Fuß­baller machen nach ihrer aktiven Zeit die selt­samsten Kar­rieren, aber die von Jupp Nehl ist wirk­lich außer­ge­wöhn­lich. Der frü­here Profi des VfL Bochum und von Bayer Lever­kusen wurde zum Geschäfts­führer der Sport­cast GmbH. Das ist die 100-pro­zen­tige Tochter der Deut­schen Fuß­ball Liga (DFL), welche die Fern­seh­bilder aller 612 Pro­fi­spiele pro Saison pro­du­ziert.



»Nach meinem Stu­dium der Betriebs­wirt­schaft suchte ich im Medi­en­be­reich einen Job im kauf­män­ni­schen Bereich. Beim WDR oder bei RTL war aber kein Platz frei. Burk­hard Weber – sei­ner­zeit Sport­chef bei RTL – gab mir dann den Tipp, es bei Wige Media zu ver­su­chen. Die pro­du­zierten damals schon Sport­sen­dungen wie die Formel 1 oder auch Bun­des­liga. Ich wurde dann kauf­män­nisch ver­ant­wort­lich für das Fan-TV auf den Video­wänden im Sta­dion. Dort­mund und Bremen waren meine ersten Ver­träge«, sagt der ehe­ma­lige Stürmer (201 Bun­des­liga-Ein­sätze) und beschreibt die Anfänge seiner zweiten Kar­riere.

»Es hat nur ein ein­ziges Mal eine Kata­strophe gegeben«

Mitt­ler­weile ist der eins­tige Stu­denten-Natio­nal­spieler eine feste Größe in der Liga. »Mit Jupp Nehl haben wir einen exzel­lenten Fach­mann, der in der Medi­en­branche hohe Aner­ken­nung«, sagt DFL-Geschäfts­führer Tom Bender, der als ehe­ma­liger TV-Manager weiß, wovon er spricht. Nehl sei­ner­seits ist stolz darauf, dass seine Arbeit inzwi­schen vom Deut­schen Fuß­ball-Bund, für den die Bilder vom DFB-Pokal und U‑Länderspiele pro­du­ziert werden, und von der Euro­päi­schen Fuß­ball-Union – Mit­ar­beit bei der EM – aner­kannt wird. Der 47 Jahre alte Diplom-Kauf­mann: »Es hat nur ein ein­ziges Mal eine Kata­strophe gegeben. Das war bei einem Zweit­li­ga­spiel von Wacker Burg­hausen, als wir wegen einer Über­span­nung einen 15-minü­tigen Bild­aus­fall hatten.« Seitdem muss jeder Pro­fi­verein ein Not­strom­ag­gregat im Sta­dion haben. Und über jeden Dritt­li­gisten gibt es inzwi­schen eine Daten­bank, aus der her­vor­geht, wo wel­cher Strom­an­schluss ist, wie stark das Flut­licht leuchtet und wo sich der Über­tra­gungs­wagen am sinn­vollsten parken lässt.

Nach erfolg­rei­cher Arbeit bei der Wige Media AG, zuletzt als Finanz­vor­stand, kam Nehl schließ­lich 2006 – auch nach guten Gesprä­chen mit DFL-Chef Chris­tian Sei­fert – zu Sport­cast. Die DFL-Stra­tegen in Frankfurt/​Main hatten erkannt, dass die Liga ihr Sen­de­si­gnal selbst pro­du­zieren muss – sonst würde sie sich erpressbar machen. Nicht aus­zu­denken, wenn bei den anste­henden TV-Rechte-Ver­hand­lungen die Liga ihren Kunden nicht die eigen­kon­fek­tio­nierten Bilder anbieten könnte. Ein pro­du­zie­render Sender hätte sich die Wei­ter­lei­tung teuer bezahlen lassen. Aber die TV-Pro­duk­tion ist mitt­ler­weile Rou­tine, wenn­gleich mit Detail­ver­ses­sen­heit ver­bunden, um per­fekt zu sein.

Die neue große Her­aus­for­de­rung für Nehl und seine 20-köp­fige Mann­schaft ist es, eine TV-Bücherei der gesamten Bun­des­liga und der Län­der­spiele zu erstellen. Abge­sehen von den kom­pli­zierten Rech­te­si­tua­tion und der Schwie­rig­keit, zu erfahren, in wel­chem Archiv wel­ches Spiel schlum­mert, müssen alte Film­rollen digi­ta­li­siert werden, ehe sie ver­rotten. Bis zu 40.000 Stunden sollen es werden, die Internet-Por­tale oder TV-Sender dann per Such­be­griff wie bei Google abrufen können. Wer also »Netzer – DFB-Pokal – Finale« ein­gibt, erhält das legen­däre Tor von 1973 gegen den 1. FC Köln.

Ob die Bücherei aller­dings auch End­ver­brau­chern zugäng­lich gemacht wird oder nur pro­fes­sio­nellen Nut­zern, ist noch nicht ent­schieden. Eines aller­dings schaffen auch Jupp Nehl und sein Team nicht: Film­auf­nahmen zu besorgen vom ersten Tor, das in der Bun­des­liga gefallen ist. Da bleibt nur der Name des Schützen, da bleibt Timo Konietzka.