Wir ver­stehen uns ja in erster Linie als Dienst­leister, darum folgt nun ein unbe­zahl­barer Life­hack für all jene, die der Besten Zweiten Liga Aller Zeiten™ ent­ge­gen­fie­bern, auf den DFB-Pokal warten oder unser Bun­des­liga-Son­der­heft aus­wendig lernen: Heute beginnt das olym­pi­sche Fuß­ball­tur­nier – nicht ver­passen!

Erle­digt, nun kann nie­mand sagen, er hätte es nicht gewusst. Denn so läuft es ja nor­ma­ler­weise bei diesem Tur­nier: Da wird gestöhnt und geme­ckert („Mir hat schon die EM/​WM/​der Confed-Cup gereicht, Olympia inter­es­siert doch keinen!“), bis man plötz­lich und viel zu spät merkt, dass ein Duell der Bender-Zwil­linge mit Neymar und Gabriel Jesus viel­leicht doch nicht weniger inter­es­sant ist als der Pokal­krimi Drochtersen/​Assel gegen Glad­bach.

Wuttke, Schulz und Mill!

So war es jeden­falls vor fünf Jahren und so ist es eigent­lich immer. Gehen wir nur mal in die graue Vor­zeit zurück und suchen nach Videos von einem wei­teren dra­ma­ti­schen Spiel zwi­schen (West-)Deutschland und Bra­si­lien, dem Halb­fi­nale 1988 in Seoul. Obwohl die Bun­des­liga damals nach acht Spiel­tagen extra eine Pause für Olympia ein­legte, stand das Tur­nier in Asien – wenige Monate nach einer eher ent­täu­schenden EM – nicht gerade ganz oben auf dem Wunsch­zettel der Fans und Spieler. So sagte der ange­schla­gene Uli Borowka seine Teil­nahme mit den Worten ab: Werder ist mein Arbeit­geber. Des­halb habe ich auch auf Olympia ver­zichtet.“

Doch 33 Jahren später heben einen die Bilder aus dem Sessel. Thomas Häßler und Jürgen Klins­mann in den Tri­kots, in denen sie zwei Jahre später Welt­meister werden sollten! Auf der Gegen­seite Claudio Taf­farel, Jorginho, Bebeto und Romario! Oder eigent­lich noch viel besser: Wolfram Wuttke, Michael Schulz und Frank Mill in einem Team!

Was ja nebenbei erwähnt auch eine Geschichte ist, die irgendwie nur olym­pi­sche Spiele schreiben können. Denn wel­cher Bun­des­trainer würde sich schon trauen, so viele eigen­wil­lige Typen zu einer EM oder WM mit­zu­nehmen? Noch tur­bu­lenter muss es ja 1984 in Los Angeles gewesen sein, als neben Mill auch Dieter Schlind­wein und Dieter Schatz­schneider im Kader waren und nicht etwa in einem Luxus­hotel wohnten, son­dern wie alle anderen im olym­pi­schen Dorf. (Laut Mill machte sich Schatz­schneider in der Mensa über das zerd­ötschte Aus­sehen eines Ath­leten lustig, ohne zu ahnen, dass er gerade Gefahr lief, von seinen Schnei­de­zähnen getrennt zu werden. Der Sportler war näm­lich Schwer­ge­wichts­boxer Peter Hus­sing.)

Sieht man sich das Spiel zwi­schen der DFB-Aus­wahl und Bra­si­lien von 1988 an, dann werden einem noch aus einem anderen Grund die Augen geöffnet. Olympia taugt und taugte näm­lich schon immer auch als Myth­buster. In diesem Fall erwischte es den Mythos von den unfehl­baren deut­schen Elf­me­ter­schützen (und den schlechten bra­si­lia­ni­schen Tor­hü­tern). Sieben Minuten vor dem Ende bekam (West-)Deutschland näm­lich beim Stand von 1:1 einen Straf­stoß, den Wolf­gang Funkel aus­führte – und den Taf­farel hielt. Nur so erreichte das kei­nes­wegs favo­ri­sierte Bra­si­lien über­haupt das Elf­me­ter­schießen. Dort ver­fehlte Klins­mann dann das Ziel, wäh­rend Olaf Janßen und Wuttke eben­falls an Taf­farel schei­terten. Müßig zu erwähnen, dass Bra­si­lien auch vor fünf Jahren in Rio besser Straf­stöße ver­wan­delte als Horst Hru­beschs DFB-Truppe.

