Ein Sonntag in Accra ist noch ein rich­tiger Sonntag. Die Geschäfte in der Haupt­stadt Ghanas haben zu, die Men­schen gehen zur Kirche und haben keine Zeit für Jour­na­listen. Ich kann jetzt nicht, ich wasch’ mir gerade die Haare“, schreit Samy Kuf­four ins Telefon, als ich ihn frage, ob wir uns nicht viel­leicht auf einen Kaffee treffen können.

Lustig, dass der ehe­ma­lige Cham­pions-League-Sieger des FC Bayern immer noch einen baye­ri­schen Akzent hat. Immerhin darf ich ihn aber anrufen, wenn er mit gewa­schenem Haar vom Got­tes­dienst zurück ist. Jetzt ist die Mama da, heute geht gar nichts“, schreit er danach aller­dings ins Telefon. Warum schreit er nur so? Am nächsten Tag kann Kuf­four auch nicht, da fliegt er nach Johan­nes­burg, wo er Experte für die Cham­pions League ist. Die euro­päi­sche natür­lich.

Nun gut, ich kann ihm keinen Vor­wurf machen. Irgendwie waren unsere Tele­fo­nate, die ich noch von Deutsch­land aus mit ihm geführt hatte, stets in irgend­wel­chen Funk­lö­chern ver­sandet. Er wusste so wohl weder, wer ihn ange­rufen hatte, noch dass wir was aus­ge­macht hatten.

Prima also, dass ich mit dem Pres­se­spre­cher der gha­nai­schen Fuß­ball­ver­bandes eine Fülle von Mails aus­ge­tauscht und auch am hei­ligen Sonntag noch einmal gespro­chen hatte. Ich solle ein­fach mon­tags ins Büro kommen, dann würde ich mit dem Natio­nal­trainer über die Aus­sichten Ghanas bei der WM in Bra­si­lien und das Spiel gegen Deutsch­land spre­chen können. So schlug ich voller Vor­freude um Neun im Haupt­quar­tier der gha­nai­schen Fuß­ball­ver­bandes auf, wo die Pres­se­ab­tei­lung eine, wie ich in diesem Moment hätte miss­trau­isch rea­li­sieren müssen, ziem­liche Rand­exis­tenz in ver­win­kelten Mini­räumen eines Neben­ge­bäudes spielte.

Wo bleibt der Natio­nal­trainer?

Aber nett war es. Läs­siges Abhängen von drei Typen, die vage Eifer simu­lie­rend vorm Com­puter hingen und für jeden Schwatz zu haben waren. Der Pres­se­spre­cher zeigte mir nebenbei, wie Pres­se­ar­beit geht. Ständig klin­gelte sein Handy, und er zeigte mir, welche der unge­fähr 30 Radio­sta­tionen des Landes was wissen wollten. Dann drückte er sie weg und grinste. Ich fand diese Form des Jour­na­lis­ten­quä­lens inter­es­sant, wollte nach andert­halb Stunden aber doch mal wissen, wann der Natio­nal­trainer kommen würde. Der Pres­se­spre­cher hob die Arme und sagte fei­er­lich: Your pati­ence will not far be stret­ched.“ Toll, meine Geduld sollte nicht mehr lange stra­pa­ziert werden, und zum Zei­chen seines guten Wil­lens schickte der Jour­na­lis­ten­quäler einen Kol­legen zum Zimmer des Trai­ners.

Der war aber nicht da, dafür betrat aber der Mann­schafts­arzt den Kabuff. Ein kleiner, kuge­liger und unge­mein sym­pa­thisch wir­kender Mann, der natür­lich wissen wollte, warum hier ein Typ aus Deutsch­land abhing. Kurze Erklä­rung, die einen Aus­druck tiefsten Bedau­erns auf sein Gesicht brachte: Der Trainer ist gar nicht in Accra, son­dern in Kumasi.“ Der Pres­se­spre­cher reagiert auf diese offen­sicht­lich auch für ihn Neu­ig­keit beein­dru­ckend unbe­ein­druckt. Dabei war das so, als wäre ein aus­län­di­scher Reporter zum DFB nach Frank­furt zum Inter­view mit Jogi Löw ange­reist, um nach zwei Stunden Warten zu erfahren: Och, höre gerade, der Trainer ist heute in Frei­burg.“

Ich habe eine gute und eine schlechte Nach­richt für dich“

Nur wäre in diesem Fall die Sache viel­leicht noch dadurch zu retten, dass man von Frank­furt den Zug nimmt und zwei Stunden später da ist. Trotz ähn­li­cher Ent­fer­nung zwi­schen Accra und Kumasi ist eine Zug­fahrt in die zweit­größte Stadt des Landes man­gels Bahn­ver­bin­dung kein Thema, und eine Auto­fahrt dauert fünf Stunden. Ich habe eine gute und eine schlechte Nach­richt für dich, welche wirst du zuerst hören?“ mel­dete sich all­die­weil der Pres­se­spre­cher. Ich knurrte nur. Die schlechte ist: Der Trainer ist auch morgen nicht in Accra. Die gute: Du kannst zu ihm fahren.“ Was in dem Fall aber hieß, zu ihm fliegen, denn mein Rück­flug nach Europa ging schon am nächsten Abend.

Ver­blüf­fend ein­fach und günstig war es, im Netz den Flug mit Starbow“ zu buchen. Schön auch, am nächsten Morgen, in einem Gebraucht­flug­zeug zu sitzen, das die gha­nai­sche Bil­lig­linie offen­sicht­lich von der Luft­hansa auf­trägt, wie die Schilder auf Deutsch drinnen ver­muten ließen. Flug­zeit für die 250 Kilo­meter eine halbe Stunde, Lan­dung am Air­port von Kumasi, der kleiner ist als der Bahnhof von Ibben­büren. In der War­te­halle stand schon der Fahrer, und ab ging es zum Treffen mit dem Natio­nal­trainer. Oder, wie sich bald zeigte: zu ihm nach Hause.

Ghana wollte Welt­meister werden

Kwesi Appiah selbst öff­nete das Tor zu seinen, wie man sagen muss, Anwesen. Bedau­ernd ent­schul­digte er sich für die Umstände und ent­puppte sich über­haupt als ein wahn­sinnig freund­li­cher und sanft wir­kender Mann. Auf seinem rie­sen­großen schwarzen Leder­sofa unter dem rie­sen­großen Fern­seh­bild­schirm, wo spa­ni­scher Liga­fuß­ball lief, kün­digte er aber immerhin an, in Bra­si­lien Welt­meister werden zu wollen.

Ich hätte es ihm gegönnt, so gewin­nend war Kwesi Appiah, aber bekannt­lich kam es anders. Sogar so anders, dass Ghana leider schon nach der Vor­runde heim musste und einen reich­lich depri­mie­renden Ein­druck hin­ter­ließ. Es gab Streit um Prä­mien, Spieler rebel­lierten gegen den Trainer, und der Ver­bands­prä­si­dent ließ sich angeb­lich auf einen Bestechungs­ver­such ein. Kwesi Appiah wurde nach den Tur­nier ent­lassen. Soviel zu den schlechten Nach­richten. Die gute: Der Pres­se­spre­cher ist noch im Amt.