Der Park­an­weiser kann es nicht fassen: Was zum Teufel macht der ver­dammte Lie­fer­wagen hier? Nie­mand darf hier fahren! Nie­mand! Außer Zlatan Ibra­hi­movic.

Weg! Weg!“, ruft der Park­an­weiser, winkt und fuch­telt. Weg! Sofort!“ Gleich wird der Mega­star von Paris Saint-Ger­main, der gerade einen Spon­so­ren­termin wahr­ge­nommen hat, in seinem oran­ge­far­benen Lam­bor­ghini diesen Stra­ßen­tunnel hin­un­ter­heizen wollen, zurück in seine Hotel­suite, die 3000 Euro pro Nacht kostet, er muss sich aus­ruhen, von null auf hun­dert in knapp vier Sekunden. Kein Platz für Lie­fer­wagen! Freie Bahn für Ibra­hi­movic!

Was, wenn Zlatan Ibra­hi­movic jetzt nicht durch­starten kann?

Weg! Sofort!“ Der arme Fahrer, der nur sein Gemüse aus­lie­fern will und offenbar nicht weiß, dass er sich auf einer Start­rampe für futu­ris­ti­sche Boliden befindet, legt panisch den Rück­wärts­gang ein. Doch er kommt nur zehn Meter weit, dann rammt er einen par­kenden Mer­cedes. Die Stoß­stange bricht ab, die Alarm­an­lage heult, dem Park­an­weiser, der es doch nur richtig machen wollte, ent­gleitet alles. Eben noch dem Lie­fer­wagen hin­ter­her­has­tend, steht er schwer atmend da und schlägt die Hände überm Kopf zusammen. Was, wenn Zlatan Ibra­hi­movic jetzt nicht durch­starten kann?

Nun sind in Pariser Stra­ßen­tun­neln weiß Gott schon schlim­mere Dinge pas­siert. Und doch ist die Szene eine Meta­pher für die Hys­terie, die dieser Ibra“ überall aus­löst, wo er sich zeigt. Oder soll man sagen: wo er erscheint?

Zehn­tau­sende kamen zum Eif­fel­turm, als er dort im Juli 2012 nach dem Wechsel vom AC Mai­land mit dem Trikot von PSG posierte. Eine Epi­phanie im Trans­fer­fenster. Géant“, titelte die fran­zö­si­sche Sport­zei­tung L’Equipe“ auf Seite 1 – Riesig“.

Qua­lität hat nun mal ihren Preis.“

Riesig sind auch die Summen, die bei diesem Deal umge­setzt werden: Mit einem Jah­res­ge­halt von 15 Mil­lionen Euro ver­dient Ibra­hi­movic in einer Stunde mehr als der Park­an­weiser und der Gemü­se­händler zusammen im Monat. In einem Radio­in­ter­view kri­ti­sierte der Haus­halts­mi­nister Jérôme Cahuzac das als unan­ständig“. Ibra­hi­movic kon­terte: Qua­lität hat nun mal ihren Preis.“

Seine Groß­spu­rig­keit ist längst inte­graler Bestand­teil der Cor­po­rate Iden­tity im Unter­nehmen Zlatan“. Seit Junio­ren­zeiten suhlt sich der Schwede in der Rolle des reni­tenten Arsch­lochs. Als er noch in Malmö spielte, kam er in die Schlag­zeilen, weil er sich in einer Par­ty­nacht als ver­deckter Ermittler ausgab und Dis­co­be­su­cher auf Drogen filzte. Bei Ajax Ams­terdam unter­hielt er einen Klein­krieg mit Rafael van der Vaart, den er für einen Softie hielt („Gold­jün­gel­chen“). Ein Län­der­spiel gegen die Nie­der­lande nutzte er, um den Kol­legen über die Außen­linie zu grät­schen, so dass dieser für zwei Liga­spiele außer Gefecht gesetzt war. Als die Presse ihm Vor­satz unter­stellte, ent­schul­digte er sich bei Van der Vaart, aller­dings mit dem Hin­weis, es habe sich bei seinem Tack­ling nicht mal um inter­na­tio­nale Härte“ gehan­delt. Weil der Nie­der­länder nicht auf­hörte, die Ange­le­gen­heit zu the­ma­ti­sieren, wei­gerte Ibra­hi­movic sich schließ­lich, mit ihm zusam­men­zu­spielen. Und fachte damit ein Schar­mützel mit Ajax-Sport­di­rektor Louis van Gaal an. Es war der Anfang vom Ende seiner Zeit in Ams­terdam.

