Paolo Guer­rero spielt seit einigen Monaten bei Corin­thians São Paulo und ist dort so etwas wie ein Volks­held. Neu­lich, im Finale der Klub-Welt­meis­ter­schaft gegen den FC Chelsea, schoss er den 1:0‑Siegtreffer. Danach jubelte ihm sogar Ronaldo zu. Was für eine Freude! Ganz große Klasse, Guer­rero!“, twit­terte der ehe­ma­lige Super­stürmer, und Guerreo blickte zufrieden auf seine Time­line.
 
Beim HSV gelang dem Peruaner in den Jahren zuvor herz­lich wenig. 2006 kam er vom FC Bayern, er war 22 Jahre jung und seine Refe­renzen über­schaubar. Weil er in 27 Spiele zehn Tore erzielt und dafür warme Worte der Bayern-Bosse geerntet hatte, wurde die Ver­pflich­tung in Ham­burg den­noch als großer Coup prä­sen­tiert.

Die weh­lei­dige Diva

Sechs Jahre spielte der Peruaner in Ham­burg, er machte 134 Liga­spiele und spielte 36 Mal inter­na­tional, in keiner ein­zigen Saison traf er zwei­stellig. Guer­reros Spiel wirkte oft lethar­gisch, sein Art weh­leidig und diven­haft. Er war ein biss­chen Andi Möller, ein biss­chen Cris­tiano Ronaldo. Mit dem Unter­schied, dass er die Klasse dieser Spieler nicht mal ansatz­weise erreichte.
 
Ein Spiel machte Guer­rero aller­dings über Nacht zum König von Europa: Das Uefa-Cup-Ach­tel­fi­nal­rück­spiel am 19. März 2009 in Istanbul. Ich saß damals alleine vor dem Fern­seher, und blickte auf eine bren­nende Kurve und all die rot-gelben Fahnen und Trans­pa­rente im Ali-Sami-Yen-Sta­dions. Auf einem stand: Kein Aus­gang aus der Hölle!“ Ver­mut­lich hatten die Gala­ta­saray-Fans Recht, dachte ich, denn das Hin­spiel in Ham­burg war 1:1 aus­ge­gangen. Und als Milan Baros in der 48. Minute zum 2:0 traf, ging ich auf den Balkon und sah den Män­nern vor dem Späti beim Trinken zu. Ich wäre gern hin­unter gegangen.
 
Doch da drückte der ZDF-Kom­men­tator plötz­lich ein ein knappes, gepresstes Ja!“ durch die Boxen dieser alten Fern­seh­kiste. Ich rannte vor den Bild­schirm und sah in der Wie­der­ho­lung, wie Paolo Guer­rero aus 19 Metern den Ball direkt in den Winkel schoss. Ein­fach so.

Ich setzte mich wieder vor dem Fern­seher.

Was danach geschah, irri­tierte mich nach­haltig. Denn der HSV ent­fachte ein unge­ahntes Offen­siv­feu­er­werk, und wenige Minuten nach dem Anschluss­treffer legte Ivica Olic einen Ball mit der Brust auf Guer­rero ab, der prompt an drei Gegen­spie­lern vor­bei­d­rib­belte und den Ball unter die Latte zim­merte. Was war hier pas­siert? Wer waren diese Spieler? Ich lag auf Boden, japste, rollte mich von links nach rechts, stieß ein Glas mit Erd­nüssen vom Tisch, schrie, vergaß das Atmen – was man so macht, wenn die eigene Mann­schaft nach einer Armada von Fra­ge­zei­chen solch epo­chale Aus­sagen setzt. Und das, wohl­ge­merkt, mitten im Fege­feuer.

Nach dem ersten Über­schwang war ich den­noch ein wenig froh, dass ich vor dem Spiel die Gar­dinen zuge­zogen hatte. Ich sah noch, wie Guer­rero abdrehte und die Hand zum Ohr führte. Er hörte nichts, denn das Ali-Sami-Yen, diese Hölle von Istanbul, aus der einst Spieler wie Eric Can­tona oder Roy Keane mit Angst­schweiß auf der Stirn flüch­teten, war ver­stummt.

Dank Guer­rero spielte der HSV um drei Titel
 
In der 90. Minute schoss Olic noch das 3:2, und der HSV zog erst­mals nach 19 Jahren wieder ins Vier­tel­fi­nale des Uefa-Pokals ein. Überall war zu lesen: Der HSV kämpft nun weiter um drei Titel in dieser Saison.“ Natür­lich – man wusste es bereits vorher – holte der HSV am Ende keinen dieser Titel. Den­noch beschloss ich, zukünftig nie wieder ein schlechtes Wort über Paolo Guer­rero zu ver­lieren.


 
Es war ein Vor­haben, das zu einer Mam­mut­auf­gabe wurde. Denn Guer­rero ser­vierte in der Folge Geschichten, die man selbst durch die rosa Fan­brille nicht gut­heißen konnte. Einmal schmiss er einem Fan, der ihn von der Tri­büne aus belei­digt hatte, eine gefüllte Plastik-Was­ser­fla­sche an den Kopf. Ein anderes Mal senste er ohne Not den Stutt­garter Tor­hüter Sven Ulreich an der Eck­fahne um. Bru­talo-Foul!“, schrieb die Bild“, und sie hatte Recht. Guer­rero erhielt eine Sperre von acht Spielen. Nur: Was küm­merte es ihn? Der Stürmer ver­diente mitt­ler­weile 4,5 Mil­lionen Euro im Jahr und fuhr mit Son­nen­rille im Haar am Steuer seines weißen Fer­raris durch Ham­burg. Im Sommer 2012 wech­selte Guer­rero nach Bra­si­lien, ein paar Wochen später beschwerte er sich über das Ham­burger Wetter und sagte: Ich habe nicht zuviel Geld ver­dient. Das ist Quatsch!“

Paolo Guer­rero ist einer der besten Stürmer der Welt“
 
Kürz­lich bin ich nach Istanbul gereist, um mir das Derby Gala­ta­saray gegen Bes­iktas anzu­gu­cken. Zunächst hielt ich mich bedeckt, wenn die Frage nach meinem Lieb­lings­verein kam. Als ich mich irgendwo in Taksim doch einmal ver­plap­perte, legte sich eine Miene des Stau­nens über das Gesichter meines Gegen­übers. HSV!“, sagten sie. Und dann fragten sie: Was macht Paolo Guer­rero? Er ist einer der besten Stürmer der Welt.“ Ein anderer lud mich zum Köfte-Essen ein, denn er wollte alles von Guer­rero und dem HSV wissen. Big team, big player!“, sagte er.

Ich hätte ihm von der letzten Saison des big teams“ erzählen können, von einem 15. Tabel­len­platz, 0:4‑Pleiten gegen Stutt­gart oder Hof­fen­heim, von den etwa 130 anderen Spielen des Perua­ners, vom Fla­schen­wurf und von selt­samen Inter­views. Aber ich nickte nur und dachte an einen der besten Stürmer der Welt, der am 19. März 2009 den Weg aus der Hölle fand.