Lothar Mat­thäus, Sie sind ehe­ma­liger Welt­fuß­baller, mehr­fa­cher Mil­lionär, einer der besten Spieler aller Zeiten – warum sitzen Sie nicht auf einer ein­samen Insel und genießen das Leben?

Lothar Mat­thäus: Weil mich immer noch etwas antreibt, was mich schon als aktiver Spieler ange­trieben hat: Erfolg zu haben.

»> Die Kar­riere von Lothar Mat­thäus in Bil­dern!

Dann hätten Sie doch auch Spie­ler­be­rater werden und sich über einen erfolg­reich abge­schlos­senen Transfer freuen können. Statt­dessen sind Sie Trainer geworden. Warum?

Lothar Mat­thäus: Weil sich Erfolg-zu-haben‘ für mich nicht nur auf das stumpfe Sam­meln von Titeln und Ehrungen redu­zieren lässt. Ich will den maxi­malen Erfolg – aber unter den gege­benen Umständen und mit den vor­han­denen Mög­lich­keiten. Um einen Ver­gleich zu nennen: Es ist doch allemal schwie­riger und reiz­voller, mit Borussia Mön­chen­glad­bach die Deut­sche Meis­ter­schaft zu holen als mit Bayern Mün­chen.

Oder mit Bul­ga­rien an der Welt­meis­ter­schaft teil­zu­nehmen …

Lothar Mat­thäus: Hier in Bul­ga­rien war die Aus­gangs­si­tua­tion ähn­lich wie bei meinen Jobs zuvor in Wien, Bel­grad oder Ungarn: Die fetten Jahre sind vorbei, die Mann­schaft ist im Umbruch. Da heißt die erste Auf­gabe für mich als Trainer, erstmal eine Umbruch­stim­mung zu erzeugen! Sie müssen sich das so vor­stellen, dass der bul­ga­ri­schen Aus­wahl die Wur­zeln fehlen, sie befindet sich ja im Umbruch. Und meine Auf­gabe ist es, dieses zarte Pflänz­chen auf­zu­päp­peln, bis es genü­gend Kraft hat, um nicht beim nächsten Gegen­wind aus der Erde gerissen zu werden.

Da sind Sie so etwas wie ein Fuß­ball-Gärtner?

Lothar Mat­thäus: In erster Linie bin ich Fuß­ball-Trainer, aber, ja, die Berufe ähneln sich in gewissen Dingen: Ein­pflanzen, düngen, beob­achten und im Ide­al­fall am Ende die Früchte der Arbeit ernten.

Sie haben in einem älteren Inter­view mal gesagt, dass Sie schon immer am liebsten den schwie­ri­geren Weg gegangen sind – ob als Fuß­baller oder als Trainer. Macht es Ihnen also Spaß, die ver­meint­li­chen Under­dogs zu trai­nieren?

Lothar Mat­thäus: Die Aus­sage darf man nicht falsch ver­stehen: Ich würde nie einen Job annehmen, bei dem ich von vor­ne­herein wissen würde, dass der Erfolg gefährdet oder gar nicht im Bereich des Mög­li­chen liegt. Bei jeder Sta­tion – als Spieler und als Trainer – war ich vor Arbeits­an­tritt davon über­zeugt, auch wirk­lich Erfolg zu haben.

Das war, ebenso als Spieler wie auch als Trainer, nicht immer der Fall.

Lothar Mat­thäus: Stimmt. Und des­halb habe ich es mir ja auch mit so man­chem Mit­spieler oder Kol­legen ver­scherzt. Weil ich meinen Mund auf­ge­macht habe, wenn der Erfolg gefährdet war. Das war nie per­sön­lich gemeint, es ging immer um den Erfolg.

Der Spieler Mat­thäus galt als Hans­dampf in allen Gassen. Was für ein Typ ist der Trainer Mat­thäus?

