Kevin-Prince Boateng, der Jour­na­list Michael Horeni hat gerade ein Buch über Die Brüder Boateng“ ver­öf­fent­licht. Im Gegen­satz zu ihren Halb­brü­dern Jerome und George haben Sie ihm nicht als Gesprächs­partner zur Ver­fü­gung gestanden.
Weil ich mit dem Buch nicht ein­ver­standen war, es war nicht mit mir abge­klärt. Außerdem will ich mein eigenes Buch schreiben. Denn in vielen Dingen wurde ich – gerade in Deutsch­land – falsch ver­standen und dar­ge­stellt.

Wie schwer hat Sie die mediale Wahr­neh­mung des Bal­lack-Fouls getroffen?
Was soll ich dazu sagen? Sowas pas­siert auf dem Fuß­ball­platz jeden Tag, aber dass bei mir mehr daraus gemacht wird, war doch klar: der Bad Boy“, Bal­lack, die bevor­ste­hende WM. Aber dass es nachher sogar in den ras­sis­ti­schen Bereich ging und meine Familie ange­griffen wurde, hat mich schon getroffen.

Wie ste­cken Sie diese Anfein­dungen weg?
Ich denke, es macht im Fuß­ball eben auch den Unter­schied aus, wie ein Spieler mit sol­chem Druck zurecht kommt. Es gibt keinen aktiven Fuß­baller in Deutsch­land, der in den letzten Jahren soviel nega­tive Schlag­zeilen bekommen hat. Aber wie Sie sehen, ruhe ich in mir und bin zufrieden.

Sie haben gesagt, Sie hätten den Ein­druck, in Deutsch­land würde man Sie für einen Ver­rückten“ halten. Wie sehr nagt das an Ihnen?
Natür­lich bedrückt es mich, wenn mich Leute für einen Bescheu­erten halten. Aber auch hier habe ich gelernt, die Dinge nicht zu sehr an mich heran zu lassen. Früher habe ich mir über mein Image den Kopf zer­bro­chen. In Ita­lien mögen mich die Men­schen für das, was ich bin: Ein erfolg­rei­cher Fuß­baller, der hart arbeitet und sich nichts zu Schulden kommen lässt. In Deutsch­land wird nicht viel über mich als Milan-Spieler geschrieben. Statt dessen aber erscheint ein Bild von mir in Bade­hose mit meiner Freundin, und alle Zei­tungen dru­cken es ab.

Dabei stehen ita­lie­ni­sche Medien nicht gerade in dem Ruf, beson­ders zim­per­lich mit Fuß­ball­stars umzu­gehen.
Die sind radikal, dagegen ist die deut­sche Presse ein Kin­der­garten. Wenn es nicht läuft, hauen die ohne Kom­pro­misse dazwi­schen. Die schreiben sogar Dinge, die schlicht und ein­fach gelogen sind.

Zum Bei­spiel?
Wenn ich abends in ein Restau­rant zum Essen gehe, kann es schon vor­kommen, dass mor­gens in der Zei­tung steht, ich sei bis zum Mor­gen­grauen feiern gewesen. Aber wenn es läuft, dann heben die Medien einen hier auch in den Himmel.

Nega­tive Schlag­zeilen kennen wir viele von Ihnen. Gibt es auch eine, die Ihnen beson­ders gut gefallen hat?
Die stand in einer deut­schen Zei­tung.

Und zwar?
Boateng, der Sex­gott“.

Weil Ihre Freundin Melissa Satta einer ita­lie­ni­schen Zei­tung sagte, Sie hätten zwi­schen vier- und sieben Mal Sex in der Woche.
Im Ernst: So toll fand ich das nicht. Sie hat da leider etwas ama­teur­haft geant­wortet. Sie ist den Jour­na­listen auf den Leim gegangen. Was Sie gesagt hat, bezog sich eigent­lich gar nicht auf unsere Bezie­hung, aber den ita­lie­ni­schen Medien war das egal, die haben es gleich in diesen Zusam­men­hang gesetzt – und in Deutsch­land haben es die Boul­vard­zei­tung gern über­nommen.

Und Sie waren sauer.
Nein, ich habe ihr aber gesagt, welche Trag­weite solche Aus­sagen haben. Dass solche Sätze global ver­breitet werden und sie genau auf­passen muss, was sie sagt. Ein kurzes mediales Erd­beben, dann war es vom Tisch.

Aber ein biss­chen Spaß macht Ihnen das Pop­star­leben schon?
Was die Papa­razzi machen, dafür kann ich ja nichts. Aber natür­lich gehe ich ab und an unter Leute, ich tanze gerne und singe auch mal.

