Stuart Astill, Ende Januar wurden Sie von Not­tingham Forest für ein unglaub­li­ches Jubi­läum geehrt.

Seit dem 29. Sep­tember 1973 habe ich 1500 Liga­spiele von Not­tingham in Folge gesehen. Die ganzen Pokal­spiele habe ich gar nicht gezählt, aber im FA-Cup habe ich seit 1965 kein Spiel mehr ver­passt, im Liga-Pokal seit 1966. Als wir Ende der 70er unter Brian Clough im Euro­pa­pokal spielten, war ich auch immer dabei, wenn man das Welt­pokal-Finale in Tokio mal außen vor lässt. Das konnte ich mir nicht leisten.



Wann haben Sie denn ange­fangen, die Spiele zu zählen?

Ich habe von Anfang an Pro­to­koll geführt und eine Akte für jedes Spiel ange­legt, das ich gesehen habe, egal ob es Forest oder eine andere Mann­schaft war.

Soll das heißen, dass Sie sich auch noch Spiele anderer Mann­schaften ansehen?

Ja. Ich liebe Fuß­ball. Von zwei oder drei Klubs abge­sehen, die neue Sta­dien gebaut haben, kenne ich die Spiel­stätten aller 92 Pro­fi­ver­eine in Eng­land. Und die feh­lenden schaue ich mir auch noch an.

Dann sind Sie also außerdem noch ein Groundhopper?

Ja, das kann man wahr­schein­lich so sagen. Ich sehe mir auch einen Haufen Ama­teur­spiele an.

Darf man fragen, ob Sie ver­hei­ratet sind?

(lacht) Nein, bin ich nicht. Aber ich habe eine Lebens­ge­fährtin, Shirley, die mich ab und zu begleitet. Sie ist zwar nicht ganz so fana­tisch wie ich, kommt aber gerne mit.

Wann haben Sie Ihr erstes Spiel gesehen?

Das erste Not­tingham Forest-Spiel im November 1956, da war ich elf Jahre alt.

Gingen Sie mit Ihrem Vater hin?

Nein, nein. O nein! Mein Vater war ein großer Fan von Derby County, dem Erz-Rivalen von Not­tingham. Er hatte bis zu seinem Tod 1989 eine Dau­er­karte für den Base­ball Ground“, das alte Sta­dion von Derby. Wir lebten ziem­lich genau zwi­schen Not­tingham und Derby.

Aber Sie hatten nie Sym­pa­thien für Derby?

Ich habe schon Spiele von ihnen gesehen. Wenn mein Vater nicht hin­konnte, habe ich seine Dau­er­karte genommen. Wie ich bereits sagte: Ich liebe Fuß­ball. Auch wenn Not­tingham sich irgendwie bei mir durch­setzte.

Wie kam es denn dazu?

Derby County spielte damals in der dritten Liga, Not­tingham in der zweiten um den Auf­stieg. Alle meine Freunde aus der Schule gingen damals zu Not­tingham Forest, weil dort der erfolg­rei­chere Fuß­ball gespielt wurde. Einer der Väter, ein Arbeits­kol­lege meines Vaters, nahm manchmal bis zu sechs Kinder mit zu den Spielen und so sagten sie zu mir: Warum kommt du nicht auch noch mit?“

Und was sagte Ihr Vater dazu?

Der meinte nur: Das ist deine Sache. Aber glaub nicht, dass ich dich begleite. Ich werde keinen Fuß auf die Straße setzen, um Not­tingham zu sehen.“ (lacht)

Ab wann besuchten Sie alle Spiele?

Zunächst ging ich nur gele­gent­lich zu den Heim­spielen, das stei­gerte sich dann mit den Jahren, und als ich 1960 die Schule ver­ließ fuhr ich auch zu Aus­wärts­spielen. Ich habe als Mecha­niker in einer Loko­mo­tiven-Fabrik in Derby gear­beitet. Als Bahn-Mit­ar­beiter bekam ich einen Frei­fahrt­schein, die Reisen kos­teten mich des­wegen nichts. So kam es, dass ich seit 1969 nur ins­ge­samt drei Spiele von Not­tingham ver­passt habe.

Und in all den Jahren waren Sie nie krank?

