Jan Rosen­thal und Max Kruse, mit wel­chen Emp­fin­dungen ver­lassen Sie den SC Frei­burg am Ende dieser Saison?
Kruse: Opti­mis­tisch. Im Moment läuft es doch sehr gut.
Rosen­thal: Bin ich auch. Ich hatte in meiner Frei­burger Zeit viel Erfolg, ich kenne meinen Körper und habe noch ein paar Jahre als Profi vor mir. Aber natür­lich weiß man immer erst im Nach­hinein wie gut man es hatte. Ich bin jeden­falls über­zeugt, dass es nur wenige Klubs gibt, die mensch­lich so gut zu mir passen wie der SC.

Was ist das Beson­dere am SC Frei­burg?
Rosen­thal: Hier werden viele Dinge an der Wurzel gepackt und intel­li­gent kon­trol­liert. Es wird viel auf die Eigen­ver­ant­wor­tung der Spieler gesetzt. Woan­ders wird Profis fast alles vom Verein abge­nommen.

Wir muss man sich das vor­stellen?
Rosen­thal: Ein Bei­spiel: Es gibt oft das Pro­blem, dass Spieler sich gern mal vor dem Trai­ning ein Crois­sant von der Tank­stelle holen. Woan­ders orga­ni­siert der Verein ein Cate­ring, der das Essen lie­fert, damit die Spieler mor­gens ver­nünftig essen. Das ändert aber nichts am Kern, denn die Jungs kommen trotzdem erst um zehn zum Trai­ning und da macht sich keiner noch schnell ein Obst­müsli. Was macht es also für einen Sinn, wenn ein Verein pro­fes­sio­neller wird, aber den Spie­lern noch mehr den Hin­tern nach­trägt? In Frei­burg erklärt der Physio in die Kabine, was im Essen drin ist und worauf man achten sollte. Das ist ein Grund, warum der SC im Ver­gleich zu grö­ßeren Ver­einen relativ erfolg­reich ist.

Aber ein Fuß­ball­team ist sehr hete­rogen mit vielen unter­schied­li­chen Cha­rak­teren. Bringen alle Profis hier das Ver­ständnis mit, sich besser zu ernä­hern?
Rosen­thal: In Frei­burg haben das achtzig bis neunzig Pro­zent der Spieler ver­in­ner­licht. Die anderen, die das nicht so machen – zum Bei­spiel Max – …
Kruse: …vor­sicht, mein Lieber, vor­sicht… (lacht)
Rosen­thal: …die wissen trotzdem, wie sie ihr Leben zu führen haben. Ein Co-Trainer hat mal gesagt, wenn Max Kruse vor dem Spiel den Spa­zier­gang macht, hat er eine Kör­per­span­nung wie ein Blatt im Wind. Aber beim Anpfiff ist er voll da und hat die Ein­stel­lung. Auch diese Frei­heit, sich so vor­zu­be­reiten wie man möchte, wird in Frei­burg geför­dert und in hohem Maße dem Spieler über­lassen.

Gibt es in diesem Team auch Spieler, die aus­scheren?
Rosen­thal: In Frei­burg werden die Aller­meisten hier von der Mann­schaft zurecht­ge­wiesen. Meis­tens reicht es, dass der Kapitän sagt: Mach das doch bitte uns zuliebe“.

Sind Sie eher der Instinkt­fuß­baller, Max Kruse?
Kruse: Offenbar habe ich das Glück, dass ich mir über viele Sachen ein­fach keine Gedanken mache. Sowas wird einem mit­ge­geben, da kann ich gar nichts dafür.
Rosen­thal: Instinkt­fuß­baller sind wir beide, auf dem Platz sind wir gar nicht so anders. Da ver­suche ich auch den Kopf aus­zu­schalten und über gar nichts nach­zu­denken.
Kruse: Aber das ist nicht so ein­fach. Früher habe ich mir oft Gedanken gemacht, wenn Sachen nicht geklappt haben. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich eine andere Ein­stel­lung dazu gefunden habe. Heute sage ich mir: Komm, scheiß egal, du weißt was du für ein Poten­tial hast, kon­zen­triere Dich auf Deine nächste Aktion“.
Rosen­thal: In der Hin­sicht beneide ich Max ein biss­chen. Das würde ich auch gerne öfter so machen. Mir ist bewusst, dass es der rich­tige Weg ist. Grade jetzt, wenn man eine Ent­schei­dung für die nächsten Jahre getroffen hat, aber trotzdem noch im Hier und Jetzt leben will, um die Erfolge mit dem SC Frei­burg zu genießen.

