Es steht 1:1 in der Ver­län­ge­rung zwi­schen den besten Teams der Pre­mier League, zwi­schen Man­chester United und Arsenal. Zehn Minuten sind noch zu spielen, die letzten zehn eines langen Matches. Ryan Giggs ist erst nach einer Stunde in die Partie gekommen und hat bis­lang nichts Auf­sehen erre­gendes geleistet. Ganz so, als habe er sich seine Kräfte auf­ge­spart für diesen beson­deren Moment. Den Moment, in dem Arse­nals Viera diesen schlam­pigen, unge­nauen Pass direkt vor seine Füße spielt.



Bis zu dieser Minute haben die Zuschauer im Villa Park ein mit­rei­ßendes Spiel gesehen. Ein­Spiel, das schon vor dem Anpfiff his­to­risch war, denn es ist das letzte Wie­der­ho­lungs­spiel in der Geschichte des eng­li­schen Pokal­wett­be­werbs. In Zukunft wird not­falls das Elf­me­ter­schießen eine Ent­schei­dung her­bei­führen.

Im ersten Halb­fi­nale wollte auch nach Ver­län­ge­rung kein Treffer fallen. Jetzt, bei der Fort­set­zung, sorgten die Akteure bereits für ein klas­si­sches Drama. Es gab herr­liche Tore von David Beckham und Dennis Berg­kamp. Eine gelb-rote Karte für Roy Keane, der Over­mars allzu unbe­holfen umgrätschte, Man­chester United nur noch mit zehn Mann auf dem Platz. Und schließ­lich ein Tor von Anelka, das beide Fan­lager jubeln ließ, weil das eine zunächst nicht erkannte, was das andere erleich­terte: die erho­bene Fahne des Lini­en­rich­ters, der Anelka im Abseits gesehen hatte. Einen Elf­meter in der Nach­spiel­zeit für Arsenal, den Berg­kamp plat­ziert ins rechte Eck trat, aber den Peter Schmei­chel mit einem puma­esken Hecht­sprung abwehrte.

Bei den Ski­übungen im Fern­sehen gut hin­ge­schaut

Und dann unter­läuft Viera dieser nahezu unbe­drängte Fehl­pass. Giggs schnappt sich den Ball in der eigenen Hälfte. Er über­quert die Mit­tel­linie. Viera ver­sucht, den Ball zurück­zu­er­obern, wird von Giggs abge­schüt­telt. Sechzig Meter rennt er mit dem Ball, nicht zu stoppen von halb­herzig heran eilenden Ver­tei­di­gern. Zu müde sind sie nach hun­dert Minuten Pokalk­ampf, zu über­rascht, dass aus­ge­rechnet Giggs sich zu solch einer Ener­gie­leis­tung auf­rafft.

Und der hat offenbar bei den Ski­übungs-Sen­dungen im bri­ti­schen Bil­dungs­fern­sehen fleißig mit­ge­macht. Denn er fährt Slalom mit dem Ball. Seine Hüfte kreist beim Solo über den Platz, als trans­por­tiere er nicht nur einen Ball, son­dern auch einen Hula-Hoop-Reifen. Keown und Dixon lassen sich von Giggs wackelndem Becken so ver­wirren, dass sie den Her­an­stür­menden an der Straf­raum­grenze nahezu wider­standslos pas­sieren lassen. Der Waliser schlüpft durch die tor­kelnde Abwehr hin­durch wie eine Fliege durchs Spin­nen­netz. Auch Tony Adams, der schon vielen in seiner Kar­riere weh getan hat, sich selbst mit Drogen, seinen Gegen­spie­lern mit Kno­chen bre­chenden Tack­lings, kommt zu spät.




Seine finale Grät­sche, todes­mutig ein­ge­sprungen, kann nicht ver­hin­dern, dass Giggs aus halb­linker Posi­tion den Ball voll­spann trifft und gänz­lich unhaltbar für Keeper David Seaman oben ins Eck des Arsenal-Tores häm­mert.

