In den ver­gan­genen Wochen haben wir uns mit Edgar Prib und Daniel Didavi aus­führ­lich über schwere Ver­let­zungen unter­halten. Wir wollten wissen: Wie fühlt sich ein Berufs­sportler, wenn er seinen Beruf vom einen Tag auf den anderen nicht mehr aus­führen kann? Wie geht ein Pro­fi­fuß­baller mit Schmerzen um? Wie ver­än­dert sich das Ver­hältnis zu den Mann­schafts­kol­legen? Im zweiten Teil der Mini-Serie erzählt Prib von seiner ner­ven­auf­rei­benden Reha und von den Schmerzen im Knie. Das Inter­view mit Daniel Didavi findet ihr hier.

Edgar Prib: Wissen Sie, wie­viele Spiele Sie ver­let­zungs­be­dingt zwi­schen August 2017 und April 2019 ver­passt haben?
Nein.

Es waren 66.
Das finde ich in Anbe­tracht der Länge der Pause gar nicht mal so viel.

Beschäf­tigt man sich als Pro­fi­fuß­baller mit sol­chen Sta­tis­tiken?
Ich habe diese Zahl tat­säch­lich noch nie gehört und ich schaue mir solche Sta­tis­tiken auch nicht an. Aber ich treibe mich schon auf trans​fer​markt​.de rum und schaue mir an, wo ehe­ma­lige Weg­ge­fährten gelandet sind. Das ist inter­es­sant.

Sie haben am 31. Spieltag der Saison 2018/19 Ihr Come­back gegen Mainz 05 gegeben. Seitdem haben Sie etwa 21 Liga­spiele für Han­nover 96 bestritten und – viel wich­tiger – Sie sind über die ver­gan­genen Monate ver­let­zungs­frei geblieben. Wie geht es Ihnen heute?
Der Weg zurück zur alten Ver­fas­sung war zum Zeit­punkt meines Come­backs noch nicht ganz abge­schlossen und er ist es streng genommen noch heute nicht. Wenn man so lange ver­letzt ist, han­gelt man sich von Ziel zu Ziel. Am Anfang steht natür­lich das Come­back auf den Platz, danach fasst man den ersten Assist ins Auge und irgend­wann steht man wieder in der Start­auf­stel­lung. Mir geht es gut, aber ich denke ich brauche noch immer ein wenig, bis ich wieder der alte Eddy“ bin.

Welche Vor­stel­lungen hatten Sie von der Dimen­sion der Ver­let­zung, als Sie sich im Sommer 2017 das erste Mal Ihr Kreuz­band rissen?
Für mich war es eine völlig neue Situa­tion. Es fühlte sich an, als würde man mich in kaltes Wasser schmeißen. Ich hatte über­haupt keine Erfah­rungs­werte und keine Idee davon, wie die Reha-Phase ablaufen würde. Ich hatte keine Ahnung, welche Bewe­gungen ich ver­meiden sollte, um den Knorpel oder das Kreuz­band nicht zu schä­digen.

„In den ersten sechs Wochen konnte ich es ohne Medi­ka­mente nicht ertragen“

War Ihnen auf dem Platz klar: Da ist gerade was kaputt gegangen?
Nicht wirk­lich. Es gab einen Knall – und danach tat mir das Knie ein­fach unglaub­lich weh. Ich kann mich noch gut daran erin­nern, wie mir auf dem Platz lie­gend der kom­plette Kreis­lauf zusam­men­ge­bro­chen ist und ich den Physio erstmal nach einer Cola gefragt habe. Nachdem ich einige Meter gelaufen war, habe ich gemerkt, dass das Knie sehr instabil ist und es sich anfühlt, als sei ein Schwamm zwi­schen dem Ober- und dem Unter­schen­kel­kno­chen gesteckt worden.

