Abstiegs­kampf ist Kampf, sagt Otto Reh­hagel. Ein Kampf, den eine Mann­schaft auch annehmen müsse, findet Her­thas neuer Trainer. Nach dem Debakel zum Debüt von Reh­hagel, dem 0:3 von Augs­burg, müsse nun jeder Spieler begriffen haben, dass Kämpfen ange­sagt sei. Aber kann Hertha über­haupt kämpfen?

Abstiegs­kampf ist bis­lang mehr Abstiegs­krampf bei den Ber­li­nern. In Augs­burg fehlte der Mann­schaft die vom Trainer gefor­derte Lei­den­schaft, womit sich die Frage nach der Nie­der­lage für Reh­hagel von selbst beant­wor­tete: Wir haben zu viele Zwei­kämpfe ver­loren.“ Es ent­steht der Ein­druck, als wollten Her­thas Spieler den Abstiegs­kampf inner­lich nicht annehmen.

Ein Grund mag sein, dass es dafür in der mit 20 Punkten erfolg­rei­chen Hin­runde keinen Grund gab. Noch nach der ersten Nie­der­lage zum Auf­takt der Rück­runde in Nürn­berg war all­ge­meine Über­zeu­gung, dass die Mann­schaft Bun­des­li­ga­reife hat.

Gemeinsam scheinen sie den Mut zu ver­lieren

Die Frage danach ist aktu­eller denn je. Zumal Hertha alle – nega­tive – Erfah­rung aus einem Abstiegs­kampf nicht zu helfen scheint: Mit Patrick Ebert, Raf­fael, Adrian Ramos, Chris­toph Janker und Lewan Kobia­schwili standen in Augs­burg fünf Profis auf dem Platz, mit denen Hertha vor zwei Jahren sein letztes Bun­des­li­ga­spiel in der Abstiegs­saison 2009/2010 bestritten hat. Zu dieser Gruppe gehört auch noch Fabian Lus­ten­berger, der am Samstag ver­letzt fehlte. Von diesen Spie­lern ist zuletzt keiner auf­grund großer kämp­fe­ri­scher Leis­tungen auf­ge­fallen. Gemeinsam scheinen sie nicht nur Spiele, son­dern auch den Mut zu ver­lieren.

Also müssen andere bei Hertha die Last der Ver­ant­wor­tung für eine Wende mit sich her­um­schleppen, etwa Peter Nie­meyer, als bekannt kampf­starker Spieler. Leider habe ich noch nie einen Abstiegs­kampf mit­ge­macht“, sagt der ehe­ma­lige Bremer. Was ich gehört habe, kommt es auf die Nuancen an.“ Die scheinen bei Hertha aber nicht zu stimmen. Offen­sicht­lich gilt es daran zu arbeiten, dass sich die Mann­schaft nicht zu schnell auf­gibt. Reh­ha­gels Vor­gänger Markus Babbel hat einmal gesagt, dass es wichtig sei, wie eine Mann­schaft nach einem Gegentor reagiert.

Bei Hertha ließen die Spieler nach dem ersten Augs­burger Treffer kol­lektiv die Schul­tern hängen. Simple Kör­per­sprache, die den Gegner ein­lädt, weiter drauf­zu­hauen. Als die Ber­liner Spieler den Rück­schlag noch nicht ver­daut hatten, fiel schon das 0:2. Dabei wäre ja nach dem ersten Gegentor noch eine halbe Stunde Zeit gewesen für einen Aus­gleichs­treffer. Doch den schießt nur, wer sich auf­bäumt und nicht ver­krampft. Die Ver­kramp­fung spielt schon eine Rolle“, sagt Ver­tei­diger Chris­toph Janker. Es ist signi­fi­kant, dass wir nach einem Rück­schlag den Faden ver­lieren.“

Unter Babbel hatte die Mann­schaft das Pro­blem noch nicht. Da hatte sie ihre Come­backs, schaffte in Ham­burg nach zwei­ma­ligem Rück­stand ein 2:2 oder schoss in Han­nover in der End­phase das Tor zum 1:1. Aber mit den Toren ist das bei Hertha 2012 ohnehin ein Dilemma. 1:14 lautet die Ber­liner Tref­fer­bi­lanz in sechs sieg­losen Punkt­spielen. Für Reh­hagel ist das Nicht-Treffen das Thema. Wir haben ein­deutig ein Pro­blem damit, ein Tor zu schießen.“

Reh­hagel: Nicht auf die Tabelle schauen“

Zwei, drei Chancen seien in Augs­burg ja da gewesen. Aber drei mal drei sei neun und nicht elf. Mögen auch Reh­ha­gels Witz­chen nach acht Tagen in Berlin auf­grund infla­tio­nären Ein­satzes an Wir­kung ein­büßen, so hat der Trainer doch den Blick für das Wesent­liche. Wir müssen her­aus­finden, wie wir in den 90 Minuten eine Ent­schei­dung her­bei­führen können und nicht auf die Tabelle schauen“, sagt er.

An der Abschluss­schwäche wird Reh­hagel auf dem Trai­nings­platz erst ab Dienstag arbeiten. Am Montag haben die Profis wie gewohnt frei. Danach will der Trainer sie mental und see­lisch“ gestärkt emp­fangen. Wenn er sich da nicht vertut. Peter Nie­meyer sagte am Sonntag: Ich fühle mich genauso Scheiße wie letzte Woche. Das ist los­ge­löst davon, ob ich nun 15. oder 16. in der Tabelle bin.“ Nie­meyer hat zumin­dest nicht das Pro­blem, dass er sich um seine Ver­fas­sung für das Spiel gegen Bremen Gedanken machen muss. Er ist nach seiner fünften Gelben Karte gesperrt. Noch ein Pro­blem für Hertha.