Seite 2: Mit 39 Millionen Euro Schulden in die Zweitligasaison

Stunde Null

In der Nacht in Ober­hausen schließt sich der Kreis. Acht Monate zuvor hat das Zweit­liga-Inter­mezzo für die Hertha mit dem Spiel gegen Rot-Weiß Ober­hausen im Ber­liner Olym­pia­sta­dion begonnen. Doch am Tag des Sai­son­auf­takts ist Hertha BSC eine Bau­stelle. Rund um das Frie­sen­haus 2 an der Hanns-Braun-Straße, in dem die Geschäfts­stelle des Klubs liegt, klaffen tiefe Löcher. Es sieht aus, als würde um das Haus ein Burg­gaben ent­stehen, als wolle sich die Ver­eins­füh­rung gegen unge­be­tene Gäste und freche Medien abschotten. Doch der Senat lässt ledig­lich auf dem Gelände die Keller tro­cken­legen. Auch sonst steht Hertha das Wasser bis zum Hals. Der Verein startet mit 39 Mil­lionen Euro Schulden in die Zweit­li­ga­saison. Über dem Schreib­tisch von Klub­spre­cher Bohm­bach hängt die mit Bunt­stiften geschrie­bene Bot­schaft des 9‑jährigen Sohns: Nie­mals auf­geben, wir schaffen das.“

Michael Preetz blickt aus dem Fenster seines Büros im zweiten Stock des Back­stein­baus hin­über auf den son­nigen Trai­nings­platz. Der Manager trägt eine schwarze Anzug­hose, spitze Leder­schuhe und ein dun­kel­blaues Hemd mit gestickten Initialen am Revers: M.P.“ Stünde da nicht auf der Schrank­wand seines Büros die Tor­jä­ger­ka­none als Relikt der glor­rei­chen Saison 1998/99, in der er 23 Treffer für die Hertha erzielte und in die Cham­pions League einzog, könnte er als viriler Jung­ma­nager eines Start-up-Unter­neh­mens durch­gehen. Dafür spricht auch der kleine Kühl­schrank hinter seinem Schreib­tisch, in dem ein halbes Dut­zend Cham­pa­gner­fla­schen schlum­mern. Doch viele Gründe, die Korken knallen zu lassen, gab es in den letzten Monaten nicht. Preetz‘ Büro ist funk­tional. Hier wird gear­beitet, das sieht man. So viel, dass Preetz sogar ver­gessen hat, die Spuren der Ver­gan­gen­heit zu ver­wi­schen. Auf einer Anrichte steht ein Wer­be­auf­steller, auf dem Arne Fried­rich mit empor­ge­recktem Daumen für den Erwerb von Dau­er­karten der Vor­saison wirbt. Preetz wirft die Pappe mit dem nach Wolfs­burg abge­wan­derten Natio­nal­spieler in den Papier­korb: Stimmt, den können wir dann mal ent­sorgen.“

Hinter dem Manager liegen die auf­rei­bendsten Monate seines Berufs­le­bens. Der Sai­son­auf­takt gegen RWO mar­kiert das Ende einer emo­tio­nalen Ach­ter­bahn­fahrt. Gut ein Jahr zuvor, am 8. Juni 2009, war er über Nacht zum neuen starken Mann bei Hertha geworden. Es war zwar klar, dass er Dieter Hoeneß eines Tages beerben würde, aber nicht so plötz­lich. Hoeneß wollte das Pro­ze­dere des Macht­wech­sels selbst bestimmen. Nach Guts­her­renart, mit der der Ulmer Klei­der­schrank über 13 Jahre auf der Hertha-Geschäfts­stelle geherrscht hatte, wollte er bis zum offi­zi­ellen Abschied am 30. Juni 2010 durch­re­gieren. Nie­mand sollte an seinem Ruhm par­ti­zi­pieren und Ent­schei­dungen fällen, ehe er den Thron ver­lassen hatte. Auch sein Nach­folger nicht, mit dem der ver­drän­gungs­starke Ober­schwabe ohnehin nie so recht warm geworden war.

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Beim Show­trai­ning der Hertha in Lich­ten­berg braucht er einen langen Atem.

Pamela Spitz

Doch Sai­son­pla­nungen beginnen lange vor dem letzten Sai­son­spiel, Fuß­ball­ma­nage­ment funk­tio­niert nicht über Stich­tage. Prä­si­dent Werner Gegen­bauer, lange ein Freund von Hoeneß, wun­derte sich zuneh­mend über dessen Füh­rungs­stil. Der Ber­liner Unter­nehmer, der mit seinem Rei­ni­gungs­ser­vice drei­stel­lige Mil­lio­nen­um­sätze erwirt­schaftet, sagt: Gebäu­de­rei­ni­gung ist ein hartes Geschäft. Doch auch Leute, die putzen, müssen Spaß an der Arbeit haben. Aber was in dieser Zeit bei Hertha abge­laufen ist, habe ich in meiner Branche so noch nicht erlebt.“ Anfang 2009 eska­lierte die Situa­tion. Auf der Geschäfts­stelle regte sich Wider­stand gegen die Hoeneß-Auto­kratie. Schließ­lich schmiss der bul­lige Manager belei­digt die Bro­cken hin. Sollten sie doch ohne ihn klar­kommen.

