Martin Kind, denken Sie an einem Europa League-Abend oder vor einem Spiel gegen den FC Bayern auch mal kurz an die grauen Regio­nal­liga-Tage zu Beginn Ihrer Amts­zeit als Han­nover 96-Prä­si­dent zurück?
Ich bin ein Mensch, der sehr zukunfts­ori­en­tiert ist. Aber ich erin­nere mich sehr genau an diese dunklen Zeiten der Dritt­klas­sig­keit und kann von daher alles sehr rea­lis­tisch ein­ordnen. Ich setze mir immer Ziele. Das braucht man, um eine Linie zu finden und an ihr fest­halten zu können. Das war auch bei meinem Start als 96-Prä­si­dent so. Ich habe damals klar gesagt, dass wir schnellst­mög­lich raus aus der 3. Liga müssen und die 2. Liga auch nur eine Durch­gangs­sta­tion sein kann. Die 3. Liga ist wirt­schaft­li­cher Selbst­mord, die 2. Liga wie eine Ein­la­dung zum wirt­schaft­li­chen Selbst­mord. Die Bun­des­liga ist die einzig ver­nünf­tige Option.

Welche Ziele streben Sie denn nach elf Jahren unun­ter­bro­chener Bun­des­li­ga­zu­ge­hö­rig­keit an?
Die Bun­des­liga ist eine Drei- oder Vier­klas­sen­ge­sell­schaft – sport­lich und wirt­schaft­lich. Es wäre schön, wenn wir uns im oberen Drittel – also zwi­schen Rang drei bis sechs – eta­blieren könnten. Wir haben uns jetzt in der zweiten Saison hin­ter­ein­ander für die Europa League qua­li­fi­ziert, aber um wirk­lich von nach­hal­tigem Erfolg spre­chen zu können, müssen wir drei bis fünf Jahre lang im oberen Tabel­len­drittel mit­ge­spielt haben.

Ist die Cham­pions-League-Teil­nahme der nächste Punkt in Ihrem Mas­ter­plan?
Sollten wir uns für die Cham­pions League qua­li­fi­zieren, hätten wir sicher nichts dagegen. Für die Pla­nung ist das frü­hes­tens in fünf Jahren ein Thema. Aber man sollte rea­lis­tisch sein und auch mit Rück­schlägen rechnen. Die erste Phase der Pla­nung ist mitt­ler­weile abge­schlossen, es wurde in meinen Augen ein gutes Fun­da­ment geschaffen. Dazu zählt sicher auch der Bau der AWD-Arena. Eine offene Flanke haben wir noch mit dem Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum: Wir wollen 15 bis 20 Mil­lionen Euro in ein neues Zen­trum inves­tieren.

2006 spra­chen Sie schon einmal davon, dass der Verein auf gesunden Beinen stünde und Sie daher nicht mehr an der Spitze brauche. Aber nach Ihrem Rück­tritt als Prä­si­dent geriet der Klub schnell in Tur­bu­lenzen.
Das war zu kurz gesprungen und rück­bli­ckend wenig pro­fes­sio­nell. Ich musste fest­stellen, dass man im Fuß­ball einen Rück­tritt anders orga­ni­sieren muss, näm­lich lang­fris­tiger. Aber ich habe daraus gelernt.

Bereuen Sie manchmal den Ent­schluss, in den Pro­fi­fuß­ball ein­ge­stiegen zu sein?
Als ich vor 15 Jahren davon über­zeugt wurde, für das Prä­si­den­tenamt zu kan­di­dieren, wusste ich nicht so genau, was da auf mich zukommt. Ich wollte beweisen, dass ich das hin­be­komme. Mit dem Wissen von heute würde ich mich nicht mehr so ent­scheiden. Aber ich habe die Ver­ant­wor­tung ange­nommen und will die Auf­gaben erfolg­reich lösen. Die Belas­tung ist aller­dings hoch. Als Prä­si­dent eines Bun­des­li­ga­klubs wird man ständig zu Aktionen und Reak­tionen gezwungen. Das ist extrem bean­spru­chend.

Ein Klub, der in der ersten oder zweiten Liga spielt, ist ein Unter­nehmen, betonen Sie, der erfolg­reiche Unter­nehmer, immer wieder…
Aber die Spiel­re­geln sind anders als in der Unter­neh­mens­welt. Das habe ich nach meinem Amts­an­tritt sehr schnell fest­stellen müssen. Der gra­vie­rendste Unter­schied ist eben, dass alles, was in einem Pro­fi­fuß­ball­klub pas­siert, sofort in der Öffent­lich­keit the­ma­ti­siert wird. Sie können Stra­te­gien und anste­hende Ent­schei­dungen nicht in Ruhe intern dis­ku­tieren. Und die Dynamik, der Medi­en­hype, nehmen immer noch mehr zu. Ich hatte anfangs wenig Ahnung vom Fuß­ball­ge­schäft, haute immer wieder mal unüber­legte Kom­men­tare raus und musste Lehr­geld bezahlen. Ich war zu ehr­lich und hätte mich tak­tisch klüger ver­halten sollen.

