Zu sehen ist von der Unter­wan­de­rung noch nichts. Oran­ge­farben sind auf einem Schreib­tisch in der Geschäfts­stelle nur ein paar Apri­kosen. Man spricht weiter deutsch, nicht nie­der­län­disch. Und die Mann­schaft wird wie immer in gelben Tri­kots und nicht in oranje spielen. Aber ansonsten ist Ale­mannia Aachen per­so­nell und struk­tu­rell in vielem auf dem Weg zu Ale­ma­nija Aken.



Erik Meijer, 40, das frü­here Schlacht­ross der Straf­räume, ist seit Früh­jahr neuer Sport­di­rektor. Ex-Profi Eric van der Luer, 44, ist nach erfolg­rei­chem Tun bei Ale­man­nias U‑23 aus der 5. Liga zum Co-Trainer der Profis auf­ge­stiegen. Und der neue Chef­coach Peter Hyballa (vor­mals Borussia Dort­mund A‑Jugend) ist auch Halb­hol­länder: Mein Vater hat als See­manns­pastor im Rot­ter­damer Hafen gear­beitet und da meine Mutter kennen gelernt.“

Sogar der Rasen war hol­län­disch

Die sport­liche Füh­rungs­crew ist nicht alles. Im Mit­ar­bei­ter­stab“, teilt die Pres­se­stelle mit, gebe es wei­teres hol­län­di­sches Blut“: Der Pro­jekt­leiter Sta­di­on­neubau Ste­phan van der Kooi hat einen nie­der­län­di­schen Vater, im Jugend­be­reich arbeiten feder­füh­rend drei Hol­länder. Der Rasen im alten Sta­dion war hol­län­disch, wie auch die gelb-schwarze Bestuh­lung, die man als Aus­schuss­ware vom gleich­far­bigen Nach­barn Roda Kerk­rade (keine 10 km vom Tivoli ent­fernt) über­nahm. Jetzt hat eine nie­der­län­di­sche Firma für die Beschil­de­rung am neuen Tivoli gesorgt.

Auf dem Trai­nings­platz ist es laut, sehr laut. Beide Trainer brüllen sich beim Übungs­match blau gegen rot fast die Kehlen heiser. Hyballa, der mit 34 Jahren jetzt bun­des­weit jüngste Chef­coach: Nicht locken lassen. Inside the block, ver­schieben, pressen, looos.“ Die andere Elf coacht der Co: Blau weg, blue weg. Anlaufen und drauf, drauf, jetzt!“ Hyballa wird am Ende sein Team loben: Gut Jungs, guten Job gemacht“. Die Kibitze sind angetan: Tolle Sachen machen die. Da geht es richtig zur Sache. Und gut zwei Stunden, nicht lahme andert­halb. Typisch hol­län­disch. Das machen die Klubs da alle.“

Trai­ning auf nie­der­län­disch


Ist das so? Wir machen fast alles über Ansprache, über Spiel­formen, Posi­ti­ons­spiel, Pas­spiel, Lauf­wege auch um den Ball herum“, sagt Peter Hyballa, viel Ball­ar­beit, sehr intensiv. Und nicht so deutsch wochen­lang durch den Wald rennen. Wenn das alles typisch nie­der­län­disch ist, bitte.“ Eric van der Luer sieht man­ches zumin­dest typisch undeutsch“. Langes inten­sives Arbeiten mit Ball mache den Spie­lern auch großen Spaß, und die sind nachher müder als nach langen Läufen. Nur merken sie es nicht.“

Hyballa sagt: Die Jungs sollen mit uns, nicht von uns lernen. Heute haben wir zwei Teams intensiv dop­pel­ge­coacht. Manchmal machen wir auch gar nichts. Sollen die Spieler das orga­ni­sieren. Wir beob­achten nur. Und es ist inter­es­sant, wie die das machen, wer zum Leader wird.“ – Typisch deut­sches Denken“ sagt van der Luer, ist zum Bei­spiel: Tor­warte müssen groß sein. Das muss er nicht. Ein Tor­wart muss gut sein und vor allem Fuß­ball spielen können.“ Und dann noch dieser schöne Satz: Ich hab Fuß­baller bekommen und will Men­schen ent­wi­ckeln.“ Dann würden sie womög­lich noch viel bes­sere Fuß­baller.