Haben Sie sich in den ver­gan­genen Monaten manchmal Gedanken um die Gesund­heit von Chris­tian Streich gemacht?
Kruse: Natür­lich hat man ihm ange­merkt, dass der Fokus sehr auf den letzten Spielen lag. Er hätte sehr gerne das Pokal­fi­nale erreicht. Keine Frage, er ist ein Typ, der den Fuß­ball lebt. Er ist ein Teil der Mann­schaft wie wir, aber hat noch etwas mehr Druck.
Rosen­thal: Dann kam die Per­so­nalie im Manage­ment dazu, wo er im Hin­ter­grund viel zu tun hatte. Aber das hat er kom­plett von uns weg­ge­halten. Trotzdem haben wir schon gemerkt, dass er sich für die letzten Spiele nochmal kom­plett neu auf­stellen musste.
Kruse: Sowas pas­siert halt. Aber auch aus sol­chen Phasen musst man wieder raus­kommen. Nach den hohen Nie­der­lagen gegen Wolfs­burg und Dort­mund haben wir uns alle gesagt: Jetzt müssen wir die Saison irgendwie zu Ende bringen.“ Und haben ver­sucht genau da wei­ter­zu­ma­chen, wo wir vor den Nie­der­lagen auf­ge­hört haben. Wir haben an die Qua­lität im Team geglaubt. So wie wir hat auch der Trainer die große Fähig­keit, aus schlechten Phasen schnell wieder raus­zu­kommen.

Am Spiel­feld­rand wirkt Streich mit­unter manisch. Wie sehr nimmt ihn der Druck mit?
Rosen­thal: Ich glaube, den Ein­fluss der Medien hat er noch nie so extrem erlebt. Auch wenn er ver­sucht hat, überall die Dinge zu kon­trol­lieren, hat es ihn doch über­rascht, dass manche Interna den Weg in die Öffent­lich­keit fanden. Ich glaube, er hat gelernt, dass vieles anders läuft als bei den Jugend­mann­schaften.

Hat es ihn getroffen, dass gleich vier Leis­tungs­träger weg­gehen?
Rosen­thal: Auch wenn er es nicht zugibt, das mit den Abgängen hat ihn mit­ge­nommen. Aber es ist ja ein gutes Zei­chen, dass er ver­sucht, die Mann­schaft zusam­men­zu­halten. Alles was mit Bera­tern und Wech­seln zu tun hat, ist auch für ihn ein Lern­pro­zess, denn er ist überall mit Haut und Haar dabei und manchmal kämpft er da auch mit­unter gegen Wind­mühlen. Diese Saison war anstren­gend, aber auf mich wirkt er jetzt sehr auf­ge­räumt und ent­spannt.

Inwie­weit haben Sie Chris­tian Streich bei der Ent­schei­dungs­fin­dung zu Ihrem Wechsel mit­ein­be­zogen?
Kruse: Der Trainer hat mir von vorn­herein gesagt, wenn mal was sein sollte, würde er es gerne wissen, um Pla­nungs­si­cher­heit zu haben. Da war von Anfang an ein offener Umgang. Ich habe ihn also umge­hend infor­miert, als meine Ent­schei­dung fest­stand. Aber vorher musste ich mir schon allein Gedanken machen.
Rosen­thal: Bei mir war es eine andere Situa­tion, denn ich gehe ablö­se­frei. Der Verein konnte also zu jeder Zeit an mich her­an­treten und mit mir Gespräche führen. Ich habe aller­dings immer gesagt, was meine Über­le­gungen sind. Das waren im November die glei­chen wie im Februar. Nur das dann eben ein kon­kretes Angebot vorlag. Zu diesem Zeit­punkt war der Trainer infor­miert. Andere hätten an meiner Stelle viel­leicht gepo­kert. Aller­dings hat es mir viel bedeutet, dass er nicht gesagt hat: Das kannst Du doch nicht machen – aus­ge­rechnet nach Frank­furt!“. Alles in allem sind Max und ich ganz gut dabei weg­ge­kommen, weil der Trainer sich mit Lucien Favre und Armin Veh fuß­bal­le­risch und mensch­lich mit am besten ver­steht in der Liga.

Was erhoffen Sie sich in Mön­chen­glad­bach, Max Kruse?
Kruse: Im End­ef­fekt weiß man es nie. Ich hätte auch nicht erwartet, dass es in Frei­burg so gut läuft und ich so schnell den nächsten Schritt gehen kann. Max Eberl und Lucien Favre sind relativ früh zu mir in Kon­takt getreten und es war von Anfang ein gutes Gefühl. In der Ver­gan­gen­heit waren meine Rück­runden oft etwas schwä­cher als die Hin­runden, also habe ich mich früh mit Glad­bach geei­nigt, um grö­ßere Auf­re­gung in der Rück­runde fern­zu­halten. Und was die akri­bi­sche Arbeit angeht, kann man Lucien Favre meines Erach­tens ein biss­chen mit Chris­tian Streich ver­glei­chen.