Die Kon­fron­ta­tion mit allem und jedem scheint Zlatan Ibra­hi­movic zu beflü­geln. Als sei die Aus­ein­an­der­set­zung – wenn es sein muss, auch die kör­per­liche – seine Art, mit dem Leben zurecht­zu­kommen. Er wuchs in Rosen­gard auf, einer tristen Sozi­al­bau­sied­lung mit hohem Aus­län­der­an­teil in der Peri­pherie von Malmö. Seine kroa­ti­sche Mutter hei­ra­tete seinen bos­ni­schen Vater nur, damit dieser eine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung erhielt. Die Eltern trennten sich, als Zlatan zwei Jahre alt war. Die Mutter ver­diente ihren Lebens­un­ter­halt mit Heh­lerei, sie litt unter Ver­fol­gungs­wahn und Depres­sionen. Bald über­nahm der Vater das Sor­ge­recht. Doch richtig küm­mern konnte auch er sich nicht. Meis­tens lag er betrunken auf dem Sofa und schaute Filme mit Bruce Lee und Jackie Chan. Die Halb­schwester nahm Drogen, der Kühl­schrank war immer leer.

Schon der sechs­jäh­rige Zlatan ver­dingte sich als Klein­kri­mi­neller, stahl Fahr­räder. Heute sagt er, wenn es für ihn nicht zum Profi gereicht hätte, wäre er wohl ein Ganove geworden. Sein eins­tiger Schul­leiter berich­tete unlängst in einem Inter­view, der Junge habe zu den auf­säs­sigsten Kin­dern gehört, die er in dreißig Jahren Berufs­leben getroffen habe. Das per­so­ni­fi­zierte Kli­schee des ver­nach­läs­sigten Migran­ten­kindes.

Ibra­hi­movic lernte früh, dass er beim Lösen seiner Pro­bleme auf sich allein gestellt ist. Als Fuß­baller agierte er ent­spre­chend eigen­sinnig. Seine gedie­gene Technik lernte er auf dem Bolz­platz, wo er anderen Kin­dern Geld ver­sprach, sollten sie es schaffen, ihm den Ball vom Fuß zu spit­zeln. Wusste er doch: Das schafft sowieso keiner. Keinen Satz hörte er damals öfter als: Spiel ab, Zlatan, spiel ab!“ Die Eltern seiner Mann­schafts­ka­me­raden for­derten seinen Aus­schluss aus dem Team. Nicht zuletzt auch des­halb, weil er bei fast jeder Aktion wie ein bal­ka­ne­si­scher Bier­kut­scher fluchte.

Schwes­tern von hinten ficken“

Henrik Ryd­ström, Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler und Profi beim schwe­di­schen Erst­li­gisten Kalmar FF, erin­nert sich, wie er den 1,95-Meter-Schlaks Ende der neun­ziger Jahre bei einem Hal­len­tur­nier erlebte. Gerade 18 Jahre alt geworden, gif­tete Ibra­hi­movic jeden an, der ihm in die Quere kam. Wütend pala­verte er vor sich hin, wünschte Wider­sa­cher in die Hölle und deren Schwes­tern in sein Schlaf­zimmer, wo er sie – Zitat – von hinten ficken“ wolle. Es ist seine Art, sich zu moti­vieren. Man darf das alles nicht so ernst nehmen“, sagt Ryd­ström. Er und seine Team­ka­me­raden hätten sich jeden­falls köst­lich über das Reper­toire an Schimpf­wör­tern amü­siert, mit dem dieses abson­der­liche Rie­sen­baby aus Malmö da auf­ge­laufen war.