Sie haben sich immer wieder für die Locke­rung der 50+1‑Regel stark gemacht und damit für Kon­tro­versen gesorgt, weil die Angst vor Fremd­be­stim­mung und Heu­schre­cken im deut­schen Fuß­ball groß ist.
Es wurde ein Kom­pro­miss gefunden, der sehr gesichts­wah­rend für alle Seiten ist. Neben den Per­so­nal­ent­schei­dungen Schmadtke und Slomka, einer guten Trans­fer­po­litik und im Ergebnis einer guten Mann­schaft, war das mit ein Grund für die posi­tive Ent­wick­lung von Han­nover 96.

Die Klubs erhielten die Mög­lich­keit, eng und lang­jährig ver­bun­dene Finan­ziers, Spon­soren oder Mäzenen die Kapi­tal­mehr­heit und Stim­men­mehr­heit an der Fuß­ball-Kapi­tal­ge­sell­schaft im Verein zu über­tragen.
Jeder Verein kann jetzt seinen Weg gehen, den er für richtig hält. Das ist gut so, auch wenn Uli Hoeneß meinte, das wir das alles nicht bräuc­then. Aber bei den Vor­aus­set­zungen wie beim FC Bayern lässt sich das auch leicht sagen. Dass wir uns richtig ver­stehen: Ich bin absolut nicht nei­disch und gra­tu­liere zu den Erfolgs­zahlen, die kürz­lich bei der Jah­res­haupt­ver­samm­lung des FC Bayern Mün­chen prä­sen­tiert wurden. Das ist das Ergebnis jahr­zehn­te­langer erfolg­rei­cher Arbeit, sport­lich und wirt­schaft­lich.

Was kann ein Verein wie Han­nover 96 vom Bran­chen­primus aus Mün­chen lernen?
Da gibt es vieles. Das Scou­ting, das Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum, aber auch das ganze Ver­trags­ma­nage­ment sind ein­fach von einer unwahr­schein­li­chen Pro­fes­sio­na­lität geprägt. Das zieht sich auch durch das Mar­ke­ting und Mer­chan­di­sing, die Fan­be­treuung, bis hin zum Finanz- und Rech­nungs­wesen. Der FC Bayern Mün­chen ist die ein­zige wirk­lich inter­na­tio­nale Marke, die der deut­sche Fuß­ball zu bieten hat.

Sie haben kürz­lich in einem Fern­seh­in­ter­view gesagt, wenn der FC Bayern Mün­chen Han­nover 96-Trainer Mirko Slomka wirk­lich ein Angebot unter­breiten sollte, dann würden Sie ihm emp­fehlen, es anzu­nehmen.
Dar­über brau­chen wir nicht zu dis­ku­tieren: sollte der FC Bayern Mün­chen tat­säch­lich Mirko Slomka haben wollen, dann haben wir keine Chance ihn zu halten. So habe ich das gemeint. Es ist im deut­schen Fuß­ball allein schon der Rit­ter­schlag für einen Trainer, wenn sich der FC Bayern Mün­chen mit ihm aus­ein­an­der­setzt.

Hätten Sie auch Ver­ständnis dafür, wenn sich Mirko Slomka für einen Wechsel zum Liga­kon­kur­renten VfL Wolfs­burg ent­scheiden würde?
(lacht) Nein, das könnte ich nicht so ohne wei­teres akzep­tieren.

Auch weil Ihnen der Werks­klub wegen seiner ganz anderen Mög­lich­keiten und der unglei­chen Vor­aus­set­zungen schon lange ein Dorn im Auge ist?
Ich habe nichts gegen den VfL Wolfs­burg und seine Bestre­bungen. Ich kenne den VW-Vor­stands­vor­sit­zenden Martin Win­ter­korn gut und habe vollstes Ver­ständnis für Volks­wagen. VW ist ein Welt­kon­zern und darf des­halb nicht im Fuß­ball um den Abstieg kämpfen, son­dern sollte euro­pä­isch spielen.

Lässt der sich hin­zie­hende Ver­trags­poker mit Mirko Slomka, der im Dezember end­lich ein Ende finden soll, mit Ver­hand­lungen über Ver­träge von Füh­rungs­kräften in Ihrer Firma ver­glei­chen?
Nein, in meinem Unter­nehmen würde ich das nicht akzep­tieren. Ich würde sagen, ent­weder du willst bei mir arbeiten oder nicht. Aber im Fuß­ball läuft das anders. Den­noch kann ich die Auf­re­gung nicht ganz ver­stehen. Mirko Slomka hat einen Ver­trag bis zum 30. Juni 2013. Und ich bin sehr zuver­sicht­lich, dass er bei uns bleiben wird. Es ist legitim, wenn Mirko Slomka den Markt son­diert und seine per­sön­liche Situa­tion ana­ly­siert. Und wenn er sagt, er brauche Zeit, dann soll er die auch bekommen. Aber natür­lich wäre mir ein kurz­fris­tiger Ver­trags­ab­schluss lieber gewesen. Solange wir keine Unter­schrift haben, bieten wir eine Platt­form für Spe­ku­la­tionen.