Seite 2: Mehr Polizisten oder mehr Demonstranten?

Das war zunächst irgendwie ganz nied­lich und wurde schließ­lich als Auf­trag ver­standen, noch ein wenig weiter zu machen mit den Fuß­ball­fans, die den Schiri sup­porten. Also star­tete man 2017 ein Come­back und beglei­tete den Ber­liner Schieds­richter Andreas Winter bei einem Spiel im Wed­ding. Des­halb dieser Winter, weil er zuvor per Face­book-Nach­richt als mög­li­ches Objekt der Unter­stüt­zung vor­ge­schlagen wurde, hatte er doch einige Monate zuvor von einem durch­ge­knallten Spieler ziem­lich übel kas­sieren müssen.

Beschimpft, bedroht, geschlagen

Es wurde ein beson­derer Tag. 50 Men­schen auf einem sonst recht ein­samen Kunst­ra­sen­platz an einem dieser wun­der­schönen Spät­som­mer­sams­tage, die 90 Minuten lang einen Kreis­li­ga­schieds­richter mit inzwi­schen wieder ver­heilten Kno­chen­brü­chen unter­stützten. Winter wusste um das sati­ri­sche Fun­da­ment der Bri­gade. Und fand es trotzdem groß­artig.

Womit wir wieder zurück in diesem ICE von Celle nach Berlin wären. Drei Wochen zuvor hatte es im hof­fent­lich unka­putt­baren Fried­richs­hainer Salamas“ ein Wie­der­sehen mit Schieds­richter Winter und seinem Kumpel Moritz gegeben, der damals besagte Nach­richt an die Bri­gade geschickt hatte. Ein paar Spiel­tage vor diesem Besuch waren die Ber­liner Schieds­richter in den Streik getreten, nachdem mal wieder einer der ihren – in diesem Fall ein Lehrer namens Stefan Paf­f­rath – wäh­rend eines Spiels in der Berlin-Liga beschimpft, bedroht und geschlagen wurde. Die Idee nach zwei Bier: Eine Demons­tra­tion gegen Schieds­richter-Gewalt auf den Straßen von Berlin. Mit einem Augen­zwin­kern, das schon, aber mit einem ernsten Hin­ter­grund. Dass es näm­lich ein­fach scheiße ist, dass Schieds­richter beschimpft, bedroht, geschlagen werden und dass nicht nur die da oben mit ihrer Kohle und ihren Fan­ta­sie­trans­fers unsern Sport kaputt machen, son­dern auch wir da unten, die solche gru­se­ligen Szenen zulassen.

Schiri-Demos vs. Ber­liner Fei­er­abend­ver­kehr

Gesagt, begossen, getan. Und wieder was gelernt: Für eine Demons­tra­tion, selbst eine, bei der Banner mit Auf­schriften wie Heute ist ein guter Tag Geschichte zu pfeifen“ oder Unpar­tei­isch since 2015“ geschwenkt werden, muss man in Deutsch­land nur die Polizei infor­mieren und ein paar Leute zusam­men­trom­meln.

Und so steht man wenige Stunden nach der nach­denk­li­chen Zug­fahrt an der Kreu­zung Ecke Wrangelstraße/​Skalitzer Straße, an der Kreuz­berger Ein­gangs­pforte und fragt sich, ob am Ende wohl mehr Demons­tranten oder Poli­zisten am Start sein werden. 19 Uhr an einem Don­ners­tag­abend, Novem­ber­kälte, Nie­sel­regen, es soll schon bes­sere Gründe gegeben haben, um zwei Stunden lang durch die Gegend zu lat­schen, doch als sich der Zug in Bewe­gung setzt, als tat­säch­lich fünf Motor­räder und drei Neun­sitzer der Polizei Berlin die Ska­litzer Straße blo­ckieren, um die erste Schieds­richter-Demo der Stadt­ge­schichte beginnen zu lassen, zählt man knapp 45 Per­sonen. Alte Bri­gade-Freunde, ein paar Salamas-Bekannte, aber auch Engin, einen gerade voll­jäh­rigen Schieds­richter, der des­halb Schieds­richter geworden ist, weil er beweisen wollte, dass das nicht nur ver­klemmte Bes­ser­wisser werden. Oder Ivica, ein 60-Jäh­riger, der seit mehr als vier Jahr­zehnten pfeift und extra eine Stunde lang durch den Ber­liner Speck­gürtel gefahren ist und sich jetzt dar­über ärgert, dass hier nicht 100 oder 150“ Schiris gekommen sind. Weil: Super Aktion und tut doch wirk­lich Not.