Wussten Sie, was Sie erwartet?
Ich habe in der ersten Zeit nach der Dia­gnose viel im Internet über die Ver­let­zung recher­chiert und mir ist schnell auf­ge­fallen, dass es nur wenige Erfah­rungs­be­richte gibt. In der Öffent­lich­keit ist in Bezug auf die Aus­fall­zeit immer von sechs bis neun Monaten die Rede, obwohl das Schwach­sinn ist. Das würde auch jeder Arzt bestä­tigen. Bis die Struktur im Knie wieder so her­ge­stellt ist, wie sie es sein sollte, bis die kör­per­ei­gene Sehne als neues Kreuz­band fun­giert und richtig an den Kno­chen fest­ge­wachsen ist, ver­gehen häufig min­des­tens zwölf Monate. Ich habe das Gefühl, dass vielen Leute nicht bewusst ist, wie schwer eine solche Knie­ver­let­zung ist und wie lange es braucht, bis der Körper sich von dieser reha­bi­li­tiert hat. Auch ich habe einige Wochen gebraucht um eine Ahnung davon zu bekommen, wie weit der Weg sein würde.

Wie ging es Ihnen in den ersten Wochen nach der OP?
Ich glaube, dass sich viele nicht vor­stellen können, was sich im Körper eines Leis­tungs­sport­lers abspielt, wenn er von Heute auf Morgen ein­fach keine Energie mehr ver­braucht. Von Herz­rhyth­mus­stö­rungen bis hin zur Schlaf­lo­sig­keit habe ich alles erlebt. Dazu kommt die Psyche: Man liegt nachts wach und macht sich Gedanken um seine Kar­riere. Auch für den Kopf bedeutet eine schwere Ver­let­zung unglaub­lich viel Arbeit.

Wie sind Sie mit Schmerzen umge­gangen?
In den ersten sechs Wochen konnte ich es ohne Medi­ka­mente nicht ertragen. Danach wurden die Schmerzen etwas weniger, gleich­zeitig ent­wi­ckelte der Körper eine gewisse Resis­tenz. Irgend­wann gehörten die Schmerzen dann zum Alltag dazu. Ich wollte mich aufs Klo setzen und das Knie zwickte, ich ging unter der Dusche und konnte auf einmal kaum mehr stehen. Außerdem macht man sich ständig Sorgen um das Knie, fragt sich, ob es anschwillt und dick wird.

Wie sehr ver­un­si­chern einen die Schmerzen wäh­rend der Reha-Phase?
Am Anfang sehr, doch je weiter ich in der Reha kam, desto sicherer wurde ich. Irgend­wann kann man die unter­schied­li­chen Schmerzen von­ein­ander unter­scheiden und weiß, wel­cher Schmerz normal ist. Als es dann in einer zweiten Phase darum ging, die ver­lo­rene Mus­ku­latur langsam wieder auf­zu­bauen, spürte ich im gesamten Bein Schmerzen, da war es also nicht nur spe­ziell das Knie. Der vor­dere und hin­tere Ober­schen­kel­muskel, die Gesäß­muskel – alles brannte.

Wie schnell ver­schwindet die über Jahr­zehnte antrai­nierte Mus­ku­latur eigent­lich?
Im Grunde sind die Muckis inner­halb von kurzer Zeit kom­plett weg. Danach schlab­bert alles nur so rum.

Laut einer Sta­tistik des Jour­na­listen Fabian Siegel ver­letzen sich 22,5 Pro­zent aller Bun­des­li­ga­spieler inner­halb der ersten sechs Monate nach einem Kreuz­band­riss noch ein zweites Mal am Kreuz­band. Hatten Sie Angst vor einer erneuten Ver­let­zung?
Nach meinem ersten Kreuz­band­riss hat man mir nicht gesagt, dass sich die Wahr­schein­lich­keit auf einen wei­teren Kreuz­band­riss damit erhöht hatte. Viel­leicht wollten die Ärzte mich vor den Sorgen schützen. Erst nach meinem zweiten Kreuz­band­riss erzählte mir der Doc: Zwei von drei Spie­lern reißen sich das Band erneut. Das hat mich zum einen sehr über­rascht, zum anderen hat es mich auch total scho­ckiert.

