Ein maka­bres und für den Prot­ago­nisten ent­wür­di­gendes Schau­spiel war es, das sich in der Bun­ga­low­sied­lung am Stadt­rand Lon­dons den Nach­barn an einem kalten Sonn­tag­morgen im Winter 1977 bot.



Einen sol­chen Akt der Selbst­er­nied­ri­gung hatten sie noch nicht erlebt. Der Mann, von dem sie mit Sicher­heit wussten, dass er einmal zu den berühm­testen Fuß­ball­stars des Landes gezählt hatte, kam in einem schmie­rigen Bade­mantel aus dem Haus getor­kelt und kippte den Inhalt meh­rerer Müll­tonnen auf die Straße. Dann sank er auf die Knie und kroch in dem Unrat herum. Er schien etwas zu suchen, und bei dieser Suche ver­fiel er in immer grö­ßere Panik. Jimmy Greaves war offen­sicht­lich nicht mehr Herr seiner Sinne. Als er die erste leere Wod­ka­fla­sche ent­deckt hatte, setzte er sie an den Mund und ver­suchte gierig, ein paar übrig­ge­blie­bene Tropfen her­aus­zu­lut­schen. Aber die Pulle war genauso leer wie die übrigen, die er noch fand. Seine Frau Irene hatte bei ihrer Ver­nich­tungs­ak­tion ganze Arbeit geleistet, hatte, bevor sie end­gültig die Koffer gepackt und abge­hauen war, den gesamten, raf­fi­niert überall im Haus ver­steckten Alko­hol­vorrat ihres Gatten in den Aus­guss geschüttet und die Fla­schen ent­sorgt. Zu diesem Zeit­punkt war der natür­lich in irgend­einem Pub gewesen, denn sonst wäre es im Hause Greaves womög­lich zu Mord und Tot­schlag gekommen. Als Jimmy nun rea­li­sierte, dass er zur Befrie­di­gung seiner Sucht noch so lange warten musste, bis die Kneipen öff­neten, stimmte er ein Kla­ge­ge­heul an, das an einen ange­schos­senen Wolf erin­nerte.

I am a pro­fes­sional foot­baller. And I am an ALCO­HOLIC.“

Eine solche Szene, mit der Greaves schon auf Seite 2 seiner Auto­bio­grafie auf­wartet, ver­mu­tete man damals in einem der großen Säu­fer­ro­mane von Charles Jackson, Robert Stone oder Hans Fal­lada, aber nicht unbe­dingt in der Lebens­beichte eines Fuß­bal­lers. Das war starker Tobak, auch wenn der Unter­titel unmiss­ver­ständ­lich klar machte, um was es auf den 160 Seiten außer Fuß­ball vor­rangig gehen würde: My name is Jimmy Greaves. I am a pro­fes­sional foot­baller. And I am an ALCO­HOLIC.“ Selbst­re­dend wusste man damals schon, dass im abend­län­di­schen Kul­tur­kreis Fuß­ball und Saufen eine sym­bio­ti­sche Ein­heit bilden. Und man wusste auch, dass sich beson­ders in Groß­bri­tan­nien zahl­reiche bekannte Ex-Spieler um den Ver­stand gezecht hatten, aber dass auch Jimmy Greaves so schlimm an der Fla­sche hing, das war neu. Zum einen, weil er es lange Zeit erstaun­lich gut ver­standen hatte, seine Sucht vor der Öffent­lich­keit zu ver­bergen, zum anderen, weil die Bou­le­vard­me­dien damals noch nicht ganz so schamlos wie heute im Pri­vat­leben von Pro­mi­nenten her­um­wühlten.

Wie gesagt, Greaves war kei­nes­wegs der erste bri­ti­sche Ex-Fuß­ball­star, der durch den Alkohol zugrunde zu gehen drohte. Der Schotte Hughie Gal­la­cher etwa, einer der sagen­um­wo­benen Goal­getter der 20er und 30er Jahre, stürzte sich 1957, vom Fusel zer­stört, vor einen Zug. Doch Greaves war der Erste, der sich mit einem Buch öffent­lich als Alko­ho­liker outete, und zwar zu einem Zeit­punkt, als dies noch mit dem Risiko behaftet war, dadurch den letzten Rest gesell­schaft­li­cher Akzep­tanz zu ver­lieren. Auf der Insel galt Alko­ho­lismus länger als anderswo als Cha­rak­ter­de­fizit und nicht als Krank­heit.