Spielen Sie ein Instru­ment?
Leider nicht. Ich habe mal ein biss­chen Kla­vier gespielt, jetzt über­lege ich, Gitarre zu lernen. Meine Freundin macht mit. Es wird unser Hobby. Man sagt doch immer, Paare müssen etwas zusammen machen, das stärkt den Zusam­men­halt. (lacht)

Stimmt es, dass Sie für 15.000 Euro die Snea­kers erstei­gert haben, die Michael J. Fox in dem Film Zurück in die Zukunft“ ges­tragen hat?
Ja, es ist eine meine frü­hesten Kind­heits­er­in­ne­rungen, dieser Film, in dem er in der Zeit zurück­reist. Unter anderem tut er das, um sicher zu stellen, dass seine Eltern sich inein­ander ver­lieben.

Gäbe es für Sie einen Grund, in die Ver­gan­gen­heit zu reisen?
Ganz ehr­lich: Ich bin glück­lich, so wie es ist. Alles, was falsch gelaufen ist oder, was ich ver­loren habe, hat mich an diesen Punkt gebracht. Ich muss nicht im Nach­hinein noch einmal Details kor­ri­gieren.

Was wollten Sie werden, als Sie sechs Jahre alt waren?
Fuß­baller.

Wie haben Sie sich damals das Leben als Fuß­baller vor­ge­stellt?
Keine Ahnung, ich war zu jung. Ich wollte ein­fach nur spielen. Auch mit 16 habe ich es mir noch nicht so vor­stellen können, wie es jetzt ist. Sie sind ohne Luxus groß geworden, im Moment können Sie sich mate­riell fast alles leisten.

Auf was könnten Sie ohne Pro­bleme sofort wieder ver­zichten?
Auf gar nichts will ich ver­zichten! Weil ich mir all das, was ich jetzt habe, erar­beitet habe und es auch mein gegen­wär­tiges Glück mit­be­stimmt. Warum sollte ich darauf ver­zichten?

Gibt es denn Dinge, auf die Sie im Zwei­fels­fall ver­zichten könnten?
Wenn es sein müsste, bestimmt. Aber worauf? Keine Ahnung, das müsste ich dann ent­scheiden, ich kann mich immer umstellen. Wie gesagt, ich bin Ber­liner.

Wie gut ist aktuell Ihr Kon­takt zu Ihrem Bruder Jerome?
Wir tele­fo­nieren fast täg­lich.

Vor der EURO 2012 war aus­nahms­weise er es, der durch das Zusam­men­treffen mit Starlet Gina-Lisa Loh­fink in die Schlag­zeilen geriet.
Ich musste ein biss­chen schmun­zeln, als ich davon hörte. Aber er hat es mir erklärt, es war wohl alles von ihr geplant.

Was haben Sie ihm in der Situa­tion geraten?
Dass er Gas geben soll. Und das hat er getan – er hat im ersten Spiel Cris­tiano Ronaldo gestoppt.

Wem haben Sie im Halb­fi­nale die Daumen gedrückt: Ita­lien oder Deutsch­land?
Ich war für meinen Bruder, ich wünschte, dass er ein gutes Spiel macht. Der Rest war mir egal.

War Ihr Bruder in der Jugend eigent­lich besser als Sie?
Der Große, George, mög­li­cher­weise. Er war Stürmer, da hat man als Spieler andere Auf­gaben als auf meiner Posi­tion. Des­wegen kann man auch nicht sagen, ob mein jün­gerer Bruder besser ist, denn er hat als Ver­tei­diger auch ganz andere Dinge zu erfüllen.

George stoppte eine Gefäng­nis­strafe auf seinem Weg zum Profi. Glauben Sie, seine Fehler waren für Sie ein mah­nendes Bei­spiel?
Ich glaube, jeder Mensch muss seine eigenen Fehler machen. Wie groß diese Fehler sind, hängt von jedem selbst ab. Ich glaube nicht, dass ich bewusst Dinge nicht gemacht habe, weil sie vorher schlecht für meinen Bruder waren. Jeder muss selbst gegen die Wand laufen.


Wie aus­ge­prägt ist aktuell Ihr Kon­takt nach Berlin?
Der Draht ist nicht mehr so eng wie früher. Ich habe in Mai­land ein neues Leben ange­fangen. Ich habe noch zwei sehr gute Freunde, mit denen ich regel­mäßig tele­fo­niere, zu meiner Mutter natür­lich, meinem großen Bruder und meiner Schwester. Aber in Berlin ist lange Zeit nicht alles so glatt für mich gelaufen, inso­fern ver­misse ich die Stadt nicht so stark.

