In den kleinen Straßen von Raval ist das Leben eine Mischung aus Islam­abad, Dhaka, Manila und Rabat. Aus Paki­stan und Ban­gla­desch kommen die Leute hier her, ebenso von den Phil­ip­pinen oder aus Marokko, doch west­eu­ro­päi­sche Stan­dards suchen sie ver­ge­bens. Raval liegt in Bar­ce­lona und hat mit 49,2 Pro­zent die höchste Immi­gra­ti­ons­rate aller Viertel der Stadt. Wäh­rend in Sicht­weite Museen, Kinos oder Luxus­ho­tels aus dem Boden schießen, fehlen in Raval in den vielen Wohn­blö­cken sani­täre Anlagen. Einige Straßen gelten nachts als Hort für Pro­sti­tu­ierte und junge Kri­mi­nelle, wäh­rend tags­über das asia­ti­sche Flair die Pro­bleme über­tüncht. Kein Viertel, in dem sich ein Spieler des FC Bar­ce­lona nie­der­lässt. Und doch warten sie hier alle sehn­süchtig darauf, dass sich Ibrahim Afellay, der seit Januar 2011 bei den Kata­lanen spielt, einmal bli­cken lässt. Rachid Ahmi­douch besitzt in Raval in der Carrer de la Lluna (Mond­straße) eine Tee­stube, er würde Afellay nur zu gerne einmal bedienen. Bisher ist er nicht gekommen.

Afellay ist Nie­der­länder. Das unter­scheidet ihn zum Marok­kaner Rachid. Dessen Laden heißt Medina Aza­hara, zu deut­sche Die bril­li­ante Stadt“. Ein Stück Marokko inmitten Bar­ce­lonas. Mehr noch sogar. Es ist eine Hom­mage an das rie­sige Ter­ri­to­rium der Berber, einer Volks­gruppe, deren Popu­la­tion sich im Westen Nord­afrikas über meh­rere Länder streckt, die sich durch die Nut­zung einer Ber­ber­sprache defi­niert. Und hier fängt die Gemein­sam­keit an, wird offen­sicht­lich, wes­wegen Afellay von Rachid, von Raval, ja vom Westen Nord­afrikas Bewun­de­rung ent­ge­gen­schlägt. Der 26-Jäh­rige ist Berber. Doch kein gewöhn­li­cher Berber. Er ist der erste aus seiner Volks­gruppe, der jemals für den FC Bar­ce­lona gespielt hat, einen Verein, der in seiner langem Bestehen schon Spieler ver­schie­denster Natio­na­li­täten auf­ge­nommen hat.

Afellay wurde in Utrecht geboren, im Zen­trum der Nie­der­lande. Seine Eltern stammen aus Al-Hoceima, einer Küs­ten­stadt aus dem Norden Marokkos. Dass er diese Wur­zeln nie­mals ver­gessen hat, stellt Afellay unter Beweis, wann immer er kann. Als er 2007 zum größten Talent der Ere­di­visie gewählt wurde, durfte er ent­scheiden, wo die Johan-Cruyff-Stif­tung einen neuen Fuß­ball­platz bauen soll. Er wählte Al-Hoceima, die Hei­mat­stadt seiner Eltern. Sein Vater hatte diese in den Sech­zi­gern ver­lassen, um in Bar­ce­lona Boxer zu werden. Später zog Afellay senior in die Nie­der­lande. Als Bar­ce­lona 2011 die Cham­pions League gewann, zeigte er den­noch weder ein hol­län­di­sche noch eine marok­ka­ni­sche Fahne. Er prä­sen­tierte die Farben der Berber. Dass er sich für die nie­der­län­di­sche Natio­nal­mann­schaft ent­schieden hat, steht dem nicht im Weg. Ich bin in Hol­land geboren, habe dort meine Bil­dung genossen. Es gab für mich kei­nerlei Zweifel, für Hol­land spielen zu wollen“, so Afellay. Rachid kann dies ver­stehen. Es war den­noch so wichtig für uns zu sehen, dass ein Bar­ce­lona-Spieler seine Wur­zeln, seine Kultur und seine Iden­tität nicht ver­gessen hat“, sagt der Tee­la­den­be­sitzer.

In der ver­gan­genen Saison hatte Afellay seinen Kopf nicht frei genug für einen Besuch in Raval. Zeit genug wäre da gewesen, denn auf dem Platz war er kaum gefor­dert. Doch genau des­halb war für ihn ein Aus­flug undenkbar. Afellay litt an einer Knie­ver­let­zung, die er sich im Sep­tember zuge­zogen hatte. Ein Schlag, der ihn in Bar­ce­lona um Welten zurück­warf und an dem er zu knab­bern hatte. Das zeigte er auch nach außen. Afellay kap­selte sich ab, wollte mit nie­mandem mehr reden, der nicht zu seiner Familie, seinen engsten Freunden oder zum FC Bar­ce­lona gehörte. Dass seine Hei­lung rei­bungslos ver­lief, machte die Sache nur bedingt besser. Von den Ärzten wurde er vor ein paar Wochen zwar als ein­satz­fähig zurück ins Trai­ning geschickt. Für Barca-Trainer Pep Guar­diola stellte jedoch keine ernst­zu­neh­mende Alter­na­tive dar. In den Schlüs­sel­spielen gegen den FC Chelsea und Real Madrid blieb er außen vor.

