Markus Kauc­zinski, viele Ihrer Kol­legen loben den KSC regel­mäßig für dessen gute Nach­wuchs­ar­beit- wie frus­trie­rend ist es, wenn Ihnen die­selben Leute immer wieder Top­ta­lente abwerben?
Daran haben wir uns gewöhnt. Wir können ledig­lich mit guten Argu­menten dagegen halten.

Zum Bei­spiel?
Ein junger, auf­stre­bender Spieler kann sich bei uns exzel­lent ent­wi­ckeln – wir för­dern ihn gezielt, bereiten ihn auf mög­liche Sze­na­rien vor und haben zudem Geduld, wenn es bei ihm mal nicht rund läuft. Wir lassen nie­manden fallen, der zwei, drei Monate lang in einem Form­tief steckt. Unser Motto: Die­je­nigen, die den Kader zusam­men­stellen, müssen anschlie­ßend auch mit uner­war­teten Pro­blemen umgehen. Wir gehören nicht zu den Klubs, die sich in sol­chen Fällen sofort auf dem Markt nach Alter­na­tiven umschauen.

Sie haben mal gesagt, Sie würden zwar schon in der B‑Jugend erkennen, wel­cher Spieler außer­ge­wöhn­lich gut ist, aber viele, die kör­per­lich weit seien, sta­gnierten danach. Wie erkennt man also ein Aus­nah­me­ta­lent?
Wer sagt, er habe schon immer gewusst, dass Spieler X später einmal groß raus­kommt, den nenne ich Schar­latan. Das eine hat mit dem anderen näm­lich nichts zu tun. Sichere Pro­gnosen sind kaum mög­lich.

Weil bei der Ent­wick­lung eines Talents nicht nur sport­liche Dinge eine Rolle spielen?
Unter anderem, ja. Ich habe viele Jungs trai­niert, die zwar außer­ge­wöhn­lich talen­tiert waren, jedoch an einem bestimmten Zeit­punkt in ihrer Ent­wick­lung stehen geblieben sind. Und ich rede hier nicht von Ein­zel­fällen! Auf der anderen Seite habe ich Spieler begleitet, die anfangs eher unauf­fällig agierten, dann aber plötz­lich auf­drehten und so doch noch den Sprung nach oben schafften. Dank harter Arbeit und einem klaren Ziel vor Augen. Es gibt ja auch das Talent des Sich-Ent­wi­ckeln ‑Wol­lens.

Die fuß­bal­le­ri­sche Bega­bung wird also über­schätzt?
Häufig. Meis­tens schaffen es die­je­nigen nach oben, die nur selten mit ihrer Leis­tung zufrieden sind und immer höher hinaus wollen. Nicht der tech­nisch fili­grane Spieler sticht seine Kon­kur­renten aus, son­dern der durch­set­zungs­starke. 

Wel­cher Ihrer (Ex-)Spieler passt in diese Kate­gorie?
Da fällt mir spontan Chris­tian Eichner ein (jetzt 1. FC Köln, Anm. d. Red.) – ein toller Typ. Den hatten damals bestimmt nicht viele auf dem Zettel. Auch in unserem jet­zigen Kader sind ein paar Jungs dabei, die sich alles Stück für Stück erar­beitet haben. Die in ihren Jugend­teams durchaus Phasen hatten, in denen sie auf der Bank saßen. Das Ent­schei­dende: Sie haben immer an sich geglaubt und nie aus Frust einen Gang zurück­ge­schaltet.

Sie sind beim KSC bereits dreimal als Inte­rims­trainer ein­ge­sprungen (2009, 2010 und 2011) – hatten Sie nie Sorge um Ihre Auto­rität?
Nein, das ist für mich nie ein Thema gewesen. Man braucht in diesem Job eine natür­liche Auto­rität, und die leidet nicht dar­unter, wenn die Rah­men­be­din­gungen sich ändern. Ob nun Inte­rims­trainer oder Chef­trainer – das darf keine Rolle spielen. Ent­schei­dend ist, dass man in der Lage ist, harte Ent­schei­dungen zu treffen. Wer davor zurück­schreckt, ver­liert auto­ma­tisch Auto­rität und wäre als Trainer auf ver­lo­renem Posten.

Nicht jeder Spieler hat Ver­ständnis für harte Ent­schei­dungen, wenn diese ihn selbst betreffen.
(lächelt) Des­halb ist auch die Kom­mu­ni­ka­tion derart wichtig. Man sollte harte Ent­schei­dungen stets sach­lich begründen, sonst ent­stehen in der Tat neue Pro­bleme. Richtig ist aber auch: Ich will mich nicht ständig selbst in Frage stellen – derlei ist unge­sund. Ich bin der Trainer, also bin ich der Chef, ganz ein­fach. Dem­entspre­chend han­dele ich jeden Tag.

In den ver­gan­genen Jahren gab es im Klub immer wieder Unruhe, Prä­si­dium und Ver­wal­tungsrat stritten sich öffent­lich, Interna drangen nach außen. Was hat sich seitdem beim KSC ver­än­dert?
Dazu will ich nichts sagen, denn diese Zeiten sind glück­li­cher­weise vorbei. Außerdem ist das Thema zu kom­plex, als dass man es mit zwei oder drei all­ge­meinen Sätzen auch nur annä­hernd belassen könnte. Um wieder zum Sport­li­chen zu kommen: Für meine täg­liche Arbeit ist es sicher­lich von Vor­teil, dass ich hier schon lange dabei bin – ich kenne alle Abläufe, alle Jugend­spieler sowie die Sys­teme der Nach­wachs­ab­tei­lung.

