng­land absol­viert.

Wie heiß war Ihr Flirt mit dem FC Bayern?

Dazu ist alles gesagt. Das war kein Flirt. Uli Hoeneß hat mich in Kenntnis gesetzt, dass ich einer von zwei mög­li­chen Kan­di­daten bin.

Bedauern Sie, dass es mit den Bayern nicht geklappt hat?


Um es noch einmal klar­zu­stellen: Nicht ich habe ent­schieden, dass ich nicht Bayern-Trainer werde, son­dern das dor­tige Prä­si­dium. Ob ich dahin gewech­selt wäre, weiß kein Mensch, denn soweit sind die Gespräche nie gediehen. 

Ist der BVB in der gegen­wär­tigen Ver­fas­sung ein Klub, in dem ein Trainer krea­tiver wirken kann als beim FCB?

Als starker Trainer kann man überall etwas bewegen. Jürgen Klins­mann kann in Mün­chen auch noch an vielen kleinen Schrauben drehen. Und an den großen muss er gar nicht drehen, denn die laufen schon im rich­tigen Rhythmus.

Auch der HSV soll für Sie eine Option gewesen sein. Auch dieser Klub steht sport­lich wesent­lich besser da als der BVB.

Was inter­es­sieren mich die Tabel­len­si­tua­tionen von anderen Ver­einen? Ich bin nach Dort­mund gegangen, weil ich große Lust auf die Stadt, den Verein und diese Mann­schaft habe. Den UEFA-Cup-Platz on top fand ich lässig. Es gab kein tie­feres Kalkül.

Beschreiben Sie doch mal, wie schnell die Ent­schei­dung für Dort­mund fiel.

Mon­tags nach dem letzten Spieltag in der 2. Liga wachte ich schlecht gelaunt auf. Dann kam der Anruf aus Dort­mund, und am Freitag habe ich den Ver­trag unter­schrieben. Vorher gab es keinen Kon­takt, weder per­sön­lich noch über mein Manage­ment.

Welche Rolle spielte Geld bei der Ent­schei­dung?

Keine. Auf diesem Niveau ist voll­kommen klar, was ein Trainer bekommen muss. Egal wohin ich in der 1. Liga gewech­selt wäre, hätte ich aus meiner Per­spek­tive genug ver­dient.

Die Infra­struktur in Dort­mund, gerade was die Medien angeht, ist etwas anders als in Mainz. Die Brand­rede von Thomas Doll in der letzen Saison kam nicht von unge­fähr.


Aber das kenne ich doch zur Genüge. Manchmal habe ich den Ein­druck, alle dächten, wir hätten in Mainz nur Kin­der­garten gespielt und jetzt begänne der Ernst des Lebens. Auch wir hatten vor Zweit­li­ga­spielen Pres­se­kon­fe­renzen mit bis zu 50 Jour­na­listen. Zudem stand ich durch meine Arbeit fürs ZDF im Blick­punkt: Ich war »TV-Bun­des­trainer«, war »Harry Potter«, der beim Abstieg aus der 1. Liga seinen Zau­ber­stab ver­loren hatte. Auch dar­über wurde über­re­gional berichtet.

Haben Sie trotzdem vorab mit Thomas Doll gespro­chen?

Nein. Es ist doch klar, dass der letzte Trainer mir kein über­mäßig posi­tives Bild ver­mit­teln kann. Auch von den Spie­lern will ich nichts über das letzte Jahr wissen. Ich kann doch nicht ankün­digen, es gehe hier bei Null los und beginne dann bei minus 50, weil ich gehört habe, dass der ein oder andere schwierig sein soll.

Glauben Sie, dass Sie sich auf die BVB-Chefs ver­lassen können?


Ja, ich habe das Gefühl, hier absolut ver­trau­ens­voll arbeiten zu können. Und das Leben ist viel zu kurz, als dass man sich ständig nega­tive Gedanken dazu machen sollte – und, keine Sorge, ich bin null­kom­ma­null naiv. Ich kenne die Gesetz­mä­ßig­keiten des Geschäfts. Ich denke bei Euch ja auch nicht: »Hm, da musst du auf­passen, mal sehen, was die schreiben. 11Freunde war mal ein tolles Blatt, aber irgend­wann wird alles zum Bou­le­vard…«. (lacht.) 

Die Borussia hat in 18 Monaten drei Trainer ver­schlissen. Mit Ver­laub, dar­über denkt doch jeder vor seinem Amts­an­tritt nach.

