Seite 2: „So könnte ich nicht Fußball spielen“

Michael Zorc
Sieht man ganz genau hin, kann man auf den TV-Bil­dern deut­lich erkennen, wie sich Michael Zorc exakt in jenem Moment, in dem der Sport­schau-Kol­lege fragt, ob Zorc noch hinter Jürgen Klopp als Trainer stehe, beim ruck­ar­tigen skep­ti­schen Hoch­ziehen die rechte Augen­braue aus­ku­gelt. Betrachtet man allein die sport­liche Bilanz, wäre die Frage gar nicht so skurril, jedoch war Klopp in den letzten Jahren derart erfolg­reich mit dem BVB, dass allein das Infra­ge­stellen Klopps irri­tie­render wirkt als ein Gespräch mit Xavier Naidoo über die Ver­fas­sung der BRD. Zorc mahnte zur Gelas­sen­heit und stärkte dem Trainer natür­lich den Rücken. Ande­rer­seits: Sobald die Floskel von der bedin­gungs­losen Rücken­de­ckung“ fällt, kann man ja gemeinhin als Trainer schonmal pro­phy­lak­tisch auf dem Arbeitsamt eine Nummer ziehen.

Sami Allagui
Auf unserem Schrein für ver­lo­rene Traum­tore zün­deten wir heute Morgen per Vol­ley­schuss eine wei­tere Kerze an, in Trauer um Sami Alla­guis Sitz-Fall­rück­zieher gegen Schalke, der leider knapp am Tor vor­bei­strich. Dieser Treffer wäre nicht nur wun­der­schön gewesen, der kleine Mann von der Straße, also wir, hätte sich auch wun­der­voll darin wie­der­finden können. Ein Fall­rück­zieher im Sitzen scheint schließ­lich die ein­zige Form des Fall­rück­zie­hers, die wir viel­leicht auch hin­be­kommen könnten, ohne uns die Band­scheiben aus der Wir­bel­säule zu hebeln.

Peter Stöger/​Roger Schmidt
Wut­ent­brannt rufen wir Skandal“ durch die Redak­tion, essen ein paar Schlaf­ta­bletten, ver­wei­gern uns die Hand­schläge und werfen einen wütenden Blick auf die Wet­ter­karte. Denn: Die Bun­des­liga hat einen neuen Trai­ner­streit. Nach dem Rhein­derby pol­terte Roger Schmidt näm­lich in Rich­tung der Kölner: So könnte ich nicht Fuß­ball spielen, wie Köln heute gespielt hat. Dann wäre ich kein Trainer.“ Der Konter von Peter Stöger ließ nicht lange auf sich warten: Respekt kann man sich auf dem Trans­fer­markt nicht kaufen.“, so der Öster­rei­cher mit Blick auf den finanz­starken Nach­barn. Sofort wurden selige Erin­ne­rungen wach, an Daum gegen Heynckes, Reh­hagel gegen Lattek, Schäfer gegen Daum, Ver­beeck gegen Streich, Topp­möller gegen alle, schnell aber wurde klar, dass der Streit nur ein auf­ge­bauschtes Bou­le­vard-Thema war. Ich habe schon in der ver­gan­genen Woche die sehr gute Arbeit von Peter Stöger wert­ge­schätzt. Ich habe großen Respekt vor dem, was er in Köln leistet.“, schlaf­ta­blet­tete Schmidt schnell und ruderte zurück. Schade. Trotzdem: SKANDAL!“.

Marco Russ
Frank­furts Marco Russ führt ein Dop­pel­leben. Eigent­lich ist er näm­lich gar nicht der Mit­tel­feld-Acker­gaul, der sams­täg­lich über die Plätze der Liga buckelt und mit Sascha-Möl­ders-haftem Arbeits­ethos seiner schmut­zigen Fuß­ball­ma­loche nach­geht. Nein, Russ ist scheinbar auch ein großer, ein ver­kannter Fuß­ball­künstler, der ab und zu eine kleine Sen­sa­tions-Aktion aus dem Hut zau­bert. Vor einigen Wochen zum Bei­spiel sein Win­keltor gegen Schalke, am Sonntag nun ein Wahn­sinns­zu­spiel auf Alex Meier, das in der frühen Frank­furter Füh­rung mün­dete. Ob die Aktion so geplant war, ist indes umstritten. Falls dem so ist, ist Russ aber ein Genie mit der Auf­fas­sungs­gabe eines Schach­groß­meis­ters und der Mensa-Club sollte ihn als Ehren­mit­glied auf­nehmen und irgendwas nach ihm benennen, viel­leicht die Mit­glieds­pässe. Russ hat mit diesem Zuspiel übri­gens, ob gewollt oder nicht, so ganz nebenbei ein ganz neues Pass-Genre erfunden: den Befrei­ungs­schlags-Sen­sa­ti­ons­pass. Bitte mehr davon.

Haris Seferovic
Die wohl emo­tio­nalste Geste des Wochen­endes gehörte indes Russ’ Mann­schafts­ka­merad Haris Seferovic. Der Schweizer Natio­nal­spieler gedachte nach seinem Sieg­treffer zum 2:0 der ver­stor­benen Tugce aus Offen­bach, die unlängst ihre Zivil­cou­rage mit dem Leben hatte bezahlen müssen. Manchmal ver­gisst man im großen Bun­des­liga-Zirkus, dass es weitaus wich­ti­gere Dinge gibt als den Fuß­ball. Seferovic war dies im Moment seines Tri­um­phes sehr bewusst und er erin­nerte ein­drucks­voll daran. Respekt für diese Geste.