Der eigent­liche Beginn, bzw. Aus­löser dieser Aus­wärts­fahrt liegt circa zwanzig Jahre vor dem eigent­li­chen Antritt zurück, als das Schicksal mir den Schalke 04 als Verein zuwies. Meine Eltern hatten eine Fuß­ball­kneipe in im Gel­sen­kir­chener Fuß­ball­kreis lie­genden Glad­beck und somit waren die Würfel gefallen, da unter den Gästen, abge­sehen von ein paar Glad­ba­chern, aus­schließ­lich Schalker von der ein­ge­fleischten Sorte ver­kehrten.

Ich folgte also ab Mitte der Sieb­ziger der Ach­ter­bahn­fahrt durch die Jahr­zehnte. Vize­meis­ter­schaft 1977, Abstieg 1979, Wie­der­auf­stieg 1980 und so weiter, bis sich dann Ende 1996 Schalke nach gut zwanzig Jahren Abwe­sen­heit erst­mals wieder für den UEFA-Cup qua­li­fi­zierte.

Für uns Jün­gere war das durchaus etwas Beson­deres. In den Sieb­zi­gern war mein Vater zu den UEFA-Cup-Spielen gegen Mag­de­burg, Neapel oder Molen­beek gefahren, war aber ver­nünf­ti­ger­weise nicht auf die Idee gekommen sich mit einem Kind im Schlepptau zu belasten.

Wir sahen dem ersten Spiel gegen Kerk­rade mit großer Freude ent­gegen und die Mann­schaft, damals noch unter Jörg Berger, löste die Heim­auf­gabe sou­verän 3:0 und auch aus­wärts gab es ein nicht unin­ter­es­santes 1:1. Das Kerk­ra­de­spiel hatte inso­fern noch eine gewisse Bedeu­tung, weil der Trainer von Kerk­rade ein gewisser Huub Ste­vens war und, nachdem Schalke Jörg Berger ent­lassen hatte, bald drauf als neuer Trainer in Gel­sen­kir­chen vor­ge­stellt wurde. Ste­vens dürfte damit der ein­zige Trainer in der Geschichte sein, der der den UEFA-Cup gewann hat, obwohl er zuvor bereits aus­ge­schieden war.

Die Euro­pa­cup­saison war wie ein Traum. Mit dem abso­luten High­light der Final­spiele. Der in den Acht­zi­gern in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit abge­rutschte FC Schalke 04 gegen Inter Mai­land, ein Welt­klub, der bis zu diesem Zeit­punkt den UEFA-Cup ebenso zweimal gewonnen hatten, wie den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister, wobei der letzte Erfolg im UEFA-Cup nur drei Jahre zurücklag.

Zudem traten die Ita­liener mit einer mit inter­na­tio­nalen Stars wie Youri Djor­kaeff, Ciriaco Sforza oder Giu­seppe Ber­gomi gespickten Mann­schaft an, wäh­rend Schalke mit Welt­meister Olaf Thon und dem Bel­gier Marc Wil­mots nur zwei Spieler von ähn­li­chem Renommee auf­zu­weisen hatte.

Das Hin­spiel fand im Gel­sen­kir­chener Park­sta­dion statt und vor mit 57.000 Zuschauern aus­ver­kauftem Haus stand, wie von Trainer Huub Ste­vens vor­ge­geben, gegen ver­halten auf­tre­tende Ita­liener die Null, zudem sicherte Marc Wil­mots mit einem Weit­schuss nach 70 Minuten einen kleinen Vor­sprung für das Rück­spiel.

Die Sache war eigent­lich klar. 1990 hatte ich mich durch unnö­tiges Zögern um das WM-End­spiel in Rom gebracht und diesmal wollte ich mit zum End­spiel, komme was da wolle.

Wenig erstaun­lich war die Mit­fahr­be­reit­schaft in meinem Umfeld. Im Prinzip habe ich jeden, aber auch wirk­lich jeden, den ich in irgend­einer Form vorher als Schal­kefan kennen gelernt hatte, in Mai­land getroffen. Dar­unter einen Mann, den ich das erste und ein­zige Mal in meinem Leben nüch­tern erlebte. Aber wie sagte – nennen wir ihn Falcao“, ein Berg­mann von altem Schrot und beson­ders Korn – Heute will ich das Spiel sehen!“

Da die meisten Leute, wenn sie nicht über den Fan­club­ver­band buchten, sich selber um Fahr­ge­le­gen­heiten küm­merten (einer Legende nach gab es um den 21. Mai 1997 herum keine Leih­autos mehr in Gel­sen­kir­chen) waren wir letzt­end­lich nur zu dritt. Ich, meine Frau und mein lang­jäh­riger Freund und Tri­bü­nen­nachbar Rein­hard.

