Diesen einen Anruf wird Patrick Owo­moyela wohl ewig in Erin­ne­rung behalten. Ein gewisser Herr Klins­mann hatte durch­ge­klin­gelt und sorgte bei seinem Gesprächs­partner für schweiß­nasse Hände und ungläu­biges Staunen. Aber der Bun­des­trainer hatte sich nicht in der Nummer geirrt, er wollte wirk­lich Owo­moyela spre­chen. Den Bun­des­liga-Frisch­ling, der erst einige Spiele mit Arminia Bie­le­feld im Ober­haus absol­viert hatte. So richtig begreifen konnte Owo­moyela das alles erst, als er auf­ge­legt hatte. Viele Dinge schossen ihm durch den Kopf. Vor allem die eine, alles ent­schei­dende Frage Klins­manns: Ob er sich denn schon ent­schieden habe, ob er später einmal für Deutsch­land oder für Nigeria, dem Hei­mat­land seines Vaters Henry, auf­laufen wolle. Adler-Trikot oder Super-Eagles? Nigeria kannte er nur aus Erzäh­lungen und dem Fern­sehen und nach Klins­manns Anruf war die Ent­schei­dung end­gültig für Deutsch­land gefallen. Im Dezember 2004 lief Owo­moyela beim Gast­spiel in Japan erst­mals für die deut­sche Natio­nal­mann­schaft auf. Er agierte auf der rechten Abwehr­seite feh­lerlos, schal­tete sich gele­gent­lich nach vorne ein und zeigte gleich, dass er nicht gekommen war, um ehr­fürchtig zuzu­schauen. Owo­moyela sah als ein­ziger deut­scher Spieler Gelb.
Plötz­lich stand da also einer mit den Kahns, Bal­lacks und Kloses zusammen auf dem Feld, der sich einst vor­ge­nommen hatte, Fuß­ball nur so aus Spaß zu spielen. Und viel­leicht ein biss­chen Taschen­geld nebenbei zu ver­dienen. Selbst danach sah es in frü­hester Jugend nicht aus. Wäh­rend andere schon im Grund­schul­alter als kom­mende Natio­nal­spieler gelten, hatte der gebür­tige Ham­burger viel Zeit, diesen ver­meint­li­chen Riesen-Fuß­bal­lern zuzu­schauen. Bei seinem ersten Verein Grün-Weiß Eims­büttel war er Tor­wart, später bei Stel­lingen 88 saß er, inzwi­schen zum Feld­spieler geworden, oft nur auf der Bank und musste zudem auf­grund von Wachs­tums­stö­rungen Gips an beiden Beinen tragen. Später, da war er immerhin Nord­deut­scher Jugend­meister, haben Ver­eine aus der Ober­liga ange­fragt. Ver­bands­liga wäre okay gewesen, aber Ober­liga? Das war Owo­moyela eine Nummer zu groß. Es schien ohnehin lange Zeit so, als sei das Spiel mit der Hand und den Körben mehr seine Sache als das mit dem Fuß und dem Tor. Als 16-jäh­riger spielte Owo­moyela in der Bas­ket­ball-Regio­nal­liga und sagte rück­bli­ckend: Im Bas­ket­ball war ich wohl talen­tierter.“
Auf­fallen tut er nicht durch kesse Sprüche, son­dern vor allem wegen seiner Frisur. Doch wäh­rend andere Pro­fikol­legen dem Besuch beim Coif­feur fast so viel Bedeu­tung bei­zu­messen scheinen, wie der täg­li­chen Trai­nings­ein­heit, ist ihm die schwarze Haar­pracht natur­ge­geben. Freunde nennen ihn in Anleh­nung an den Sänger Shaggy, der Bou­le­vard taufte ihn Super-Locke.“ Er surft gern und spielt Schlag­zeug. Mit der Gruppe Yam Yam und dem Hit Planet of Love“ hatte er es 1997 sogar in die Charts und zu einem Fern­seh­auf­tritt im ZDF gebracht. Er könnte der so gern gese­hene extra­va­gante“ Profi sein, doch der gelernte Gas- und Was­ser­in­stal­la­teur, der seine Gesel­len­prü­fung als Dritt­bester seines Jahr­gangs in Ham­burg und Umge­bung abge­schlossen hat, ist durch und durch boden­ständig. Schlag­zei­len­träch­tige Äuße­rungen sind nicht sein Ding, eher schon beschei­dene und selbst­kri­ti­sche Aus­sagen wie: Ich bin noch kein kom­pletter Spieler.“
