Auf dem Weg zur Demo, vorbei an der immer­glei­chen nie­der­säch­si­schen Flora und Fauna – Feld, Feldweg, Bäume, Feld – vibriert das Handy. Ein Kol­lege leitet den Link weiter, der einen direkt auf einen rhein­land-pfäl­zi­schen Sport­platz führt. Ein wack­liges Ama­teur­video zeigt die Spieler von TuS Rüs­singen und Ale­mannia Wald­al­ges­heim, Ver­bands­pokal, Halb­fi­nale, Rudel­bil­dung. Die Spieler aus Rüs­singen bedrängen das Schieds­rich­ter­ge­spann und irgend­wann ent­lädt sich diese auf­ge­staute aggres­sive Stim­mung, die man selbst bei der Ansicht dieses Videos spüren kann, und trifft einen der beiden Assis­tenten. Von einem TuS-Faust­schlag getroffen, geht der Mann in Gelb zu Boden, rap­pelt sich wieder auf und ergreift die Flucht.

Was geht in einem Men­schen vor, der einen Schieds­richter umboxt?

Die Partie musste abge­bro­chen werden, die Videos machten noch schneller die Runde als die News, dass mal wieder ein Schieds­richter tät­lich ange­griffen wurde. Große Auf­re­gung in den (sozialen) Medien, inzwi­schen hat sich der Täter via Bild“-Zeitung für sein Ver­halten ent­schul­digt.

Merk­würdig, denkt man, steckt das Handy wieder weg und fragt sich, was wohl mit so einem Men­schen los ist, der einen Schieds­richter wäh­rend eines Ver­bands­pokal-Halb­fi­nals mit einer rechten Geraden nie­der­streckt, als habe er diesen soeben In fla­granti mit der Gattin im hei­mi­schen Schlaf­zimmer über­rascht. Wie viel Wut und Hass nehmen manche Leute mit auf den Sport­platz, dass sie sich dazu hin­reißen lassen, einem Schieds­richter so auf die Pelle zu rücken, dass der sich ernst­haft bedroht fühlt?

Und immer auch die Frage: Warum werden Men­schen Schieds­richter? Warum ent­scheidet man sich frei­willig für einen Job, der einem im besten Fall einen festen Hän­de­druck, ein paar Euro und ein Frei­bier, im schlech­testen Fall eine gebro­chene Nase ein­bringt?

Die Bri­gade Hartmut Strampe

Die Frage stellte sich auch damals, auf einem Balkon in Berlin-Fried­richs­hain, ein paar leere Fla­schen Bier standen da schon auf dem Tisch. Noch ein Pils später und die Idee der Bri­gade Hartmut Strampe“ war geboren, der ersten Ultra-Grup­pie­rung für Schieds­richter. So abwegig und des­halb so unter­haltsam. So sinn­voll dann doch und des­halb so beliebt. Der Rest der Geschichte dürfte vielen Lesern dieses Arti­kels bekannt sein: von 11FREUNDE in die Tat umge­setzt und finan­ziert, wurden aus dieser Idee drei Auf­tritte mit Ban­nern, Fahnen, Unparteiisch“-Ordnerwesten und so weiter, eine Face­book-Seite mit mehr als 10.000 Fol­lo­wern und dank zahl­rei­cher Medi­en­be­richte eine ziem­lich breite Öffent­lich­keit. Ein bier­se­liger Spaß, ver­rückte 11FREUNDE-Geschichte, eigent­lich.

Aber selbst als das schlecht gehü­tete Geheimnis“ über die Bri­gade bekannt gegeben wurde, schien sich nie­mand daran zu stören, geschweige denn, seine Unter­stüt­zung für die Bri­gade zurück­nehmen zu wollen. Was vor allem für die vielen, vielen Schieds­richter galt, die ihre Sym­pa­thie für die Idee auch danach in unge­zählten Nach­richten, Kom­men­taren oder Zuschriften bekun­deten. Tenor: Schön, dass es euch gibt.