Zuge­geben: Es ist nichts wirk­lich Neues, über das ich heute schreibe. Schon seit über einem halben Jahr­hun­dert beschert uns Hol­ly­wood alle paar Jahre eine Schmon­zette zu diesem Thema, und auch SAT 1 schenkt uns gele­gent­lich einen selbst pro­du­zierten Film-Film, der sich dieser The­matik annimmt: Die Liebe zu einer/​einem Tod­kranken. Zuge­spitzt wird die Tragik dann regel­mäßig dadurch, dass sich die beiden viel zu spät kennen lernen, so dass ihnen nur noch ein paar Monate bleiben…

Aber ich sollte die Geschichte von Anfang an erzählen. Nun denn, holt schon mal Eure Taschen­tü­cher heraus, ich berichte Euch jetzt von meinem Lie­bes­leben.


Mein liebes Leben begann eigent­lich viel ver­spre­chend, die Wei­chen schienen früh in Rich­tung innige Liebe mit gran­diosem Happy-End“ gestellt, denn ich erblickte das Licht der Fuß­ball­welt in: Aachen! Da schien der Wer­de­gang klar vor­ge­zeichnet: Als acht­jäh­riger Steppke zum ersten Mal auf dem Wür­se­lener Wall, zum zehnten Geburtstag das erste Trikot, mit 13 erste Aus­wärts­fahrt, mit 15 Dau­er­karte, mit 23 Fan­club­vor­sit­zender, mit 32 nach Lis­sabon zum UEFA-Cup-Finale, mit 39 im Ale­mannia-Auf­sichtsrat, mit 46 Vize­prä­si­dent, …

Es hätte eine große Romanze werden können, und eine beein­dru­ckende Fan­kar­riere. Hätte! Können! Kon­junktiv! Denn meine Eltern hatten eher die eigene Kar­riere im Sinn, als sie mich eines Tages in Aachen ins Auto packten und erst in einem Nest irgendwo im fuß­bal­le­ri­schen Nie­mands­land wieder her­aus­ließen. In einer Gegend, in der sich Fuchs und Hase gute Nacht“ sagten, was sich mir jedoch wegen des bizarren Dia­lekts nicht ohne wei­teres erschloss. Schlimmer als die Sprach­bar­rieren war jedoch die räum­liche Tren­nung von meiner heim­li­chen Liebe – der großen Welt des Fuß­balls. Denn der nächst­ge­le­gene Pro­fi­verein resi­dierte in gut 140 km Ent­fer­nung, für einen Zwei­jäh­rigen ohne getuntes Kettcar eine unüber­brück­bare Ent­fer­nung.

Die fol­genden Jahr­zehnte ver­brachte ich also größ­ten­teils auf dem Sofa und sah mir die ganz großen Lie­bes­dramen ledig­lich im Fern­sehen an: Statt mit­ten­drin war ich nur dabei, als die Wende für viele Dresdner schon ein paar Jahre früher kam (1984 bei Bayer Uer­dingen näm­lich), war Zeuge, als die Bayern ihre Euro­pa­po­kal­fi­nals gegen Madjer oder die Nach­spiel­zeit ver­loren, und sah Under­dogs wie St. Pauli oder Frei­burg kommen und gehen (wobei Frei­burg öfter kam und St. Pauli öfter ging). Ich sah Men­schen staunen, lachen und weinen, ich staunte, lachte und weinte mit und fühlte mich den­noch nie so richtig zuge­hörig. Zwi­schen­zeitig näherte ich mich der ersten Liga zwar auf knapp 100 km an und war irgend­wann sogar moto­ri­siert, dum­mer­weise jedoch war besagter Erst­li­gist aus­ge­rechnet der 1. FC Nürn­berg, und schon aus sicherer Ent­fer­nung ließ sich erkennen, dass den Glub­ber­rern mehr fehlde als nur ein baar Gon­so­n­anden (zum Bei­spiel ein Prä­si­dent mit geis­tiger oder kör­per­li­cher Größe).

So war ich fuß­bal­le­risch immer noch hei­matlos, als ich vor wenigen Jahren in die Stadt der Bayern, Löwen und Moos­ham­mers über­sie­delte. Auch hier gab es zunächst keinen Verein zum Ver­lieben: Bay­ernfan kam natür­lich gar nicht in Frage (wir befinden uns auf der Web­site eines Maga­zins für Fuß­ball­KULTUR, da brauche ich hof­fent­lich nie­mandem zu erklären, warum…), 1860 Mün­chen verbot sich eben­falls (denn wenn ich schon die Bayern nicht son­der­lich mag, warum sollte ich dann deren schlechte Kopie mögen?), und Unter­ha­ching war zwar anfangs ziem­lich süß, aber für eine ernst­hafte Bezie­hung auch nicht das Wahre. Ich war also wei­terhin auf der Suche nach der großen Liebe, führte die eine oder andere lockere Fern­be­zie­hung und fürch­tete schon, es könnte an mir liegen, als plötz­lich das Uner­war­tete pas­sierte:

Das häss­liche Ent­lein 1860 trennte sich über Nacht vom Enten­mörder“, seinem lang­jäh­rigen Lebens­ge­fährten, putze sich plötz­lich wieder heraus, lebte auf, ging am Wochen­ende end­lich wieder in die rich­tigen Loca­tions – und ich bin ver­liebt! Sechzig, Du geile Braut!

End­lich habe ich den Verein gefunden, bei dem sich das Mit­fie­bern lohnt. End­lich hab ich ein Fuß­ball­sta­dion vor der Haustür, in dem Stim­mung herrscht, Nähe zum Spiel­feld, vor allem aber ein Gefühl von Heimat! Ein Club, der im rich­tigen Sta­dion vor den rich­tigen Fans spielt, in der fal­schen Liga zwar, aber egal. Haupt­sache zu Hause! Ein Traum…

Doch Ihr wisst, wie die Geschichte wei­ter­gehen wird. Die geile Braut liegt im Sterben, die lau­fende Saison ist das letzte Auf­fla­ckern ihres Lebens­wil­lens. Der Enten­mörder hat ganze Arbeit geleistet. Bald schon werden die Löwen die Heimat wieder ver­lassen müssen, bei den Lokal­ri­valen in Unter­miete gehen, in einem Sta­dion spielen, das um 40.000 Plätze zu groß ist. Viel Lie­bens­wertes wird dabei nicht übrig­bleiben, Sechzig wird erneut zur blass­blauen Bay­ern­kopie, ent­wur­zelt und ohne eigenes Gesicht. Bis dahin genieße ich die Liaison, so gut es geht. Anschlie­ßend werde ich wohl eine ganze Weile trauern und mich dann, irgend­wann, nach einer neuen Liebe umsehen müssen.

Irgend­welche Vor­schläge? 

Euer Urmel­Aus­mEis

Das Urmel, das im süd­deut­schen Groß­stadt­dschungel lebt, ist ein fried­li­ches Tier. Ein­ziger natür­li­cher Feind ist der Wild­moser. Darum befür­wortet das Urmel dessen Käfig­hal­tung.