Als das Spiel vorbei ist, stehen die beiden Männer nur wenige Meter von­ein­ander ent­fernt, und doch scheint es, als stammten sie von unter­schied­li­chen Pla­neten. Der eine ist jung, sorgsam fri­siert und trägt eine Krone auf dem Kopf. Obwohl er gewonnen hat, wirkt er eher erleich­tert als glück­lich. Der andere ist älter an der Grenze zu alt, er hat keine Frisur im engeren Sinne, schwitzt und trägt ein aus­ge­lei­ertes T‑Shirt, unter dem sich ein amt­li­cher Bauch abzeichnet. Obwohl er ver­loren hat, strahlt er und sagt in das sich ihm ent­gegen stre­ckende Fern­seh­mi­krofon: Sehen Sie mich weinen? Ich lache die ganze Zeit.“

Horst Hru­besch und Neymar, das sind nicht nur mehr als 40 Jahre Fuß­ball­ge­schichte, son­dern auch eine Frage: Ist das noch die gleiche Sportart? Dort der Mil­lio­nen­mann, fra­gile Melkkuh einer glo­balen Spon­so­ren­schaft. Hier der Mann der alten Schule, pas­sio­nierte Angler und empa­thi­sche Fels in der Bran­dung, über den sein Spieler Max Meyer sagt: Der Trainer ist wie ein Vater. Wir wollten ihm Gold schenken, aber das hat leider nicht geklappt.“

Rup­piger Charme und gütige Auto­rität

Und damit ist auch schon die Frage beant­wortet, ob die moderne Fuß­ball­welt zu klein für Neymar UND Horst Hru­besch ist. Denn bei der aktu­ellen Spiel­er­ge­nera­tion kommt das kan­tige Kopf­bal­lun­ge­heuer a.D. glän­zend an, sie liebt seinen rup­pigen Charme und die gütige Auto­rität. Zumin­dest gilt das für jenes deut­sche Team, gegen das Neymar an diesem Abend gespielt hat. Was der Super­star selbst von einem Trainer Hru­besch halten würde, ist nicht bekannt, es wäre aber ein inter­es­santes Expe­ri­ment.

Dass das bra­si­lia­ni­sche Wun­der­kind und der deut­sche Trai­neropa im End­spiel auf­ein­an­der­treffen würden, war im Vor­feld des Olym­pi­schen Fuß­ball­tur­niers nicht abzu­sehen gewesen. Wäh­rend das Tur­nier im Gast­ge­ber­land geho­bene Prio­rität genoss, allein schon um das Trauma der Heim-WM zwei Jahre zuvor zu über­winden, tele­fo­nierte sich DFB-Sport­di­rektor Hansi Flick bei den meist wenig koope­ra­tiven Klubs die Finger wund, um eine halb­wegs schlag­kräf­tige Truppe zusam­men­zu­be­kommen. Das Ergebnis war eine Mischung aus B‑Nationalspielern und hoff­nungs­vollen Talenten, die noch auf den ganz großen Durch­bruch warten, mit anderen Worten: ein Mann­schaft, bei der man froh sein durfte, wenn sie nicht schon in der Vor­runde raus­flog.

Der Bus fährt halb zwei. Seht zu, dass ihr vorher was Ordent­li­ches esst.“

Dann aber kam Hru­besch. Der jam­merte nicht, son­dern nahm den Kader so wie er war (und schenkte ihm sein Ver­trauen). Ver­zich­tete ach­sel­zu­ckend auf eine aus­führ­liche Vor­be­rei­tung, son­dern ver­legte das Ein­spielen kur­zer­hand in die Grup­pen­phase. Sagte Sätze wie: Der Bus fährt halb zwei. Seht zu, dass ihr vorher was Ordent­li­ches esst.“ Also all das, was man im modernen Pro­fi­fuß­ball NICHT macht. Dass man auch damit ins Finale eines großen Tur­niers kommen kann, ist viel­leicht die schönste Pointe des Fuß­ball­jahrs 2016.

Dort also Deutsch­land gegen Bra­si­lien. Horst gegen Neymar. Am Ende ent­scheidet ein letzter Elf­meter, ver­wan­delt vom Gold­jungen per­sön­lich, womit der Gast­geber immerhin ein biss­chen sein Trauma vom schreck­li­chen 1:7 im WM-Halb­fi­nale 2014 über­wunden hat. Der­weil in Deutsch­land die Fuß­ball­ro­man­tiker vor den Bild­schirmen sitzen und sich dar­über freuen, dass ihnen Horst Hru­besch den unter der Last des vielen Geldes äch­zenden Glauben ans Spiel zurück­ge­geben hat, zumin­dest für einen Abend. Danach ist der Mann ver­mut­lich zum Angeln gefahren.