Als Wisla Krakau am vor­letzten Sonntag seine 13. Meis­ter­schaft fei­erte, fokus­sierte sich das Inter­esse vor allem auf einen Moment: Maor Melikson, israe­li­scher Natio­nal­spieler in Diensten des frisch­ge­kürten Sie­gers, band sich die blau-weiße Flagge seines Landes, den David­stern, um die Schul­tern und schun­kelte ein­trächtig mit den Fans. Die Szene war des­halb so beacht­lich, weil sie in Polen noch zu Beginn der Rück­runde kaum für mög­lich gehalten wurde. Zu sehr spukte damals noch die Erin­ne­rung an die Ereig­nisse des 28. November 2008 im Kopf herum, an jenen Tag also, als sich bei einem Vor­run­den­spiel des pol­ni­schen Liga­po­kals mal wieder die häss­liche Fratze des Anti­se­mi­tismus gezeigt hatte.

Der Wett­be­werb, weder bei Fans noch bei Ver­einen son­der­lich beliebt und des­halb auch zwei Jahre aus­ge­setzt, sah das Derby zwi­schen Cra­covia und Wisla Krakau vor. Die Stim­mung war auf­ge­laden. In den Ofen, in den Ofen“, platzte es aus den Wisla-Ultras, als ein Cra­covia-Spieler ver­letzt vom Feld getragen wurde. Nach dem müden 0:0 posaunten sie: Immer über euch, ihr beschis­senen Juden.“ Der selt­same Schlachtruf kur­siert seit Jahren unter den Fana­ti­kern des Ver­eins mit dem weißen Stern im Wappen, so beschimpfen sie ihren Lokal­ri­valen.

Es war ein Skandal, der den Ruf der Wisla-Fans end­gültig zemen­tierte als die anti­se­mi­tischsten des Landes, als rechts. Es war ein Skandal, der zur fried­li­chen Meis­ter­feier nicht passen will. Kein Schmäh­ge­sang von den Rängen war zu hören. Auch beim letzten Hei­ligen Krieg“, wie das älteste Derby Polens mar­tia­lisch genannt wird, blieben anti­se­mi­ti­sche Gesänge aus. Dabei sicherte das 1:0 gegen Cra­covia die Meis­ter­schaft vor­zeitig, man erwar­tete wie sonst auch und mehr denn je dumpfe Häme. Statt­dessen gab es Stan­ding Ova­tions für Maor Melikson. Der Israeli hat die Fan­gruppe befriedet, nicht nur, weil er den ent­schei­denden Treffer gegen Cra­covia bei­steu­erte. Seine Leis­tungen auf kon­stant hohem Niveau haben erheb­li­chen Anteil am Titel­ge­winn von Wisla Krakau.

Vor Melikson unein­holbar abge­schlagen

Als Melikson Anfang 2011 zu Wisla wech­selte, stand nicht nur die Tole­ranz der Fans des Klubs im Zweifel. Auch eine sport­lich erfolg­reiche Saison für den Tra­di­ti­ons­verein schien nicht mehr mög­lich. Mit fast unein­hol­baren Vor­sprung star­tete der über­ra­schende Tabel­len­führer Jagiel­lonia Bia­lystok in die Rück­runde, der­weil Wisla Krakau den zweiten per­so­nellen Umbruch inner­halb einer Spiel­zeit durch­lebte. Bereits im Sommer 2010 hatte Klub­eigner Boguslaw Cupiala viele Stamm­kräfte für teures Geld ver­kauft. Weil die Abgänge jedoch nicht durch die Neu­ver­pflich­tungen kom­pen­siert werden konnten, schlug der Verein in der Win­ter­pause nochmal zu auf dem Trans­fer­markt. Fünf neue Spieler holte Stan Valckx, der früher Sport­di­rektor des PSV Eind­hoven, und gab dafür gerade mal 1,2 Mil­lionen Euro weg. Die kost­spie­ligste Neu­ver­pflich­tung dieser Reihe: Maor Melikson. Für 700.000 Euro kam der 26-jäh­rige Mit­tel­feld­spieler vom kleinen israe­li­schen Erst­li­gisten Hapoel Beer Sheva.