Ange­spro­chen auf seinen rasanten Auf­stieg sagte er, harte Arbeit und ein Quänt­chen Glück seien zwei wich­tige Fak­toren gewesen. Auf einmal, nach einem Pro­be­trai­ning beim dama­ligen Zweit­li­gisten SV Meppen, war sie da: die Lust, viel Zeit zu inves­tieren und sich zu schinden. Schritt für Schritt tas­tete sich Owo­moyela an die große Fuß­ball-Welt heran. Lüne­burger SK, VfL Osna­brück, SC Pader­born 07, wahr­lich nicht die großen Sätze auf dem Weg nach oben. Den Durch­bruch schaffte er auf der Alm. Vor allem dank Uwe Rapolder. Der dama­lige Coach von Arminia Bie­le­feld, der ihn nach dem Bun­des­liga-Abstieg 2003 holte, beschei­nigte ihm eine Rie­sen­ver­an­la­gung und war beein­druckt von seiner Schnel­lig­keit und der Kopf­ball- und Zwei­kampf­stärke. Rapolder stellte Owo­moyela auf die für ihn ideale Posi­tion: Hinten rechts. Dort wurde aus einem unbe­kannten Regio­nal­liga-Kicker mit unge­wöhn­li­cher Frisur einer der Top-Spieler der Bun­des­liga. Die Zeiten, als Franz Becken­bauer noch von Owo­mo­dingsda“ gespro­chen haben soll, sind längst vorbei. Nach seinem Natio­nal­mann­schafts-Debüt lobte ihn Becken­bauer als die Ent­de­ckung des Spiels“ und mit Hertha, dem HSV und Schalke standen plötz­lich die Inter­es­senten Schlange.
Letzt­lich erhielt Werder Bremen den Zuschlag, obwohl die Fans in Bie­le­feld auf spek­ta­ku­läre Art ver­suchten, seinen Wechsel zu ver­hin­dern. Sie tex­tete den Song Ema­nuela“ von Fettes Brot“ um und 20000 Men­schen sangen im Sta­dion: Lasst die Finger von Owo­moyela.“ Alle Fans, alle Fans sagen No‘, deines Lebens wirst du nicht mehr froh“, flehten sie in Rich­tung des Publi­kums­lieb­lings. Alles Bitten war ver­ge­bens. Doch anders als etwa bei Delron Buckley oder Ervin Skela nahm ihm kaum ein Anhänger den Wechsel übel. Nach seinem letzten Spiel in Bie­le­feld wurde Owo­moyela, der wäh­rend seiner Zeit bei Arminia sechs Mal ins Natio­nal­team berufen wurde und damit Rekord-Natio­nal­spieler ist, noch lange nach Abpfiff gefeiert.
Auch bei Werder ist der 26-jäh­rige sofort zur festen Größe geworden und hat die für ihn unge­wohnte, fast aus­schließ­lich defen­sive Aus­rich­tung schnell ver­in­ner­licht. In Bie­le­feld war es Owo­moyela gewohnt, auch etwas nach vorne zu tun. In Bremen ist das auf­grund der vielen starken Offen­siv­spieler nicht nötig – und auch nicht erwünscht. Manchmal geht es dann aber doch noch mit ihm durch. Beim Heim­spiel in der Cham­pions League gegen Udi­nese Calcio bei­spiels­weise wurde er beim Stand von 3:1 viel zu offensiv und nur wenige Tage später ließ ihn Bay­erns Zé Roberto meh­rere Male ganz schlecht aus­sehen. Die anschlie­ßende Kritik von Thomas Schaaf steckte er klaglos weg, mehr noch: Er gab dem Trainer öffent­lich recht.