Markus Hör­wick, die Saison neigt sich dem Ende zu, bei allen Betei­ligten steigt die Ner­vo­sität, man­cher­orts liegen die Nerven gar blank. War das auch für Sie wäh­rend Ihrer Zeit als Pres­se­spre­cher beim FC Bayern Mün­chen immer die anstren­gendste Zeit?
Ja, auf jeden Fall. Im Februar kannst du noch ver­lo­rene Punkte auf­holen, jetzt kaum mehr. Kopf und Körper befinden sich im roten Bereich – das gilt nicht nur für die Spieler, son­dern für viele im Klub. Die Saison war lange, auch für die Jour­na­listen – die haben auch sehr, sehr viel geleistet, waren per­ma­nent unter­wegs, haben unzäh­lige Geschichten geschrieben. Das alles kann dazu führen, dass Dinge, über die vor ein paar Wochen noch geschmun­zelt worden wäre, am Ende der Saison zu auf­ge­regten Dis­kus­sionen und einem echten Pro­blem werden.

Beson­ders im Fokus stehen die Trainer.
Das kommt nicht von unge­fähr. Ein Trainer ist im Tages­ge­schäft eines Ver­eins der wich­tigste Mann. Ihm wird das Kapital des Klubs, die Spieler, anver­traut. Der Trainer kann das Kapital maxi­mieren, indem er die Spieler besser macht. Er kann es aber auch mini­mieren. Es gibt im Verein nie­manden, auf dem im Tages­ge­schäft so viel Druck lastet wie auf dem Trainer. Er wird für alles ver­ant­wort­lich gemacht. Wenn der Tor­jäger in der 85. Minute nicht trifft, ist das Pech. Wenn er im nächsten Spiel wieder eine 100-pro­zen­tige Chance ver­gibt, heißt es, die Mann­schaft kann unter dem aktu­ellen Trainer ein­fach nicht mehr gewinnen. In einer sol­chen Situa­tion wird der Trainer dann auch ganz schnell zum ein­samsten Men­schen im Verein.

Was ist die größte Auf­gabe, die Kern­kom­pe­tenz eines Trai­ners?
Eine Truppe von 22 oder mehr Indi­vi­dua­listen zusam­men­zu­führen, Team­spirit zu kre­ieren. Dafür braucht es Erfah­rung, Men­schen­kenntnis und Empa­thie. Im deut­schen Pro­fi­fuß­ball haben wir in den letzten Jahren in der Trai­ner­frage einen wahren Jugend­wahn erlebt. Je jünger ein Trainer, desto besser ist er, hatte man das Gefühl. Ich habe den Ein­druck, dass die Bewe­gung inzwi­schen wieder kippt. Man erkennt zuneh­mend, was erfah­rene Trainer leisten, wie wichtig Erfah­rung in diesem Job ist. Die jungen Trainer von heute sind sicher inten­siver aus­ge­bildet als die Ver­treter der älteren Genera­tion. Aber die Erfah­rung ist ein uner­setz­li­cher Schatz, beson­ders im Umgang mit Spie­lern, die auf der Bank oder gar auf der Tri­büne sitzen. Ich habe von einem Psy­cho­logie-Pro­fessor einmal den Satz gehört: Füh­rung ist das Manage­ment von Ent­täu­schung.

Wel­cher Trainer beim FC Bayern war aus Ihrer Sicht auf diesem Gebiet am besten?
Da muss ich zwei Namen nennen: Ottmar Hitz­feld und Jupp Heynckes. Beide haben es geschafft, zum Bei­spiel auch nach dra­ma­tisch ver­lo­renen Cham­pions League-Final­spielen doch noch den Titel in der euro­päi­schen Königs­klasse zu holen. Ottmar Hitz­feld 1999 nach der Nie­der­lage in der Nach­spiel­zeit gegen Man­chester United, Jupp Heynckes nach dem ver­lo­renen Elf­me­ter­schießen gegen Chelsea im Finale Dahoam“ 2012. Eine Mann­schaft kann an zwei in dieser Art ver­lo­renen End­spielen kaputt gehen. Sowohl Dietmar Hitz­feld als auch Jupp Heynckes haben es dagegen mit viel Kraft­auf­wand und mensch­li­chem Ein­füh­lungs­ver­mögen geschafft, die Ent­täu­schung in posi­tive Energie umzu­wan­deln.

Han­no­vers Trainer Thomas Doll hat zuletzt beklagt, dass der Stel­len­wert des Trai­ners in Deutsch­land nied­riger als anderswo sei. Sehen Sie das auch so?
Es macht den Anschein, ja. In Eng­land ist der Trainer der Boss, in Ita­lien der Mister – das sagt schon viel aus. Auf jeden Fall hatte ein Trainer in Deutsch­land früher einen anderen Stel­len­wert als heute, er war eine abso­lute Auto­ri­täts­person. Denken Sie an Udo Lattek, Otto Reh­hagel, Franz Becken­bauer, Felix Magath. Dass sich das geän­dert hat, hat sicher auch mit der Medi­en­land­schaft zu tun, die sich in den ver­gan­genen zehn Jahren extrem gewan­delt hat. Aber es hat sich auch sonst viel getan. Ein Ottmar Hitz­feld hatte einen Co-Trainer, einen Tor­wart­trainer, einen Fit­ness­trainer und noch zwei Phy­sios in seinem Team. Heute hat jeder Coach einen Staff mit 15, 20 Leuten, vom Video­ana­lysten bis zum Ernäh­rungs­be­rater – mit all denen muss der Chef­trainer kom­mu­ni­zieren. Das kostet zusätz­lich Zeit und Energie. Sein Auf­ga­ben­feld ist viel, viel größer geworden.

Der Trainer muss auch mit den Jour­na­listen kom­mu­ni­zieren. Wie wichtig ist die Medi­en­ar­beit?
Eigent­lich hat der Trainer gar keine Zeit dafür, ange­sichts all der anderen Dinge, um die er sich küm­mern muss und für die er letzt­lich ver­ant­wort­lich ist. Aber Medien- und Öffent­lich­keits­ar­beit ist enorm wichtig und sie wird immer noch wich­tiger. Wir leben in einem Medi­en­zeit­alter. Im deut­schen Fuß­ball geht man da einen anderen Weg als in Eng­land, Spa­nien oder Ita­lien. Dort schotten sich die Klubs total ab. Es gibt keine Pres­se­runden, wenig Pres­se­kon­fe­renzen. Man kämpft täg­lich eher gegen­ein­ander. In Deutsch­land ist im Großen und Ganzen das Ver­hältnis zwi­schen den Pres­se­ver­tre­tern und den Ver­einen noch okay – natür­lich gibt es auch mal Zoff. Aber dann ist es auch wieder gut. Eine nicht unwich­tige Rolle spielen dabei die Pres­se­spre­cher. Ich selbst habe mich dabei immer als Dienst­leister und Kom­mu­ni­kator, vor allem aber als Mediator zwi­schen allen Par­teien gesehen – für die Pres­se­ver­treter, aber auch für die Leute im eigenen Verein.