Karten hatte ich über eine Nürn­berger Ticke­t­agentur besorgt, für stolze 200 DM das Stück. Damals, zu Zeiten, als ein Sitz­platz auf der Gegen­ge­rade bei 20 DM lag, durchaus ein stolzer Preis, nach heu­tigen Maß­stäben eher ein Schnäpp­chen. Der gute Mann schien die Karten direkt vor Ort beim Schwarz­händler seines Ver­trauens besorgt zu haben, denn wie sich später raus­stellte, lagen die Sitze direkt im Mai­länder Ultrab­lock, aber davon später. Vor dem Sta­dion liefen jeden­falls genug Schwarz­händler herum, die jedem, der irgendwie deutsch aussah, sofort Karten anboten.

Als Vehikel für die 1000 Kilo­meter Fahrt­strecke hatten wir meinen alten Golf II Diesel aus­ge­sucht, ein prak­tisch unver­wüst­li­cher Panzer, der auch vom Ver­brauch bei durchaus ange­nehmen zehn Litern lag, 1997 ein echtes Öko­auto. Ich hing irgendwie an der Karre und so war mein größtes Pro­blem dann auch die Angst, dass das Ding in Ita­lien ganz schnell ohne mein Wissen einen neuen Besitzer finden konnte. Doch es stellte sich bald schnell heraus, dass die Angst unbe­gründet war. Ich hatte den Wagen so geparkt, dass ich ihn aus dem vorab gebuchten Hotel­zimmer im Auge behalten konnte. Kaum hatte ich die Koffer aufs Bett geworfen, war das Schmuck­stück der­maßen zuge­parkt, dass man nur mit Bord­mit­teln den Standort nicht mehr ver­lassen konnte. Ein paar Minuten später erhöhte sich die Sicher­heit noch weiter, als sich ein Pär­chen, in Erman­ge­lung eines eigenen Fahr­zeuges, auf meinem in wilder Knut­scherei herum fläzte.

Wir absol­vierten des Abends und am Mitt­woch-Vor­mittag das Mai­land-Erst­be­su­cher-Touri-Pro­gramm. Also Dom, Dom­platz, Ein­kaufs­pas­sagen am Dom und Kneipen am Dom und je weiter der Tag vor­an­schritt, desto mehr füllte sich Mai­land mit blau­weißen Scharen, die Flug­zeuge, Bahnen und Busse unun­ter­bro­chen in die Innen­stadt spuckten.

Am Ende dürften es so um die 25.000 Deut­sche gewesen sein, genug um vom der Inva­sione tedesca“ in den ita­lie­ni­schen Fern­seh­nach­richten zu berichten.
Beson­ders haften blieben die kleinen, etwas alter­tüm­lich wir­kenden Stra­ßen­bahnen, die voll besetzt mit sin­genden Schal­kern, die Fahnen aus den Fens­tern ragend, zum Dom­platz gefahren kamen, der sich fest in königs­blauer Hand befin­dende Brunnen auf dem Dom­platz, und das von einem tau­send­fa­chen Chor gebrüllten FINA­LEEE“ in der glas­über­dachten Pas­sage am Dom – ein­fach unglaub­lich für Leute wie mich, die Meppen und Schwein­furt gesehen und nicht mehr an Bes­seres als die nord­deut­sche Tief­ebene erwartet hatten.

Sehr nett waren vor allem die Milan-Fans, die sich, da es gegen ihren Kon­kur­renten ging auf unsere Seite schlugen. Auf dem Weg zum Hotel hatte uns bereits ein Schwarz­roter erkannt, ange­spro­chen und uns dann zu unserem Hotel geleitet, einen Ser­vice, den man auf Aus­wärts­fahrten eher selten genießt. Später wurde uns quasi an jeder Ecke freund­lich zuge­nickt, in einem Restau­rant kam es sogar zu einer Art Ver­brü­de­rung, in deren Ver­lauf wir Schal gegen Kopf­tuch ein­tau­schen konnten. Naja, der Gedanke zählt.

Ein letztes Schman­kerl gab es noch auf dem Rückweg zum Hotel. Meine Frau wollte unbe­dingt ita­lie­ni­schen Wein mit­nehmen, wes­halb wir bei einem Wein­händler enkehrte, bei dem ich mich, nachdem ich bei einigen Fla­schen die Preis­schilder von einer Mil­lion Lire (damals 1000 DM) gesehen hatte, nur noch sehr vor­sichtig bewegte. Aus dem Geschäft­li­chen hielt ich mich als Bier­trinker heraus und ließ die ver­meint­li­chen Experten machen, die für beide Par­teien jeweils drei Fla­schen kauften.

Erst bei der Ver­kös­ti­gung in der Heimat mussten wir fest­stellen, dass wir neben einer Fla­sche Wein und einer Pulle Sekt auch noch eine Fla­sche schwei­ne­teuren Essig erworben hatten! Ich weiß schon, warum ich lieber Bier trinke.

