Seite 2: Der SV Meppen im Europapokal

Wenn ich jungen Kol­legen vom Bun­des­liga Manager Pro­fes­sional“ erzähle, schauen sie mich mit­leidig an. Sie sind auf­ge­wachsen mit ultra­kom­plexen Simu­la­tionen und mehr­bö­digen Stra­te­gie­spielen, für die man ein Mathe­ma­tik­stu­dium abge­schlossen haben sollte. BMP, Amiga 500, 512KB – das alles klingt für sie so, als würde ihnen ihr Erd­kun­de­lehrer erzählen, dass die Beach Boys ganz flotte Tanz­musik spielen, wäh­rend sie über ihre Air­Pods den neusten Track eines Afro-Trap-Künst­ler­kol­lek­tivs aus einem Pariser Ban­lieue hören.

Aber was wissen sie schon von 1992? Damals, als man seinen Geschmack nicht dreimal pro Woche wech­selte. Damals, als es kein Internet gab und nur drei Fern­seh­pro­gramme. Wenn man etwas liebte, liebte man es aus­dau­ernd. Zum Bei­spiel hörte man Musik nicht in Snip­pets, man hörte sie auch nicht quer in Play­lists oder per Zufalls­wie­der­gabe. Man hörte Alben. Von vorne bis hinten und wieder von vorne. Ich weiß noch, dass ich in jenem Sommer 1992 erst eine Kas­sette von Guns N’ Roses, Appe­tite for Dest­ruc­tion“, zum Leiern brachte und danach aus­schließ­lich die ein­zige CD hörte, die ich besaß: eine Drei-Track-Maxi von Mega­deth namens Sym­phony of Dest­ruc­tion“. (Zer­stö­rung schien ein Leit­motiv jenes Som­mers gewesen zu sein, viel­leicht wollte ich des­wegen beim BMP etwas auf­bauen, quasi als Selbst­the­rapie.) Just like the Pied Piper led rats through the streets.“ Wenn ich das Intro und die ersten Verse von Dave Mus­taine heute höre, sehe ich vor meinem geis­tigen Auge, wie ich Richard Golz für zwei Mil­lionen Mark zum FC Rem­scheid ver­kaufe. 

Der Tag, an dem ich das erste Mal die raub­ko­pierte BMP-Dis­kette ein­legte, war eine Zäsur. Es gab ein Leben davor (Früh­stück, Schule, Mit­tag­essen, Ten­nis­trai­ning, Haus­auf­gaben, Maumau spielen, Fuß­balll im Park spielen, im Kino Zurück in die Zukunft“ gucken, auf Wetten, dass…?!“ am Samstag warten, schlafen) und danach (BMP, Schule, BMP, BMP, BMP, BMP, schlafen, BMP, Schule, BMP…).

Viel­leicht war der BMP mein erster echter Exzess. Er kam vor dem ersten Voll­rausch und dem ersten Joint, und er war gewaltig. Denn im Gegen­satz zu anderen Kunst­werken und Kul­tur­er­zeug­nissen – ein Buch, ein Kon­zert, ein Song – hatte eine Com­pu­ter­si­mu­la­tion wie der Bun­des­liga Manager Pro­fes­sional“ ein Allein­stel­lungs­merkmal: die Unend­lich­keit. Viele Jahre später berich­teten BMP-Gamer auf irgend­wel­chen Retro-Por­talen davon, dass sie ihre Ver­eine über meh­rere hun­dert Jahre trai­niert hätten. Ich führte den HSV im Sommer 1992 immerhin zehnmal in Folge zum Euro­pa­po­kal­sieg. Für die Sta­tistik: Den letzten Titel im Lan­des­meister-Cup gewann er in der Ver­län­ge­rung gegen den SV Meppen.

Soft­ware 2000 – dieses Unter­nehmen hatte die Zukunft gesehen

Schon der Name des Her­stel­lers machte gehörig Ein­druck auf mich: Soft­ware 2000“. Die Firma, so schien es, ope­rierte aus der Zukunft. Ihr Haupt­quar­tier musste sich in New York oder Tokio befinden. In einem hoch tech­ni­sierten Cyber­punk-Hoch­haus, in dem die Welt aussah wie in einem Roman von Wil­liam Gibson.

Später las ich mal, dass Soft­ware 2000“ in der schleswig-hol­stei­ni­schen Klein­stadt Eutin behei­matet war. Und KRON“, der Name ihres Pro­duk­ti­ons­stu­dios, war eine Wort­schöp­fung aus den ersten beiden Buch­staben der Nach­namen der Ent­wickler: Werner Krahe und Jens Onnen. Das alles klang so bieder und normal wie ein Quer­pass von Jörg Bode. Immerhin: Das Jahr 2000 erlebte das Unter­nehmen noch. Zwei Jahre später aber ging es pleite.