Die WM-Zeit haben Sie im Puff ver­bracht, aus beruf­li­chen Gründen. Was konnten Sie dort beob­achten?

Die deut­schen Fans sind tat­säch­lich schwarz-rot-gold kos­tü­miert ins Bor­dell gezogen. Wenn andere Mann­schaften in Berlin gespielt haben, trugen die Kunden halt andere Farben. Er war wirk­lich unglaub­lich, wie viele Männer in dieser Zeit vor­bei­kamen. Die Frauen konnten die Massen in man­cher Nacht gar nicht abfer­tigen. In dem Eta­blis­se­ment, in dem ich für mein Buch Die Ber­liner Orgie“ recher­chiert habe, herrschte Stoß­be­trieb im wahrsten Sinne des Wortes. Die WM war also auch für viele Haupt­stadt-Huren ein Som­mer­mär­chen.

Welche Erfah­rungen haben Sie wäh­rend der WM als Sta­di­on­be­su­cher gemacht?

Ich hatte zu einer Partie ein Buch ein­ge­steckt, das unge­fähr 500 Seiten hatte: Als wir träumten“ von Cle­mens Meyer. Ich durfte das aber nicht mit ins Sta­dion nehmen, weil das angeb­lich zu gefähr­lich war. Die Sicher­heits­kräfte haben Bücher offenbar grund­sätz­lich als Gefähr­dung ein­ge­stuft. So etwas wie mir ist in Deutsch­land wohl das letzte Mal Hein­rich Heine pas­siert.

Was haben Sie gegen solche Sicher­heits­auf­lagen?

Ein bestimmter Exzess gehört zum Fuß­ball ein­fach dazu. Es ist noch lange kein Grund zur Panik, wenn mal ein Flitzer über das Spiel­feld rennt. Mich hat auch genervt, dass auf der Ber­liner Fan-Meile darauf geachtet wurde, dass es nicht zu voll wird. Bei sol­chen Ereig­nissen finde ich ein Gedränge völlig in Ord­nung. Das ist dann zwar nicht fami­li­en­freund­lich, aber gut für den Adre­na­lin­spiegel. Der Fuß­ball sollte sich einen Rest von Risiko bewahren. Man muss mit der sie­ben­jäh­rigen Tochter ja nicht überall hin­gehen können!

Sie waren zu DDR-Zeiten über­zeugter Fan des BFC Dynamo und der DDR-Natio­nal­mann­schaft. Haben Sie mit der einen Mann­schaft die Miss­erfolge der anderen kom­pen­siert?

Leider spielten beide nicht son­der­lich erfolg­reich. Der BFC war zwar in der DDR-Ober­liga immer ganz oben dabei, aber inter­na­tional schei­terte er stets spek­ta­kulär. Er hat es immer wieder geschafft, für zwei Wochen unglaub­liche Hoff­nungen auf­kommen zu lassen, um diese dann doch wieder zu zer­stören. Gegen Werder Bremen haben sie daheim 3:0 gewonnen und aus­wärts 0:5 ver­loren. Oder sie haben beim eng­li­schen Cup-Sieger Not­tingham Forest tri­um­phal 1:0 gesiegt, um dann zu Hause 1:3 unter­zu­gehen. Es war zum Heulen mit dem BFC: Er ist eigent­lich immer zu früh aus­ge­schieden.

Warum haben Sie sich damals nicht ein­fach abge­wandt vom Stasi-Klub?

Man kann sich halt nicht aus­su­chen, von wem man Fan wird. Das kommt irgend­wann ein­fach über einen, genauso wie die sexu­elle Ori­en­tie­rung. In beiden Fällen musst du dein ganzes Leben lang damit leben. Ich habe erst ab der Saison 1984/85 auf­ge­hört, mich für den BFC zu inter­es­sieren. Das war genau zu dem Zeit­punkt, als die plötz­lich nur noch Meister wurden. Da hat mir das Fan­sein keinen Spaß mehr gemacht. Zum Fan­sein gehört schließ­lich auch die Erfah­rung von Nie­der­lagen.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass die Schieds­richter den BFC bevor­zugten?

