Seite 3: „Der größte Sack war Giovane Elber“

Hatten Sie einen Lieb­lings­ge­gen­spieler?
Rahner: Der, der schnell aus­ge­wech­selt wurde. Je größer der Name, desto inter­es­santer das Duell.
Borowka: Mit einigen Stür­mern konnte man mit offenem Visier kämpfen, das war sen­sa­tio­nell. Andere sind lieber abge­hauen. Wenn ich zu Jürgen Klins­mann gesagt habe, Heute bist du dran“, dann war er nicht mehr zu sehen. Wenn ich das zu Andreas Möller gesagt habe, hat er anschlie­ßend Dop­pel­li­bero gespielt. Einer, der aber immer wieder kam, war Ulf Kirsten. Auf den konn­test du ein­treten und zwei Minuten später hat­test du selbst einen drin. Einmal hat er mir gleich beim ersten Zwei­kampf einen ver­passt. Hab ich ihn gefragt, was das sollte. Meinte er: Das war noch vom letzten Mal.“
Schulz: Ulf Kirsten kam immer wieder, das stimmt. Doch der größte Sack, was das Aus­teilen anging, war Gio­vane Elber. Der war hin­ter­listig: in die Eier greifen, auf die Füße treten. Und nachher hat er immer sein unschul­diges Gesicht gemacht.

Hatten Sie Angst, bei Ihren oft­mals aben­teu­er­li­chen Zwei­kämpfen selbst etwas abzu­be­kommen?
Schulz: Nö, hatte ich nicht. Du musst nur der Erste sein, das ist alles. Alte Regel: Wer zurück­zieht, ver­letzt sich.
Rahner: Irgend­wann glaubst du, unbe­siegbar zu sein. Außerdem gab es damals ja noch nicht diese medi­zi­ni­schen Abtei­lungen wie heute. Da wurde, wenn es irgend ging, ein­fach wei­ter­ge­spielt. Wahr­schein­lich hab ich 30 Haar­risse in den Kno­chen.
Borowka: Zwei­kämpfe, alles kein Pro­blem, aber wenn du mir etwas antun möch­test, musst du mit einer Spritze vor mir auf­tau­chen. Ich habe mal unseren Ver­eins­arzt durch seine Praxis gejagt, als er mir eine Spritze in den großen Zeh gesetzt hat. Der hat sich in seinem Büro ein­ge­schlossen.

Woran haben Sie gemerkt, dass das Psy­cho­duell mit einem Gegen­spieler gewonnen war?
Schulz: In dem Moment, wo er auf dich reagiert, ist er unkon­zen­triert, und das ist schon ein kleiner Sieg.
Borowka: Stimmt. Wenn der Gegen­spieler anfängt zu lamen­tieren und sich mit mir aus­ein­an­der­setzt, ver­liert er die Kon­zen­tra­tion für die wesent­li­chen Dinge.
Schulz: Manchmal musste man sich auch etwas Beson­deres ein­fallen lassen. Wir haben mal mit Borussia Dort­mund im Euro­pa­pokal gegen AS Rom gespielt, da habe ich mir von Stefan Reuter ita­lie­ni­sche Schimpf­wörter bei­bringen lassen. Nutzt ja nichts, wenn ich auf Deutsch sage, dass ich seine Schwester, ihr wisst schon, und er ver­steht nichts. Die Schimpf­wörter weiß ich noch bis heute. Den Mann habe ich sauber durch­be­lei­digt, und er hat sich nachher brav seine Gelbe Karte geholt.

Michael Schulz, 52, genannt Schulz-Dusau“, sprich: Schulz, du Sau!“ Der Ex-Poli­zist ver­brei­tete Angst und Schre­cken in Dort­mund, Lau­tern, Bremen. 7 Län­der­spiele.

MG 1428 schulz RZ
Jan Wel­che­ring

Haben eigent­lich auch die Trainer von Ihrer beson­deren Fähig­keit“ bewusst Gebrauch gemacht?
Borowka: Ich habe ja meist in der Abwehr gespielt, aber gegen Mann­schaften mit Andi Möller sagte der Trainer schon mal: Du rückst heute ins Mit­tel­feld vor und nimmst Möller aus dem Spiel.“ War klar, was damit gemeint war. Damals war die psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung noch höher ange­sehen als heute.
Rahner: Mich musste man eher bremsen. Ich war auch nicht so einer wie Schulz, der sich gesagt hat: Leck mich am Arsch, ich bin Schulz, ich bin über 1,90 Meter und hau dich weg, mir alles egal.“ Ich war eher der brave Arbeiter und Publi­kums­lieb­ling – einer der abends mit den Fans ein Bier getrunken hat und mor­gens früh auf dem Platz war. Ich war authen­tisch, hab mich rein­ge­hauen und alles gegeben.

Hattet ihr im Nach­hinein mal ein schlechtes Gewissen?
Schulz: Ich kann mich nicht erin­nern, mal einen schwer ver­letzt zu haben. Was mich auch ein biss­chen ver­wun­dert, wenn ich mir die Bilder so anschaue. Wenn das pas­siert wäre, das hätte mir schon zu schaffen gemacht.

Gibt es gerade einen legi­timen Nach­folger Ihrer Zunft?
Schulz: Der Fuß­ball hat sich wirk­lich sehr ver­än­dert, aber ich mag Mats Hum­mels unheim­lich gerne. Von der Aus­strah­lung. Wie über­legt er zu Werke geht. Und er sieht gut aus.
Rahner: Hum­mels hat alles, vom Kopf­ball bis Stel­lungs­spiel.
Borowka: Und er hat die Physis, mal einen weg­zu­hauen.
Schulz: Manchmal ver­misse ich so eine herr­liche Grät­sche auf nassem Rasen, so etwas gibt es ja heute kaum noch. Natür­lich weiß ich auch, dass der moderne Fuß­ball schneller und tech­nisch besser als früher ist, aber es sind dabei ein paar Ele­mente flöten gegangen, die damals die Fans begeis­tert haben.
Rahner: Wenn ich auf Entzug bin, dann schaue ich mir ein Spiel aus der zweiten Liga an.