Die Hoeneß-Ära mit ihren sport­li­chen Erfolgen und mensch­li­chen Tra­gö­dien lag wie ein unsicht­barer Schleier über dem Verein, als Michael Preetz den Job antrat. Es fiel ihm auf, wie schwer sich viele Mit­ar­beiter taten, sich aus der Läh­mung zu befreien, selbst­be­wusst und kreativ ihre Arbeit zu ver­richten. Über Jahre hatten sie erlebt, dass Hoeneß sich selbst in Neben­säch­lich­keiten noch ein­mischte und Ent­schei­dungs­ge­walt für sich ver­an­schlagte. Nun war er weg. Die ver­korkste Situa­tion spie­gelte sich auch auf dem Rasen wieder. Nach Hoeneß‘ Abgang war die Klub­kasse leer und der Trans­fer­markt abge­grast. Hertha schlit­terte in die Krise – und stieg schließ­lich ab.

Der beste Weg neue Freunde zu finden, ist Erfolg“

Michael Preetz

Das moderne Berlin speist einen gewich­tigen Teil seines Selbst­be­wusst­seins aus seinem Mut zur per­ma­nenten Ver­än­de­rung. In diesem Milieu wirkte Hertha BSC lange wie ein West­ber­liner Fossil. Eines, bei dem in man­chen Sze­ne­kneipen im Prenz­lauer Berg Applaus auf­bran­dete, wenn in der TV-Kon­fe­renz ein Tor gegen den Haupt­stadt­klub ver­meldet wurde.

Nun, da der Verein fast in Trüm­mern liegt, beginnt der Manager im Sommer 2010 mit dem Wie­der­aufbau. Michael Preetz kennt das unge­schrie­bene Mar­ke­ting­ge­setz, dass Fuß­ball­klubs den größten Zulauf zu ver­zeichnen haben, wenn sie a) Titel gewinnen oder b) die Tal­sohle des sport­li­chen Erfolgs durch­schreiten. Hertha BSC ist es als Cham­pions-League-Teil­nehmer nicht gelungen, der große Kon­sens­klub für ganz Berlin zu werden. Ergeben sich stei­gende Sym­pa­thie­werte nun aus der Misere des Abstiegs? Der beste Weg“, sagt Preetz, neue Freunde zu finden, ist Erfolg.“

Eine Alter­na­tive gibt es sowieso nicht: Wenn Hertha den Auf­stieg ver­passt, werden alle Leis­tungs­träger gehen, Spon­soren ihr Enga­ge­ment über­denken und letzt­lich Mit­ar­beiter ihren Job ver­lieren. Auf­stieg oder Nie­der­gang. Denn auch wenn Hertha mit einem Etat von 33 Mil­lionen Euro in der zweiten Liga den Spit­zen­platz ein­nimmt, sind die fetten Hoeneß-Jahre vorbei. Preetz, der auch diplo­mierter Sport­ma­nager ist, sagt: Im Klub gibt es eine große Sehn­sucht nach wirt­schaft­li­cher Ver­nunft.“ Anders als sein Vor­gänger setzt er auf Trans­pa­renz und führt Trans­fer­ge­spräche grund­sätz­lich nur im Bei­sein von Finanz­chef Ingo Schiller und Tom Her­rich, einem Mit­glied der Geschäfts­lei­tung. Mit der Ver­nunft haben die drei bei sich ange­fangen und auf bis zu 40 Pro­zent ihres Gehalts ver­zichtet. Mit Aus­nahme des Kolum­bia­ners Adrián Ramos haben sich alle Spieler des Kaders bereit erklärt, für die zweite Liga neue Ver­träge zu unter­schreiben und zu gerin­geren Bezügen auf­zu­laufen. Erfah­rene Bun­des­li­ga­profis wie Chris­tian Lell oder Peter Nie­meyer sind nach Berlin gekommen, um end­lich zu beweisen, dass sie das Format von Füh­rungs­spie­lern besitzen. Mann­schafts­ka­pitän Andre Mija­tovic und den nie­der­län­di­schen Keeper Maikel Aerts ködert Preetz mit der Per­spek­tive, als Köpfe eines refor­mierten Hertha-Teams im Herbst ihrer Lauf­bahn noch einmal in die Bun­des­liga auf­zu­steigen. Und alle eint die Aus­sicht auf eine satte Auf­stiegs­prämie.

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Busi­ness as usual: Michael Preetz holt in seinem Büro mal kurz Luft.

Pamela Spitz

Doch daran möchte Michael Preetz am ersten Tag der Saison nicht denken. Es wird jetzt Zeit, dass es los­geht.“ Die Sonne scheint ver­söhn­lich über dem Mara­thontor. Der Manager weiß aus seiner eigenen Pro­fi­zeit, wie schwer es für gestan­dene Bun­des­li­ga­spieler ist, sich nach einem Abstieg zu moti­vieren. Dort in den Nie­de­rungen des Fuß­ball­ge­schäfts, wo viel härter am Mann gestanden wird und spie­le­ri­sche Finessen rus­tikal nie­der­ge­kämpft werden. Das Auf­takt­spiel gegen RWO bringt die Hertha-Profis also gleich auf Betriebs­tem­pe­ratur. Kaum ein Verein sym­bo­li­siert nach­hal­tiger den grauen Alltag in der zweiten Liga als der Malo­cherklub. Doch Hertha dreht das Match durch zwei Tore des 17-jäh­rigen Marco Dju­ricin und gewinnt mit 3:2. Über den Youngster hatte Preetz noch im Mai in der depres­siven Atmo­sphäre der Mit­glie­der­ver­samm­lung gesagt, er sei mit das größte Talent, über das Hertha BSC ver­füge.

Ein wei­terer Licht­blick ist die Zuschau­er­zahl. Als der Sta­di­on­spre­cher sich bei 48 385 Besu­chern bedankt, springt die gesamte Hertha-Bank auf, als wäre ein Tor gefallen. Die Männer aus dem Funk­ti­ons­team ballen die Fäuste. Ein erster Erwe­ckungs­mo­ment nach der Tris­tesse des Abstiegs.