Doch, aber das hat mich nie abge­halten. Bis auf einmal: Im Dezember 1969 hatte ich eine Leis­ten­ope­ra­tion. Am Freitag kam ich aus dem Kran­ken­haus, aber die Fäden waren noch drin und ich konnte des­wegen nicht reisen. Statt­dessen habe ich mich von einem Freund quasi direkt auf die Tri­büne fahren lassen und mir das Heim­spiel der Reserve ange­sehen.

Was hat Sie bei den anderen Par­tien abge­halten?

Beide Male die Hoch­zeit von Freunden. Ich war bei beiden der Platz­an­weiser in der Kirche – Braut oder Bräu­tigam?“, so stand ich an der Tür und ver­passte die Spiele. 1972 gegen Shef­field und am 22.September 1973 gegen Preston. Eine Woche später, am 29. Sep­tember 1973 begann gegen die Bolton Wan­de­rers meine Serie.

Darf man fragen, ob Sie mit den Hoch­zeits­paaren noch befreundet sind?

(lacht) Oh ja, aller­dings. Mit dem Paar von 1973 waren Shirley und ich erst ges­tern etwas trinken, wir sind immer noch befreundet. Die Braut aus dem Jahr zuvor lässt ohnehin nichts auf mich kommen, weil ich zu ihrer Hoch­zeit gekommen bin. Sie sagt immer: Das werde ich dir nie ver­gessen!“ 

Und sonst konnten Sie immer? Gab es denn nie Pro­bleme in der Arbeit?

Der Fuß­ball stand immer an erster Stelle. Einmal dachte ich aber: jetzt gibt es Ärger. Ich war schon mit­tags gegangen, um es noch zu einem kurz­fristig ange­setzten Wie­der­ho­lungs­spiel in Fulham zu schaffen. Damals gab es im FA-Cup noch kein Elf­me­ter­schießen und wir hatten eine ganze Serie an Wie­der­ho­lungs­spielen, die alle unent­schieden aus­gingen. Am nächsten Morgen wurde ich zum Chef gerufen.

Und was sagte er?

Er sagte: Stuart, die meisten hier sind Eisen­bahner, die in Ihrer Frei­zeit Fuß­ball­fans sind. Du bist ein Fuß­ballfan, der in seiner Frei­zeit bei der Bahn arbeitet. Aber ich bin mit dir zufrieden und die anderen bewun­dern dich dafür. Also mach weiter so!“ Das werde ich nie ver­gessen. Ich war selber total über­rascht.

2002 war Ihre Serie in Gefahr. Der FC Mill­wall ließ zum Spiel gegen Not­tingham aus Sicher­heits­gründen keine Fans der geg­ne­ri­schen Mann­schaft zu.

Mill­wall war noch nie ein beson­ders guter Ort für Aus­wärts­fans, das war schon vor dem Krieg so und hat sich bis heute gehalten. Ins­ge­samt hat sich das Hoo­ligan-Pro­blem ja seit seinem Höhe­punkt in den Sieb­zi­gern stark ver­bes­sert, in Mill­wall aller­dings nicht. Dort musste man wirk­lich gut auf sich auf­passen und etwa darauf achten, sich nicht durch seinen Akzent zu erkennen zu geben. Mill­walls Prä­si­dent Theo Paphitis wollte das Pro­blem lösen, indem er die Fans von sechs Klubs aus­sperrte, dar­unter Not­tingham. Ich wollte das Spiel aber natür­lich unbe­dingt sehen.

Was haben Sie unter­nommen?

Ich war damals schon recht gut mit Michelle Wilson bekannt, die für die Not­tingham Evening Post über Forest berich­tete. Wenn Sie Infor­ma­tionen über Forest braucht, ruft sie meist mich an, und ich schlage dann in meinen Unter­lagen nach. Des­wegen lud die Post mich ein, mit Michelle nach Mill­wall zu fahren und die Sta­tis­tiken zu machen. Ich bekam einen Pres­se­aus­weis, doch leider machte die Redak­tion dann einen Fehler.

Und zwar?

Sie brachten schon vorab einen Bericht dar­über, dass sie mich zu dem Spiel bringen würden. So bekam man in Mill­wall Wind von der Sache und entzog der Not­tingham Evening Post die Akkre­di­tie­rungen. Michelle durfte auch nicht hin.