Klam­mern Sie die letzte Zeit aus und fragen Sie irgend­einen Trainer auf der Welt – die würden alle los­laufen, um den Job in Dort­mund zu machen. Das ist ein sen­sa­tio­neller Verein, der seine größten Erfolge in einer Zeit hatte, als sie relativ viel Geld zur Ver­fü­gung hatten – oder auch nicht hatten – aber aus­ge­geben haben. (lacht.) Dieser Zeit müssen sie Tribut zollen und Erfolg neu defi­nieren.

Defi­nieren Sie doch mal.

Ich bin der Letzte der sagt: »Platz 13 ist nicht so schlecht«. Das hat aber auch Thomas Doll nie gesagt. Wenn wir die Stärke und das Poten­tial für Platz 7 haben, und würden Elfter werden, wäre ich natür­lich nicht zufrieden. Aber warum soll ich mich, bevor das Ganze begonnen hat, mit der Tabel­len­si­tua­tion aus­ein­an­der­setzen?

Sie haben einen Zwei­jahres-Ver­trag mit Option auf ein drittes Jahr. Gab es in den Gesprä­chen mit dem BVB- Prä­si­dium kon­krete Ziel­set­zungen?

Solche Abspra­chen sind sub­stanzlos und haben nicht statt­ge­funden. Natür­lich erwartet ein Klub von der Ver­pflich­tung eines neuen Trai­ners eine Ver­bes­se­rung, alles andere wäre Quatsch.

Wurden ansonsten Erwar­tungen in den Vor­ge­sprä­chen for­mu­liert? Gar keine. Die Ver­ant­wort­li­chen waren ein­fach gut infor­miert. In Dort­mund hatte ich von Anfang an den Ein­druck, dass sie mich, den Trainer Jürgen Klopp, mit all seinen Fähig­keiten haben wollten.

Das sollte doch bei jedem Klub eine Selbst­ver­ständ­lich­keit sein.


Wissen Sie, ich habe bei den Gesprä­chen, die ich mit Ver­einen geführt habe, zwei Erfah­rungen gemacht: Die einen schauen genau hin und wissen, wie wir in den letzten Jahren in Mainz gear­beitet haben. Dass wir Spieler wei­ter­ent­wi­ckelt und oft gewinn­brin­gend ver­kauft haben und in schwie­rigen Situa­tionen immer wieder reagieren konnten. Die anderen achten mehr darauf, wie ich mich in der Öffent­lich­keit bewege.

Sie spre­chen in Rät­seln.


Für manche Klubs ist die Qua­lität eines Trai­ners offen­sicht­lich weniger wichtig, als die Tat­sache, dass er in der Presse gut rüber kommt. Ich habe es mehr­fach erlebt, dass ich mich als Person immer wieder erklären musste.

Wie genau lief das ab?

Ich will nicht ins Detail gehen, aber es wurde sogar meine Optik the­ma­ti­siert.

Nach dem Motto: Wenn Du unser Team trai­nieren willst, muss der Drei-Tage-Bart ab?

Auf­grund meines Aus­se­hens wurden offen Spe­ku­la­tionen ange­stellt, inwie­weit meine Auto­rität beim Team dar­unter leiden könnte. Mag sein, dass ich als Bank­vor­stand viel­leicht Pro­bleme mit der Glaub­wür­dig­keit hätte. Ich bin gerne nett zu Leuten, und ich mag auch Fuß­ball­spieler. Warum auch nicht, die haben das gleiche Hobby wie ich? Aber des­wegen bin ich noch lange kein Kum­peltyp.

Bei wel­chen Klubs liefen die Gespräche so ab?

Sag ich nicht, aber bitte keine fal­schen Rück­schlüsse ziehen.

An die Bayern und Uli Hoe­ness dachten wir gar nicht.

Nein, bei denen war es auch nicht so. 

Was denkt Jürgen Klopp, wenn ein Ver­eins­ma­nager über seine Glaub­wür­dig­keit spe­ku­liert?


Er denkt, dass Deutsch­land viel größer ist, als er ursprüng­lich annahm. Es haben wohl doch nur die wenigsten mit­be­kommen, was wir in Mainz in den ver­gan­genen sieben Jahren bewegt haben. Aber solche Gespräche hatten auch etwas Gutes: So wusste ich gleich, dass ich zu diesem oder jenem Klub nicht passe. Dort hätte ich jeden Tag Über­zeu­gungs­ar­beit leisten müssen.

