Die Ein­füh­rung des Video­be­weises stieß nicht gerade auf unge­teilten Bei­fall. Einige Berufs­gruppen aber dürften sich dar­über gefreut haben, dass nun die Ent­schei­dungen auf dem Platz im stillen Käm­mer­lein über­prüft werden. Etwa Sta­tis­tiker. Oder Psy­cho­logen. Beide beschäf­tigen sich näm­lich schon lange mit einem kom­plexen Phä­nomen – dem Heim­vor­teil.

Um kurz in die His­torie ein­zu­tau­chen: Ein rech­ne­ri­scher Vor­teil für den Gast­geber exis­tiert in fast allen Sport­arten, über Kon­ti­nente und Jahr­zehnte hinweg. Im US-Sport, der keine Unent­schieden kennt, gilt die Faust­regel, dass 55 bis 60 Pro­zent der Spiele von der Heim­mann­schaft gewonnen werden. Im Fuß­ball ist die Anzahl der Heim­erfolge etwa so groß wie die der Unent­schieden und der Aus­wärts­siege zusammen. So endeten von den zwi­schen 1963 und 2018 aus­ge­tra­genen 16 772 Bun­des­li­ga­par­tien 50,9 Pro­zent mit einem Sieg der Haus­herren, 23,4 Pro­zent gingen remis aus und 25,7 Pro­zent wurden von den Gästen gewonnen.

Jubel spielt keine Rolle

Doch warum ist das eigent­lich so? Trotz zahl­rei­cher Unter­su­chungen fischen die Wis­sen­schaftler im Trüben. Da ist zunächst das Publikum. Es scheint logisch, dass die Unter­stüt­zung durch die eigenen Fans ein Team anspornt. Doch schon zur WM 2006 stellte der Sport­psy­cho­loge Bernd Strauß in einem Gespräch mit dem Stern“ fest: Jubel spielt Stu­dien zufolge für das End­ergebnis des Spiels gar keine Rolle. Auch die Dichte der Zuschauer oder ihre Anzahl ist für einen Sieg uner­heb­lich.“

Die Wir­kung des Publi­kums auf die Spieler ist sta­tis­tisch zu ver­nach­läs­sigen, weil die Fans ihrem Team ebenso oft schaden wie nutzen, zum Bei­spiel wenn ihre Erwar­tungen läh­menden Druck auf­bauen. Doch Zuschauer können ihrer Elf auf eine andere Art helfen. Pro­fessor Thomas Dohmen legte 2003 dar, dass sich Schieds­richter unbe­wusst von den Zuschauern beein­flussen lassen. Der Effekt ist am größten“, schreibt Dohmen, in Sta­dien, in denen die phy­si­sche Distanz zwi­schen dem Publikum und dem Schieds­richter am geringsten ist, und wenn ver­gleichs­weise wenige Fans der Gast­mann­schaft das Spiel ver­folgen.“