Sein loses Mund­werk hat Ibra­hi­movic sich bewahrt. Das Gerede dient dazu, sich der eigenen Stärke zu ver­si­chern und den Gegner aus dem Kon­zept zu bringen. Wenn auch nicht ganz auf dessen intel­lek­tu­ellem Niveau, so hat er diese Masche doch seinem großen Idol Muhammad Ali abge­schaut, dessen Kämpfe er als Kind mit seinem Vater oft sah. Ali hat mich gelehrt, was es heißt, seinen Mann zu stehen“, sagt er, man selbst zu bleiben – auch gegen Wider­stände.“

Obwohl er Mann­schafts­sportler ist, geht er in der Rolle des ein­samen Figh­ters auf. In seiner Frei­zeit betreibt er Tae­kwondo. Das Kampf­sport­trai­ning bewahrt ihm trotz seiner Kan­tig­keit auch jen­seits der 30 noch eine erstaun­liche Kat­zen­haf­tig­keit. Den Ball über dem Kopf mit dem Fuß anzu­nehmen, ist nur einer von vielen Tricks aus der Zau­ber­kiste von Ibra­cadabra“. Darauf, den Gegner auf die Bretter zu schi­cken, muss er jedoch ver­zichten. Manchmal wünschte ich“, erklärt er, Boxen wäre Teil des Fuß­balls. So aber muss ich mich zusam­men­reißen.“

Jeder siebte Schwede hat seine Bio­grafie im Regal stehen

In 15 Pro­fi­jahren ist der Schwede trotzdem mit so ziem­lich jedem Global Player des Fuß­balls in den Infight gegangen – zumin­dest den ver­balen. Im Dezember 2011 erschien seine Auto­bio­grafie Ich bin Zlatan“. 700.000 Exem­plare wurden in seinem Hei­mat­land ver­kauft, jeder siebte Schwede hat das Buch im Regal. Als Erzähler wech­selt Ibra­hi­movic darin ständig zwi­schen zwei Rollen: der des bilan­zie­renden Rou­ti­niers und der des jun­gen­haften Dick­schä­dels, der mit dem Kopf durch die Wand will. Einer­seits blickt er mit einem iro­ni­schen Schmun­zeln auf den Wahn­sinn, den er mit seiner Exzen­trik im Fuß­ballbiz ständig anzet­telt. Ande­rer­seits ist er auf selt­same Weise gefangen in diesem Leben, in dem es dau­ernd um ihn herum knallt. Ein Buch über einen Men­schen, der über­zeugt ist, nur einer höheren Bestim­mung zu folgen: Am Ende der Sieger zu sein.

Wer ihn daran zu hin­dern ver­sucht, wird abge­kan­zelt: Louis van Gaal nennt er einen auf­ge­bla­senen Arsch“, Jona­than Zebina kas­sierte von ihm völlig zurecht“ eine Kopf­nuss, und Lionel Messi, Andres Iniesta und Xavi sind nur wenig mehr als eine Bande von Stre­bern. Auch sein Urteil in der Frage, wer gegen­wärtig der beste Trainer der Welt sei, fällt ein­deutig aus: Wäh­rend Mour­inho den Raum auf­hellt, wenn er ihn betritt, zieht Guar­diola die Vor­hänge zu.“

Die Bio­grafie lang­weilt nicht mit Sen­ti­men­ta­li­täten. Ein Ein­zel­gänger von der Sorte Ibra­hi­mo­vics hat sich noch nie Gedanken über Kon­se­quenzen seines Han­delns gemacht. Die Frage, ob ihm einige seiner Inju­rien die Per­spek­tive auf Anschluss­jobs im Fuß­ball­busi­ness nach dem Kar­rie­re­ende ver­bauen, stellt er sich erst gar nicht. Das Leben ist für ihn ein immer­wäh­render Zwei­kampf mit wech­selnden Geg­nern.

Mein Berater, ein Mafioso

Als er vor zehn Jahren einen Berater suchte, schlug ihm ein befreun­deter Jour­na­list zwei Alter­na­tiven vor. Jour­na­list: Es gibt diese Agentur, bei der David Beckham ist.“ Ibra­hi­movic: Aha, und wer fällt dir sonst noch ein?“ Jour­na­list: Es gibt da diesen Ita­liener, der Pavel Nedved managt. Alle sagen, der Mann sei ein Mafioso …“ Ibra­hi­movic: Klingt gut, kannst du ein Treffen orga­ni­sieren?“ Jour­na­list: Ich habe befürchtet, dass du so reagieren wür­dest.“

