Adam Piechnik, nach dem Platz­sturm beim Rele­ga­ti­ons­spiel For­tuna Düs­sel­dorf gegen Hertha BSC wird über eine Wie­der­ho­lung der Partie dis­ku­tiert. Wird es dazu kommen?
Adam Piechnik: Es wird auf jeden Fall ein Ermitt­lungs­ver­fahren des DFB geben. Das heißt, um Strafen wird For­tuna Düs­sel­dorf wohl nicht herum kommen. Bis Don­nerstag hat Hertha BSC dar­über hinaus Zeit, einen Ein­spruch gegen die Wer­tung des Spiels ein­zu­legen. Danach wird das DFB-Sport­ge­richt ent­scheiden müssen, ob es zum Bei­spiel ein Wie­der­ho­lungs­spiel gibt.

Hätte der Schieds­richter das Spiel dafür nicht abbre­chen müssen?
Adam Piechnik: Zumin­dest wäre dann die Argu­men­ta­ti­ons­linie für Hertha ein­fa­cher. Zudem hätte man dann sogar dar­über streiten können, ob das Spiel nicht sogar zugunsten der Hertha zu werten wäre. Der Schieds­richter hat aber die Spiel­lei­tung und ent­scheidet nach eigenem Ermessen, ob er unter­bricht oder abbricht. Ein Abbruch hat übri­gens immer ultima ratio zu sein.

Wo sind also nun die Angriffs­punkte?
Adam Piechnik: Auf Seiten der Hertha könnte argu­men­tiert werden, dass die Mann­schaft auf­grund der Umstände geschwächt war: Das heißt, wegen der direkt am Platz ste­henden und später auch den Platz stür­menden Fans. So steht es auch in Para­graph 17 der Rechts- und Ver­fah­rens­ord­nung. Dem­nach kann ein Ein­spruch gegen die Spiel­wer­tung mit der Begrün­dung erhoben werden, die Mann­schaft wurde durch Umstände geschwächt, die nicht im direkten Zusam­men­hang mit dem Spiel selbst stehen. Bekannte Bei­spiele sind der Becher- oder Kas­sen­rol­len­wurf am Ham­burger Mill­erntor. In diese Rich­tung scheint mir auch die Argu­men­ta­tion Ber­lins zu zielen, wenn der Klub-Anwalt Chris­toph Schick­hardt Todes­ängste“ bei den Spie­lern anführt.

Hertha-Spieler wurden aber nicht ver­letzt.
Adam Piechnik: Das muss keine Rolle spielen. Wie gesagt: Hertha wird ver­mut­lich argu­men­tieren, dass sie durch die Nähe der geg­ne­ri­schen Fans mental geschwächt wurden. Sie werden nicht nur die Zeit nach dem Wie­der­an­pfiff bewerten, son­dern auch die Minuten vor dem Platz­sturm. Denn die Fans standen bereits ab der 90. Minute direkt am Spiel­feld­rand.

Wie will man das beweisen? Wird man die Spieler befragen?
Adam Piechnik: Womög­lich. Zudem hat Hertha bereits ges­tern Abend das Fun­da­ment für diese Argu­men­ta­ti­ons­linie gelegt. Nach dem Spiel gab es etwa keine Inter­views von Spie­lern. Einzig Chris­tian Lell äußerte sich kurz, wurde dann aber sofort von seinem Pres­se­spre­cher weg­ge­zogen. Nach dem Wie­der­an­pfiff dau­erte es zudem relativ lange, bis Her­thas Spieler zurück auf den Platz kamen. Später hieß es von Ver­eins­seite, dass die Polizei die Spieler zum Wei­ter­spielen gedrängt habe, weil sonst eine blu­tige Schlacht drohe. Was genau in den Kata­komben vor sich ging, weiß ich aller­dings nicht. Das wird geklärt werden müssen, falls Berlin Ein­spruch ein­legt.
Hätte Schieds­richter Wolf­gang Stark nicht die Spieler fragen müssen, ob sie nach dem Platz­sturm wei­ter­spielen wollen?
Adam Piechnik: Viel­leicht hat er es gemacht. Wenn nicht, womög­lich auch, weil Stark die Situa­tion als kri­tisch bewertet hat. Wenn er die Hertha-Spieler gefragt hätte, hätten diese womög­lich für einen Abbruch plä­diert. Und dann? Dann wäre die Situa­tion eska­liert. Hier ist frei­lich noch viel Sach­ver­halts­auf­klä­rung nötig. Letz­lich ist der Schieds­richter aber der­je­nige, der ent­scheidet, ob abge­bro­chen wird oder nicht.

