So ein Fuß­ball­ex­perte hat’s schwer. Ständig muss er Thesen auf­stellen und Pro­gnosen machen. Er spe­ku­liert sich in Talk­shows den Mund fus­selig und schreibt das Internet mit seinem Geheim­wissen voll. Thiago, der ver­gan­gene Woche zum FC Liver­pool gewech­selt war, wird den Bayern an allen Ecken und Enden fehlen. Da waren sich viele Experten einig.

Und dann das!

Am Frei­tag­abend gewann der FC Bayern 8:0 gegen Schalke. Joshua Kim­mich spielte 66 Pässe, von denen 64 bei einem Mit­spieler lan­deten (97 Pro­zent). Er gab zwei Tor­vor­lagen und zwei Tor­schuss­vor­lagen. Leon Goretzka, sein Partner im Mit­tel­feld, schoss ein Tor und hatte eine Pass­quote von 89 Pro­zent. Dass Thiago an allen Ecken und Ende fehlt, scheint nach diesem Spiel eine gewagte These zu sein.

Fai­rer­weise muss man sagen, dass Vor­her­sagen im Fuß­ball zur schwie­rigsten Dis­zi­plin gehören. Und sicher, es ist gerade mal ein Spieltag vorbei, also gemach, gemach. Thiagos Fehlen wird viel­leicht erst auf­fallen, wenn die Bayern nicht gegen Schalke spielen, son­dern gegen Man­chester City oder Borussia Dort­mund oder zumin­dest gegen eine Mann­schaft, die schon zwei, dreimal gegen einen Fuß­ball getreten hat.

Außerdem hätte dieser Text genauso gut mit Mehmet Scholl anfangen können, der in der Bild“-Zeitung sagte, dass Thiago ihm nicht als Bayern-Gen-Experte in Erin­ne­rung“ sei. Was wie­derum impli­zierte, dass er ein Experte in Sachen Bayern-Gen sei.

Und ja, auch in Spa­nien kri­ti­sierten soge­nannte Experten oft, Thiago spiele zu viel für die Galerie, Pfau“ nannten ihn die Fans des FC Bar­ce­lona mal. Er galt als einer, der einen Hang zum Leicht­sinn hatte. In Deutsch­land gibt es dafür das Wort Schön­spieler“, und es ist eher negativ besetzt. Dabei könnte man sich durchaus glück­lich schätzen, jemanden zu haben, der schön Fuß­ball spielen kann. Aber in der Bun­des­liga ist das ein wenig anders, denn hier ist es immer auch wichtig, dass man den Geist von Horst-Dieter Höttges und Helmut Rahner atmet. 

Wir brau­chen Spieler, die in wich­tigen Spielen über­ra­gend sind, nicht nur gegen Pader­born“

Uli Hoeneß

Also, dürfen die Bayern nun froh dar­über sein, dass Thiago weg ist? Oder werden sie wei­terhin täg­lich eine Bade­wanne voll­weinen, so wie es Karl-Heinz Rum­me­nigge gerade tut (und allen davon erzählt)?

Thiago war viele Jahre das, was man im Fuß­ball ein Ver­spre­chen“ nennt. Ein Spieler, der eine Mann­schaft in eine neue Ära führen kann. Der dazu noch seine Mit­spieler auf das nächste Level hievt. Der die großen Spiele gewinnt, nicht alleine, aber zumin­dest als zen­trale Figur. Ein Unter­schied­spieler. Pep Guar­diola wollte ihn 2013 unbe­dingt haben, also bekam er ihn („Thiago oder nix“). Was ist in Erin­ne­rung aus seinen ersten Jahren? Das Spiel gegen den VfB Stutt­gart, als er in der Nach­spiel­zeit per Seit­fall­zieher zum 2:1 traf. Sein Traum­pass auf Arjen Robben, als die Bayern 3:0 beim BVB gewannen. No-Look-Pässe auf Thomas Müller oder töd­liche Pässe auf Robert Lewan­dowski.

Aber auch die Trau­rig­keit in seinem Gesicht, wenn er sich wieder mal am Innen­band ver­letzt hatte. Warum immer ich?“, sagte er mal. Und natür­lich das Cham­pions-League-Halb­fi­nale 2016, als er sich von Atle­tico Madrids Saúl aus­tanzen ließ, der das Siegtor schoss. Karl-Heinz Rum­me­nigge, so viel scheint sicher, hätte ihm damals keine Träne nach­ge­weint. Stock­nüch­tern kon­sta­tierte er: Wir planen weiter mit ihm. Wobei ich sagen muss, dass wir sehr viele Mit­tel­feld­spieler im Kader haben.“ Und Uli Hoeneß nannte zwar keine Namen, aber jeder wusste, wem diese Spitze galt: Wir brau­chen Spieler, die in wich­tigen Spielen über­ra­gend sind, nicht nur gegen Pader­born.“