Seite 3: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsre Schiris haut!“

150 Demons­tranten mehr hätten der Schiri-Demo sicher­lich gut­getan, aber auch so wird es ein etwas absurdes, aber sehr unter­halt­sames und damit öffent­lich­keits­wirk­sames Hap­pe­ning. Vorne und hinten Blau­licht, das sich auf dem nassen Kreuz­berger Asphalt spie­gelt, dazwi­schen ein bunter Haufen, der die Häu­ser­schluchten mitten in einer der Herz­kam­mern der Haupt­stadt mit Gesängen beschallt, die man erstmal schnallen muss, wenn man als Pas­sant in Hör­weite kommt. Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsre Schiris haut!“ Auch brav mit­ge­schmet­tert von Gerd Lie­se­gang, Vize-Prä­si­dent beim Ber­liner Fuß­ball-Ver­band und dort unter anderem Ansprech­partner im Bereich Gewalt-Prä­ven­tion“. Eine Melange, die ihre Wir­kung nicht ver­fehlt. Die Demons­tranten sind zufrieden, die Öffent­lich­keit unter­halten und im besten Fall auf das Thema auf­merksam gemacht, die Schieds­richter dankbar für das Fin­ger­spit­zen­ge­fühl der ganzen Idee.

Was bleibt von den ver­prü­gelten Schiris? Von so einer Demo?

Im Fuß­ball ist bekannt­lich immer das nächste Spiel das Wich­tigste. Weiter geht es, immer weiter. Was bleibt also übrig von der Dis­kus­sion um die ver­prü­gelten Schieds­richter in Rüs­singen, Rum­pen­heim oder Berlin? Von den zahl­rei­chen empörten Medi­en­be­richten? Dem DFB-Schieds­richter gegen Gewalt“-Video der Bun­des­li­ga­schiris? Den Streiks in Berlin und Köln? Dieser Demo? Stefan Paf­f­rath hat die breite Auf­merk­sam­keit gefallen, er sagt aber, dass es doch recht naiv wäre, wenn man jetzt glauben würde, dass sich alles zum Guten wendet: Ich hoffe, dass damit ein Pro­zess in Gang gesetzt wird, bei dem sich alle mal ernst­haft hin­ter­fragen: Die Profi-Spieler und ‑Trainer, die mit ihrem Ver­halten auf dem Platz noch immer Vor­bilder sind, im Ama­teur­be­reich Trainer, Spieler, aber auch Eltern, die häufig genug die eigent­li­chen Aggres­soren sind.“ So ein Fuß­ball­spiel, hofft der Ber­liner, soll Spaß machen. Aber dieser Spaß hat seine Grenzen und wenn diese Grenzen über­schritten werden, macht das alles über­haupt keinen Spaß mehr.

Drei Tage nach der Schiri-Demo hängt das Banner der Bri­gade Hartmut Strampe auf einem Neben­platz der BSG Chemie Leipzig, die C‑Jugend emp­fängt den SV Blau-Weiss Ben­ne­witz. Schieds­richter ist ein alter Freund aus der Heimat, seinen Auf­tritt zu ver­folgen ist der unge­plante Aus­klang eines Fami­li­en­aus­flugs. Spä­tes­tens nach 15 Minuten stellt man sich wieder diese Frage: Warum tut der sich das an? Die Eltern brüllen ihren Schmerz über ver­meint­liche Unge­rech­tig­keiten über das Feld wie mit dem Brenn­eisen bear­bei­tete Rind­vie­cher, die Trainer haben die Aus­strah­lung eines kurz vor dem Durch­bruch befind­li­chen Blind­darms und warum ruft eigent­lich nie­mand dieses kleine Mit­tel­feld­männ­chen zur Ord­nung, als es eine Fünf-Minuten-Strafe mit wüstem Geschrei und seinem auf den Boden gewor­fenen Trikot quit­tiert? Die Sonne scheint, ein Haufen Kinder treibt Sport und trotzdem ist die Stim­mung mies und der Schieds­richter nach Ansicht der Anwe­senden der größte Sau­hund. Merk­würdig? Merk­würdig.