Seite 2: „Nach einer halben Stunde sah ich aus wie vom Werwolf zerfetzt“

Hätten Spie­ler­typen wie Sie heute noch eine Chance?
Schulz: Moment. Auch wenn es keiner glaubt: Ich war pfeil­schnell und bin 100 Meter in elek­tro­nisch gestoppten elf Sekunden gelaufen. Außerdem habe gerade ich von meinem guten Pass­spiel gelebt. Ich hätte des­halb weniger Sorge, in der heu­tigen Welt nicht klar­zu­kommen.
Borowka: Wenn ich mir die heu­tigen Abwehr­spieler ansehe, zähle ich mich noch zu den bes­seren. Ich konnte beid­füßig ein Spiel eröffnen und Pässe über 30, 40 Meter schlagen. Ein Mer­te­sa­cker haut sich dabei mit links den Meniskus raus.

Was ist eigent­lich schön daran, ein Ver­tei­diger zu sein?
Borowka: Also, ich habe es geliebt. Mich hinten rein­schmeißen und die Fehler der Kol­legen aus­bü­geln. Wir hatten ein­fach Spaß dabei, die Bälle zurück­zu­holen, die Basler oder Herzog ver­loren hatten. Natür­lich hab ich auch mal ver­sucht, ein biss­chen zu zau­bern, doch dabei ist nur Mist raus­ge­kommen. Man sagt ja immer: Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis.“ Das trifft auf mich voll und ganz zu.

Haben Sie unter Ihrem Ruf gar nicht gelitten?
Schulz: Ich hab ja vorhin erzählt, was mein Pro­blem war. Das Fatale ist: Wenn du einmal einen bestimmten Ruf hast, dann pfeifen die Schieds­richter anders. Erst später hat sich die Lage all­mäh­lich gebes­sert. Da galt ich auf einmal als Top-Ver­tei­diger, und bei einer Grät­sche, für die ich früher Gelb gesehen hätte, hieß es nun: Super Tack­ling!“

Mitte der Neun­ziger gab’s Rot für die Grät­sche von hinten.
Rahner: Vorher konnten wir noch einen Mann samt Ball auf die Aschen­bahn schi­cken, da hat das Sta­dion getobt. So etwas wollten die Leute sehen, vor allem im Ruhr­ge­biet. Heute ist das Abwehr­spiel viel tak­ti­scher geworden, mit Dop­peln und Stellen. Es hat sich alles in eine andere Rich­tung ent­wi­ckelt, aber manchmal fehlt mir dabei das Grif­fige. Teil­weise stehen die Gegen­spieler 15 Meter vom Mann weg, da würde ein Gerd Müller 70 Tore in der Saison machen.

Waren Sie schon immer die netten Treter von nebenan oder hat sich das erst im Laufe der Zeit ent­wi­ckelt?
Borowka: Das Image habe ich mir hart erar­beitet. In der Jugend war ich noch Links­außen.
Rahner: Ich auch.
Borowka: Als ich zu den Män­nern kam, hat Glad­bachs Trai­ner Jupp Heynckes gesagt: Der Junge hat von allem etwas, aber es passt nicht zusammen.“ Dann hab ich Son­der­trai­ning be­kommen und musste Zwei­kämpfe üben. Nach einer halben Stunde sah ich aus wie vom Wer­wolf zer­fetzt. Heynckes zuckte nur mit den Ach­seln und sagte: So läuft Bun­des­liga.“

Das kann man sich bei dem freund­li­chen älteren Herrn, als den man ihn heute kennt, gar nicht vor­stellen.
Borowka: Da sollte man sich nicht täu­schen lassen. Gleich beim ersten Zwei­kampf bin ich direkt in seinen Ellen­bogen gerannt. Aber ich hab mich da rein­ge­ar­beitet und man sieht, wie weit man sich nach oben kämpfen kann, wenn man genug Biss und Ehr­geiz zeigt. Bald schon war ich ein Adre­na­lin­junkie und habe es genossen, mich richtig in die Zwei­kämpfe zu hauen. In einem meiner ersten Spiele habe ich gegen Frank­furts Ronnie Bor­chers gespielt und ihn gleich mal umge­hauen. Darauf ging Bor­chers zu unserem Wil­fried Hannes und fragte mal nach: Was ist das denn für einer?“

Helmut Rahner, 43, genannt Alu“. Als Mann­de­cker in Nürn­berg und vor allem bei Bayer Uer­dingen war er der Alb­traum aller Stür­mer­beine.

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Jan Wel­che­ring

Und was hat er geant­wortet?
Borowka: Das ist der Schlitzer vom Bökel­berg.“ Danach hatte ich meinen Namen weg. Bei der halb­jähr­li­chen Umfrage des Kicker“ unter den Profis bin ich regel­mäßig zum unan­ge­nehmsten Gegen­spieler der Bun­des­liga gewählt worden, und ehr­lich gesagt, ich war stolz darauf. Ich hab sogar beim Kicker“ nach­ge­fragt, warum ich keine Pla­kette dafür bekomme.

Michael Schulz, Sie wirken abseits des Platzes eher wie ein echter Sun­nyboy.
Schulz: Ja, stimmt schon, und das ist auch ein guter Punkt. Die Sache ist die: Sobald ich das Feld betreten hatte, war ich ein kom­plett anderer Mensch. Obwohl, das ging schon am Frei­tag­abend los. Wenn ich nicht spüren konnte, wie ich mich ver­wan­delte, hatte ich ein schlechtes Gefühl. Ich bin mit einem sol­chen Hass ins Sta­dion gegangen – dass das Blut nicht aus mir raus­lief, war alles. Wenn ich heute sehe, wie sich Spieler mit ihren Geg­nern schon vor dem Anpfiff in den Armen liegen, kann ich das nicht ver­stehen. Nach dem Spiel, wenn du gewonnen hast, ist es okay – aber so doch nicht.
Rahner: Ich hab mir auch nie ein Trikot von einem Gegen­spieler geholt. Wenn ich das heute sehe, kriege ich zu viel.
Schulz: Dass wir uns nicht falsch ver­stehen, die spielen ja alle gut. Aber es kommt mir trotzdem ein biss­chen unwirk­lich vor, wie ent­spannt die Fuß­baller heute sind.
Borowka: Wenn wir aus­wärts in Dort­mund oder Kai­sers­lau­tern spielten, habe ich immer gewartet, bis all meine Kol­legen draußen waren. Dann bin ich raus und habe es genossen, von zig­tau­send Leuten aus­ge­pfiffen zu werden. Bekloppt, aber genau das war mein Ding.