Den zweiten Kreuz­band­riss zogen Sie sich im Trai­ning zu. Angeb­lich haben Sie die Ein­heit aber bis zum Ende durch­ge­zogen, erst im Anschluss daran sei das Knie ange­schwollen. Wie kann man mit einer so schweren Ver­let­zung weiter trai­nieren?
Natür­lich habe ich gemerkt, dass wieder etwas kaputt gegangen ist – aber ich wollte es nicht wahr­haben. Ich habe im Kopf gegen den Gedanken ange­kämpft, dass alles wieder von vorne beginnt. In meinem Kopf war nur ein Gedanke: Nicht schon wieder!“ Ich habe ver­sucht, die Ein­heit irgendwie hinter mich zu bringen. Auch wenn ich starke Schmerzen hatte und kaum laufen konnte, habe ich es geschafft. Danach bin ich schnell unter die Dusche gegangen und dann nach Hause gefahren. Ich habe nie­mandem davon erzählt und bin ein­fach abge­hauen. Als meine Ver­lobte am Abend von der Arbeit nach Hause kam, lag ich da. Sie hat sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt. In dem Moment habe ich kein Wort mehr raus­be­kommen, mir sind nur noch die Tränen run­ter­ge­laufen. Irgend­wann habe ich nur gesagt: Das scheiß Ding ist wieder durch.“

Wie ging es weiter?
Sie hat gesagt, dass ich sofort den Doc anrufen und mich beim Verein melden soll. Wenig später saßen wir im Auto und waren auf dem Weg in die Praxis. Am nächsten Morgen war klar, dass die Kreuz­band­plastik gerissen ist und das Knie erneut ope­riert werden muss. Ich hatte aber schon davor kei­nerlei Hoff­nung gehabt, dass es viel­leicht doch eine weniger schlimme Ver­let­zung sein könnte.

Das scheiß Ding ist wieder durch“

Inwie­weit unter­schieden sich die Gefühle unmit­telbar nach den beiden Ver­let­zungen?
Bei der ersten Ver­let­zung war der Schock viel größer, ich hatte so einen starken Schmerz noch nie gespürt. Beim zweiten Mal waren die Schmerzen ein biss­chen schwä­cher, aber ich kämpfte auch so sehr gegen sie an, dass ich sie zum Teil nicht rea­li­sierte. Trotzdem war ich nach dem erneuten Riss sehr nie­der­ge­schlagen. Ich wusste ja, was mir bevor­steht und dass der Weg zurück noch härter werden würde.

Sie haben über die Zeit nach Ihrem zweiten Kreuz­band­riss gesagt, dass Sie extreme Wut ver­spürt hätten. Wor­über?
Mir ist in meiner Kar­riere immer wichtig gewesen, dass ich selbst dafür sorgen kann, ob ich spiele oder nicht. Und ob ich in der Lage bin, mich gegen meine Kon­tra­henten durch­zu­setzen. Doch das konnte ich vom einen auf den anderen Tag nicht mehr beein­flussen. Dass mir diese Ent­schei­dungs­ge­walt ein­fach genommen wurde, erfüllte mich mit Leere und Wut.

Sie haben auch gesagt, dass Sie sauer auf sich selbst gewesen sind. Warum?
Ich habe ein­fach alles und jeden hin­ter­fragt, nicht zuletzt mich selbst. Was hätte ich anders machen können? Habe ich zu früh ange­fangen? Hätte ich den Mist ver­hin­dern können? Ich war sauer, weil ich für eine Zeit dachte, ich hätte mein eigenes Schicksal ein­fach wieder aus den Händen gegeben. Aber nachdem ich alles hin­ter­fragt hatte, musste ich mir ein­ge­stehen, dass ich schlicht Pech gehabt hatte. Dass es auf meine Fragen keine zufrie­den­stel­lende Ant­wort geben würde. Aber für diese Erkenntnis habe ich eine Zeit lang gebraucht.

Andere hätten nach einem sol­chen Rück­schlag viel­leicht auf­ge­geben.
Nach einiger Zeit habe ich ver­standen, dass mich das Hadern und Hin­ter­fragen nicht wei­ter­bringt, son­dern ich den Weg zurück auf den Platz nur dann schaffen kann, wenn ich die Ärmel hoch­krem­pele. Ich habe daran gedacht, dass nur ich mich aus der Situa­tion befreien kann. Irgend­wann kamen die Träume über ein Come­back, die mich fortan bei jeder Reha-Ein­heit mona­te­lang beglei­teten, langsam zurück.

