Von Men­schen, die eine beson­ders inten­sive psy­chi­sche Erfah­rung durch­stehen mussten, weiß man, dass sich ihr Körper auch äußer­lich wie im Zeit­raffer ver­än­dern kann. Nicht selten sind Geschichten von Men­schen, die nach Bom­ben­an­griffen oder Natur­ge­walten stunden- oder tage­lang ver­schüttet waren und nach ihrer Ret­tung kom­plett ergraut das Tages­licht wie­der­sahen.



Nun wäre es natür­lich ver­messen, den Stress, den von Trüm­mern ver­schüt­tete Opfer zu ertragen haben, mit der psy­chi­schen Belas­tung pro­fes­sio­neller Fuß­ball-Trai­nern zu ver­glei­chen. Aber wer Pep Guar­diola, seines Zei­chens Übungs­leiter der womög­lich besten Fuß­ball-Mann­schaft der Welt, am Diens­tag­abend bei seiner hilf­losen Arbeit beob­achten konnte, der durfte fest­stellen, dass auch ein Teil seiner Haare die Farbe ver­än­dert hatten. Erfolg­ver­spre­chendes, vor Selbst­be­wusst­sein strot­zendes Matt­schwarz war nach der Halb­zeit­pause ein ver­wirrtes, über­for­dertes Grau geworden. Schuld daran: Der VfB Stutt­gart.

Ver­wirrtes, über­for­dertes Grau

Die Schwaben hatten den im Vor­feld als über­mächtig titu­lierten Gegner 45 Minuten lang in die Tasche gesteckt und dank mons­tröser Lauf­be­reit­schaft ziem­lich ins Schwitzen gebracht. Cacau, dem deut­schen Bra­si­lianer (besser: bra­si­lia­ni­schen Deut­schen), war gar ein wun­der­schönes Kopf­balltor gelungen. Berauscht von der eigenen Kunst zele­brierte die Mann­schaft von Chris­tian Gross ein Power­play, wie man es sonst nur aus hoch­klas­sigen Pre­mier-League-Par­tien kennt. Oder vom FC Bar­ce­lona.

Die hoch­be­gabten Künstler zeigten sich aller­dings sicht­lich über­rascht von den fre­chen Stutt­gar­tern, die auf der einen Seite Hoch­ge­schwin­dig­keits-Dribbler Messi abliefen und auf der anderen Seite Carles Puyol, einen der besten Zwei­kämpfer der Welt, düpierten. Trainer Guar­diola, wegen seines jugend­li­chen Trai­ner­er­folges als Mann vom Fach längst aner­kannt, saß der­weil mit gla­sigen Blick auf der Ersatz­bank und mur­melte stumm Fra­ge­zei­chen in seinen (noch nicht grauen) Bart. Selten hat man den stets ele­gant geklei­deten Spa­nier so hilflos gesehen. Dem VfB Stutt­gart war in 45 Minuten etwas ganz Beson­deres gelungen: dem FC Bar­ce­lona, welt­weit als ein­falls­reichstes Team ver­ehrt, waren schlichtweg die Ideen aus­ge­gangen.

Nur noch Fra­ge­zei­chen im Backen­bart

Was genau in der Halb­zeit­pause in der Gäs­te­ka­bine pas­sierte, wird wahr­schein­lich ein Geheimnis bleiben. Schwer vor­stellbar, dass Guar­diola seinen teuren Super­stars laut schreiend den Marsch geblasen hat, ganz sicher hat er auch keine Schuhe oder Schlüssel nach vor­lauten Abwehr­spie­lern geworfen. Aber: Viel­leicht hätte ihm das ganz gut getan. Mal Luft ablassen, den unge­wohnt pomadig auf­tre­tenden Xavi zur Sau machen. Oder, wie hat es Uwe Kli­maschefski mal so herz­er­fri­schend aus­ge­drückt: »Ich reiße Euch den Arsch auf. Bis zur Naht.«

Nein, Guar­diola musste seinen ganzen Zorn run­ter­schlu­cken, einen Uwe Kli­maschefski-Ver­schnitt als Barca-Trainer könnten sich schließ­lich auch die größten Hard­liner schwer­lich vor­stellen. Also ergraute Pep Guar­diola. Jeden­falls ein wenig, an den Backen­haaren. Viel­leicht, aber nur viel­leicht, fiel das Flut­licht in der zweiten Halb­zeit auch nur anders auf den Trainer. Oder es stimmte, was ein Zuschauer wis­send blökte: »Der Vogel hat doch mit den Ohren gekokst.«

Das aller­dings wäre auch wieder eine ganz andere Geschichte…