Wes­halb dem so ist, haben Legionen von Kul­tur­his­to­ri­kern zu erklären ver­sucht. Solche Modelle waren jedoch ebenso wenig Greaves’ Anliegen wie medi­zi­ni­sche Spitz­fin­dig­keiten, wer wann warum dem Suff ver­fällt, oder hyper­tro­phes Psy­cho­ge­brabbel. Er erzählt aus­schließ­lich aus der Täter­per­spek­tive, und er weiß, wovon er redet. Was etwa den harten Gewohn­heits­trinker, der spä­tes­tens dann von einem Tag auf den anderen auf­hören kann, wenn der Arzt zum ersten Mal ener­gisch mit dem Zaun­pfahl winkt, vom Sucht­säufer unter­scheidet, hat man so prä­gnant allen­falls bei ame­ri­ka­ni­schen Crime-Autoren der Hard-Boiled-Schule gelesen. Die schlichte, selbst­mit­leids­freie Art, mit der Greaves vor den Gefahren der im Umfeld des Fuß­ball­mi­lieus lau­ernden Trunk­sucht zu warnen ver­sucht und sich dabei nicht zu schade ist, als abschre­ckendes Bei­spiel zu dienen, nötigt dem Leser auch bei der erneuten Lek­türe tiefen Respekt ab.

Jimmy Greaves war als Fuß­baller in mehr­fa­cher Bezie­hung ein­zig­artig. Bei uns gilt er in erster Linie als tra­gi­sche Figur, weil er bei der WM 1966 im Laufe des Tur­niers ver­let­zungs­be­dingt seinen Stamm­platz verlor. Aber in der ersten Hälfte der 60er war er ohne Wenn und Aber der erfolg­reichste eng­li­sche Kicker (wenn auch nicht der belieb­teste, was daran lag, dass er den Ein­druck erweckte, seine unglaub­liche Tor­aus­beute fiele ihm ohne große Mühe zu) und welt­weit einer der ganz wenigen, bei denen die abge­dro­schene Floskel von der ein­ge­bauten Tor­ga­rantie berech­tigt war. In 14 Spiel­zeiten zwi­schen 1957/58 und 1970/71 schoss er in 516 eng­li­schen Erst­li­ga­spielen mär­chen­hafte 357 Tore, was einen Schnitt von 0,69 Tref­fern pro Spiel bedeutet. Rechnet man die letzten beiden Jahre, in denen er (schon alko­hol­be­dingt) nur noch unre­gel­mäßig zum Ein­satz kam, und das vier­mo­na­tige Inter­mezzo beim AC Mai­land in der Saison 1961/62 ab, dann ist diese Bilanz noch phä­no­me­naler. Stolze sechs Mal wurde er Tor­schüt­zen­könig, hinzu kommen gleich­falls sen­sa­tio­nelle 44 Län­der­spiel­tore in 57 Spielen. Seit den mythen­um­rankten Tor­ma­schinen der Vor­kriegs­zeit wie Dixie Dean oder Ted Drake hatte nie­mand mehr auf der Insel mit sol­cher Regel­mä­ßig­keit getroffen. Aber das war die mitt­lere Krei­de­zeit der Fuß­ball­ge­schichte gewesen, in der fast nur die Mit­tel­stürmer für die Tore ver­ant­wort­lich waren. Greaves hin­gegen hatte seine erfolg­reichsten Jahre, als der Fuß­ball schon an der Schwelle zur Moderne stand und sich die Tor­aus­beute auf viel mehr Spieler ver­teilte.