Wie sah Ihr Alltag nach den Ver­let­zungen aus?
Ich ging weniger aus dem Haus, als ich es zuvor getan hatte. Sobald ich beschwer­de­frei sitzen konnte, setzte ich mich an mein Piano. Ich habe damit ver­sucht, mich vom Fuß­ball fern zu halten und mich abzu­lenken – stun­den­lang.

Haben Sie sich die Spieler Ihrer Mann­schaft zu Hause auf der Couch ange­guckt?
Direkt nach den Ope­ra­tionen konnte ich die Spiele von 96 nicht sehen, aber ich habe mich sehr schnell wieder als Teil der Mann­schaft begriffen. Das sind meine Jungs – mit denen ver­bringe ich mehr Zeit als mit meiner Familie“, sagte ich zu mir selbst. Ich wollte mich nicht abkap­seln.

Was haben Sie am meisten ver­misst?
Ich lag zu Beginn drei Wochen im Bett, auf­ge­standen bin ich nur, um zur Toi­lette zu gehen oder um zu duschen. Aber mit der ersten kleinen Reha-Ein­heit habe ich gemerkt, wie sehr mein Körper Bewe­gung ver­misst hatte und wie gut sie mir tat. Die Momente, in denen ich mich ein­fach ein biss­chen schlapp fühlte, weil ich davor etwas für meinen Ober­körper getan hatte, gaben mir die Energie zurück.

Sie absol­vierten einen Groß­teil der Reha nicht auf dem Ver­eins­ge­lände, son­dern in pri­vaten Räumen.
Vor allem nach meinem zweiten Kreuz­band­riss habe ich gemerkt, dass mir der Alltag im Trai­nings­zen­trum nicht gut tut. Natür­lich war es cool die Jungs zu sehen, mit ihnen Späße zu machen und mit ihnen zu lachen. Aber dann habe ich Jungs gesehen, die wegen einer ver­här­teten Mus­ku­latur nicht trai­nieren konnten und es hat mir weh getan, weil ich wusste, dass ich im Opti­mal­fall noch min­des­tens sechs Monate brau­chen würde. Ich habe ständig unbe­wusst die Pro­bleme der anderen mit meinen ver­gli­chen – das tat mir nicht gut. Je fitter ich wurde, desto mehr legte sich dieses Gefühl in mir, aber am Anfang war es sehr prä­sent.

Wie sah zu dieser Zeit der Kon­takt zu Ihren Mit­spie­lern aus?
Direkt nach meinem ersten Kreuz­band­riss haben die Jungs mir alle gemeinsam eine Nach­richt über Whatsapp geschickt und mir eine gute Gene­sung gewünscht. Ich habe mich gefreut, war gerührt über die Worte und habe gemerkt, wie ich das alles ver­missen werden würde. In der langen Reha-Phase bin ich mit den Mit­spie­lern oft Essen gegangen. Die Jungs haben sich sehr um mich geküm­mert, wofür ich auch wahn­sinnig dankbar bin. Die Ent­schei­dung, meinen Alltag vom Trai­nings­ge­lände von 96 in pri­vate Räume zu ver­legen, war keine Ent­schei­dung gegen die Jungs, son­dern ein­fach Selbst­schutz.

Gab es Team­kol­legen, mit denen Sie beson­ders viel Kon­takt hatten?
Ich habe viel Zeit mit den Jungs ver­bracht, die auch ver­letzt waren oder bereits ähn­liche Ver­let­zungen erlebt hatten. Charly Ben­schop, Artur Sobiech oder Leon Andre­asen, der seine Kar­riere auf­grund einer Knie­ver­let­zung später sogar beenden musste, haben mir sehr geholfen. Auch mit Timo Hübers habe ich mich oft über die ganzen Knie­ge­schichten unter­halten. Heute ist unsere Situa­tion umge­kehrt, ich bin mitt­ler­weile wieder fit und Timo ackert in der Reha. Jetzt ver­suche ich, ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Es könnte sein, dass ich später ein künst­li­ches Knie­ge­lenk brauche“

Tritt man aus der Whatsapp-Gruppe aus?
Nein, das stand für mich nie zur Debatte. In der Whatsapp-Gruppe einer Fuß­ball­mann­schaft pas­sieren ein­fach zu viele lus­tige Dinge, über die man auch als ver­letzter Spieler lachen kann.

