Nein, viel Erfreu­li­ches gab es an jenem 12. Oktober aus Ham­burg nicht zu ver­melden. Die deut­sche Natio­nal­mann­schaft hatte mit Mühe, Not und einem von Torsten Frings ver­wan­delten Foul­elf­meter 1:0 gegen China gewonnen und dabei eine Leis­tung geboten, die das Wort mäßig“ nur mit ganz viel Wohl­wollen ver­diente. Die Zuschauer waren sich jeden­falls einig, dass sie Zeuge eines unan­sehn­li­chen Fuß­ball-Abends geworden waren und ver­ab­schie­deten das Team mit einem Pfeif­kon­zert… Ach ja, das Erfreu­liche: Chris­toph Met­zelder hatte 90 Minuten durch­ge­spielt und dabei einen guten Ein­druck hin­ter­lassen. Met­zelder war wieder da. Er ist ein Leader, er kann Ver­ant­wor­tung über­nehmen“, lobte Bun­des­trainer Jürgen Klins­mann. Und Oliver Kahn fühlte sich ange­sichts Met­zel­ders starker Vor­stel­lung gar zurück­ver­setzt ins Jahr 2002. 2002? Da war doch was. Genau: 30. Juni, die Natio­nal­mann­schaft stand im Finale der Welt­meis­ter­schaft in Japan und Korea. Bis Mitte der zweiten Halb­zeit hielt sie das Spiel gegen Top-Favorit Bra­si­lien offen, verlor letzt­lich 0:2 und wurde Vize-Welt­meister. Ein Tri­umph, auf den nur die größten Opti­misten im Vor­feld höhere Summen gesetzt hätten. Ein Tri­umph, der neben Michael Bal­lack vor allem einer her­vor­ra­genden Abwehr zu ver­danken war. Da fällt einem zuerst Oliver Kahn ein, na klar. Und der damals 21-jäh­rige Chris­toph Met­zelder, der über­haupt nur in die erste Elf rückte, weil Jens Nowotny und Chris­tian Wörns ver­letzt aus­fielen und Jörg Hein­rich ver­zich­tete. Er spielte bis auf die letzten 30 Minuten im Ach­tel­fi­nale gegen Para­guay durch und war einer der her­aus­ra­genden deut­schen Kicker. Met­zelder, einer der Hoff­nungs­träger für die kom­menden Jahre.
Doch es sollte so ganz anders kommen, der Körper spielte nicht mit. Schon länger hatte Met­zelder Pro­bleme mit der Achil­les­sehne. Nach der WM wurde es immer schlimmer. Bis es nicht mehr ging. Das 16. Län­der­spiel in Spa­nien im Februar 2003 sollte sein letztes für zwei­ein­halb Jahre sein, das Spiel mit Borussia Dort­mund in Bie­le­feld sechs Wochen später die letzte Bun­des­liga-Partie für 21 Monate. In der Folge wurde der inzwi­schen 25-Jäh­rige, der vom TuS Hal­tern über die B‑Jugend von Schalke 04 und die Regio­nal­liga-Mann­schaft von Preußen Münster zum BVB kam, unfrei­wil­liger Experte in Sachen Achil­les­sehne. Auf seiner Home­page www​.met​zelder​.de ver­öf­fent­lichte er Ende Oktober 2003 eine zwei­tei­lige Serie, in der seine Fans Inter­es­santes über die grie­chi­sche Mytho­logie und Namens­geber Achill und zwei Tage später über die Funk­tionen der Sehne lernen konnten. Aus­löser der stän­digen Schmerzen war ein Über­bein, das ent­fernt werden musste. In der Reha zog sich Met­zelder dann einen Teil­ab­riss der Achil­les­sehne zu und musste erneut unters Messer. Die Sehne war zur Hälfte abge­storben und wurde rekon­stru­iert. Sogar Gerüchte über dro­hende Sport­in­va­li­dität machten die Runde. Die EM 2004 ver­folgte er vor dem Fern­seher und es dau­erte noch ein halbes Jahr, ehe der Abwehr­spieler wieder in einem Punkt­spiel auf­laufen konnte. Für die BVB-Ama­teure, vor rund 2000 Zuschauern. Kleiner Rahmen für ein großes Come­back. Metze“ hatte sich durch­ge­bissen. Nur vier Tage später trug er beim Aus­wärts­spiel in Ros­tock das Trikot der Profis. Völlig über­ra­schend für ihn selbst, noch zwei Tage zuvor hatte er Trainer Bert van Mar­wijk gefragt, ob er mit den Ama­teuren nach Wolfs­burg fahren könne, um dort Spiel­praxis zu sam­meln. Völlig über­ra­schend wohl auch für den Zeug­wart, in der Kabine hing zunächst kein Trikot mit dem Schriftzug Met­zelder“.