Stamm­spieler bei Chelsea mit 17, Tor­schüt­zen­könig und Natio­nal­spieler mit 19, das hun­dertste Ligator mit 21, das zwei­hun­dertste mit 23: Greaves war wahr­lich ein Shoo­ting­star mit einem für die dama­lige Zeit unge­wöhn­lich rasanten Kar­rie­re­ver­lauf. Und auch die Gewöh­nung an den Alkohol lief im Eil­ver­fahren. Das gesel­lige Bei­sam­men­sein nach dem Spiel oder Trai­ning war in jenen Tagen noch eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, der sich kein Team­mit­glied ent­ziehen konnte und es auch gar nicht wollte. Pro­fi­fuß­baller war ein Beruf (damals noch unter Skla­ven­be­din­gungen, zu denen ein Höchst­ge­halt von 20 Pfund pro Woche zählte), aber auch ein ganz spe­zi­eller Way of Life, zu dem – unab­hängig davon, ob man schon Familie hatte – nun einmal gehörte, sich mög­lichst oft mit den Mann­schafts­ka­me­raden im Club House oder einem der zahl­losen Pubs, die sich in unmit­tel­barer Nähe der Trai­nings­stätte jedes Ver­eins befanden, sehen zu lassen. Und dort stand dann selten der Zapf­hahn still.

Solange in den dritten Halb­zeiten nie­mand grob aus­fällig oder gar gewalt­tätig wurde (was natür­lich auch vorkam, aber nur selten an die Öffent­lich­keit drang, weil die Clubs noch viel Ein­fluss auf die lokalen Medien besaßen und deren Ver­treter nicht selten die dicksten Sauf­kum­pane der Spieler waren), war von Seiten der Ver­eine nichts an diesem Frei­zeit­ver­halten aus­zu­setzen. Gemein­sames Zechen för­dert den Team­geist, und wer trink­fest ist, steht auch auf dem Platz wacker seinen Mann, das waren damals fast so etwas wie Dogmen des bri­ti­schen Fuß­balls.

Jimmy Greaves war anfangs der Ide­al­typus des Gesel­lig­keits­trin­kers, der die aus­ge­las­sene Fröh­lich­keit in einem Pub als ebenso wohl­tuend emp­fand wie die Wir­kung des Alko­hols selbst. Wie hätte es auch anders sein sollen, denn wirk­liche Pro­bleme hatte das Wun­der­kind des eng­li­schen Fuß­balls, dem der Erfolg nur so zuflog, ja kaum gehabt. Beides, die vielen Biere und das Auf­ge­ho­ben­sein in einer Runde erfolg­rei­cher junger Männer nebst den übli­chen Schul­ter­klop­fern und Cla­queuren, half, nach der auf­ge­putschten Stim­mung eines wich­tigen Spiels emo­tional wieder run­ter­zu­kommen und die innere Aus­ge­gli­chen­heit wie­der­zu­er­langen.




Greaves war und ist ein Ur-Lon­doner; Chelsea, Spurs und West Ham hießen seine drei Klubs, und jeder von ihnen besaß zu der Zeit, die Jimmy dort ver­brachte, seine Drin­king School“. Das war jener harte Kern der Truppe, der nach den zwei, drei oder mehr Absa­ckern, die man nach dem Spiel oder Trai­ning in geschlos­sener Mann­schafts­for­ma­tion bei­nahe pflicht­halber zu sich nahm, noch weiter um die Häuser zog und es richtig kra­chen ließ. Greaves’ Unglück dabei war, dass sich die Inten­sität der Schlu­ckerei mit jedem seiner Ver­eins­wechsel erheb­lich stei­gerte. Blieb Ende der bie­deren 50er bei Chelsea noch alles halb­wegs im Rahmen, war den Exzessen bei West Ham (deren Team schon die ganzen Six­ties hin­durch im Ruf gestanden hatte, ein total ver­lot­terter Haufen zu sein, der kaum zu dis­zi­pli­nieren war), als 1970 in der End­phase von Swin­ging London grund­sätz­lich Jubel, Trubel, Hei­ter­keit ange­sagt war, kei­nerlei Grenzen mehr gesetzt. Aus­ge­rechnet bei der Cham­pa­gner-Clique von Bobby Moore (im East End nur als King of the Bars­tools“ bekannt), Frank Lam­pard Sr. und Harry Red­knapp (dem man heute noch ansieht, wie wild er es einst getrieben hat) anzu­do­cken, war für Greaves, der damals schon eine Fla­sche Wodka täg­lich nebenher“ trank, nach dem AC Mai­land der zweite große Fehler in der Kar­rie­re­pla­nung.