Es war ein Wechsel mit Gegen­wind. Die größten Wider­stände gab es indes nicht von Klub­be­sitzer Cupiala, der als lau­nisch und bei sport­li­chem Miss­erfolg auch geizig gilt, son­dern aus Israel. Die Prä­si­dentin von Hapoel Beer Sheva wehrte sich gegen den Ver­kauf ihres besten Spie­lers, die israe­li­sche Presse warnte ein­dring­lich vor den Kra­kauer Fans. Es wurde über das Derby aus dem November 2008 berichtet und über den Tod eines Cra­covia-Fana­ti­kers, den Wisla-Hoo­li­gans im Januar auf bes­tia­li­sche Weise ermor­detet hatten. Die War­nung ver­hallte. Maor Melikson ließ sich nicht beirren und wagte den Sprung an die Weichsel, obwohl ihm beim ersten Liga­spiel gegen Arka Gdingen schon die Beine zit­terten, wie er in einem Inter­view ver­riet: Ich habe noch nie bei Minus 13 Grad gespielt.“ Sein Talent blitzte auch in der Kälte auf. Die pol­ni­sche Presse sparte nicht mit Lob für den Neuen.

Aus posi­tiven Kri­tiken wurde dann, in den fol­genden Wochen, ein regel­rechter Hype, eine Welle der Begeis­te­rung. Melikson hielt sein Ver­spre­chen und wurde mit jedem Spiel und stei­genden Tem­pe­ra­turen besser. Beim 2:0‑Heimerfolg gegen Widzew Lodz legte er ein Solo über das ganze Spiel­feld hin, nur ein Body­check des Tor­warts ver­hin­derte den Tor­er­folg. Lange war es her, dass sowas in pol­ni­schen Sta­dien gesehen wurde. Der Antritt brachte erst den Bei­namen Messi von der Weichsel“ und danach laute Rufe nach einer Nomi­nie­rung für die pol­ni­sche Natio­nal­mann­schaft. Eine Idee, die funk­tio­nieren würde: Melik­sons Mutter wurde im pol­ni­schen Lomza geboren, der Sohn besitzt er seit einigen Monaten den pol­ni­schen Pass. Bisher spielte er nur in der israe­li­schen U‑21 und bei einem Freund­schafts­spiel gegen Uru­guay für Israel. Er wäre spiel­be­rech­tigt für Polen, aller­dings geht die Ten­denz dann doch deut­lich gen Jeru­salem, das machte der Mit­tel­feld­motor deut­lich.

Hom­mage an Hapoel Beer Sheva

Trotz der Absage erfährt er in Polen große Ehren. Maor Melik­sons wurde von der Liga als Neu­ent­de­ckung der Saison“ aus­ge­zeichnet. Die meisten pol­ni­schen Fuß­ball­fans sind damit ein­ver­standen. Der ist zu gut für die Treter in der Natio­nal­mann­schaft“, schrieb kürz­lich ein User im Forum von Onet​.pl, dem größten Inter­net­portal des Landes. Der Hype um Maor Melikson ist auch wichtig für den pol­ni­schen Fuß­ball, weil dieser noch immer mit seinem rechts­ra­di­kalen Image ringt. In einer im April 2011 ver­öf­fent­lichten Studie regis­triert die Orga­ni­sa­tion Nie wieder“ 133 frem­den­feind­liche Vor­fälle in pol­ni­schen Sta­dien zwi­schen Sep­tember 2009 und März 2011. 36 davon hatten einen anti­se­mi­ti­schen Hin­ter­grund. Mit der Melikson-Begeis­te­rung kann diese Zahl viel­leicht weiter fallen. Es kann ein Umdenken ein­setzen, wenn es nicht schon pas­siert ist. Krakau-Fans luden bei You­Tube ein Video hoch, das ihre Kurve zeigt. Die ganze Tri­büne skan­diert Maor Melik­sons Namen. Gewidmet ist die Auf­nahme den Anhän­gern von Hapoel Beer Sheva.