Er begab sich also in die Hände von eben­jenem Car­mine Mino“ Raiola. Der Süd­ita­liener läuft zu Geschäfts­ter­minen gern in T‑Shirt und Drei­vier­tel­hose auf, und wenn er der Über­zeu­gung ist, dass sein Klient ein Ver­trags­ver­hältnis beenden sollte, kennt er Mittel und Wege, wie der Verein ihn vor­zeitig frei­gibt. Wie Ibra­hi­movic bevor­zugt auch er den Weg durch die Wand. Beide eint die Ver­gan­gen­heit als dis­kri­mi­nierte Migran­ten­kinder. Nach dem Umzug der Eltern aus dem armen Salerno wuchs Raiola im nie­der­län­di­schen Haarlem auf. Im Zuge des ita­lie­ni­schen Fuß­ball­skan­dals 2006 wurden Tele­fo­nate zwi­schen Juve-Manager Luciano Moggi und Raiola öffent­lich, die deut­lich machen, wie er den Wechsel von Ams­terdam zu Juventus for­cierte: Morgen bleibt Zlatan den ganzen Tag zu Hause, ich schicke ihn nicht zum Trai­ning. Ich habe um 12 Uhr ein Treffen mit den Ajax-Ver­ant­wort­li­chen, komme aber erst um 14 Uhr. Mach dir keine Sorgen, wir bringen ihn nach Turin.“

Am Anfang seiner Lauf­bahn hatte Ibra­hi­movic noch auf die Hilfe eines Bera­ters ver­zichtet. Malmös Sport­di­rektor Hasse Borg nahm ihn unter seine Fit­tiche – und riet ihm von einem Agenten ab. Nicht ohne Hin­ter­ge­danken: Als im Früh­jahr 2001 ein Angebot von Ajax Ams­terdam ein­tru­delte, ver­han­delte er zunächst für Ibra­hi­movic über sein Gehalt in den Nie­der­landen. Erst als dieser bei 20 000 Euro Monats­lohn und einem Mer­cedes-Dienst­wagen freu­de­strah­lend zusagte, wandte sich Borg an die Ajax-Bosse – und schlug die bis­lang höchste Trans­fer­summe in der Geschichte des schwe­di­schen Fuß­balls heraus: 85 Mil­lionen Kronen, rund 10 Mil­lionen Euro.

Wie ein Stück Vieh

Als Ibra­hi­movic Wind davon bekam, wie weit unter Wert er sich ver­kauft hatte, zer­brach etwas in ihm. In Hasse Borg hatte er bis dato einen Ersatz­vater gesehen. Aus­ge­rechnet er – der leise Schwede – hatte ihn wie ein Stück Vieh ver­hö­kert.

Raiola, dem Ita­liener in den kurzen Hosen, ist es seither gelungen, seinen Kli­enten zum best­be­zahlten Profi der Welt zu machen. Seine Finanzen kennt Ibra­hi­movic inzwi­schen auf den Euro genau. Nie­mand soll ihn je wieder abzo­cken. Auf die Frage, wie er sich im geho­benen Pro­fi­alter eigent­lich fühle, ant­wortet er: Was soll ich sagen: wie 20! Sonst sinkt ja mein Markt­wert.“ Der Luxus, den er in vollen Zügen genießt, macht schließ­lich mords­mäßig Spaß. Er schwärmt für Sport­wagen, die Lam­bor­ghinis, Fer­raris, Por­sches – und den Merc“, den Mer­cedes SL seiner elf Jahre älteren Frau Helena. Die beiden haben sich über ihre gemein­same Schwäche für Nobel­ka­rossen kennen und lieben gelernt. Wenn Herr Ibra­hi­movic roman­tisch sein will, nennt er Frau Ibra­hi­movic meine Super­e­vil­bitch­de­luxe“ – und zieht dabei die Augen­braue nach oben. Als das Ehe­paar im Sommer nach Paris kam, wit­zelte der Angreifer: Wir suchen gerade nach einem Haus. Aber wenn wir nichts finden, mein Gott, dann kaufe ich halt ein­fach das Hotel.“