Mit wel­cher Begrün­dung?

Gar keiner. Aber in einem Inter­view erzählte der Mill­wall-Prä­si­dent, wenn sie mich zuge­lassen hätten, hätte ich für Aus­schrei­tungen sorgen können. Ich war damals 57 Jahre alt.

Wie erlebten Sie die Partie letzt­end­lich?

Not­tingham Forest stellte am Ende einen rie­sigen Bild­schirm im Mit­tel­kreis auf und zeigte das Spiel im City Ground“, es kamen 6000 oder 7000 Zuschauer. Dazu luden sie mich ein und sagten: Zähl das Spiel, du hast alles ver­sucht, und es war nicht deine Schuld“. Das habe ich gemacht.

Hatten Sie ähn­liche Erleb­nisse auch anderswo?

In den acht­ziger Jahren war es bei Luton Town schon einmal ähn­lich. Auch dort sollten nach Aus­schrei­tungen – wieder von Mill­wall – keine Aus­wärts­fans mehr zuge­lassen werden. Des­wegen haben sie für drei Jahre nur noch Karten an Ver­eins­mit­glieder ver­kauft. Aber die ließen wenigs­tens mit sich reden. Vor der Saison bin ich dort hin­ge­fahren, habe mich in der Geschäfts­stelle vor­ge­stellt und meine Situa­tion erklärt.

Mit Erfolg?

Ich sagte: Ich bin ganz ehr­lich zu Euch. Wenn die ein­zige Mög­lich­keit, die Not­tingham-Spiele bei Euch zu sehen, darin besteht, Ver­eins­mit­glied zu werden, dann würde ich das jetzt gerne tun.“ Der Mit­ar­beiter dort war zwar etwas irri­tiert, aber schließ­lich stimmte er zu. So wurde ich für die nächsten drei Jahre Mit­glied von Luton Town. (lacht)

Sie haben unglaub­lich viel erlebt mit Not­tingham: Auf­stiege, Abstiege, Titel­er­folge in der Liga und im FA-Cup und vor allem die beiden Erfolge im Euro­pa­pokal der Lan­des­meister 1979 und 1980. Wel­ches war der schönste Moment?

Als wir 1979 in Mün­chen gegen Malmö gewannen (1:0 im Euro­pacup-Finale, Anm. d. Red.) hatte ich zum ein­zigen Mal in all der Zeit Tränen in den Augen. Noch schöner war aber viel­leicht der Gewinn des Super­cups in der­selben Saison im aus­ver­kauften Camp Nou gegen Bar­ce­lona (den Gewinner des Euro­pa­po­kals der Pokal­sieger, Anm. d. Red.). Für uns war es ein­fach unglaub­lich, dass wir da mit­spielen durften, Euro­pacup kannten wir doch vorher nur aus dem Fern­sehen. Da fällt mir ein, dass ich das zweite Supercup-Finale ein Jahr später ver­passt habe.

Wieso das denn?

Der geplante Char­ter­flug nach Valencia kam nicht zustande, und die ein­zige andere Mög­lich­keit wäre gewesen, Urlaub zu machen und gleich eine ganze Woche in Spa­nien zu bleiben. Aber dadurch hätte ich zwei Liga­spiele ver­passt. Und das war es mir nicht wert.

Was war die schlech­teste Erfah­rung?

Der Abstieg in die dritte Liga 2005. Da sind wir in Sta­dien gelandet, meine Güte… Die waren oft zum ersten Mal wirk­lich voll, weil trotzdem noch so viele Not­tingham-Fans zu Aus­wärts­spielen fuhren.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wün­schen?

Die Rück­kehr in die Pre­mier League, obwohl ich es mir bei den Preisen dort dann wohl nicht mehr leisten könnte, jedes Spiel zu besu­chen. Aber ich glaube ohnehin nicht, dass ich das noch erleben werde, dafür sind wir ein zu kleiner Verein und für die wird es in der Pre­mier League immer schwerer. Ich meine, unser Prä­si­dent ist zwar auch kein armer Mann, aber Chelsea oder Man­chester City spielen noch mal in einer ganz anderen Liga.