Fahren Sie ab und zu hin?
Das Ver­langen ist nicht mehr so aus­ge­prägt. Warum auch? Ich habe zwanzig Jahre in Berlin gelebt, ich kenne dort alles. Meine Zeit ist auf­grund der vielen Ter­mine ohnehin sehr begrenzt, da nutze ich sie lieber, um andere inter­es­sante Städte zu sehen.

Wie gut ist Ihr Kon­takt zur alten Ber­liner Clique, zu Patrick Ebert, Ashkan Dejagah, Sejad Sali­hovic, Chinedu Ede?
Wir haben lose Kon­takt, manchmal sehen wir uns zwei Jahre nicht, aber wenn, ist es immer sehr lustig. Mit Dejagah und Sali­hovic war ich früher jeden Tag zusammen, diese Ver­bin­dungen bleiben, wir haben eine ähn­liche Art zu denken.

Sind Sie jemand, der Freund­schaften pflegt?
Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand wirk­lich Inter­esse an mir hat, bekommt er das auch zurück. Aber wie Sie sich vor­stellen können, ist dieses Ver­trauen auch oft aus­ge­nutzt worden – und wenn ich das merke, kann ich Ver­bin­dungen auch radikal abbre­chen.

Warum schafft es ein Aus­nah­me­ta­lent wie Patrick Ebert nicht mehr, sich bei Hertha BSC durch­zu­setzen? Viel­leicht fehlt ihm der letzte Wille, wie ein Profi zu leben und sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln?
Man ist kein Profi, wenn es einem reicht, ein schi­ckes Auto zu fahren und von zehn Spielen zwei gute zu machen. Früher war ich da auch nach­läs­siger, aber heute weiß ich: Ein Profi ist nur, wer von zehn Spielen neun sehr gute und eins macht, das okay ist.

Auf Twitter“ haben Sie vor kurzem Nelson Man­dela zum Geburtstag gra­tu­liert. Täuscht der Ein­druck oder inter­es­sieren Sie sich neu­er­dings stärker für die afri­ka­ni­sche Kultur?
Ich gebe zu, dass ich vor der Ent­schei­dung, für Ghana zu spielen, nur sehr wenig Inter­esse für den Kon­ti­nent auf­ge­bracht habe. Mein Vater hat mir seine Her­kunft leider nur wenig nahe­ge­bracht, des­halb musste ich es mir selbst erar­beiten.

Was fas­zi­niert Sie an Man­dela?
Ich hatte das Glück, Man­dela ken­nen­zu­lernen. Mich hat die Ruhe und Gelas­sen­heit fas­zi­niert, mit der er auf sein hartes Schicksal blickt. Ich wüsste nicht, wie­viel Wut in mir ste­cken würde, wenn ich solange wie er im Gefängnis gewesen wäre. Aber als ich den Raum betrat und er – dieser kleine Mann mit den weißen Haaren – dort saß, ging von ihm eine enorme, fried­volle Aus­strah­lung aus.

Nun haben Sie ent­schieden, nach nur neun Län­der­spielen für Ghana Ihre Natio­nal­mann­schafts­kar­riere zu beenden.
Ich musste eine Ent­schei­dung für meine Kar­riere treffen. Es ist enormer Stress, jeden Tag beim AC Mai­land Höchst­leis­tungen zu bringen. Sie haben es gesagt: Ich stehe hier in Ita­lien unter extremer Beob­ach­tung. Die viele Rei­serei mit Ghana war auch nicht gut für meine Fit­ness. Ich arbeite jeden Tag mit meinem Per­so­nal­trainer, habe jeden Tag mein Pro­gramm im Milan Lab. Das ließ sich ein­fach auf Dauer nicht ver­ein­baren.

Ist da das letzte Wort schon gespro­chen?
Das ist Stand August 2012. Was in der Zukunft ist, kann ich nicht sagen.

Wie war das Feed­back aus Ghana?
Halb, halb. Viele haben ver­standen, dass der Stress für mich enorm war. Aber es ist doch auch nach­voll­ziehbar, dass einige nicht glück­lich dar­über waren.

Kevin Prince Boateng, wir müssen langsam zum Schluss kommen…
Wir haben doch alles bespro­chen. Sie können es ruhig schreiben: Ja, ich bin der beste Fuß­baller der Welt. (lacht)