Lothar Mat­thäus: Das ist ja so ein beliebtes Spiel der Medien: Den jewei­ligen Trai­nern irgendein Kli­schee auf­zu­drü­cken. Aber das ist doch unmög­lich. Auch Thomas Schaaf kann mal explo­dieren und seine Mann­schaft zusam­men­falten. Und Jürgen Klopp ist sicher­lich nicht immer der nette Kum­peltyp. Die Auf­gaben des Fuß­ball-Trai­ners sind wesent­lich breiter gefä­chert. Wer nur eine ein­zige Schiene fährt, der schei­tert.

Wie also sieht Ihre Arbeit aus?

Lothar Mat­thäus: Wenn ich einen neuen Job antrete, dann muss ich mich natür­lich auf die neue Situa­tion ein­stellen. Neue Mann­schaft, neuer Verein, neue Spieler, neues Umfeld, alles neu – und im Fuß­ball kann sich das quasi täg­lich ändern. Ein Fuß­ball­trainer muss vor allen Dingen eines sein: Fle­xibel.

Als Spieler hatten Sie solch domi­nante Übungs­leiter wie Udo Lattek, Ottmar Hitz­feld oder Gio­vanni Tra­pat­toni – welche Eigen­schaften Ihrer Ex-Trainer erkennen Sie bei sich selbst?

Lothar Mat­thäus: Keine kon­kreten Marotten. Aber sicher­lich haben mich Becken­bauer, Lattek, Trapp und all die anderen stark beein­flusst, oder tun es auch jetzt noch. Jeder Trainer hat aller­dings seinen eigenen Stil. Auch wenn man sich bei­zeiten natür­lich gerne an gewissen Mann­schaften ori­en­tiert.

Wer ist der­zeit das Maß aller Dinge?

Lothar Mat­thäus: Natür­lich der FC Bar­ce­lona. Die spielen schön und erfolg­reich. Eine äußerst erstre­bens­werte Mischung. Aller­dings wäre es absurd zu sagen: So wie Bar­ce­lona lasse ich jetzt auch Rapid Wien oder die bul­ga­ri­sche Natio­nal­mann­schaft spielen. Das geht nicht.

Warum?

Lothar Mat­thäus: Der FC Bar­ce­lona, wie wir ihn heute sehen oder im Cham­pions League Finale gegen Man­chester United gesehen haben, ist ja kein Pro­dukt der letzten drei Jahre. Er ist das Ergebnis einer jahr­zehn­te­langen Auf­bau­ar­beit, einer Dok­trin, einer Phi­lo­so­phie, die der gesamte Klub ver­in­ner­licht hat und seit einer Ewig­keit streng ver­folgt. Dieser Erfolg lässt sich nicht durch teure Spieler oder nam­hafte Trainer ein­kaufen, es braucht diesen sehr langen Pro­zess der Ent­wick­lung. Des­halb kann man sich durchaus an Barca ori­en­tieren, aber diesen Klub zu kopieren, ist sinnlos.

Viele Ihrer Trai­ner­kol­legen sagen: Wer heute eine Mann­schaft führt, der muss fast mehr Psy­cho­loge denn Trainer sein. Stimmen Sie zu?

Lothar Mat­thäus: Durchaus. Es ist inzwi­schen viel wich­tiger, ob du in der Lage bist, einen Zugang zu deinen Spie­lern zu finden, mit ihnen ent­spre­chend kom­mu­ni­zieren zu können, als ihnen beim Fünf gegen Fünf die Hüt­chen auf­zu­stellen. Ich bin jetzt seit zehn Jahren Trainer und habe fest­stellen müssen, dass auch noch etwas anderes ganz ent­schei­dend ist.

Näm­lich?

Lothar Mat­thäus: Ein Gespür dafür zu ent­wi­ckeln, mit den unter­schied­lichsten Men­ta­li­täten zurecht zu kommen. Der Fuß­ball war noch nie so inter­na­tional wie heute, dem­entspre­chend viel­fältig sind die Natio­na­li­täten in einer Profi-Mann­schaft ver­treten. Und als Trainer muss man ein­fach wissen, dass man mit einem Skan­di­na­vier anders umgehen muss als mit einem Süd­ame­ri­kaner.