Zwar sind sich Experten einig, dass er am Ende nicht ganz an die Klasse von Lionel Messi und Cris­tiano Ronaldo her­an­reicht. Doch im Gegen­satz zu ihnen ver­fügt er über eine extra­va­gante Aura, die ein Fuß­baller nicht erlernen kann: Er ist der kom­pro­miss­lose Gla­diator, der im Kampf Mann gegen Mann tri­um­phiert. Daneben wirkt Messi wie eine naive Zau­ber­maus, und Ronaldo umweht trotz seiner Tor­quote ohnehin stets ein Hauch von andim­öl­ler­scher Weh­lei­dig­keit. Zudem hat Ibra“ das Selbst­be­wusst­sein, das ihn trotz astro­no­mi­scher Transfer- und Gehalts­summen nie Druck ver­spüren lässt. Wenn ihn doch mal der Zweifel befällt, düst er einige Tage mit einem Affen­zahn auf dem Schnee­mobil durch die eisigen Weiten Schwe­dens, bis der Kopf wieder frei ist. Und sollte es tat­säch­lich bei einem Klub nicht klappen, sind eben die anderen Schuld. Als Pep Guar­diola ihn 2009 beim FC Bar­ce­lona zurück ins offen­sive Mit­tel­feld beor­derte, schnauzte er den Trainer an: Warum legst du dir einen Fer­rari zu, wenn du ihn dann wie einen Fiat behan­delst?“

Ich brauche Action, ich brauche Speed.“

Im Welt­fuß­ball, wo die wil­ligen Voll­stre­cker tak­ti­scher Sys­teme längst in der Über­zahl sind, ist Ibra“ das pure Spek­takel. In seiner Bio­grafie schreibt er: Ich brauche Action, ich brauche Speed.“ Er brüstet sich damit, dass er eine Poli­zei­streife mit 300 Sachen im Por­sche abhängte, als diese ihn wegen über­höhter Geschwin­dig­keit stoppen wollte. So nimmt es auch nicht Wunder, dass er sich im Rennen um einen Spit­zen­platz im Welt­sport ganz vorn sieht. Ich bin der Größte – wie Ali.“ Er über­legt kurz. Geht das über­haupt? Zwei Größte? Na, gut: Ich bin der Größte – hinter Ali.“

Ibra­hi­mo­vics aktu­elle sport­liche Bilanz ist ein­drucks­voll. Seit dem Sommer hat er in 29 Spielen 23 Treffer erzielt, mit ihm befindet sich Paris St. Ger­main erst­mals seit 1994 auf Meis­ter­kurs. Zuvor führte er schon Ajax Ams­terdam, Juventus Turin, Inter Mai­land, den FC Bar­ce­lona und den AC Mai­land zum natio­nalen Titel. Zwi­schen 2004 und 2011 schloss er jede Saison als natio­naler Meister ab, sagen­hafte acht Mal in Serie (inklu­sive der später aberkannten Titel von Juve). Erfolg, so heißt es land­läufig, könne man nicht kaufen. Aber wer Ibra­hi­movic ver­pflichtet, dem gelingt es eben doch. Seine geg­ner­fres­sende Spiel­weise hat ihn sogar im fran­zö­si­schen und schwe­di­schen Wör­ter­buch ver­ewigt. Das Verb zla­ta­ni­sieren“ steht dafür, einen Kon­tra­henten unter reich­lich Kör­per­ein­satz, im Ide­al­fall mit einer Prise Artistik, zu Staub zer­fallen zu lassen. Und es steht auch für die Unfä­hig­keit, sich die eigene Nie­der­lage bloß vor­zu­stellen. Wenn Ibra ein Trai­nings­spiel ver­liert, rastet er aus. Da kann man von Glück sagen, wenn man nicht in seinem Team spielt“, sagt Alex­ander Merkel, ein deut­scher Nach­wuchs­spieler, der gemeinsam mit ihm beim AC Mai­land spielte. Auf dem Platz kann er ein rich­tiges Arsch­loch sein, aber das macht ihn eben auch zu diesem außer­ge­wöhn­li­chen Fuß­baller. Viele Gegen­spieler bekommen schon Angst, wenn er nur auf sie zukommt.“