Gibt es etwas, dass Sie nach Ihrem Abgang aus Frei­burg ver­missen werden?
Kruse: Wir waren eine sehr har­mo­ni­sche Truppe. Ich hoffe also, dass das in Glad­bach auch so ist. Sicher wird das Medi­en­in­ter­esse größer sein. Glad­bach ist ein Tra­di­ti­ons­verein, da dreht sich alles um Fuß­ball.
Rosen­thal: Es wird darum gehen, die Leis­tung unter anderen Druck­be­din­gungen wieder abzu­rufen. Der Verein wird in Frank­furt sicher mehr Druck haben, weil er höhere Gehälter zahlt und mehr Spon­soren zufrieden stellen muss. Dazu kommt die Presse. Mit all dem muss ich umgehen können, denn im Ver­gleich zu anderen Städten ist es in Frei­burg sehr harmlos.

Glauben Sie, dass die Idee des SC Frei­burg vom Aus­bil­dungs­verein auch in Zukunft Bestand haben wird?
Kruse: Grund­sätz­lich schon. Hier wird sehr auf Mensch­lich­keit geachtet und darauf, dass der Cha­rakter des Spie­lers zum Verein passt. Natür­lich will man auch gute Fuß­baller haben, aber die müssen ins Gefüge passen. Auch wenn die finan­zi­ellen Mittel momentan noch nicht so wie bei anderen Klubs sind, kann sich mehr ent­wi­ckeln, wenn Chris­tian Streich seine Arbeit wei­ter­führt. Schließ­lich haben immer mehr Spieler Inter­esse, in Frei­burg zu spielen. Von daher mache ich mir keine Sorgen, dass es hier in den nächsten Jahren positiv wei­ter­gehen wird.
Rosen­thal: Aber auch andere Ver­eine sind nicht doof. Der SC Frei­burg sollte zusehen, dass er früher oder später mal seine finan­zi­ellen Mög­lich­keiten anglei­chen kann, um nicht immer wieder Spieler zu ver­lieren. Schließ­lich gehört der SC in diesem Jahr zu den Top‑5 der Liga, da steigen zwangs­läufig die Ansprüche.

Wird die Dop­pel­be­las­tung durch das inter­na­tio­nale Geschäft in der nächsten Saison ein große Pro­blem?
Rosen­thal: Nicht zwangs­läufig. Die Trai­nings­in­ten­sität war auch in dieser Serie hoch, viel­leicht ist es ganz gut, etwas weniger zu trai­nieren. Aber die Spieler haben auch die men­tale Belas­tung. Das ist Druck, den ein Profi im nor­malen Trai­ning nicht emp­findet.

Sie emp­finden wich­tige Spiele als men­tale Belas­tung?
Kruse: Also ich nicht, ich freue mich drauf.
Rosen­thal: Tja, jeder ist anders. Ich bin vor den Spielen auch nicht mehr so ange­spannt wie mit 22, aber den­noch ist es eine große Kunst einen Kader so ein­zu­stellen, dass die men­tale Belas­tung sich bei allen in Grenzen hält.
Kruse: Für einen Fuß­baller ist es immer schöner unter der Woche Spiele zu haben, wir leben ja für diese 90 Minuten auf dem Platz.

Also nochmal: Wird der SC Frei­burg Pro­bleme bekommen?
Kruse: Ich mache mir da keine großen Sorgen. Chris­tian Streich hat das Team vor der Saison so gut zusam­men­ge­stellt, das wird er auch zur neuen Saison wieder schaffen. Das Grund­ge­rüst bleibt bestehen, die Ver­ant­wort­li­chen müssen nur zusehen, die rich­tigen Spieler zu finden, die ins System passen. 

Können Sie sich vor­stellen, irgend­wann noch einmal hierher zurück­zu­kehren?
Kruse: Ich habe jetzt einen Ver­trag für vier Jahre unter­schrieben und wenn ich davon aus­gehe, dass ich ihn erfülle, bin ich erst mit 29 wieder soweit, mir einen neuen Klub zu suchen. Wer weiß schon, was dann ist. Aber ich hatte ein Top-Jahr und habe nur Posi­tives erlebt.
Rosen­thal: Es war ein sehr schöner, inten­siver Lebens­ab­schnitt. Aber Max und ich sind beide eher nord­deutsch und Frei­burg ist schon weit ab vom Schuss. Trotzdem ist der Klub immer eine Option. Allein des­halb war es mir sehr wichtig, im Guten von hier weg­zu­gehen.

Hatten Sie als Nord­deut­sche nie Pro­bleme mit dem Frei­burger Idiom?
Rosen­thal: Als Han­no­ve­raner habe ich schon manchmal gedacht: Trainer, das war jetzt gram­ma­ti­ka­lisch nicht ganz richtig“.

Bei wel­cher Gele­gen­heit?
Rosen­thal: Etwa wenn er bei der Video­ana­lyse sagte: Da habt ihr jetzt nicht gut umschaltn“.
Kruse: Das geht mir bei den vielen Frei­bur­gern so. Das mit dem Hoch­deutsch müssen die noch mal ein biss­chen üben. Aber sonst können sie alles richtig gut.