Der Abend war mitt­ler­weile ange­bro­chen und wir zogen nun Rich­tung San Siro. Zu unseren Plätzen ließen uns die Cara­bi­nieri erst gar nicht hin, dafür wurden alle erkenn­baren Schalker auf dem Unter­rang unter den Inter-Ultras plat­ziert, die die Gele­gen­heit nutzten und uns mit allem was zur Hand war bewarfen. Vor allem die Rau­cher freuten sich über die zahl­rei­chen geschenkten Feu­er­zeuge.

Die Mann­schaften kamen aufs Feld und man konnte deut­lich sehen, wie beein­druckt unser Team von der schieren Anzahl, der sie beglei­tenden Fans war. Das Spiel begann und ich muss gestehen, dass ich mich an die 120 Minuten Spiel­zeit nur noch in auf­blit­zenden Momenten erin­nern kann. War es das Adre­nalin, das an diesem Abend die Luft von San Siro schwän­gerte? War es die Hitze oder das eine oder andere Bier des Nach­mit­tags?

Was geblieben ist: Marc Wil­mots, der eine der wenigen Schalker Chancen vergab. Das Inter-Tor durch Zamo­rano, das eine beein­dru­ckende Sound­ku­lisse erzeugte. Die rote Karte für Fresi kurz vor Ende der regu­lären Spiel­zeit, und die damit ver­bun­dene nume­ri­sche Über­le­gen­heit, an die wir unsere Hoff­nungen knüpften und schließ­lich die Ein­wechs­lung von Oliver Held, an der aller­dings wenig bis keine Hoff­nung hingen.

Die Ver­län­ge­rung endete ohne ein wei­teres Tor, es folgte der ulti­ma­tive Show-down: Elf­me­ter­schießen, auf das unserer Kurve gegen­über­lie­gende Tor.

Schalke begann und Ingo Ander­brügge nagelte den Ball in gewohnter Manier unhaltbar in die Maschen. Zamo­rano hieß der erste Schütze für Inter, aber ein schon damals mit Zet­teln gut ver­sorgter Jens Leh­mann angelte das Leder aus der Ecke. Wir lagen vorne!

Nächster Schütze war Olaf Thon. Der Kapitän. Der Welt­meister. Anlauf, Schuß, Tor, Fed­dich. 2:0.

Danach der erste und ein­zige Rück­schlag im Elf­me­ter­schießen: Youri Djor­kaeff traf sicher. Aber im Gegenzug legte Tor­jäger Martin Max wieder nach, 3:1.
Und dann kam Aron Winter. Erst später habe ich gelesen, dass Leh­mann Winter kurz vor dessen Schuss mit­ge­teilt hatte, dass er stehen bleiben werde. Dieser Psy­chotrick wirkte. Winter schoss daneben.

Wir waren ganz nah dran. Nur noch ein Treffer von Marc Kampf­schwein“ Wil­mots fehlte zum Hap­pyend.

Wil­mots lief an, täuschte Tor­hüter Pag­liuca und wie in Zeit­lupe rollte der Ball vom Schützen aus links gesehen ohne Hast über die Linie, wäh­rend ein jubelnder Wil­mots bereits Rich­tung Mann­schaft abdrehte. Ein Jubel-Orkan erhob sich um uns herum, ben­ga­li­sche Feuer tauchten die Jubel­szenen in ein magi­sches rotes Licht und wild­fremde Men­schen sanken sich im Leuchten des gewon­nenen Pokals ver­eint in die Arme.

Es dau­erte Stunden, bis wir aus dem Sta­dion durften, aber es war uns egal. Die Mann­schaft kam zum Feiern in die Kurve und die Ita­liener flohen aus dem Rund. Es war spät, wir waren müde und es war nichts zu trinken auf­zu­treiben, so dass wir schließ­lich den größten Erfolg der Ver­eins­ge­schichte mit zwei Bieren aus der Minibar auf dem Hotel­zimmer feiern mussten.

Am nächsten Tag zogen wir im Tri­umphzug gen Heimat. Die ein­zigen, die dem Treiben mit Miss­trauen begeg­neten, waren die Schweizer Grenzer, die die ein­zige inten­si­vere Kon­trolle bei den vier Grenz­über­tritten dieser Fahrt bei der Aus­fahrt nach Deutsch­land vor­nahmen. Als ob wir irgend­welche uner­laubten magi­sche Gegen­stände, die dem Underdog den Sieg beschert hatten, mit zurück­schmug­geln wollten.

Unver­gessen bleibt auch die erste Rast­stätte auf deut­schem Boden, ein recht großer Laden mit einer Glas­kuppel, der, wie konnte es auch anders sein, voll mit Schal­kern war, die sich irgend­wann gemeinsam erhoben und ein laut­starkes FINALE“ anstimmten. Gän­se­haut pur.