Zu den wenigen Suf­fes­ka­paden bekannter Kicker, die sei­ner­zeit von der Bou­le­vard­presse genüss­lich breit­ge­treten wurden, zählt die soge­nannte Black­pool-Affäre“. Am 2. Januar 1971 stieg West Ham mit einem Aus­wärts­spiel beim FC Black­pool in den lau­fenden FA Cup ein. Da wegen der berüch­tigten Form­schwan­kungen seiner Mann­schaft in der Liga wie üblich nicht viel zu erwarten war, setzte Manager Ron Green­wood ganz auf den Pokal und ver­kün­dete in meh­reren Inter­views voll­mundig, er habe das Gefühl, in diesem Jahr werde sein Team bis ins Finale kommen. Man war schon am Neu­jahrstag in die Küs­ten­stadt im Nord­westen gereist, wo man erfahren musste, dass die Aus­tra­gung des Spiels wegen eines über­ra­schenden Win­ter­ein­bruchs kei­nes­falls sicher war. Im Hotel machte sich Lan­ge­weile breit, und nach einem Abend­essen mit a couple of lagers“ hockten Greavsie, Mooro und der Mit­tel­feld­stra­tege Brian Dear gegen Mit­ter­nacht noch an der Bar. Plötz­lich kamen einige Tech­niker der BBC herein und war­teten mit der Neu­ig­keit auf, dass die Begeg­nung aus­fallen werde, da das Spiel­feld inzwi­schen wie eine Eis­lauf­bahn aus­sehe. Sie selbst wollten noch die Bar auf­su­chen, die der berühmte Schwer­ge­wichtler Brian London damals im Seebad Black­pool betrieb.

Keine Frage, dass das Spie­ler­trio gleich mit von der Partie war. Als sie Stunden später ins Hotel zurück­kehrten, hatte Greaves ein wei­teres Dut­zend Biere intus, Moore und Dear dagegen nur fünf oder sechs, also kei­nes­falls Mengen, die ihre Spiel­fä­hig­keit beein­träch­tigten. Man ließ sich zu vor­ge­rückter Stunde noch eine Kanne Kaffee und Sand­wi­ches aufs Zimmer bringen und meinte, damit hätte sich die Sache. Hatte sie aber nicht, denn einige der mit­ge­reisten Fans von West Ham waren eben­falls auf die Idee gekommen, bei dem popu­lären Boxer ein­zu­kehren. Als sie Greaves, Moore und Dear bei einem Bou­le­vard­blatt ver­pfiffen, war das Spiel, das ent­gegen der Ver­mu­tung der TV-Tech­niker doch ter­min­ge­recht aus­ge­tragen worden war, aber schon mit 0:4 kläg­lich ver­loren worden. Die drei Spieler wurden kurz­zeitig sus­pen­diert und mit einer saf­tigen Geld­strafe belegt, was im Falle Greaves dazu bei­trug, dass er wenig später seine Karrie-re mit nur 31 Jahren been­dete.

Die Stars von West Ham United tranken fortan, wie es dem inzwi­schen gestie­genen gesell­schaft­li­chen Stel­len­wert von Eli­te­ki­ckern geschuldet war, aus­schließ­lich in Edel­diskos, Bars von Nobel­ho­tels und Clubs, zu denen der gemeine Plebs keinen Zutritt hatte. Ein gutes Jahr­zehnt früher, wäh­rend Jimmys Anfangs­jahren bei Chelsea, ging es dies­be­züg­lich und in auf­fal­lendem Gegen­satz zum Boheme-Image, das sich der Verein später zulegte, noch hemds­är­me­liger zu. Im Trai­ning spielten oft die pint men“ (die nach voll­brachtem Tag­werk im Klub­haus aus­schließ­lich Bier orderten) gegen die shor­ties“, also die­je­nigen, die ihren Durst bevor­zugt mit Schnäpsen löschten. Geeicht wurden Jung­spunde wie Greaves damals von Typen wie Peter Sil­lett, einem kno­chen­harten Ver­tei­diger, der immerhin auch als Natio­nal­spieler 1958 zum eng­li­schen WM-Kader zählte.