Die schwie­rige Saison abzu­haken, die feh­lende Spiel­praxis aus der Welt zu schaffen, Selbst­ver­trauen zu tanken – dabei kann Afellay ein Mann helfen: Bert van Mar­wijk. Und der nie­der­län­di­sche Natio­nal­trainer greift dem Rekon­va­les­zenten gerne unter die Arme. Dass Afellay in dieser Saison nur wenige Minuten auf dem Platz stand, inter­es­siert van Mar­wijk herz­lich wenig. Der 26-Jäh­rige ist bei ihm mehr als ein Aus­wech­sel­spieler deluxe, wächst viel­mehr zum Füh­rungs­spieler heran. Ich werde meinen Platz im Natio­nal­team finden“, sagte er bereits vor seiner Ver­let­zung mit großem Selbst­ver­trauen. Dass er es mit den Lands­leuten Johan Cruyff, Ronald Koeman und Patrick Klui­vert, die alle­samt in Bar­ce­lona gespielt haben, in eine Kate­gorie geschafft hat, ver­stärkt diese Hal­tung noch weiter. Das sind alles Spieler mit einer großen Geschichte im nie­der­län­di­schen Fuß­ball. Ich freue mich, dass ich ihnen an die Spitze gefolgt bin.“

Nach den langen Monaten im War­te­stand muss er sich an seine wich­tige Rolle trotzdem erst wieder gewöhnen. In Eind­hoven stellte er einst unter Beweis, dass er eine Mann­schaft führen kann. Beim PSV – dort spielte er von 2004 bis 2010 in der ersten Liga – trug er die Kapi­täns­binde. Ein Leader war er jedoch nur auf dem Platz. Sobald der Schieds­richter das Spiel beendet, ist Afellay kein Laut­spre­cher mehr. Dann wirkt er scheu, gerade im Umgang mit Fern­seh­ka­meras und Jour­na­listen.

Gerade des­halb zwei­felten in den Nie­der­landen von Anfang an viele daran, dass er sich in einem Team durch­setzen kann, in dem Messi, Iniesta Xavi und Villa im Ram­pen­licht stehen. Als Bar­ce­lona im ver­gan­genen Sommer auch noch Fabregas ver­pflich­tete, wurde die Kritik noch lauter. Afellay das jedoch nicht ernst. Ich bin bereit, diesen Schritt zu gehen“, sagte er bei seiner Ankunft. Bar­ce­lona hatte 100 Mil­lionen zur Ver­fü­gung, um neue Spieler zu holen. Dass sie mich aus­ge­wählt haben, ist doch ein gutes Zei­chen.“ Für Afellay musste Bar­ce­lona gerade einmal knapp drei Mil­lionen Euro auf den Tisch legen. Die Ent­schei­dung, zum spie­le­risch besten Team der Welt zu wech­seln, hat er bis heute nicht bereut. Auch wenn ich nicht so viel spiele, wachse ich als Spieler weiter. Jeden Tag mit Jungs wie Messi, Xavi und Iniesta zu trai­nieren bringt dich auto­ma­tisch voran. Ich habe mich in den ersten Monaten in Bar­ce­lona sehr ver­bes­sert.“

Für van Mar­wijk zählt haupt­säch­lich Afel­lays Viel­sei­tig­keit. Er kann offensiv auf beiden Seiten spielen. Hei­misch fühlt er sich aller­dings auf links. Dort kommt beson­ders sein starker Distanz­schuss zur Gel­tung – eine Qua­lität, die er den meisten Bar­ce­lona-Spie­lern voraus hat.

Des­halb drü­cken ihm nicht nur in Raval viele Berber die Daumen. Auch in den Nie­der­landen gibt es spe­zi­elle Rücken­de­ckung für den schnellen Flü­gel­spieler. 180000 junge Marok­kaner leben dort, sie pen­deln dort Tag für Tag zwi­schen zwei Kul­turen hin und her. Afellay hat bewiesen, dass beides geht, dass man in meh­rere Rich­tungen Iden­ti­fi­ka­tion zum Aus­druck bringen kann. Er hat sich hoch gekämpft, von kleinen Plätzen zwi­schen großen Wohn­blocks in Over­vecht, wo die Scouts des PSV Eind­hoven den damals 17-Jäh­rigen ent­deckten, bis hin zum FC Bar­ce­lona. Dort ist sein älterer Bruder Ali an seiner Seite – der Vater starb, als er noch sehr jung war. Als Afellay beim FC Bar­ce­lona prä­sen­tiert wurde, war auch seine Mutter. Dass diese ein Kopf­tuch trug, als ihr Sohn im gla­mou­rösen Camp Nou vor­ge­stellt wurde, hat sich bei den Ber­bern eben­falls ein­ge­prägt.

Edwin Win­kels ist Redak­teur beim Alge­meen Dag­blad. Folgt ihm auf Twitter unter https://​twitter​.com/​e​d​w​i​n​w​i​nkels
Dieser Artikel ist Teil des Guar­dian Netz­werks zur EM 2012, einer Koope­ra­tion zwi­schen 16 Medi­en­or­ga­ni­sa­tionen aus den qua­li­fi­zierten Län­dern.