Gerade einmal 5.300 Zuschauer passen in das win­zige, neu reno­vierte Sta­dion von Kiryat Shmona. 2. April: Es ist der zweite Spieltag der Meis­ter­runde und der Gast­geber hat den Tabel­len­zweiten Hapoel Tel Aviv zu Gast. Die Zuschauer sehen an diesem lauen Mon­tag­abend ein eher müdes 0:0, das aller­dings über die sich anbah­nende fuß­bal­le­ri­sche Sen­sa­tion hin­weg­täuscht. Hapoel Ironi braucht ledig­lich noch einen Punkt für eine der größten Über­ra­schungen in der israe­li­schen Fuß­ball­ge­schichte. Es bliebe dann bei 16 Punkten, die die Mann­schaft vom Tabel­len­zweiten aus Tel Aviv bei noch 5 aus­ste­henden Spiel­tagen trennen würde – das würde für den Meis­ter­titel rei­chen, der erst am 12. Mai offi­ziell über­reicht wird. Eine Woche zuvor wurde durch eine 0:1 Nie­der­lage gegen Bnei Yehuda bereits der erste Match­ball ver­geben, aber heute soll es mit dem Heim­spiel gegen die tra­di­ti­ons­reiche Mann­schaft aus Tel Aviv klappen.

Zwei Arbei­ter­ver­eine stehen sich gegen­über, die aller­dings Welten von­ein­ander trennen. Hier das inter­na­tional erfah­rene Team aus der Metro­pole Tel Aviv und dort der junge Pro­vinz­verein aus dem hohen Norden, der noch vor sechs Jahren in der vierten israe­li­schen Liga gespielt hat. Ver­kehrte Welt beim Anblick der Tabelle: nach etwas holp­rigem Start mit vielen Unent­schieden hatte das Team aus Kiryat Shmona am 15. Spieltag die Tabel­len­füh­rung über­nommen, danach sou­verän den Vor­sprung bis auf 16 Punkte aus­ge­baut und damit alle Experten über­rascht.

Der Erfolg der Mann­schaft hängt eng zusammen mit dem in Tel Aviv gebo­renen Geschäfts­mann und Mil­lionär Izzy Sheratzky. Er hatte im Jahr 2000 die beiden Ama­teur­ver­eine Hapoel Kiryat Shmona und Mac­cabi Kiryat Shmona fusio­niert und in Dietmar-Hopp-Manier in Win­des­eile aus der vierten bis in die oberste israe­li­sche Spiel­klasse geführt. Dabei setzte er zusammen mit dem Trainer Ran Ben Shimon auf ein Team ohne Stars und hohe mann­schaft­liche Geschlos­sen­heit. Izzy Sheratzky war 1999 nach Kiryat Shmona gezogen, weil ihn nach eigenen Angaben das Schicksal der struk­tur­schwa­chen 23.000-Einwohner-Stadt tief bewegte, die immer wieder durch Rake­ten­ein­schläge aus dem Libanon Schlag­zeilen machte.

Nachdem er eine Sup­pen­küche für die Bedürf­tigsten, eine Klinik für Kinder und eine Spra­chen­schule eröff­nete, wid­mete er sich dem lokalen Fuß­ball. In dieser Stadt, in der es nicht einmal ein Kino gibt, ist der Fuß­ball ganz ein­fach ein soziales Bedürfnis.“ Bereits im vor­he­rigen Jahr hatte die Mann­schaft mit dem Gewinn des Liga­po­kals für eine große Über­ra­schung gesorgt. Nun soll die Meis­ter­schaft dafür sorgen, dass die Stadt Kiryat Shmona wei­terhin in den Posi­tiv­schlag­zeilen bleibt.

Dabei geht es aber um weit mehr – nicht weniger als um die Ret­tung des Rufs der israe­li­schen Liga. Die dies­jäh­rige Fuß­ball­saison wurde über­schattet von einer Serie ras­sis­ti­scher Vor­fälle, Fan­aus­schrei­tungen und Schlä­ge­reien auf dem Spiel­feld, die sogar dazu führten, dass die Liga­bosse ganze Spiel­tage absagen mussten. Im Zen­trum stand immer wieder der ultra­rechte Verein Beitar Jeru­salem, dessen berüch­tigte Fans seit Grün­dung unter anderem dafür sorgen“, dass die Ver­ant­wort­li­chen keine ara­bi­schen Spieler ver­pflichten.

Der Erfolg von Kiryat Shmona wirkt wie eine Anti­these zum Zustand der Liga
Im März hatten Beitar-Anhänger nach einem Spiel in einem Ein­kaufs­center nahe des Sta­dions ara­bi­sche Ver­käufer und Kunden gejagt und zusam­men­ge­schlagen. Ein vor­läu­figer Höhe­punkt der regel­mä­ßigen Gewalt­ex­zesse nach Beitar-Spielen. Seitdem schi­cken die meisten Laden­be­sitzer aus Angst vor der Gesund­heit ihrer Ange­stellten ihre ara­bi­schen Mit­ar­beiter an Tagen von Beitar-Heim­spielen vor­sorg­lich nach Hause.