Was für ein Tor und was für ein Jubel. Der sonst so besonnen wir­kende Waliser Giggs ist nicht mehr zu halten. Er reißt sich das United-Trikot vom Leib und schwingt es wie ein Lasso über den Kopf. Zum Vor­schein kommt kein selbst­be­maltes Unter­hemd, son­dern eine überaus üppige Brust­be­haa­rung. Und da war er wieder. Der Traum der bri­ti­schen Insu­laner und der Alb­traum Fest­lan­d­eu­ropas: das scheinbar zwang­hafte Zur­schau­stellen des mensch­li­chen Kör­pers in all seinen nicht immer schön anzu­schau­enden Facetten. Bevor Giggs auf­grund der von seinem Tri­kot­wir­beln ver­ur­sachten Luft­zir­ku­la­tion abheben kann, wird er jedoch ein­ge­fangen. Von den Mit­spie­lern. Und von etli­chen Fans, die auf den Platz gerannt sind. Fans, die vor Ekstase auf und ab hüpfen. Wie Old Shat­ter­hand beim glücks- trun­kenen Tanz ums Lager­feuer, weil er zuvor beim Pokern im Saloon einen Tanz mit der Feder-Boa-Lady gewonnen hat.

Giggs’ Tor ist der größte Moment der eng­li­schen Pokal­ge­schichte

In den Tagen danach ist Giggs ein viel­ge­fragter Mann. Das war das schönste Tor meiner Kar­riere“, bilan­ziert er den Lauf. Die Fans liefen aufs Feld, umarmten und küssten mich. Sogar ein paar alte Schul­kol­legen von mir waren dabei.“ Eine hüb­sche Vor­stel­lung. Du erzielst das Tor deines Lebens und zu den ersten Gra­tu­lanten zählt der Typ, dem du im Sport­un­ter­richt Hil­fe­stel­lung am Schwe­be­balken gegeben hast. Pein­lich ist ihm indes seine allzu exta­ti­sche Jubel­pose nach dem Treffer: Schreck­lich, das im Fern­sehen zu sehen. Das mache ich nie wieder.“

Kein Wunder, musste Giggs doch anschlie­ßend mann­schafts­in­tern für so man­chen Witz her­halten. So schreibt David Beckham in seiner Bio­gra­phie, dass Giggs nach dem Treffer auf dem Feld umher­ge­rannt sei wie ein kom­plett Ver­rückter: Wir anderen Spieler haben ihn des­wegen auf­ge­zogen, am meisten wegen seiner Brust­be­haa­rung.“ Die ört­liche Presse fei­erte den Treffer hin­gegen mit typisch bri­ti­scher Beschei­den­heit. Die Dis­kus­sionen drehten sich ledig­lich darum, ob es nun das schönste Tor der Saison“ gewesen sei oder das schönste Tor des FA-Cups“ oder doch bloß das schönste Tor aller Zeiten“. Und nicht nur die Times“ hebt Giggs auf eine Stufe mit den Aller­größten, mit Mara­dona, Pelé oder van Basten.

Und seit dem Mai 2003 ist es sogar amt­lich: Das 2:1 des Wali­sers ist der größte Moment der FA-Cup-Geschichte. Das zumin­dest ergab eine Umfrage eines offi­zi­ellen Spon­sors des Pokal­wett­be­werbs. Fast 20 Pro­zent der etwa 10000 Teil­nehmer votierten für das Tor von Giggs. Dahinter folgten Ricky Villa und Michael Owen. Das legen­däre weiße Pferd von 1923 beim Spiel Bolton gegen West Ham lan­dete auf Platz 10. Mit seinem Solo hatte Giggs das Treble“ von Man­chester United erst mög­lich gemacht. In einer Viel­zahl von unglaub­li­chen Spielen gewann ManU in der Saison 1998/99 Meis­ter­schaft, Pokal und Cham­pions League. Die Anhänger von Liver­pool, Juventus oder Bayern können ein Kla­ge­lied dar­über anstimmen. 

Doch dass der Ruhm im Fuß­ball nicht ewig hält, hat Ryan Giggs am eigenen Leib erfahren: beim Pokal­spiel im Februar 2003 gegen Arsenal im Old Traf­ford. Giggs hat Seaman und Camp­bell aus­ge­spielt, er steht mut­ter­see­len­al­lein vor dem Tor. Eine Chance, die sich selbst ein besof­fener Old Shat­ter­hand nicht ent­gehen lassen würde. Doch Giggs ver­sagen die Nerven er häm­mert den Ball weit über den Kasten. Man­chester ver­liert am Ende mit 0:2. Arsenal-Fans läs­tern anschlie­ßend auf ihrer Inter­net­seite mit dem bezeich­nenden Namen boring-boring-arsenal“: Vom Tor des 20. Jahr­hun­derts zum Fehl­schuss des 21. Jahr­hun­derts. Das muss ihm auch erst einmal jemand nach­ma­chen.


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