Schien also nach über­wun­dener Ver­let­zung zunächst alles glatt zu laufen, lernte Met­zelder als­bald seine Lek­tion über die Unwäg­bar­keiten des Fuß­ball­ge­schäfts. Denn um seinen Stamm­platz im BVB-Team muss er der­zeit kämpfen, Ersatz­mann Markus Brzenska hatte seine Chance genutzt. Ich befinde mich der­zeit in einer Aus­nah­me­si­tua­tion“, kom­men­tierte Met­zelder die Kon­stel­la­tion, im Verein bis­weilen die Bank zu drü­cken, in der Natio­nal­mann­schaft hin­gegen als Hoff­nungs­träger zu gelten. Er wähnt sich jedoch auf einem guten Weg: Ich mache sehr viele zusätz­liche Schichten. Ich merke, dass die Power zurück­kommt.“ Der Kampf gegen die Ver­let­zungen und um den Stamm­platz, das ist die eine Geschichte. Die, in der es um Fuß­ball und Kar­riere geht. Doch da ist auch die andere Geschichte. Die, in der es um soziales Enga­ge­ment geht. Met­zelder macht da nicht viel Auf­he­bens drum. Zusammen mit seinem Team­kol­legen Sebas­tian Kehl kämpft er gegen Kin­der­pro­sti­tu­tion, hat unter anderem an dem Buch Das zer­brech­liche Para­dies – Wo Kinder zur Ware werden“ mit­ge­ar­beitet und ist Mit­glied in der Orga­ni­sa­tion Roter Keil“, einem Netz­werk gegen Kin­der­pro­sti­tu­tion. Auch beim Kin­der­hilfs­werk terre des hommes“ hat er bereits Schirm­herr­schaften über­nommen und ist bei Her­zens­wün­sche“ dabei, die sich um schwer­kranke Kinder und Jugend­liche küm­mern. Da wir Kar­riere gemacht haben, wollen wir einen kleinen Teil an Kinder wei­ter­geben, denen es ein­fach nicht so gut geht“, hat er einmal gemeinsam mit Kehl sein Enga­ge­ment für Kinder begründet. Im Sommer 2002 hat er eine Spen­den­ak­tion für einen Kin­der­garten gestartet, der beim Elbe-Hoch­wasser über­schwemmt worden war, es kamen 9000 Euro zusammen. Als Aner­ken­nung für den Ein­satz gegen Kin­der­pro­sti­tu­tion erhielten Met­zelder und Kehl im Januar 2005 sogar eine Ein­la­dung zu einer Audienz bei Papst Johannes Paul II. nach Rom.
2006 soll nun, trotz aller Wid­rig­keiten, Met­zel­ders Jahr werden. Wenn die Sehne hält, wird er bei der WM im Auf­gebot von Klins­mann stehen. Die Ambi­tionen, bei den Olym­pi­schen Spielen als Schwimmer zu starten, hatten sich bereits zuvor erle­digt. 2003 hatte er auf seiner Home­page für einige Ver­wir­rung gesorgt, als er mit dem Plan über­raschte, 2004 in Athen für Liech­ten­stein über 100 Meter Schmet­ter­ling ins Wasser zu springen. Vier Nach­wuchs-Titel bei den Hal­terner Stadt­meis­ter­schaften hätten ihn dafür gera­dezu prä­de­sti­niert. Zum Glück stammte die Mel­dung vom 1. April. Sonst hätte es womög­lich kein Come­back mehr in der Fuß­ball-Natio­nal­mann­schaft gegeben.
Sebas­tian Schlich­ting