Ich hatte als Jugend­li­cher noch kein Sen­so­rium dafür. Es ging aber auch nicht nur darum, was die Schieds­richter für den BFC machten, son­dern wie sich die anderen Mann­schaften ent­falten durften, oder viel­mehr, wie sie sich nicht ent­falten durften. Sepp Her­berger hat einmal gesagt: Die Leute gehen zum Fuß­ball, weil sie nicht wissen, wie es aus­geht. Wenn der Meister aber schon vor der Saison fest­steht, wieso sollte man sich dann noch für Fuß­ball inter­es­sieren?

Sie waren den Schieds­rich­tern also kei­nes­wegs dankbar?

Schieds­richter waren für mich immer das selt­same, unsym­pa­thi­sche Neu­trum auf dem Platz. Dass sie auch etwas Inter­es­santes bei­zu­steuern haben, das ist mir erst vor ein paar Jahren klar geworden. Was man als Zuschauer zu sehen bekommt, ist ein Mensch, den alle aus­pfeifen und beschimpfen. Das Beson­dere ist, dass das diesen Men­schen über­haupt nicht juckt und der ein­fach weiter sein Ding durch­zieht, obwohl er viel weniger Geld dafür kriegt als die Profis. Plötz­lich war mir klar: Ich habe es hier mit einem lite­ra­ri­schen Helden zu tun.

Welche beson­dere Posi­tion wird im Fuß­ball vom Schieds­richter besetzt?

Der Fuß­ball ist nach wie vor ein Kosmos, der von Lei­den­schaften regiert wird. Nur die Schieds­richter müssen sich hier immer raus­halten. Die dürfen mit ihren Mei­nungen nicht mal eben so aus der Hüfte schießen, dürfen nicht lau­nisch sein oder gar lei­den­schaft­lich. Die Schieds­richter, denen ich begegnet bin, waren dann auch sehr nüch­terne, tro­ckene und eigent­lich lang­wei­lige Men­schen. Doch sie waren das in einer Welt, wo eigent­lich jeder ein Selbst­dar­steller sein muss, wo jedes Inter­view auf die Gold­waage gelegt wird. Nur Schieds­richter müssen da drüber stehen. Für sie zählt ganz ein­fach nur, wie sie pfeifen.

Heute stehen über 20 Kameras im Sta­dion, dem­nächst gibt es wohl den Chip im Ball – und der Schieds­richter arbeitet weiter mit der Tril­ler­pfeife. Sie lassen Ihren Schieds­richter räso­nieren: Nie­mand hat die Cou­rage, öffent­lich aus­zu­spre­chen, dass eine Tril­ler­pfeife Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, Intel­li­genz, ja, fein­füh­lige Vir­tuo­sität ver­langt.“

Die Schieds­rich­ter­pfeife ist sicher­lich ein Relikt aus einer anderen Zeit, aber das macht eben auch die Schön­heit des Fuß­balls aus. Es kann mit ganz ein­fa­chen Mit­teln eine Klar­heit geschaffen werden. Den Tril­ler­pfei­fen­pfiff, der an und für sich ana­chro­nis­tisch ist, ver­stehen die Spieler und den ver­stehen auch die Zuschauer.

Ihr Buch ist auch eine Schimpf­ka­no­nade gegen die moderne Fuß­ball­welt. Spricht da in diesen Momenten der Autor?

Ja, natür­lich. Im Sta­dion wird man heut­zu­tage die ganze Zeit über mit Wer­bung und Musik zuge­schüttet. Dass der Lärm nicht mehr selbst gemacht ist, ver­leidet mir das Fan­sein immer mehr. Die Fans könnten doch alleine für eine super Sta­di­on­at­mo­sphäre sorgen. Wenn aber über die Laut­spre­cher das Drei­fache an Lärm erzeugt wird, ist das natür­lich demo­ti­vie­rend für die Kurve. Der Sta­di­on­spre­cher dreht ein­fach die Regler hoch, und der ganze Fan-Block ist in den Schatten gestellt. Wenn sich jemand derart die Kon­trolle über das Geschehen unter den Nagel reißt, blutet mir das Herz. Dass es im Sta­dion mitt­ler­weile so abläuft wie in den Soaps mit ein­ge­spielten Lachern, nur hier mit ein­ge­spieltem Lärm, ist eine nicht akzep­table Infan­ti­li­sie­rung.

