Seite 2: Schatzschneiders Schneidezähne

Was ja nebenbei erwähnt auch eine Geschichte ist, die irgendwie nur olym­pi­sche Spiele schreiben können. Denn wel­cher Bun­des­trainer würde sich schon trauen, so viele eigen­wil­lige Typen zu einer EM oder WM mit­zu­nehmen? Noch tur­bu­lenter muss es ja 1984 in Los Angeles gewesen sein, als neben Mill auch Dieter Schlind­wein und Dieter Schatz­schneider im Kader waren und nicht etwa in einem Luxus­hotel wohnten, son­dern wie alle anderen im olym­pi­schen Dorf. (Laut Mill machte sich Schatz­schneider in der Mensa über das zerd­ötschte Aus­sehen eines Ath­leten lustig, ohne zu ahnen, dass er gerade Gefahr lief, von seinen Schnei­de­zähnen getrennt zu werden. Der Sportler war näm­lich Schwer­ge­wichts­boxer Peter Hus­sing.)

Sieht man sich das Spiel zwi­schen der DFB-Aus­wahl und Bra­si­lien von 1988 an, dann werden einem noch aus einem anderen Grund die Augen geöffnet. Olympia taugt und taugte näm­lich schon immer auch als Myth­buster. In diesem Fall erwischte es den Mythos von den unfehl­baren deut­schen Elf­me­ter­schützen (und den schlechten bra­si­lia­ni­schen Tor­hü­tern). Sieben Minuten vor dem Ende bekam (West-)Deutschland näm­lich beim Stand von 1:1 einen Straf­stoß, den Wolf­gang Funkel aus­führte – und den Taf­farel hielt. Nur so erreichte das kei­nes­wegs favo­ri­sierte Bra­si­lien über­haupt das Elf­me­ter­schießen. Dort ver­fehlte Klins­mann dann das Ziel, wäh­rend Olaf Janßen und Wuttke eben­falls an Taf­farel schei­terten. Müßig zu erwähnen, dass Bra­si­lien auch vor fünf Jahren in Rio besser Straf­stöße ver­wan­delte als Horst Hru­beschs DFB-Truppe.

Ewalds Wut­rede

Übri­gens hatte auch die DDR, die ja bei Olympia aus nahe­lie­genden Gründen stets besser aussah als der Klas­sen­feind, ihre Bra­si­lien-Geschichte. Das war aus­ge­rechnet 1976 in Kanada. Für die DDR begann das olym­pi­sche Tur­nier damals mit einem tor­losen Unent­schieden gegen die Süd­ame­ri­kaner, was Spieler und Trainer als ordent­li­ches Ergebnis betrach­teten. Doch Man­fred Ewald, der mäch­tige Prä­si­dent des Deut­schen Turn- und Sport­bundes, sah das ganz anders. Er hatte so gut wie keine Ahnung von Fuß­ball und wusste bloß, dass die DDR wie alle Ost­block­staaten die nor­male Natio­nalelf auf­bieten konnte, weil deren Mit­glieder auf dem Papier keine Berufs­sportler waren. Des­wegen empörte ihn ein 0:0 gegen bra­si­lia­ni­sche Nach­wuchs­spieler, auch wenn man viele von denen – wie Carlos, Edinho, Batista oder Júnior – bald bei WMs wie­der­sehen würde. Ewald schrie die DDR-Spieler an, nannte sie eine Schande für das Land“ und drohte damit, das kom­plette Team sofort wieder nach Hause zu schi­cken. Zwei Wochen später wurde die Schande für das Land Olym­pia­sieger.