Mit­spieler sehen neben ihm aus wie Mess­diener

An einem Dienstag Ende Januar 2013, auf dem Zenit seiner Kar­riere, erscheint der Gott der Angst nun also den Men­schen in einem Stra­ßen­tunnel im Süden von Paris. In einem still­ge­legten Teil, den sein Sponsor eigens zu einer Art Batman-Labo­ra­to­rium hat umbauen lassen, soll er einen neuen Fuß­ball­schuh prä­sen­tieren. Als dieser Hüne mit dem Astral­körper, der von seiner Entou­rage ehr­fürchtig the tall guy“ genannt wird, unter ohren­be­täu­benden Bass­drum-Schlägen die Bühne betritt, um den Schuh in die Kameras zu halten, steht sein Mann­schafts­kol­lege Gre­gory van der Wiel neben ihm und wirkt wie ein Mess­diener, der den Weih­rauch in der Sakristei ver­gessen hat. In den Gesich­tern der anwe­senden Pres­se­ver­treter spie­gelt sich eine Fas­zi­na­tion wider, als wäre Elvis auf­er­standen. Sie zücken ihre Foto­handys, um später einmal beweisen zu können, dass sie ihn gesehen haben – IHN!

Spä­tes­tens seit seinem Fall­rück­zie­hertor im Län­der­spiel gegen Eng­land im November 2012 ist Ibra­hi­movic end­gültig der King of Foot­ball“. Aus 25 Metern Ent­fer­nung und zwei­ein­halb Metern Höhe den Kasten zu treffen, rück­wärts und blind – das war in seinem Wahn­witz näher am Stra­to­sphä­ren­sprung des Extrem­sport­lers Felix Baum­gärtner einen Monat zuvor als an allen Toren, die 2012 irgendwo auf der Welt erzielt wurden. Andere hätten sich allein beim Gedanken an eine solche Aktion den Hals gebro­chen. Der Fall­rück­zieher war das Destillat aller Ibra“-Tore zuvor – eine Ein­zel­leis­tung in Rein­kultur, ohne vor­an­ge­gan­gene Tiki-Taka-Kas­kade, außer­halb des Match­plans, von keiner Video­ana­lyse pro­phe­zeit. Eine Feier des indi­vi­du­ellen Kön­nens, ein Her­vor­treten des Ein­zel­sport­lers aus einer Mann­schafts­sportart. Ein Genie­streich, mit dem Ibra­hi­movic sich selbst die Krone auf­setzte, die seit der Abdan­kung des ebenso sinis­tren Königs Zine­dine Zidane im Jahre 2006 vakant war. Und es passt ins Bild, dass Ibra­hi­movic nur eine Woche zuvor im Liga­spiel gegen den AS St. Eti­enne sein anderes Gesicht gezeigt hatte, als er Keeper Sté­phane Ruf­fier mit einem beherzten Kara­te­tritt ins Reich der Träume schickte und des­halb für zwei Spiele vom Liga­be­trieb aus­ge­schlossen wurde.

Frank­reich liegt den­noch im Ibra“-Fieber. So sehr, dass sich bei anderen Stars schon Unmut breit macht. Zuletzt machte sich Farid Ben Khal­fallah von Girondins Bor­deaux Luft. Seit der Schwede über die Liga gekommen sei, hätten die Jour­na­listen kein anderes Thema mehr: Ich bin es leid, ständig nur von Ibra­hi­movic zu hören!“, wütete der Tune­sier, es gibt viele gute Spieler in der Ligue 1.“

Näch­te­lang Bal­ler­spiele

Dabei hat sich Ibra­hi­movic zuletzt durchaus wei­ter­ent­wi­ckelt. Die Geburt seiner Kinder hat ihn reifer gemacht. Er fügt sich sogar der Anord­nung seiner Frau, die das Spielen auf der Xbox nach 22 Uhr unter­sagt. Lange Zeit hatte er sich die Nächte mit Call of Duty“ um die Ohren geschlagen – und war ent­spre­chend über­müdet am nächsten Tag über den Trai­nings­platz getrottet.