In Ihrem Buch geht es nicht nur um Schieds­richter und Kom­mer­zia­li­sie­rung: Sie beschreiben auch die Bel­gi­sche Abseits­fal­len­kunst“ wäh­rend der EM 1980, auf immerhin vier Seiten …

Bis in die 70er Jahre hatten die Spieler die Spiel­re­geln ganz anders ver­in­ner­licht. Und diese wurden aus einem Ehren­kodex heraus auch wei­test­ge­hend ein­ge­halten. Irgend­wann kam aber der Punkt, an dem man sich sagte: Wir müssen so spielen, dass es dem Gegner unmög­lich ist, die Spiel­re­geln ein­zu­halten. Der Schieds­richter muss diesen Ver­stoß dann pfeifen, und dieser Pfiff ver­schafft uns einen Vor­teil. In diesem Moment wan­delte sich auch die Rolle des Refe­rees. Der Schieds­richter wurde zum zwölften Mann einer Mann­schaft, ob er wollte oder nicht. Dass er bis heute zum Bestand­teil eines tak­ti­schen Kal­küls gemacht wird, das hat die bel­gi­sche Natio­nal­mann­schaft mit­zu­ver­ant­worten.

Wie haben Sie damals die Ein­füh­rung dieser Defen­siv­va­ri­ante erlebt?

Ich habe die Euro­pa­meis­ter­schaft am Fern­seher ver­folgt und ich musste mit­er­leben, dass die Bel­gier bis ins End­spiel gekommen sind
– allein wegen dieser tak­ti­schen Neue­rung. Vom Leis­tungs­ni­veau her war es eine ins­ge­samt schwache Euro­pa­meis­ter­schaft, und die Spiele mit bel­gi­scher Betei­li­gung waren extrem lang­weilig, weil alle Angriffe im Abseits ste­cken blieben. Trotzdem muss man das bis heute als Sen­sa­tion bezeichnen: Die Bel­gier hatten vor der Euro­pa­meis­ter­schaft tat­säch­lich etwas trai­niert, etwas ein­geübt, auf das die anderen Mann­schaften nicht gefasst waren.

Ein Fazit von Schieds­richter Fertig. Eine Litanei“ lautet: Ein Schieds­richter kann nur durch seine Fehl­leis­tungen unsterb­lich werden.“

Dem gibt es nichts hin­zu­zu­fügen. Ein Schieds­richter kann auf keinen Fall durch seine tadel­lose Leis­tung unsterb­lich werden. Es wird von ihm erwartet, dass er kor­rekt und feh­lerlos pfeift. Über seine Fehl­ent­schei­dungen wird man aller­dings ewig reden. Die Ita­liener werden noch in 20 Jahren davon über­zeugt sein, dass sie 2002 Welt­meister geworden wären, wenn es nicht diesen unsäg­li­chen Schieds­richter im Vier­tel­fi­nale gegeben hätte.

In Deutsch­land gelangte 2005 ein junger Ber­liner Schieds­richter zu grö­ßerer Popu­la­rität …

Robert Hoyzer ist aber nicht durch seine Fehl­leis­tungen berühmt geworden, son­dern durch seine Bestech­lich­keit. Wie sehr er das Bild des Schieds­rich­ters geprägt hat, ist wirk­lich ver­hee­rend. Die anderen Schieds­richter geben sich bis heute aller­größte Mühe, nicht vom Schieds­rich­ter­skandal zu spre­chen, son­dern vom Fuß­ball-Wett­skandal“ und vom ehe­ma­ligen Schieds­richter Hoyzer“.

Inwie­fern war Robert Hoyzer anders gestrickt als seine Kol­legen?

Hoyzer ver­kör­perte einen Men­schen, der genauso kor­rupt war wie wir alle. Ein Schieds­richter darf aber nicht kor­rupt sein wie wir! Das für ihn vor­ge­se­hene Modell sieht anders aus: Ein Schieds­richter wird von 80.000 Men­schen aus­ge­pfiffen, und das soll ihm nichts aus­ma­chen. Hoyzer hat sich nun mal für gewisse Sta­tus­sym­bole inter­es­siert, die an Schieds­rich­tern nor­ma­ler­weise vor­bei­gehen. Er hat sich wie ein nor­maler Mensch ver­halten – und das haben wir ihm übel genommen. Wir wollen ein­fach nicht, dass Schieds­richter so sind wie wir alle. Wir erwarten, dass die Schieds­richter-Kaste etwas Beson­deres leistet.

