Als Sergei Igna­sche­witsch den Ball ins eigene Tor schießt, fällt in einem rus­si­schen Dorf 200 Kilo­meter nörd­lich von Moskau ein Mann um.

Es ist exakt 17:12 Uhr, ein Krä­mer­laden am Bahnhof von Red­kino, Oblast Twer. Der Raum ist etwa 20 Qua­drat­meter groß, ein Kühl­schrank mit Bier, ein Regal mit Snacks, paar Kekse, paar Nüsse, ein Spiel­au­tomat, drei Männer um die 50, eine Ver­käu­ferin. Hinter dem Haus die Schienen. Und dann führt eine Straße (Asphalt) ins Dorf, die andere (Schotter) ins Nir­gendwo. Auf einem Fern­seh­bild­schirm flim­mern Musik­vi­deos, rus­si­sche Pop­musik aus den Neun­zi­gern. Der Mann rap­pelt sich wieder auf, viel­leicht ist er betrunken, viel­leicht nur müde, er hat im Stehen geschlafen, den Kopf auf einem Tisch abge­legt, und dabei verlor er das Gleich­ge­wicht. Es ist mitt­ler­weile 17:13 Uhr, Spa­nien führt mit 1:0. Aber das inter­es­siert hier nie­manden. Foot­ball? World Cup? Njet“, sagt die Ver­käu­ferin. Njet, sagen auch die Männer und widmen sich wieder dem kleinen Glück: den Musik­vi­deos, dem Bier und dem Spiel­au­to­maten.

So glück­lich wie seit Gagarin nicht

Die WM-Bericht­erstat­tung ist voll von bunten Bil­dern, fei­ernde Peruaner, tan­zende Mexi­kaner und jubelnde Bel­gier. Die Fans erzählen von der posi­tiven Stim­mung im Land, der tollen Orga­ni­sa­tion und der uner­war­teten Gast­freund­schaft. Die Spiel­orte haben sich mächtig ins Zeug gelegt. Man darf Bier auf der Straße trinken, was nor­ma­ler­weise ver­boten ist. Sogar die Regen­bo­gen­flagge hängt in einigen Sta­dien.

Die Poli­zisten lächeln manchmal, und wenn an einer Häu­ser­wand in einem Vor­zei­ge­bou­le­vard mal eine Fas­sade brö­ckelt, wird ein­fach eine Plane dar­über gespannt, die mit dem Bild einer heilen Fas­sade bedruckt ist. Und seit Sonn­tag­abend feiern auch die Russen kräftig mit. Nach dem Sieg gegen Spa­nien fand in der Nikol­saya Straße in Moskau eine Party statt, die bis in den frühen Morgen dau­erte. Die große neue Frei­heit, und die Fans erzählten freu­de­trunken, dass seit der Welt­raum­fahrt von Juri Gagarin nichts die Men­schen in diesem Land so glück­lich gemacht hat wie diese WM.

Dörfer, die zu Fle­cken werden

Aber wie sieht es eigent­lich abseits der Spiel­orte aus? Wie wird die WM in Städten zwi­schen den prunk­vollen Mega­ci­ties rezi­piert, wo es keine Nikol­skaya Straße und Fifa-Fan­feste gibt? Feiern die Men­schen auch im Hin­ter­land ein rus­si­sches Som­mer­mär­chen?

Red­kino liegt auf der Strecke zwi­schen Moskau und Sankt Peters­burg. Es ist eine dieser unzäh­ligen unsicht­baren Sied­lungen, an denen täg­lich die Schnell­züge vor­bei­fahren, aber nie­mals halten. Kleine Städte, die irgend­wann zu Dör­fern werden und dann zu Fle­cken, bis sie ganz ver­schwinden. Die rus­si­sche Geo­grafin Tatiana Nefe­dowa hat sie mal als schwarze Löcher“ bezeichnet. Sie geht davon aus, dass sie 70 bis 80 Pro­zent von Russ­lands Nord­westen aus­ma­chen.

Es gibt hier Orte, die heißen Chernay Gryaz, schwarzer Dreck. Ver­las­sene Orte wie Jel­ja­kowo, 500 Kilo­meter nord­west­lich von Moskau, in denen nur noch ein Bewohner lebt. Orte wie Tschu­dowo, wo 40 Pro­zent der Kinder keine Schule besu­chen, aber mit 13 oder 14 Jahren ver­hei­ratet werden. Die großen Städte wirken in dieser Region wie Magneten. Nach und nach ziehen die Men­schen weg, sie gehen nach Norden (Sankt Peters­burg), nach Süden (Moskau) oder wenigs­tens ins 30 Kilo­meter ent­fernte Twer, eine Stadt mit Ein­kaufs­straße, Bars und Jobs.

Am Morgen des Ach­tel­fi­nales zwi­schen Russ­land und Spa­nien sitze ich im High­speed-Zug, der in drei­ein­halb Stunden von Moskau nach St.Petersburg fährt. Er hält auch in Twer, und von dort kommt man weiter nach Red­kino. Nach knapp 90 Minuten eine Ansage auf Eng­lisch, fast eine War­nung: Bitte steigen Sie hier nicht aus, es sei denn, Sie haben Ihr Ziel wirk­lich erreicht. Dieser Zug hält nur eine Minute und fährt ohne Ankün­di­gung weiter.“

Es klingt, als sei hier, in Twer, noch nie ein Tou­rist oder Fuß­ballfan aus­ge­stiegen. Warum auch? Es gibt in der Stadt aktuell nicht mal einen Verein. Der ehe­ma­lige Dritt­li­gist FK Wolga Twer löste sich 2017 auf.