Die Repor­tage erschien erst­mals im Mai in 11FREUNDE #211. Das Heft gibt es hier. Alle auf den fol­genden Seiten gezeigten Bilder wurden von Valentin Fischer gemacht.

Spä­tes­tens am Check­point von Farr­akhan begreift man, dass Melilla auf dem Papier zwar zur Euro­päi­schen Union gehört, man den Leuten hier aber eher nicht mit Para­grafen, Richt­li­nien und Vor­schriften aus Brüssel zu kommen braucht. Farr­akhan ist einer von vier Grenz­über­gängen nach Marokko, und jetzt gerade, an einem stink­nor­malen Diens­tag­mittag im Mai, warten hun­derte Autos mit hun­derten auf­ge­brachten Marok­ka­nern darauf, dass sie mit ihrer Schmug­gel­ware, dem Alkohol, den Säften, den Energy Drinks, end­lich raus aus Melilla und rein in die Heimat können.

Eigent­lich sollen sie mit ihren ver­beulten E‑Klassen – fast alle fahren ver­beulte E‑Klassen – eine Schlange bilden. Doch die Men­schen fahren kreuz und quer. Fahr­zeuge ver­kannten sich, Männer stapfen wut­ent­brannt die Straße ent­lang, eine alte Frau ver­sucht mit ihren Händen, ein Auto gegen den Willen des Fah­rers auf­zu­halten. Und wird ein­fach zur Seite geschoben. Andere stehen in der Tür und brüllen ara­bi­sche Flüche in die Mit­tags­hitze. Im Hin­ter­grund thronen die sechs Meter hohen Grenz­zäune, die Melilla von Marokko trennen und die die EU von den Flücht­lingen aus den süd­li­chen Län­dern Afrikas abschotten sollen. Im Vor­der­grund sieht man jetzt einen Marok­kaner, der aus­tickt.

Für uns ist das ganz normal“

Er zieht sich flu­chend einen Schuh aus, nimmt diesen schlag­be­reit in die Hand und stürmt auf einen anderen Kerl zu. Sofort bildet sich ein Men­schen­knäuel. Man sieht nicht genau, wer sich prü­geln und wer schlichten will, doch nach wenigen Sekunden wird der Schuh­schläger von einem jün­geren Mann am Hals, zurück zu seinem Auto gezerrt. Hombre“, sagt Pablo, der aus Melilla kommt und der die Szene von einem kleinen Hügel aus beob­achtet. Hombre“, sagt Pablo also, this is not Europe!“

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Valentin Fischer

Pablo ist heute mit dabei, weil er sich in den heiklen Ecken der Stadt gut aus­kennt. Und weil er ein Kumpel ist von Andrès Aragon Mar­tinez. Der wie­derum gibt für die Tage, in denen 11 FREUNDE Melilla besucht, so etwas wie den Rei­se­führer. Und ist unter anderem Sta­di­on­spre­cher von UD Melilla. Von dem Klub also, der nächste Saison in der zweiten spa­ni­schen Liga spielen könnte, obwohl die Stadt eigent­lich auf dem afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent liegt. So ist das hier jeden Tag“, sagt er, 33 Jahre alt, drah­tige Figur, dunkle Augen, feste Zahn­spange. Die Men­schen, die mehr Geld an die marok­ka­ni­sche Mafia abdrü­cken, stehen weiter vorne und kommen schneller rein. Die­je­nigen, die weniger zahlen, ver­su­chen sich vor­zu­drän­geln. Die Poli­zisten beider Länder wissen Bescheid und kas­sieren mit. Es wirkt ver­rückt. Aber für uns ist das ganz normal.“

Flücht­linge aus aller Welt ver­su­chen, Melilla zu errei­chen

Dabei ist diese Stadt sicher vieles, aber ganz bestimmt nicht normal. Denn Melilla, das ist ein 13,5 Qua­drat­ki­lo­meter kleines und 90 000 Ein­wohner volles Fleck­chen Spa­nien im oberen Zipfel Afrikas. Zum Ver­gleich: Die Stadt Lucka in Thü­ringen ist etwa genau so groß. Dort leben 3700 Men­schen. Im Osten wird Melilla begrenzt durch das Mit­tel­meer, in allen anderen Him­mels­rich­tungen durch das König­reich Marokko. 1497 eroberte die spa­ni­sche Krone die Stadt, die fortan ver­tei­digt und über die Jahr­hun­derte zu einem wich­tigen Mili­tär­stütz­punkt aus­ge­baut wurde.

Spa­niens ehe­ma­liger faschis­ti­scher Dik­tator Franco stieg hier zum General auf, von Melilla aus ent­fachte er 1936 den Spa­ni­schen Bür­ger­krieg. Bis heute sind etwa 3000 Sol­daten hier sta­tio­niert. Und bis heute gehört Melilla zu Spa­nien und zur EU. Wes­halb Flücht­linge aus aller Welt ver­su­chen, über Melilla (oder die andere spa­ni­sche Exklave Ceuta) die EU zu errei­chen.

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Valentin Fischer