Ein paar Tage zuvor hatte das Team mit Trai­ner­ge­spann eine Stadt­füh­rung gemacht. Par­allel lief Hol­land-Bra­si­lien. Beim Rat­haus-Emp­fang hat Erik Meijer einen Fern­seher ent­deckt“, sich spontan zu einer Bespre­chung mit dem OB“ abge­meldet und heim­lich die 2. Halb­zeit geguckt. Cotrainer van der Luer latschte mit durch Dom und Kai­ser­saal, ver­zö­gerte den Rund­gang immer wieder durch Stops vor den Kneipen: Wie stehts? Am nächsten Tag trug er eine nie­der­län­di­sche Fan­jacke beim Trai­ning. Und am Tag nach Hol­lands Final­einzug ging Meijer seinen Dienst im Ori­ginal-Oranje-Trikot nach. Die Spieler hatten sich schon nach Uru­guay-Hemden umge­sehen – falls Hol­land raus­ge­flogen wäre, wollten sie am nächsten Morgen rotz­frech in Uru-Shirts trai­nieren.

Achen­bach: Wir lernen jetzt jeden Tag hol­län­disch“


Der hol­län­dischste Verein Deutsch­lands? Erik Meijer winkt erst mal ab: Bei Bayern sind noch mehr Hol­länder.“ Immerhin: der große Ver­gleich steht. Hier an der Grenze liegt es doch nahe. Eric kenne ich lange, den Peter habe ich gefunden. Durch die hol­län­di­sche Mutter spielt sich in seinem Gehirn bestimmt etwas ab: Krea­ti­vität, Offen­heit, offen­sives Denken. Und vom Vater hat er Dis­zi­plin. Wenn ein Mensch deutsch und hol­län­disch kom­bi­niert ist, kommt die beste Mischung heraus.“ Die Spieler sind bis­lang angetan. Thomas Stehle: Alles wird mit Ball gemacht. Prima.“ Timo Achen­bach scherzt: Ja, wir lernen jetzt jeden Tag hol­län­disch.“ Keine Welt- aber immerhin fast die Welt­meis­ter­sprache.

Seit 1989 gibt es eine Ale­mannia-Fan­freund­schaft mit Ehren­di­vi­sionär Kerk­rade, man besucht gegen­seitig die Spiele oder macht eigene Fan­tur­niere. 101 der 9.300 Ale­mannia-Mit­glieder wohnen in den Nie­der­landen, dorthin gehen auch 218 Dau­er­karten, immerhin. Zu den Busi­ness-Part­nern gehört auch eine Hand­voll hol­län­di­scher Firmen. Der Ale­mannia-Archivar erzählt, schon 1963 habe man bei der Bewer­bung um einen der Plätze in der neuen Bun­de­liga her­aus­ge­hoben, dass zum Tivoli auch viele Zuschauer aus Bel­gien und Hol­land kämen“. Ein inter­na­tio­nales Argu­ment, dass damals aller­dings nicht ver­fing.

Die kuli­na­ri­sche Unter­wan­de­rung steht noch aus


Hup Ale­ma­nija hup. Aber noch kein Vla im Kühl­schrank der Geschäfts­telle, keine Salz­la­kritze neben den Rech­nern, kein Schwarzer Afghane im Geheim­fach (ver­si­chern die Mit­ar­beiter jeden­falls). Sport­ma­nager Meijer ver­sucht der­weil kuli­na­risch zu mis­sio­nieren: Mal brachte er, erzählt eine Mit­ar­bei­terin, so einen Zucker­ku­chen mit, mal lagen da Gou­da­häpp­chen, Bit­ter­ballen und einmal dieses ein Meter breite Irgendwas“ – was genau, weiß nie­mand mehr, nur: Scheuß­lich süß sei es gewesen. Das Urteil ins­ge­samt: Naja, gewöh­nungs­be­dürftig.“