Inter­es­sant, dass im Fuß­ball­ge­schäft die Optik eine Rolle spielt. Dabei gelten Sie doch fast als Pro­totyp des modernen Trai­ners.

Aber Ihr Jour­na­listen spielt das Spiel doch mit. Auch in der Presse wird immer wieder dar­über spe­ku­liert, ob ich bei einem Verein mit dieser Tra­di­tion und in dieser Stadt der Rich­tige bin.
Dabei sind gerade Sport­jour­na­listen gelinde gesagt nicht die Oberstyler. Aber Ihr wollt auch nicht Bun­des­li­ga­trainer werden und steht die meiste Zeit hinter der Kamera. (lacht.)

Trotz des Erfolges, den Sie in Mainz hatten, fühlen Sie Ihre Arbeit offen­sicht­lich nicht ent­spre­chend gewür­digt. Was muss nach einem Treffen mit den Bayern denn noch pas­sieren?

Ich beklage mich ja nicht, aber ich habe den Ein­druck, dass viele Leute durch das Fern­sehen wissen, dass ich das, was ich mache, sehr gut ver­kaufe. Die Leute wissen: Der ist dreimal Vierter in der 2. Liga geworden – unter wel­chen Vor­aus­set­zungen hin­ter­fragt aber kaum einer.

Ist das nicht auch der Preis, den ein Trainer für die große Wahr­neh­mung, die der Fuß­ball hier­zu­lande hat, zahlen muss?


Ich bin schon froh, dass es mit dem Beruf geklappt hat, weil ich sonst gar nicht wüsste, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Aber im Moment habe ich den Ein­druck, dass alles nur noch bunt ist. Rie­sen­über­schrift, kein Inhalt. Keiner inter­es­siert sich noch für die Hin­ter­gründe, warum Felix Magath mit Medi­zin­bällen trai­nieren lässt, son­dern nur noch dafür, dass er es tut. Genauso wird über Klins­manns Trai­ner­team berichtet. Keiner fragt, warum sein Team mit Gum­mi­bän­dern Enten­gang macht, aber jede Sen­dung zeigt die Szene. Dabei arbeiten Trainer tagein, tagaus für den Erfolg der Mann­schaft und machen sich pau­senlos Gedanken.

Sind Sie im Fuß­ball­ge­schäft schon mal per­sön­lich ent­täuscht worden?

Nein, das hängt aber auch mit meiner Erwar­tungs­hal­tung zusammen. Ich ver­teile eine Unmenge Chancen, habe aber nur wenig Erwar­tungen an Men­schen. Ich habe meh­rere Situa­tionen erlebt, die andere als per­sön­liche Ent­täu­schung gewertet haben. Mir tat es nur Leid für den Betref­fenden, dass er nicht anders konnte.

Ein Trainer ist und bleibt eben ein Ein­zel­kämpfer.


Ja, natür­lich, zumin­dest im Ver­bund mit meinem Co-Trainer Zeljko Buvac, der mich nie ent­täu­schen würde, bin ich Ein­zel­kämpfer. Ich muss Ergeb­nisse ablie­fern. Aber ich fühle mich trotzdem wohl, weil ich gerne mit einer Mann­schaft arbeite. Ich konnte viel besser Tennis als Fuß­ball spielen, wurde aber Kicker, weil es mir besser gefiel, mit anderen zusammen zu spielen, als für mich allein.

Jürgen Klins­mann hat in Mün­chen alles auf den Kopf gestellt: Neues Trai­ner­team, ver­än­derte Medi­en­po­litik, das Trai­nings­ge­lände wurde umge­baut, auch, um die Spieler besser abschirmen zu können. Haben Sie beim BVB auch einen Anfor­de­rungs­ka­talog ein­ge­reicht?


Dort­mund hat nicht die Mög­lich­keiten wie Mün­chen. Wir werden auch klei­nere Umbau­maß­nahmen vor­nehmen in unserem Trakt auf dem Trai­nings­ge­lände. Zum Glück wird bei uns nicht soviel dar­über geschrieben. Auch unser Trai­ner­team ist nicht viel kleiner als das in Mün­chen, nur schlechter bezahlt.

Was steht denn in Ihrem Anfor­de­rungs­ka­talog?

Ich sehe keinen Sinn darin, diesen hier zu ver­öf­fent­li­chen. Nur soviel: Wir waren im Mate­ri­al­raum und haben geschaut, was wir noch brau­chen.