Macht Ihnen trotz aller modernen Begleit­erschei­nungen der
Sta­di­on­be­such noch Spaß?

Ich fahre hin und wieder ins Olym­pia­sta­dion. Jeder Mann­schaft, die gerade ein Erfolgs­er­lebnis braucht, emp­fehle ich drin­gend, gegen Hertha anzu­treten. In Spiel­be­richten ist über­pro­por­tional oft die Rede davon, dass man ein grot­ten­schlechtes Spiel sah, ein unter­ir­di­sches Spiel. Solche Worte fallen in Bezug auf Hertha immer. Sie sind ein­fach nicht in der Lage, schönen Fuß­ball zu spielen. Unter Hans Meyer war das bei ein paar Spielen anders, auch bei Falko Götz hin und wieder. Grund­sätz­lich kann man aber sagen: Hertha-Spiele sind genau jene, über die die Zei­tungen hin­terher schreiben: Der Schieds­richter war der beste Mann auf dem Platz.“

Ein anderes Pro­blem: Die Hertha ist 18 Jahre nach dem Mau­er­fall immer noch ein Verein für West-Berlin, nur jedes fünfte Mit­glied kommt aus dem Osten.

Hertha ist zwar schon länger die beste Ber­liner Mann­schaft, aber es ist so, dass viele Ostler ab einem bestimmten Alter nichts Neues mehr annehmen. Unsere Stars von damals sind auch unsere heu­tigen Stars. Wir reden immer noch von Hansi Krei­sche oder Achim Streich, obwohl sie nie bei einem Ber­liner Verein gespielt haben. Dass sie eine bestimmte Kli­entel von Ost­lern nicht errei­chen, ist nicht nur ein Pro­blem der Hertha, son­dern auch der Lite­ratur: Mein Freund Chris­toph Peters, ein sehr guter Autor aus dem Westen, hat bis jetzt 150 Lesungen absol­viert, nur eine ein­zige davon im Osten.

Und was ist mit den Hin­zu­ge­zo­genen, zum Bei­spiel am Prenz­lauer Berg, wo auch Sie leben?

Die Exi­lanten hegen größ­ten­teils rich­tige Anti­pa­thien gegen­über der Hertha … Hertha ver­kör­pert halt eher das Bier sau­fende Moabit als den Frei­geist eines SC Frei­burg. Der Klub ist auch nicht so kultig wie der FC St. Pauli und steht nicht für einen schönen und begeis­ternden Fuß­ball. Warum sollte also einer, der aus Hessen oder Baden-Würt­tem­berg nach Berlin zieht, für Hertha sein? Es ist aller­dings auch nicht unbe­dingt das typi­sche Sta­di­on­pu­blikum, das mitt­ler­weile am Prenz­lauer Berg wohnt.

Ist der dor­tige Kinder-Boom viel­leicht die letzte Hoff­nung für die Zukunft von Hertha BSC?

Mög­li­cher­weise, aber bis jetzt sehe ich am Prenz­lauer Berg noch keine Kinder mit Hertha-T-Shirts her­um­laufen. Wenn man bedenkt, was die Mann­schaft dem Publikum so zumutet, ist es eigent­lich erstaun­lich, dass die Spiele immer noch so gut besucht sind. Wenn an jedem Spieltag 20.000 Zuschauer weniger da wären, dann würde das den Gegen­wert besser wider­spie­geln.

Chris­tian Ulmen hat Dieter Hoeneß vor­ge­schlagen, dass Seeed die neue Sta­di­on­hymne schreiben sollten, anstelle des ewigen Frank Zander. Wäre das ein mög­li­cher Ansatz?

(lacht) Ähem, ich bin mir nicht mal sicher, dass Hoeneß Seeed kennt …

Werden Sie noch mit­er­leben, wie er mit der Schale durch Berlin fährt?

Mit Dieter Hoeneß kann ich mir das nicht vor­stellen. Und ob ich Hertha einmal als Meister erleben werde, bezweifle ich stark. Ich bin ja mitt­ler­weile auch schon 42 Jahre alt.