Mitte April hatte ein wei­teres Ereignis den israe­li­schen Fuß­ball erschüt­tert. Wäh­rend eines Auf­stiegs­spiels in der zweiten Liga zwi­schen Hapoel Ramat Gan und Hapoel Bnei Lod kam es zu einer Mas­sen­schlä­gerei zwi­schen Spie­lern, Trai­nern und Funk­tio­nären, die in schweren Ver­let­zungen einiger Betei­ligter resul­tierte und zu der Absage des gesamten Spiel­tags führte. Ver­bands­prä­si­dent Avi Luzon erklärte den dras­ti­schen Schritt mit den Worten: Ich stoppe die Spiele, bevor eine Situa­tion ent­steht, in der jemand getötet wird.“ Der Unpar­tei­ische gab nachher sicht­lich geschockt zu Pro­to­koll: In 27 Jahren als Schieds­richter habe ich noch nie eine so bru­tale und abscheu­liche Sze­nerie erlebt.“

Der­weil sorgen sich Poli­tiker und Funk­tio­näre um die Vor­bild­funk­tion des israe­li­schen Fuß­balls. Der Vor­fall wurde live von vielen Zuschauern – dar­unter auch von vielen Kin­dern – im Fern­sehen ver­folgt. Der Sport­re­dak­teur der libe­ralen israe­li­schen Tages­zei­tung Haa­retz warnte dar­aufhin, dass die Serie der Gewalt im israe­li­schen Fuß­ball nicht als ein­zelnes Phä­nomen zu betrachten sei, son­dern den ver­rohten Zustand der israe­li­schen Gesell­schaft ins­ge­samt“ wider­spie­gele. Der Erfolg von Kiryat Shmona wirkt dagegen wie eine Anti­these zum Zustand der Liga. Wie selbst­ver­ständ­lich spielen in der Mann­schaft auch sechs ara­bi­sche Spieler aus der Region – und tragen erheb­lich zur Sie­ges­serie des Ver­eins bei.

Je näher der Schluss­pfiff rückt, desto ner­vöser werden die Fans des nord­is­rae­li­schen Sen­sa­ti­ons­ver­eins. Es ist weniger die Angst vor einem Gegentor – Hapoel Tel Aviv macht bisher kei­nerlei Anstalten die Meis­ter­schafts­party noch einen Spieltag länger hin­aus­zö­gern zu wollen – als eine Art ungläu­biges Erwarten. Plötz­lich – in der 80. Minute – steht dann wie aus dem Nichts der Mit­tel­feld­spieler der Gast­mann­schaft Eran Zahavi nach einem Abpraller frei vor dem Tor, aber Tor­wart Danny Amos lenkt den Ball mit einem sen­sa­tio­nellen Reflex über den Kasten. Großes Auf­atmen bei den Zuschauern.

Die letzten zehn Minuten plät­schert das Spiel dann ohne wei­tere Höhe­punkte vor sich her. Und dann ist er da, der ersehnte Moment. Der Ball rollt an der Eck­fahne über die Sei­ten­aus­linie, Abpfiff, die Dämme bre­chen. Feu­er­werk schießt in den Himmel. Kiryat Shmona ist zum ersten Mal in seiner jungen Geschichte israe­li­scher Fuß­ball­meister. Erst das zweite Mal in über 20 Jahren gelang es damit einer Mann­schaft, die Domi­nanz der Großen Vier“, Mac­cabi Haifa, Beitar Jeru­salem, Mac­cabi Tel Aviv und Hapoel Tel Aviv zu durch­bre­chen und zum ersten Mal seit 1983 hat ein Team, das nicht aus Tel Aviv, Haifa, oder Jeru­salem kommt den Meis­ter­titel geholt.

Die Spieler liegen sich in den Armen und recken die Meis­ter­schaft­stro­phäe in die Luft. Super­la­tive domi­nieren die Sätze der inter­viewten Helden und ein Bild prägt sich jedem Zuschauer an diesem Abend ein: Salah Has­arma aus dem ara­bi­schen Dorf Biana, der schon seit 2006 für Kiryat Shmona spielt und Adrian Rochet aus dem Kib­butz Neot Mor­de­chai halten die Tro­phäe gemeinsam hoch. Es ist wie eine Demons­tra­tion gelun­gener Koexis­tenz und gleich­zeitig ein starkes Zei­chen an Ver­eine wie Beitar Jeru­salem: Der sechs­ma­lige hatte die Meis­ter­runde in der Saison 2011/2012 deut­lich ver­passt und steht auf einem ent­täu­schenden 11. Platz.

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Dieser Text erschien ursprüng­lich auf der Home­page von Zenith, der Zeit­schrift für den Orient. Hier geht es zur Inter­net­prä­senz: www​.zeni​thon​line​.de