Und was für ein Trinker!“

Greaves erin­nert sich an ihn fol­gen­der­maßen: Big Peter war einer der her­aus­ra­genden Cha­rak­tere des Teams. Und was für ein Trinker! Er konnte die Pints ver­senken, als ob am nächsten Tag die Sonne nicht mehr auf­gehen würde, und er zeigte nie irgend­welche Aus­fall­erschei­nungen. So sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte bei unseren Gelagen nie mit ihm mit­halten.“ Es zieht sich über­haupt wie ein roter Faden durch das Buch, dass die Spieler, mit denen Greaves auf Ver­eins­ebene oder in der Natio­nalelf zusam­men­spielte, eher über ihre Trink­ge­wohn­heiten als über fuß­bal­le­ri­sche Qua­li­täten cha­rak­te­ri­siert werden. Waren die Total­be­säuf­nisse mit Sil­lett & Co. anfangs noch die Aus­nahme, was nicht zuletzt am damals noch sehr beschei­denen Ein­kommen lag, änderte sich dies schlag­artig, als Greaves nach dem Mai­land-Fiasko nach Tot­tenham wech­selte, seiner mit Abstand erfolg­reichsten Sta­tion. Er schoss jetzt zwar mehr Tore denn je, merkte aber irgend­wann, dass er an dem kri­ti­schen Punkt ange­langt war, wo ohne einen gewissen Alko­hol­pegel gar nichts mehr lief. Also begann er, schon gleich nach dem Auf­stehen heim­lich zu trinken, und wie vielen Alko­ho­li­kern gelang es ihm, seine Sucht erstaun­lich lange vor seiner Familie zu ver­heim­li­chen, unter anderem durch den alten Trick Errol Flynns, am lau­fenden Band Orangen zu fut­tern, die er aller­dings zuvor mit­tels einer Spritze voll Wodka gepumpt hatte.

Zwei Gründe gab es, die wahr­schein­lich stark dazu bei­trugen, dass Greaves sucht­ge­fähr­deter war als andere, aber diesen beiden tief in ihm ver­wur­zelten Pro­blemen sollte er sich erst lange nach seiner aktiven Zeit stellen. Da war zum einen der frühe Tod seines erst­ge­bo­renen Sohnes, der 1960 mit nur vier Monaten an einer Lun­gen­krank­heit starb. Weil Ehe­frau Irene in rascher Folge vier wei­tere Kinder zur Welt brachte und Jimmy eine Kar­rie­re­stufe nach der anderen zün­dete, war das Leben so voller Action, dass er nie die innere Ruhe fand, diesen Schick­sals­schlag ange­messen zu ver­ar­beiten. Erst als er ganz unten ange­kommen war, wurde Greaves bewusst, dass er seit diesem Ver­lust ein zu Depres­sionen nei­gender Mensch war.

Zum anderen fühlte sich der Mann mit den Queck­sil­ber­füßen“, der auf dem Spiel­feld immer so lässig und manchmal sorglos wie ein Kind wirkte, in seinem Innersten schon von frü­hester Jugend an unruhig und ange­spannt, was kaum jemand ahnte. Da er in seinem Buch keine tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche Selbst­ana­lyse betreibt, son­dern nur seinen Lebensweg beschreibt, bleiben die Ursa­chen dafür offen. Aber die frühe Erfah­rung, dass Alkohol die per­fekte Krücke ist, diese innere Unruhe in den Griff zu bekommen, führte leicht nach­voll­ziehbar dazu, dass er immer schneller immer mehr trank. Hinzu kam, dass Greaves alleine nicht viel mit sich anfangen konnte. Fuß­ball war seine ein­zige Lei­den­schaft, dar­über hinaus ent­wi­ckelte er nie irgend­welche ernst­haften Inter­essen. Zu Hause fiel ihm schnell die Decke auf den Kopf. Jimmy war einer, der unter die Leute musste, und Pubs, in denen bekannte Fuß­baller hoch­will­kommen waren und meist auch frei­ge­halten wurden, gab es in London wahr­lich genug. Mühelos zählt er noch mehr als ein Jahr­zehnt später die Namen von denen auf, die am Weges­rand lockten, wenn er vom Trai­ning nach Hause fahren wollte.