Kann der Platz­sturm denn als Reak­tion auf die Pyro­ab­brennen der Hertha-Fans ver­standen werden?
Adam Piechnik: Da sehe ich zunächst keinen juris­tisch kau­salen Zusam­men­hang. Die Pyro­sache war zu dem Zeit­punkt des Platz­sturms meiner Mei­nung nach abge­schlossen. Indes, sichtbar war, dass die Polizei und zahl­reiche Sicher­heits­kräfte fortan am Block der Her­thaner standen. So konnten die For­tuna-Fans unter Umständen leichter über die Sitz­platz­tri­büne aufs Spiel­feld gelangen.

Es gibt einen vor­ge­ge­benen DFB-Ter­min­plan, zudem dürfte der Rasen in der Esprit-Arena sehr ram­po­niert sein. Spielen solche Fak­toren bei der DFB-Ent­schei­dung eine Rolle?
Adam Piechnik: Nein, der DFB darf sicher­lich nicht nach sol­chen Mach­bar­keits­kri­te­rien ent­scheiden. Wobei ein Ein­spruchs­ver­fahren ein biss­chen dauern wird und sicher­lich zu einer uner­wünschten Hän­ge­partie für die Ver­eine werden kann.

Es wurden in der Ver­gan­gen­heit nicht immer kon­se­quente Urteile vom DFB gefällt.
Adam Piechnik: Zumin­dest, so meine Mei­nung, waren diese nicht immer kal­ku­lierbar. Manchmal sollte wohl ein Exempel sta­tu­iert werden. Im hier vor­lie­genden Fall stellen sich aber so einige Fragen: Ein ein­zelner Flitzer“ stellt auch eine Gefah­ren­lage dar. Hier geht es aber meist mit kleiner Spiel­un­ter­bre­chung weiter.

Sie fragen sich, wo man die Grenze zieht?
Adam Piechnik: Richtig. Immerhin schien mir am Diens­tag­abend kein wütender Mob auf den Platz gestürmt zu sein, son­dern Fans in Fei­er­stim­mung, die dann auch relativ schnell den Platz geräumt haben. Ande­rer­seits waren die letzten Minuten des Spiels sicher­lich nicht der sport­li­chen und wirt­schaft­li­chen Trag­weite sol­cher Rele­ga­ti­ons­spiele ange­messen, so was darf nicht pas­sieren. Da aber die Strafen etwaige Orga­ni­sa­tions- und Sorg­falts­ver­stöße bereits sank­tio­nieren, kann es bei der Frage, ob der Ein­spruch Erfolg hat, nur darauf ankommen, ob für die Hertha-Spieler tat­säch­lich der­ar­tige Umstände vor­lagen, die erheb­li­chen Ein­fluss auf den Spiel­ver­lauf haben konnten. Die Spieler also tat­säch­lich Todes­ängste hatten. Aber auch hier könnten, wenn man diesen Argu­menten folgt, dann Tore geöffnet werden, die schwer zu schließen sind.

Warum?
Adam Piechnik: Sind dann nicht auch Pyros womög­lich in der Lage, Spieler zu ver­ängs­tigen? Und soll dann bei jeder Pyro­an­wen­dung in den Fan­blocks gleich das Damo­kles­schwert des Wie­der­ho­lungs­spiels über dem Spiel­ge­schehen schweben? Das sind Fragen, die sich stellen. Und die weit­rei­chend sein können.