Sie müssen im Mate­ri­al­raum nach dem Rechten sehen? Wir nahmen an, bei Borussia Dort­mund sei schon alles vor­handen.


Ist es ja auch. Aber jeder hat andere Vor­stel­lungen, was er für seine Arbeit braucht.

Nach dem Vor­bild von Felix Magath haben Sie also noch ein paar Medi­zin­bälle nach­be­stellt.


Es waren keine Medi­zin­bälle da, und wir haben auch keine bestellt. Im Ernst: Wir haben nur Klei­nig­keiten geor­dert.

Als Mode­rator für das ZDF schwärmen Sie oft von Spie­lern aus allen Teilen der Welt. Auf wen haben Sie sich beim BVB beson­ders gefreut?

Ich wäre ein Schwach­kopf, wenn ich anfangen würde, ein­zelne Spieler her­aus­zu­pi­cken. Ich freue mich auf die Mann­schaft, ehr­lich. Und die Gespräche vorab waren sehr gut: Die Jungs sind sehr selbst­kri­tisch. Keiner möchte noch mal 13ter werden und ein drei­viertel Jahr jeden Tag auf die Mütze bekommen.

Hat Ihnen Michael Zorc noch einen Hoch­ka­räter ver­spro­chen?

Wir haben nicht die Mög­lich­keit, Spieler zu ver­pflichten, die fünfzig Pro­zent über dem Gehalts­ni­veau liegen, das wir jetzt haben. Trans­fer­summen von 10 bis 15 Mil­lionen können wir nicht leisten.

Aber Geld schießt gemeinhin Tore.


Stimmt. Wenn Wolfs­burg auch noch Alek­sander Hleb holt, sind sie neben Bayern der Top­fa­vorit. Aber so was ist bei uns nicht mög­lich. Was können wir also machen? Wir können die Druck­si­tua­tion erhöhen. Bis­lang bestand der Ein­druck, dass bei Dort­mund alle spielen, sobald sie fit sind. Es ging nicht mehr um die Form, nur noch um die Fit­ness. Das ist jetzt vorbei.

Wie erhöhen Sie den Druck?


Das muss ich gar nicht. Letzt­lich hängt es bloß davon ab, welche Spieler sich auf die Leis­tungs­be­reit­schaft ein­lassen, die ich for­dere. Wer wei­ter­kommen möchte, ist herz­lich ein­ge­laden. Alle anderen haben kein beson­ders schönes Jahr vor sich.

Gibt es denn in der heu­tigen Zeit, in der kör­per­liche Fit­ness das A und O im Fuß­ball ist, noch Trainer, die auf einen Mangel an Leis­tungs­be­reit­schaft bei bestimmten Spie­lern Rück­sicht nehmen?


Keine Ahnung, ich ver­gleiche mich nicht. Aber wenn ich ein Trai­nings­spiel sehe, in dem nicht alle mit­ziehen, beginnt es in mir zu kochen. Wir trai­nieren schließ­lich nicht acht Stunden, son­dern ein­ein­halb. Da möchte ich sehen, dass alle sich ver­aus­gaben. Trai­ning muss müde machen. Wo ist der Ertrag, wenn ich mich nach der Ein­heit genauso fühle wie vorher?

Sind manche Profis von heute zu weich?


Nein, aber es gibt heute einen Hang zur medi­zi­ni­schen Über­ver­sor­gung. Die Jungs haben heute Ver­let­zungen, die kannten wir vor zehn Jahren gar nicht: Die alte Kno­chen­prel­lung, die ich als Spieler noch hatte, ist gestorben. Die gibt es nicht mehr. Heute heißt sie Bone Bruise, und ihr Hei­lungs­pro­zess dauert vier Wochen. Ich konnte als Spieler mit Ver­let­zungen ganz gut umgehen. Für über­trie­benes Schmerz­emp­finden gibt es also ver­ständ­nis­vol­lere Men­schen als mich.

Wie läuft bei Ihnen ein Gespräch mit einem ein­ge­bil­deten Kranken ab?

Ich weiß nicht, wie sich Sod­brennen anfühlt, also kann auf mein Mit­ge­fühl zählen, der dar­unter leidet. Bei Dingen, die ich selbst nach­emp­finden kann, ist das anders. Wenn ein Spieler zu mir kommt und sagt »Trainer, mein Zehen­nagel ist ein­ge­wachsen und hat sich ent­zündet«, dann warte ich auf einen Zusatz. Denn meine Zehen waren schon in alle Rich­tungen ver­bogen.