Was hat er sonst dazu gelernt? Geduld, Dinge ent­stehen zu lassen. Geduld, Auf­gaben zu lösen. Früher wollte ich alles sofort.“ So gelang ihm das zwei­fel­hafte Kunst­stück, nach Inter Mai­land auch den FC Bar­ce­lona just vor der Saison zu ver­lassen, in der der Klub die Cham­pions League gewann. Ibra­hi­movic passte bis­lang nicht ins Kor­sett eines Sys­tems, er brauchte seine Frei­heiten – und nahm sie sich. Wenn nicht beim aktu­ellen Verein, dann eben woan­ders. Mög­li­cher­weise um den Preis, dass ihm der ganz große Titel dadurch ver­sagt bleibt. Zumal seine Kar­rie­re­pla­nung bisher im Ein­klang mit Mino Raiola streng unter peku­niären Gesichts­punkten ver­lief. Der Ita­liener weiß, wie er den Markt­wert des Kli­enten nach oben treibt. Bis­lang wurden ins­ge­samt 169 Mil­lionen Euro an Trans­fer­gel­dern für Ibra“ gezahlt. Mit 31 Jahren bliebe sogar noch Zeit für einen letzten, großen Wechsel. Mino Raiola hätte sicher nichts dagegen.

Plötz­lich redet der Solitär von Team­play

Doch zum ersten Mal sieht es so aus, als würde er bei einem erneuten Weg­gang etwas aufs Spiel setzen. In Paris scheint er nach einem langen Weg, der ihn aus Rosen­gard hierher geführt hat, end­lich ange­kommen zu sein. Hier muss er sich den Ruhm nicht mehr mit anderen Super­stars teilen. Wenn PSG in der Cham­pions League etwas erreicht, ver­bu­chen die Medien diesen Erfolg fast gänz­lich auf sein Konto. Das gibt ihm das erste Mal in seiner Lauf­bahn die Frei­heit, in Inter­views auch auf die Leis­tungen seiner Mit­spieler hin­zu­weisen. Plötz­lich redet der Solitär von Team­play und der Hilfe seiner Kol­legen. Was fast so erstaun­lich ist, als hätte Muhammad Ali Joe Fra­zier in der Run­den­pause Kom­pli­mente für seine Bein­ar­beit gemacht.

Und noch etwas ist neu: Lange galt er als Schmud­del­kind in der schwe­di­schen Natio­nalelf. Seine osten­ta­tive Arro­ganz schwächte die Aner­ken­nung im Team und in der Öffent­lich­keit. Inzwi­schen jedoch ist Ibra“ zum Kapitän ernannt worden. Er hat ver­standen, dass er nicht mehr nur sport­liche Ver­ant­wor­tung trägt, son­dern auch soziale: So wie Mesut Özil und Jerome Boateng zu Sym­bolen geglückter Inte­gra­tion in Deutsch­land geworden sind, kann er die gesell­schaft­li­chen Schichten seines Landes ein­ander näher­bringen. Er, der Sohn von Emi­granten aus Ex-Jugo­sla­wien, ein unter­pri­vi­le­gierter Vor­ort­junge, der zum größten Fuß­baller in der Geschichte Schwe­dens auf­stieg. Der fightet – für sich, aber auch für andere. Als Star für die ganze Familie könnte Ibra­hi­movic die andere Hälfte der Fan­ge­meinde, die ihm noch reser­viert gegen­über­steht, für sich gewinnen. Ein Kar­rie­reweg voller durch­bro­chener Mauern, an dessen Ende ein geläu­terter Sünder steht. Der Stoff für die ganz große Hol­ly­wood-Schmon­zette.

Batman ver­ab­schiedet sich

Im Pariser Stra­ßen­tunnel sitzt der arme Gemü­se­händler noch immer in seinem Lie­fer­wagen, den er not­dürftig auf den Bord­stein bug­siert hat. Was kann er dafür, dass die ganze Stadt durch­dreht? Da heult ein Motor auf, die Reifen quiet­schen: Ein oran­ge­far­bener Lam­bor­ghini rast vor­über. Am Steuer: Zlatan Ibra­hi­movic. Er grüßt und grinst. Ich befinde mich jetzt seit fast 20 Jahren auf diesem Highway und bin von Jahr zu Jahr schneller gefahren“, hat er eben im Blitz­licht­ge­witter des Batman-Labo­ra­to­riums gesagt. So konnte ich mich an das Tempo gewöhnen. Sie sehen doch: Ich bin ganz ruhig.“ Schließ­lich weiß er: Sein Kühl­schrank wird nie wieder leer sein.

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Der Ori­gi­nal­text erschien im März 2013 und wurde nur gering­fügig aktua­li­siert.