Ewalds Wut­rede

Übri­gens hatte auch die DDR, die ja bei Olympia aus nahe­lie­genden Gründen stets besser aussah als der Klas­sen­feind, ihre Bra­si­lien-Geschichte. Das war aus­ge­rechnet 1976 in Kanada. Für die DDR begann das olym­pi­sche Tur­nier damals mit einem tor­losen Unent­schieden gegen die Süd­ame­ri­kaner, was Spieler und Trainer als ordent­li­ches Ergebnis betrach­teten. Doch Man­fred Ewald, der mäch­tige Prä­si­dent des Deut­schen Turn- und Sport­bundes, sah das ganz anders. Er hatte so gut wie keine Ahnung von Fuß­ball und wusste bloß, dass die DDR wie alle Ost­block­staaten die nor­male Natio­nalelf auf­bieten konnte, weil deren Mit­glieder auf dem Papier keine Berufs­sportler waren. Des­wegen empörte ihn ein 0:0 gegen bra­si­lia­ni­sche Nach­wuchs­spieler, auch wenn man viele von denen – wie Carlos, Edinho, Batista oder Júnior – bald bei WMs wie­der­sehen würde. Ewald schrie die DDR-Spieler an, nannte sie eine Schande für das Land“ und drohte damit, das kom­plette Team sofort wieder nach Hause zu schi­cken. Zwei Wochen später wurde die Schande für das Land Olym­pia­sieger.

Womit wir wieder bei Olympia als Myth­buster wären. Denn obwohl wir alle immer wieder zu hören bekommen, dass es nur ein ein­ziges Spiel zwi­schen den beiden deut­schen Staaten gab, und zwar bei der WM 1974 in Ham­burg, gehört eine Partie Ost gegen West zu den heim­li­chen Hits der olym­pi­schen Fuß­ball­ge­schichte, nicht zuletzt wegen eines Tores, mit dem man heute das Internet zum Ein­sturz bringen könnte. Doch es fiel leider schon 1972, wes­halb man ganz schön suchen muss, bis man einen Blick auf das unglaub­liche Zusam­men­spiel zwi­schen Uli Hoeneß und Ottmar Hitz­feld – na, wie klingt das? – werfen darf.

Aber der Reihe nach. Zu den Olym­pi­schen Spielen 1972 in Mün­chen durfte (West-)Deutschland nur Fuß­baller schi­cken, die noch keinen Pro­fi­ver­trag unter­schrieben hatten, wes­halb Hoeneß – der zwei Monate vorher Euro­pa­meister geworden war – für 2000 Mark brutto die Fran­kier­ma­schine auf der Geschäfts­stelle des FC Bayern bediente und mit der Kar­riere als Berufs­fuß­baller noch war­tete. Er war bei weitem der bekann­teste Spieler im DFB-Team, auch wenn Ronald Worm, Bernd Nickel oder Man­fred Kaltz noch von sich reden machen sollten. Wie auch ein 23-jäh­riger Stu­dent vom FC Basel namens Hitz­feld.

Traumtor in Mün­chen

Im letzten Spiel der Zwi­schen­runde traf diese Mann­schaft am 8. Sep­tember 1972 (drei Tage nach dem Attentat) vor 80.000 Zuschauern im Olym­pia­sta­dion auf die DDR. Der Westen musste gewinnen, um das Spiel um Bronze zu errei­chen, dem Osten reichte dazu schon ein Unent­schieden. Der 19-jäh­rige Jürgen Pom­me­renke brachte die DDR früh in Füh­rung, dann fiel das besagte Tor. Hoeneß, der im ganzen Tur­nier nicht an seine EM-Form anknüpfen konnte, spielte aus zen­traler Posi­tion einen halb­hohen Ball auf Hitz­feld und sprin­tete dann sofort los. Hitz­feld, der mit dem Rücken zum Tor an der Straf­raum­grenze stand, ließ das Leder von der Brust abtropfen und lupfte es dann direkt mit rechts in den Lauf von Hoeneß. Etwa zwölf Meter vor dem Tor sprang der Bayern-Spieler hoch und beför­derte das Zuspiel volley – halb Heber, halb Schuss – in den Winkel.

Nach dem Wechsel traf der unver­meid­liche Joa­chim Streich zum 2:1 für die DDR, Hitz­feld glich mit einem schönen Kopf­ball aus. In der Schluss­phase warf der Westen alles nach vorne, und Trainer Jupp Der­wall brachte noch einen zusätz­li­chen Stürmer. Doch das ging auf Kosten der Defen­sive, und so schloss Eber­hard Vogel einen Konter zum 3:2 für die DDR ab. Der Westen musste also weiter auf seine Medaille warten. Die gab es erst 1988, als das von Hennes Löhr trai­nierte Team nach der Nie­der­lage gegen Bra­si­lien das Spiel um Platz drei gegen den alten Rivalen Ita­lien – mit Mauro Tas­sotti, Andrea Car­ne­vale, Ciro Fer­rara oder Rug­giero Riz­zi­telli – deut­lich gewann. Erst ein Elf­me­ter­schießen ver­geigen, dann Ita­lien 3:0 weg­fie­deln? Wie gesagt, Olympia ist ein ein­ziger großer Myth­buster.