Die Vor­aus­set­zungen für den Fall ins Boden­lose waren gelegt, aber noch lagen die besten Jahre vor Jimmy Greaves. Dass sich die Tot­tenham Hot­spurs bei der Rück­hol­ak­tion aus Ita­lien durch­setzten, war die wohl glück­lichste Fügung in seiner gesamten Kar­riere, denn er kam in ein für ihn per­fektes Team. Die Super­spurs“ der frühen 60er Jahre sind völlig zu Recht eine Legende. Sie gewannen 1961 als erste Mann­schaft des 20. Jahr­hun­derts das Double und 1962 erneut den FA Cup. 1963 holten sie den aller­ersten Euro­pacup nach Eng­land, wobei sie im Finale Atle­tico Ma-drid mit 5?:?1 pul­ve­ri­sierten. Greaves steu­erte zu diesem his­to­ri­schen Tri­umph zwei Treffer bei. Die dama­ligen Spurs hatten jede Menge Flair und spielten mit unbän­digem Angriffs­geist. Kapitän Danny Blanch-flower, der pfeil­schnelle Außen­stürmer Cliffie Jones, der unver­wüst­liche Antreiber Dave Mackay, der Spiel­ma­cher John White oder der wuch­tige Mit­tel­stürmer Bobby Smith zählten damals zu den größten Stars der Liga. Und eben Jimmy Greaves, dem gleich in seinem ersten Spiel ein Hat­trick gelang. Nur eine wei­tere Meis­ter­schaft wollte par­tout nicht mehr gelingen, 1962 lan­dete man auf Platz 3, ein Jahr später wurde die Spurs Vize­meister und 1964 noch einmal Dritter.


Im Herbst des­selben Jahres verlor dieses große Team inner­halb weniger Wochen sein gesamtes Mit­tel­feld. Blan­ch­flower musste ver­let­zungs­be­dingt auf­hören, Mackay brach sich in einer ver­bis­senen Euro­pacup-Schlacht gegen Man­chester United ein Bein, und John White wurde auf dem Golf­platz vom Blitz erschlagen. Der dadurch unver­meidbar gewor­dene Umbruch läu­tete Greaves’ Abschied vom natio­nalen Spit­zen­fuß­ball ein, der nur 1967 noch einmal kurz von einem wei­teren Gewinn des FA Cups unter­bro­chen wurde. Der Nie­der­gang vollzog sich so schlei­chend wie Jimmys Abhän­gig­keit vom Alkohol, denn selbst­ver­ständ­lich gab es auch bei den Spurs eine leis­tungs­fä­hige Drin­king School“, in der neben Greaves haupt­säch­lich Mackay die Schlag­zahl bestimmte. Jimmy schoss zwar nach wie vor Tor auf Tor, verlor aber mehr und mehr die Lust am Fuß­ball. Dazu mag auch seine Aus­boo­tung bei der WM im eigenen Land ihren Teil bei­getragen haben, doch auch das Spiel selbst begann sich zu ver­än­dern, und bestimmt nicht zum Bes­seren. Mit dem mun­teren Drauf­los­s­türmen war es als­bald vorbei, eine immer grö­ßere Zahl von Mana­gern setzte auf vom Kon­ti­nent impor­tierte Defen­siv­tak­tiken, weil Nie­der­lagen immer teurer wurden. Die ersten zag­haften Ansätze der Total­kom­mer­zia­li­sie­rung des Fuß­balls und des Drucks auf alle Betei­ligten, der damit ein­her­ging, machten sich bald bemerkbar.

Greaves beschreibt die Ver­än­de­rung kurz und bündig so: Meine Kar­riere fand in einer Ära statt, in der das Spiel langsam krank wurde und Ver­lieren plötz­lich ein Schimpf­wort war.“ Wie Jimmy auf diese Kul­tur­re­vo­lu­tion reagierte, kann man sich vor­stellen. Als er 1970 im Tausch gegen Martin Peters zu West Ham wech­selte, war in der Tat eine Ära zu Ende gegangen und Eng­land nicht nur hin­sicht­lich des Fuß­balls ein
anderes Land als in den späten 50ern geworden.

