Marco Bre­scia­nini hat mein Herz gebro­chen. 2019 hatte ich ihn aus der A‑Jugend vom AC Mai­land zum VfL Bochum geholt, erst zur Leihe über zwei Jahre, danach ver­pflich­tete ich ihn zum Spott­preis fest. Gemeinsam schafften wir den Auf­stieg in die Bun­des­liga, wurden Pokal­sieger, kegelten in der Europa League den FC Arsenal aus dem Ach­tel­fi­nale und erkämpften uns in der Grup­pen­phase der Cham­pions League zwei Unent­schieden gegen den FC Bar­ce­lona. Dann, 2025, wurden wir tat­säch­lich Deut­scher Meister. Marco als mein Kapitän und ver­län­gerter Arm auf dem Spiel­feld, ich als tak­ti­sches Mas­ter­mind und uner­müd­li­cher Moti­vator an der Sei­ten­linie.

Der Höhe­punkt unseres Schaf­fens konnte das frei­lich noch lange nicht gewesen sein, mit den nun neuen, für Bochumer Ver­hält­nisse unbe­grenzten finan­zi­ellen Mög­lich­keiten, strebte ich nach Höherem. Ich wollte den Hen­kel­pott. Die Mann­schaft wollte den Hen­kel­pott, der Verein, ja, ganz sicher, die gesamte Region wollte den Cham­pions-League-Sieg. Dann kam Real Madrid. Und traf mich da, wo ich am ver­wund­barsten war. Die Spa­nier ver­führten Marco, lockten ihn mit dem ganz großen Geld in ihre Haupt­stadt und nahmen dem VfL und mir die Leit­figur der ver­gan­genen Erfolge. Dass ich satte 55 Mil­lionen Euro Ablöse ein­strich, konnte den Schmerz dieses Ver­lusts nicht auf­wiegen. Ohne mit der Wimper zu zucken, hatte Marco mir den Rücken gekehrt, sich von den Malo­chern zu den Moneten abge­wandt und mich in den Trüm­mern unseres gemein­samen Erfolges zurück­ge­lassen.

In Eigen­regie zum Welt­trainer

Eigent­lich kenne ich Marco Bre­scia­nini gar nicht. Ich habe ihn nie spielen sehen. Dass er im Moment von Milan an Cosenza Calcio ver­liehen ist, weiß ich nur aus dem Internet. Und trotzdem spüre ich eine emo­tio­nale Ver­bun­den­heit zu ihm, wie sie so oder so ähn­lich wahr­schein­lich viele andere meiner Art mit anderen Spie­lern erlebten, nachdem sie sich vom Foot­ball Manager in einen Bann haben ziehen lassen. Seit 2004 ver­öf­fent­licht Sega jähr­lich einen neuen Teil der Video­spiel­reihe. Vir­tuell können Spieler in die Rolle des Trai­ners und Mana­gers ein­tau­chen und Ver­eine durch die Saison leiten.

Sich in den Bann eines Com­pu­ter­spiels ziehen zu lassen, das klingt jeden­falls bescheuert und doch beschreibt es sehr genau, was pas­siert, wenn man sich auf diese Reise ein­lässt. Dabei ist das stärkste Ver­kaufs­ar­gu­ment beim Foot­ball Manager nicht einmal die pro­gres­sive Grafik, das inno­va­tive Game­play oder die bahn­bre­chende Story. Die Ani­ma­tionen sind maximal rudi­mentär gehalten und von der Partie selbst lässt man sich im Regel­fall sowieso nur die Höhe­punkte zeigen. Das Game­play beschränkt sich auf einige wenige Hand­griffe, bei denen man sich mit seiner Maus über den Bild­schirm klickt. Die Sto­ry­line gibt man selbst vor. Eine vom Ent­wickler aus­ge­dachte und vor­ge­schrie­bene Hel­den­ge­schichte, in der es sich durch ein­zelne Level zu spielen gilt, exis­tiert nicht, statt­dessen ist Eigen­regie gefragt.

Unend­liche Detail­tiefe

Genau das ist aber das Schöne daran. Der Spieler ist sein eigener Herr, nur er selbst hat in der Hand, wo die Reise hin­gehen soll. Es gibt nicht den einen Weg in den Fuß­ball-Olymp, es gibt keine rich­tige oder fal­sche Art, dieses Spiel zu spielen. Ob als arbeits­loser Trainer, der ohne jede Erfah­rung und Lizenz beginnt und sich über die Jahre von Verein zu Verein han­gelt, ob als Retter des hoff­nungslos ver­schul­deten, ins Nim­mer­land des Ama­teur­fuß­balls abge­stürzten Tra­di­ti­ons­ver­eins oder als Sama­riter, der Schalke 04 auch mal zu einer deut­schen Meis­ter­schaft ver­helfen will. Den Mög­lich­keiten sind hier kaum Grenzen gesetzt.

In einer Detail­tiefe, die ins Unend­liche zu ragen scheint, wird der Spieler am Rechner zu einem wirk­lich Fuß­ball­ma­nager und muss sich des­halb auch genau mit den Fragen aus­ein­an­der­setzen, die die realen Vor­bilder im echten Pro­fi­fuß­ball beschäf­tigen. Der inter­na­tional umwor­bene Star­spieler soll seinen Ver­trag ver­län­gern? Da muss für ihn schon ein ordent­li­cher Loya­li­täts­bonus her­aus­springen, auch die Ersatz­spie­ler­prämie darf nicht zu gering aus­fallen, von der Bera­ter­ge­bühr ganz zu schweigen. Der Verein strebt nach Jahren der Mit­tel­mä­ßig­keit nach den großen Titeln, kann finan­ziell mit der obersten Etage des Welt­fuß­balls aber eigent­lich nicht mit­halten? Dann braucht es eben einen Scout, der sich in den ent­le­gensten Ecken Süd­ame­rikas aus­kennt und die dort ver­bor­genen Talente aus­gräbt. Die Mann­schaft steht defensiv zwar sicher, ent­wi­ckelt aber aus dem Mit­tel­feld heraus zu wenig Tor­ge­fahr? Viel­leicht kommt der Box-to-Box-Spieler in Zukunft doch besser in einer anderen Rolle zum Ein­satz und ver­stärkt aus der Tiefe heraus die Offen­sive.