Für einen Spieler wie Mohamed Zidan hatten Sie hin­gegen mehr Ver­ständnis als seine Team­kol­legen bei Werder Bremen und beim HSV. Dort gilt er als Son­der­ling mit extra­va­ganten Eigen­schaften.


Einen Spieler muss man dort abholen, wo er steht. Ich kann Marko Rose und Mohamed Zidan nicht unter den glei­chen Vor­aus­set­zungen behan­deln. Sonst würde ich beiden nicht gerecht werden. Trotzdem müssen sich beide bestimmten Regeln unter­ordnen, sonst können sie nicht mit­spielen. Das tut Mohamed. Ich habe mich viel­leicht ein, zwei Mal mit ihm hin­ge­setzt und ihn erzählen lassen. Er ist ein netter, ver­rückter Kerl, der mit­unter auch Dinge macht, die ich über­haupt nicht nach­voll­ziehen kann. Aber gerade das zeichnet ihn als Spieler aus. Wenn ich höre, dass sich Team­kol­legen über seine Albern­heiten auf­regen und ihn aus­grenzen, habe ich dafür wenig Ver­ständnis. Die erkennen offen­sicht­lich nicht, was für ein Poten­tial er als Kicker besitzt.

Als Mode­rator im ZDF erklären Sie dem Zuschauer Dinge, von denen er keine Ahnung hat. Wie viel Ahnung haben Spieler vom Fuß­ball?


Mein Vor­teil als Trainer ist, dass ich eine Unmenge Spiele aus unter­schied­lichsten Kame­ra­per­spek­tiven ange­schaut habe. Ein Spieler sieht ein Match meis­tens nur aus seiner Sicht, und auch Top-Stars ver­gessen immer wieder, wie sie ihre Posi­tion richtig inter­pre­tieren und sich ins Spiel ein­bringen.

Ein Trainer ist also auch dazu da, Spieler immer wieder an Dinge zu erin­nern, die er schon weiß.

In vielen Fällen ist das so. Leider.

Wie viel Ahnung hat Johannes B. Kerner vom Fuß­ball?


Ich war über­rascht, wie gut er sich aus­kennt. Natür­lich habe ich auch ihm gegen­über einen Vor­sprung. Aber er hat enormes Inter­esse, dazu zu lernen. Und in WM- und EM-Sta­tis­tiken kennt er sich ohnehin viel besser aus als ich. 

Sie haben den Job beim ZDF mit der EM abge­schlossen. War das Enga­ge­ment für Ihren Job als Trainer kon­tra­pro­duktiv?

Nicht so, dass ich es wahr­ge­nommen hätte.

Obwohl manche Medien beim Abstieg des FSV Mainz 05 in der Saison 2006/07 spot­teten, ob Sie der Rich­tige seien, um den Deut­schen Fuß­ball zu erklären.

Über Kon­se­quenzen dieser Art war ich mir im Vor­feld schon klar. Aber ich hatte Lust auf diese Auf­gabe. Es war eine wun­der­bare Zeit. Ich war beim ConFed Cup und der WM in Deutsch­land dabei und habe aus nächster Nähe die EM 2008 erlebt. Tur­niere, die in Mit­tel­eu­ropa statt­fanden und mir die Mög­lich­keit gaben, par­allel dazu zu arbeiten.

Was pas­siert, wenn es in Mainz unter dem neuen Trainer nicht läuft? Befürchten Sie, dass die Fans alle Nach­folger an Ihnen messen werden?

Nein. Wir haben dort in sieben Jahren gemeinsam gelernt, wie man mit Erfolg umgeht. Auch die Fans wissen, dass sie ihren Teil dazu bei­tragen können und dass es keinen Sinn macht, allzu laut zu schreien. Jörn Andersen findet opti­male Vor­aus­set­zungen vor und hat einen sehr loyalen Vor­stand, der Kummer gewohnt und des­halb stress­re­sis­tent ist. Er kann sich auf diesen Job freuen.

Beschreiben Sie doch mal, wie es für Sie wäre, mit dem BVB gegen den FSV Mainz 05 anzu­treten.

Ein beson­deres Spiel wäre es allemal, aber ich sehe es wie Guus Hiddink, als er mit Russ­land gegen die Nie­der­lande spielte: »Es ist nur Sport.« Ich muss nicht wie im Mit­tel­alter die Stadt­mauern erobern oder das Brun­nen­wasser in Mainz ver­giften, son­dern nur ein Spiel gewinnen. Das ist mein Job.