Wodka, Wodka und dann: Wodka

Der Ent­schluss, im Sommer 1971 mit nur 31 Jahren das Kapitel Pro­fi­fuß­ball zu beenden, war eine kaum durch­dachte Momen­tent­schei­dung, irgend­welche Zukunfts­pläne gab es nicht. Dafür unend­lich viel Zeit, in den Stamm­kneipen Hof zu halten. Greaves war durch den Fuß­ball zwar nicht wirk­lich reich geworden, ver­fügte aber immerhin über ein kleines Geschäfts­im­pe­rium, das von seinem Schwager zusam­men­ge­halten wurde. Er selbst schaute mor­gens (als er schon eine halbe Fla­sche Wodka drin hatte) zwar regel­mäßig im Büro vorbei, blieb aber stets nur so lange, bis die Pubs öff­neten. Dort trank er ver­läss­lich bis zur Sperr­stunde um 23 Uhr, um dann rap­pel­voll mit dem Auto nach Hause zu fahren, wo er regel­mäßig vor dem Fern­seher ein­schlief, nachdem er noch einer wei­teren Wod­ka­fla­sche den Garaus gemacht hatte.

So ging das nun Tag für Tag, etwa fünf Jahre lang. Unge­fähr ebenso lang hatte sein Auf­stieg zum viel­leicht größten eng­li­schen Goal­getter aller Zeiten gedauert. 1977 waren Greaves‘ Firmen bank­rott oder ver­kauft, das Geld begann knapp zu werden. Rück­bli­ckend wurde Greaves klar, dass ihn wohl nur der Umstand, sich bis dahin immer den besten Stoff leisten zu können, am Leben gehalten hatte; er wollte nicht wie die Penner enden, die sich am Themse-Ufer mit gestrecktem Methyl­al­kohol zubal­lerten. Wenn er älter als 40 werden wollte, mussten dras­ti­sche Maß­nahmen ergriffen werden. Meh­rere Ent­zugs­kuren in Pri­vat­kli­niken hatte er erfolglos abge­bro­chen, auch dafür reichte das Ver­mögen jetzt nicht mehr.

Als man Jimmy Greaves zwangs­weise in die Sucht­ab­tei­lung einer staat­li­chen Klinik ein­wies, zog er mit dem letzten Rest seines Lebens­wil­lens die Reiß­leine und stellte sich dem Hilfs­an­gebot der Anonymen Alko­ho­liker. Das Pro­gramm der Orga­ni­sa­tion, die sei­ner­zeit zumin­dest hier­zu­lande noch eine geheim­nis­um­wit­terte Aura umgab, basiert darauf, dass der Süch­tige zunächst einmal seine Abhän­gig­keit aner­kennt. Jimmy Greaves erklomm diese erste Stufe schnell und bekam den Suff nach und nach in den Griff. Er lernte, dass sich sein Leben von nun an nur noch darum drehen würde, die nächsten 24 Stunden ohne Alkohol zu über­stehen, denn ganz geheilt werden kann man von dieser Krank­heit nie. Einmal ein Alko­ho­liker, immer ein Alko­ho­liker.

Ganz all­mäh­lich nor­ma­li­sierte sich sein Leben in beschei­denem Rahmen, und auch beruf­lich konnte er wieder Fuß fassen. Er wurde für einige Jahre so etwas wie ein mitt­lerer Fern­seh­star. Gemeinsam mit Ian St. John, dem ehe­ma­ligen Sturm-Ass vom FC Liver­pool, trat er für den Sender ITC in der Saint and Greavsie Show“ auf, einer für die dama­ligen Ver­hält­nisse ziem­lich fre­chen Vor­schau auf den anste­henden Liga-spieltag, die sams­tags kurz vor dem Anpfiff aus­ge­strahlt wurde. Die Schein­ge­fechte, die sich die beiden alten Cracks dabei lie­ferten, wurden später oft imi­tiert und sind die Urform der scha­blo­nierten Späß­chen, mit denen heute noch das Duo Netzer & Del­ling nervt. Ent­weder war Greaves ein ganz guter Schau­spieler oder es ging ihm tat­säch­lich besser, denn er kicherte ständig über seine eigenen Jokes, die nicht immer geschmacks­si­cher waren. Und einmal brachte er auch das Manko des heu­tigen Fuß­balls auf einen end­gül­tigen Nenner. Was fehlt und wohl nie wieder so zu bewun­dern sein wird wie in seiner Glanz­zeit, ist, wer hätte es nicht geahnt, the old hey – diddle – diddle – down – the – middle and stick it in the net.“