Ein wei­terer Kauc­zinski-Satz: Meine Loya­lität gilt nicht einem spe­zi­ellen Funk­tionär, son­dern dem Club, und dem will ich etwas zurück­geben.“ Wie haben Sie das gemeint?
Das hört sich etwas schwülstig an, ist aber im Grund ganz ein­fach zu erklären: Mir haben ver­schie­dene Ver­ant­wort­liche immer wieder Mög­lich­keiten gegeben, mich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Das ist in diesem Geschäft nicht selbst­ver­ständ­lich. Ange­fangen habe ich als B‑Jugendtrainer, nach einer Weile bekam ich die Chance, die A‑Jugend zu trai­nieren, danach wurde mir erneut Ver­trauen geschenkt: ich wurde Jugend­ko­or­di­nator. Mitt­ler­weile darf ich mich als Pro­fi­trainer beweisen. Dass mir die Ver­ant­wort­li­chen stets Ver­trauen ent­ge­gen­ge­bracht haben, ist ein unheim­lich gutes Gefühl. Ich weiß das zu schätzen. Nun bin ich an der Reihe! Ich will meinen Job – ent­gegen aller Wider­stände – so gut machen wie mög­lich. Immer Vollgas – das ist mein Anspruch. Kurzum: Ich bin dem KSC etwas schuldig.

Was halten Sie von der Aus­sage, ein Trainer müsse mit Profis anders umgehen als mit Ama­teuren?
Gar nichts. Man muss weder vor­sich­tiger sein noch häu­figer loben. Wer das behauptet, redet Unfug.

Sie würden aber nicht sagen, es sei Ihnen egal, in wel­cher Liga Sie arbeiten?
Ich habe ganz unten ange­fangen. Schon vor zwanzig Jahren stand ich in den untersten Spiel­klassen als Trainer an der Sei­ten­linie – C‑Jugend,-B-Jugend, das volle Pro­gramm. Ich sage Ihnen eins: Das hat genauso viel Spaß gemacht wie heute. Natür­lich hat der Pro­fi­be­reich seinen eigenen Reiz, aber eben auch seine Tücken.

Bleiben wir beim ersten Punkt: Was genießen Sie am Pro­fi­fuß­ball?
Ganz klar: Das Publikum, das Inter­esse der vielen Men­schen, sprich: das ganze Drum­herum. Aber natür­lich auch das hohe Spiel­ni­veau – so was for­dert einen heraus.

Und nun zu den Tücken.
Im Pro­fi­be­reich spielen zuneh­mend Themen eine Rolle, die mit dem Spiel, dem Fuß­ball, nicht viel zu tun haben. Diese Neben­schau­plätze sind durchaus gewöh­nungs­be­dürftig.

Wie würden Sie Ihre Art beschreiben?
Ich bin im Umgang mit meinen Spie­lern sehr direkt. Fehler werden knall­hart ange­spro­chen, gleich­zeitig nehme ich auf per­sön­liche Sorgen Rück­sicht und biete in sol­chen Fällen auch meine Hilfe an. Wir wollen hier fair mit­ein­ander umgehen.

Der KSC spielt bis­lang eine starke Saison – vor wel­chem Kon­kur­renten haben Sie den größten Respekt?
Respekt habe ich vor allen Teams. Frei­lich beson­ders gefähr­lich sind zur­zeit Osna­brück, Bie­le­feld und Münster. Aber auch Hei­den­heim sollte man noch nicht abschreiben. Wir müssen uns auf einen harten End­spurt ein­stellen.

Würde der KSC auf­steigen: Wo sähen Sie Hand­lungs­be­darf?
Zunächst würden wir an unserer Spiel­ge­schwin­dig­keit arbeiten – in der Zweiten Liga müssten wir näm­lich noch schneller und kon­zen­trierter auf­treten. Dort werden kleine Aus­setzer gna­denlos bestraft. Aber auch im Spiel gegen den Ball müssen wir uns noch ver­bes­sern. Und obwohl wir eine Menge indi­vi­du­elle Qua­li­täten mit­bringen, würden wir uns in allen Mann­schafts­teilen ver­stärken. Kon­kur­renz­druck ist wichtig.

Wie viel Poten­zial sehen Sie im Fan­lager?
Wir haben hier in Karls­ruhe ein Rie­sen­po­ten­zial. In der dritten Liga kommen regel­mäßig 10.000−12.000 Zuschauer. Wir wollen –wie auch andere Dritt­li­gisten- Anhänger, die sich nach dem Abstieg abge­wendet haben, zurück­ge­winnen. Noch ein Satz zu den Fans: Die Unter­stüt­zung in diesem Jahr ist phä­no­menal. Nach anfäng­li­chen Pro­blemen stehen sie nun vor­bild­lich hinter uns. Das freut uns unge­mein.

Markus Kau­sc­zinski, wollen Sie mal Bun­des­li­ga­trainer werden?
Ich habe nie davon geträumt, falls Sie das meinen (lacht). Ich denke nicht in Super­la­tiven. Ich ticke anders. Als Trainer ist man mit dem Kopf bei­nahe jede Minute im Tages­ge­schäft, man denkt meist von Woche zu Woche. Glauben Sie mir, da schmiedet man keine großen Pläne für die nächsten fünf oder zehn Jahre.

Kein Mas­ter­plan?
Nein. Aber natür­lich kann ich mir vor­stellen, irgend­wann mal eine andere Mann­schaft zu trai­nieren. Ich hätte keine Angst vor einem Zweit- oder Erst­li­gisten. Aber nochmal: Das sind keine Ziele, die ich mir stecke oder wor­über ich mir an einem ruhigen Abend Gedanken mache. Ich bin froh, dass ich beim KSC arbeiten darf. Wir haben hier noch viel vor.