Luis Boa Morte, Sie waren einer der ersten Spieler, den Arsene Wenger zum FC Arsenal holte. Welche Ein­drücke sind Ihnen noch im Gedächtnis?
Ich war 19, ein blut­junger Spieler aus Por­tugal, der plötz­lich mit den Big Guys“ spielen durfte. Selbst­ver­ständ­lich war ich nervös und sehr unsi­cher, was mich erwarten würde. Aber meine Bedenken wurden schnell zer­streut. Ich wurde von allen mit offenen Armen emp­fangen. Es war, als wenn man in eine Familie kommt. Das ist im Pro­fi­fuß­ball nicht immer so, das können Sie mir glauben.

Vater dieser Familie war und ist Arsene Wenger. Als Sie 1996 ver­pflichtet wurden, hatte er gerade das Amt beim FC Arsenal über­nommen. Was war er damals für ein Trainer?
Wenger ver­eint zwei Eigen­schaften, die ihn zu einem außer­ge­wöhn­li­chen Trainer machen: Er kennt den Fuß­ball wie kein Zweiter und ist ein echter Gen­tleman, ein toller Mensch. Bei mir war es so wie bei den vielen anderen Jungs, die nach mir zum Klub stießen: Er gab mir gleich das Gefühl, zur rich­tigen Stelle am rich­tigen Ort zu sein. Und er küm­mert sich um seine Spieler.

Wie meinen Sie das?
Er weiß über seine Spieler Bescheid – und zwar nicht nur auf dem Fuß­ball­platz, son­dern auch im pri­vaten Bereich. Wie gesagt, ich war damals fast noch ein Kind, Arsenal war mein erster Klub als Profi. Ich hatte Heimweh. Also schickte er mich zur Weih­nachts­zeit 1996 nach Hause und ließ mich mit meiner Familie in Lis­sabon feiern. Und dass, obwohl über die Fei­er­tage in Eng­land wich­tige Liga­spiele anstehen. Das war aller­dings das letzte Mal in meiner Kar­riere, dass ich die Boxing Days“ (Pre­mier-League-Spiele am Weih­nachtstag, d. Red.) ver­passt habe! (lacht)

Sie blieben bis 1999 in London. An welche Spieler haben Sie die inten­sivsten Erin­ne­rungen?
Eine ein­zelne Person her­aus­zu­pi­cken, würde diesen Klas­se­fuß­bal­lern nicht gerecht werden. Ich hatte das große Glück, mir meine ersten Sporen im Pro­fi­fuß­ball an der Seite von Leuten wie Marc Over­mars, Dennis Berg­kamp oder Patrick Vieira zu ver­dienen. Selbst mit Thierry Henry stand ich noch gemeinsam auf dem Platz, aller­dings nur für zwei Spiele, dann ver­ließ ich den Klub. Solche Fuß­baller machen dich besser, weil du gerade als junger Spieler unglaub­lich viel von ihnen lernen kannst.

Wel­chen Ein­fluss hatte das bei den Fans gera­dezu mys­tisch auf­ge­la­dene High­bury auf Sie und Ihr Spiel?
Ich habe High­bury geliebt. Wenn du in so einem Sta­dion spielst, dann riechst und schmeckst du auf jedem Qua­drat­meter die Geschichte dieses Ver­eins. Du wirst Teil des Ver­eins und möch­test deine Spuren in diesem Sta­dion hin­ter­lassen. Das beein­flusst selbst­ver­ständ­lich deine Leis­tung. So ging es jeden­falls mir.

2006 wurde das High­bury abge­rissen. Hat Sie das bewegt?
Natür­lich, ich war sehr traurig. Wie ver­mut­lich auch alle anderen Spieler, die den Luxus hatten, in diesem Sta­dion Fuß­ball spielen zu dürfen. Ein Teil der Tri­büne steht ja noch, sie haben Appar­te­ments drum herum gebaut. Immer, wenn ich dort vorbei fahre, kommen die alten Erin­ne­rungen hoch. Fuß­baller sind eben manchmal sen­ti­mental! (lacht)

Sie blieben bis 2011 auf der Insel, spielten für Sout­hampton, Fulham und West Ham United. Und bei jedem Ihrer Ver­eine galten Sie als harter Hund, den die Fans auf­grund seiner kör­per­be­tonten Spiel­weise ins Herz schlossen. Ist es wirk­lich wahr, dass es im eng­li­schen Fuß­ball härter zur Sache geht als anderswo?
Ich glaube schon. Weil die Men­schen hier die Her­aus­for­de­rung und den Kampf so lieben. Als Fuß­baller spürst du das gleich: Die Zuschauer wollen dich hier arbeiten sehen, sie wollen, dass man dir nach dem Spiel ansieht, dass du Gras gefressen hast. Nun, das war genau mein Spiel (lacht).

Das brachte Sie unter anderem in die por­tu­gie­si­sche Natio­nal­mann­schaft und zu 27 Ein­sätzen für Ihr Land. Was ver­binden Sie mit diesen Auf­tritten?
Teil des Kaders für die WM 2006 zu sein, war schon groß­artig. Die Stim­mung in Deutsch­land hat uns Spieler alle fas­zi­niert. Genau so habe ich mir eine Welt­meis­ter­schaft immer vor­ge­stellt: Men­schen aus der ganzen Welt, aus den unter­schied­lichsten Kul­turen, kommen zusammen, weil sie die Liebe zum Fuß­ball ver­eint. Und feiern dann eine große Party. Gut, das Halb­final-Aus gegen Frank­reich (0:1, d. Red.) und die 1:3‑Pleite im Spiel um Platz 3 gegen Deutsch­land haben unsere Party beendet. Aber selbst der Kater nach der Fete fühlte sich noch gut an.

Thomas Hitzl­sperger stand 2006 im deut­schen WM-Kader, später spielten Sie gemeinsam mit ihm bei West Ham United. Wie beur­teilen Sie sein Coming-out?
Ich habe Hoch­ach­tung vor dem, was er getan hat. Das war mutig, weil so viele es geheim halten. Ich habe Thomas immer respek­tiert – weil er ein toller Fuß­baller und ein sehr kol­le­gialer Mit­spieler war. Ehr­lich gesagt: Mir, und ich denke, auch den meisten anderen Fuß­bal­lern, ist es egal, ob jemand auf Frauen oder Männer steht. Dass die Sexua­lität den­noch ein so großes Thema ist, zeigt aller­dings, dass es der Gesell­schaft nicht egal ist. Und des­halb muss man Thomas zu seinem Coming-out gra­tu­lieren – viel­leicht hat er ja damit einen wich­tigen Bei­trag dazu geleistet, dass end­lich ver­nünftig und tole­rant mit diese Thema umge­gangen wird.

Würden Sie einem Fuß­baller raten, schon wäh­rend seiner Kar­riere seine Homo­se­xua­lität öffent­lich zu machen?
Nein.

Warum nicht?
Weil es unter den Fans auf den Rängen immer ein paar Idioten gibt, die damit nicht klar kommen und so ein Coming-out zum Anlass nehmen würden, den jewei­ligen Spieler zu belei­digen. Und wer möchte so etwas schon über sich ergehen lassen? Das ist schade, meiner Ansicht aber nun mal die Rea­lität.