Welche Effekte hatte die Reha-Arbeit in anderen Räum­lich­keiten noch auf Sie?
Ich habe einen Groß­teil der Zeit in einem pri­vaten Trai­nings­zen­trum eines Phy­sios ver­bracht. Dort begeg­nete ich Leuten, die sich nach einem Motor­rad­un­fall zurück ins Leben gekämpft haben, Men­schen, die wegen anderen schwer­wie­genden Erkran­kungen oder Ver­let­zungen kaum mehr auf­recht sitzen konnten. Natür­lich war das nicht schön, aber es brachte mich auf den Boden der Tat­sa­chen zurück.

Inwie­fern?
Ich habe gemerkt, dass man es im Leben ein­fach ein biss­chen ruhiger angehen lassen sollte. Die Ver­let­zung hat mich von einem auf den anderen Tag aus meinem all­täg­li­chen Leben gerissen. Du stehst als Fuß­ball­profi immer unter Adre­nalin, das Leben ist sehr, sehr hek­tisch. Ich habe gespürt, dass es gut tun kann, von dieser Hektik Abstand zu gewinnen, die Ruhe des Lebens zu spüren. Ich ver­suche mich heute noch oft daran zu erin­nern und mir zu ver­ge­gen­wär­tigen, dass alles halb so wild ist. Ich konnte mich früher tage­lang damit beschäf­tigen, wenn ich einen Fehl­pass gespielt hatte. Heute ist mir das nicht egal, aber ich ver­schwende keine Zeit mehr damit, ich ver­suche, mir meine Energie aus­schließ­lich für posi­tive Gedanken auf­zu­sparen.

Wissen Sie schon, mit wel­chen Kon­se­quenzen Sie im Alter zu rechnen haben?
Es könnte sein, dass ich später ein künst­li­ches Knie­ge­lenk brau­chen werde. Das klingt viel­leicht übel, aber ich hatte immer den Traum, Fuß­ball­profi zu werden. Und mir war immer bewusst, dass ich dafür mög­li­cher­weise auch Opfer würde bringen müssen. Mein Knie ist eben eines davon.

In der breiten Öffent­lich­keit geraten Fuß­baller nach schweren Ver­let­zungen schnell aus dem Fokus. War es für Sie ein Pro­blem, sich nicht mehr Woche für Woche 30.000 Men­schen prä­sen­tieren zu können?
Ich habe mich sehr lange zurück kämpfen müssen. Und hinter jedem Schritt zur Nor­ma­lität steckt sehr viel Arbeit. Die erste Trai­nings­ein­heit, das erste Pflicht­spiel, das erste Mal Startelf, der erste Assist, das erste Tor. All das sehen viele Leute nicht und es ist auch okay. Ich brauche nicht den Applaus von 30.000 Leuten dafür. Ich selbst weiß, was ich geleistet habe. Und doch freut man sich dar­über, wenn die Men­schen einem ihre Aner­ken­nung zollen. Was mir übri­gens erst vor ein paar Tagen pas­siert ist.

Was genau ist Ihnen pas­siert?
Ich war mit meiner Ver­lobten in der Stadt und dann kam jemand auf mich zu, hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: Welt­klasse, wie du dich durch­ge­bissen hast. Ich ziehe meinen Hut.“ Das sind schöne Begeg­nungen, die mir auch sehr gut tun.

Hatten Sie wäh­rend der Ver­let­zungs­pause das Bedürfnis, sich mit­zu­teilen?
Ich lebe gene­rell eher zurück­ge­zogen, die Ver­let­zungen haben das eher noch ver­stärkt. Ich hatte zwi­schen­zeit­lich für etwa drei Monate kaum den Drang, über­haupt das Haus zu ver­lassen. Des­halb hatte ich auch nicht das Bedürfnis, mich in irgend­einer Form mit­zu­teilen. Ich habe aber wäh­rend meiner gesamten Reha-Arbeit einige Videos gemacht und ich habe auch tat­säch­lich dar­über nach­ge­dacht, die mal zusammen zu schneiden und zu ver­öf­fent­li­chen.

