Seite 2: Irrationale Impulsivität

Als er am 24. Juli, seinem Geburtstag, nach einem 13-stün­digen Flug am Flug­hafen Ezeiza von Buenos Aires lan­dete, berei­teten ihm trotz der frühen Mor­gen­stunde unzäh­lige Boca-Anhänger einen begeis­terten Emp­fang. Und wie die ört­li­chen Medien berich­teten, sind in jenen Tagen der Ankunft in der argen­ti­ni­schen Haupt­stadt min­des­tens sechs Kinder zu Ehren der Neu­ver­pflich­tung auf den Namen Daniele getauft worden. Sogar ein auf der Land­wirt­schafts­aus­stel­lung in Buenos Aires frisch gebo­renes Kalb von 27 Kilo­gramm wurde nach dem Heils­bringer aus Ita­lien benannt. Es heißt aller­dings nicht Daniele, son­dern De Rossi.

Die irra­tio­nale Impul­si­vität kannte er schon von seiner eigenen Liebe zur Roma. Auch Rom war kein ein­fa­ches Pflaster für Titel oder klare Struk­turen, umso mehr für Gefühle. De Rossi debü­tierte 2001 in der ersten Mann­schaft der AS Rom, es war die Saison nach dem letzten Meis­ter­titel. Bei der Asso­cia­zione Spor­tiva stand er stets im Schatten der unum­strit­tenen Klub­i­kone Fran­cesco Totti und fir­mierte viele Jahre als capitan futuro, als zukünf­tiger Kapitän, ehe er 2017 tat­säch­lich die Binde über­nahm, im stolzen Fuß­bal­ler­alter von 34 Jahren. Doch im ver­gan­genen Früh­jahr teilte ihm das Manage­ment mit, dass man nicht mehr mit ihm als Spieler plane. 615 Mal ist er für die AS Rom ange­treten, gerade mal zwei Pokal­siege sind dabei her­aus­ge­sprungen. De Rossis Abgang bei der AS Rom gegen den Willen der Tifosi war ein Trau­er­spiel, wenn­gleich nach­voll­ziehbar ist, dass die sport­liche Lei­tung dem bereits 35-Jäh­rigen keinen neuen Ver­trag als Aktiver, son­dern nur noch als Manager anbieten wollte.

Das Herz von Rom

De Rossi lehnte ab. Zunächst der melo­dra­ma­ti­sche Abgang von Fran­cesco Totti, der mitt­ler­weile auch als Roma-Manager hin­ge­schmissen hat, dann die schmut­zige Tren­nung von De Rossi, die sogar in wilde Spe­ku­la­tionen der römi­schen Presse über ein Ende der lang­jäh­rigen Freund­schaft zwi­schen Totti und De Rossi mün­dete: Die AS Rom hat sich inner­halb von zwei Jahren ihrer beiden wich­tigsten Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­guren ent­le­digt. Bei De Rossis erstem Spiel in Argen­ti­nien waren im Sta­dion meh­rere Ita­liener zu sehen, die sich als Fans des ver­lo­renen Sohnes outeten. DDR Core de Roma“ (DDR Herz von Rom) stand auf einem ita­lie­ni­schen Spruch­band. Beim Sai­son­debüt der AS Rom in der Serie A wurden der­weil meh­rere Roma-Tifosi gesichtet, die das gelb-blau gestreifte Boca-Trikot mit der Nummer 16 und der Auf­schrift De Rossi“ trugen. De Rossi wird in Rom also weiter ver­ehrt, selbst wenn er nun andere Farben trägt.

Als er im Sommer die ver­schie­denen Ange­bote son­diert hatte, die ihm vor dieser Saison unter­breitet wurden, soll ihm sein per­sön­li­cher Phy­sio­the­ra­peut tag­täg­lich ver­si­chert haben: Daniele, am Ende lan­dest du sowieso bei Boca.“

Lei­den­schaft in Argen­ti­nien statt Mil­lionen in China

Sein ehe­ma­liger Team­kol­lege Nicolas Bur­disso, mitt­ler­weile Sport­di­rektor bei seinem Hei­mat­klub Boca Juniors, war es, der De Rossi schließ­lich erfolg­reich nach Buenos Aires lotste. Der Sechser unter­schrieb dort einen Ein­jah­res­ver­trag, den er nun vor­zeitig auf­löste. Die roman­ti­sie­rende Inter­pre­ta­tion dieses Trans­fers: Statt Mil­lionen in China oder in den USA zu schef­feln, hat De Rossi erneut die Lei­den­schaft gewählt. Ein Spie­ler­ori­ginal, eine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur der kom­pro­miss­lo­sesten Ultras, der im Guten wie im Schlechten selbst nie in der Lage war, seine Emo­tionen kom­plett zu zügeln, wech­selt von einem unver­gleich­li­chen Tra­di­ti­ons­klub zum anderen. Es passt gut zu dieser Story, wenn frü­here Mit­spieler De Rossis erzählen, dass ihr Kol­lege schon früher begeis­tert You­tube-Clips von Bocas Fan­ge­sängen geschaut und diese dann gleich selbst mit ange­stimmt haben soll.