Was hält Sie davon ab?
Was soll ich noch auf der alten Geschichte rum­reiten? Ich habe mit meinem Come­back allen gezeigt, dass es sich lohnt wieder auf­zu­stehen und sich zurück­zu­kämpfen.

Hatten Sie Angst, in Ver­ges­sen­heit zu geraten?
Ich hatte mein Ziel immer vor Augen und ich habe immer gewusst, dass ich wieder spielen und auf die Bild­fläche zurück­kehren würde, des­halb hatte ich keine Angst davor, nein. Wenn ich Angst hatte wäh­rend der Reha-Phase von jemandem ver­gessen zu werden, dann von meinen Mann­schafts­kol­legen. Aber auch das war nicht der Fall.

Stand Ihre Kar­riere auf dem Spiel?
Nein. Natür­lich weiß man nie, wie man zurück kommt, aber dass ich zurück kommen würde, war eigent­lich immer klar.

Denkt man dar­über nach, dass die lange Pause einen even­tuell auch den Arbeits­platz kosten könnte?
Ich hatte nie kon­krete Angst um meinen Job, aber ich habe mir natür­lich auch Gedanken um meine Kar­riere gemacht und wusste zum Bei­spiel nach meinem zweiten Kreuz­band­riss, dass mein Ver­trag im dar­auf­fol­genden Sommer aus­laufen würde.

Am Anfang hat am Ball kaum etwas funk­tio­niert“

Han­nover 96 hat diesen Ver­trag dann relativ schnell nach Ihrer erneuten Ver­let­zung ver­län­gert.
Der Verein hat mir unheim­lich viel Ver­trauen geschenkt, die Ver­trags­ver­län­ge­rung hat mir sehr viel bedeutet. Ich bin mir bewusst, dass es nicht selbst­ver­ständ­lich ist, den Ver­trag eines Spie­lers zu ver­län­gern, der zweimal hin­ter­ein­ander eine schwere Knie­ver­let­zung hatte.

Hatten Sie Angst, ihr Ball­ge­fühl zu ver­lieren?
(Lacht.)
Super Frage. Denn als ich den Ball irgend­wann, nach all den zähen Tro­cken­übungen, tat­säch­lich wieder am Fuß hatte, hat plötz­lich kaum noch etwas funk­tio­niert. Es gibt diese Pas­s­übung, bei der man den Ball von etwa zehn Metern in die kleinen Tore spielen muss. Von zehn Ver­su­chen mache ich da nor­ma­ler­weise locker acht bis neun rein. Beim ersten Mal nach der Ver­let­zung habe ich alle zehn daneben geschossen. Ich dachte nur: Was ist denn jetzt los? Selbst mit meinem starken linken Fuß, der ja mit dem Kreuz­band­riss gar nichts zu tun hatte, habe ich keinen ein­zigen Ver­such getroffen.

Wie ist es mitt­ler­weile?
Heute treffe ich die Dinger wieder. Es ist völlig normal, dass das Ball­ge­fühl ein Stück weit ver­loren geht und es braucht eine gewisse Zeit, bis sich das alles wieder nor­ma­li­siert..

Jetzt ist alles wie früher?
Viel­leicht sieht es manchmal nicht so aus, aber es fühlt sich so an, als ob nie was gewesen wäre.

Im Win­ter­trai­nings­lager 2019 stiegen Sie wieder ins Mann­schafts­trai­ning ein. Wie waren Ihre Gefühle im Vor­feld der ersten Ein­heit?
Ich habe ver­sucht, das Trai­ning mit gesunder Vor­sicht anzu­gehen und mich sehr gut darauf vor­zu­be­reiten.

Wie trai­niert man als Profi vor­sichtig?
Natür­lich bin ich nicht sofort voll ins Mann­schafts­trai­ning ein­ge­stiegen, son­dern habe am Anfang nur das Auf­wärm­pro­gramm ohne Ball mit­ge­macht. Irgend­wann bin ich dann als neu­traler Mann in klei­neren Spiel­formen ein­ge­stiegen, bis ich später auch Teil einer Mann­schaft war. Dann sagt der Trainer den Jungs vor der Ein­heit, dass sie mich nicht atta­ckieren sollen. Nach drei, vier Wochen wird man auf einer Posi­tion ein­ge­setzte, auf der weniger Zwei­kämpfe geführt werden. So tastet man sich langsam an die Nor­ma­lität heran.

Wann rea­li­sierten Sie, dass Sie den Weg zurück auf den Platz geschafft hatten?
Als ich mein erstes Spiel in der zweiten Mann­schaft gemacht habe, wusste ich, dass es nicht mehr lang dauern würde. Nur wenige Tage später hat mich unser dama­liger Trainer Thomas Doll gefragt, ob ich bereit wäre, gegen Mainz zu spielen. Ich habe ihm geant­wortet: Zu 100 Pro­zent“. Die Woche vor dem Spiel war eine ganz beson­dere, weil ich so trai­nierte, als würde ich von Anfang an spielen. Ich habe richtig Gas gegeben – und habe es dann auch geschafft, mein Come­back zu geben.

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Sie haben direkt 45 Minuten gespielt und waren an einer ent­schei­denden Kon­ter­si­tua­tion betei­ligt, die schließ­lich zum Sieg­treffer führte. Wie war Ihre Gefühls­lage in den Minuten vor Ihrer Ein­wechs­lung?
Ich war ähn­lich nervös wie bei meinem Pro­fi­debüt zehn Jahre zuvor. Ich war so lange raus, dass ich das alles nicht mehr gewohnt war. Die Atmo­sphäre, die Stim­mung. Ich musste erstmal wieder lernen, mit diesem ganzen Druck, dem Adre­nalin umzu­gehen. Aber es war ein unglaub­li­cher Moment. Ich war der glück­lichste Mensch der Welt.

Haben Sie durch die Ver­let­zung neue Erkennt­nisse gewonnen, von denen Sie heute pro­fi­tieren?
Die Ver­let­zung hat mir gezeigt, wie pri­vi­le­giert ich als Fuß­baller bin. Meine Arbeit besteht darin, dass ich spiele und mich auf Spiele vor­be­reite, andere gehen acht Stunden am Tag arbeiten, jeden Tag, ihr ganzes Leben lang. Wenn ich mir das Kreuz­band reiße, werde ich über meh­rere Monate medi­zi­nisch inten­sivst betreut, habe stun­den­lange Behand­lungen beim Physio, täg­lich. Wenn du dir als Band­ar­beiter das Kreuz­band reißt, bis du nach sechs Wochen wieder mit der Schiene und Schmerzen auf der Arbeit. Ich habe gemerkt, dass Fuß­ball nicht alles ist, auch wenn es mir viel bedeutet. Der vor­über­ge­hende Abstand zum aktiven Spiel­be­trieb hat mich inner­lich ruhiger gemacht, viel ruhiger.

Hat sich Ihr Spiel auf­grund der langen Ver­let­zungs­pause geän­dert?
Ja. Inso­fern, als dass ich mich in bestimmten Spiel­si­tua­tionen ein­fach cle­verer ver­halte als noch vor meiner Ver­let­zung. Ich habe mich wäh­rend meiner Ver­let­zungs­pause sehr viel mit Fuß­ball beschäf­tigt. Ich habe wahn­sinnig viele Spiele geschaut, wozu ich wäh­rend des nor­malen Spiel­be­triebs eigent­lich nicht komme, weil ich viel­mehr damit beschäf­tigt bin, meine eigenen Leis­tungen zu reflek­tieren.

Was haben Sie kon­kret davon mit­ge­nommen?
Ich habe mir viel von der Spiel­in­tel­li­genz anderer Spieler abge­schaut. Wann geht man in den Zwei­kampf? Wie ver­hält man sich im Zwei­kampf? Gerade bei den Zwei­kämpfen war ich früher wahn­sinnig wild und teil­weise auch etwas kopflos.

Wie prä­sent ist die Ver­let­zung in Ihrem Kopf heute?
Ich küm­mere mich besser um meine Knie, als ich das zuvor getan habe. Und ich bereite mich noch inten­siver auf Spiele und Trai­nings­ein­heiten vor. Aber über die Ver­let­zung als solche denke ich heute nicht mehr nach.