Seite 8: Der Manager ist hochgradig gereizt

Der­by­fieber

Markus Babbel hat in der Win­ter­pause umge­stellt: Adrián Ramos gibt kon­stant die hän­gende Spitze, hinter dem immer mehr auf­trump­fenden Lasogga. Fabian Lus­ten­berger spielt derart beständig, dass er zeit­weise sogar den Aus­nah­me­könner Raf­fael auf die Bank ver­bannt. Nach drei Siegen in Folge hat das Team aus der Haupt­stadt die Tabel­len­füh­rung zurück­er­obert.

Das Olym­pia­sta­dion ist beim Derby gegen Union Berlin das erste Mal in dieser Saison aus­ver­kauft. Eine Situa­tion wie gemalt für die Hertha. Doch obwohl die Blau-Weißen schon zur Halb­zeit mit vier Toren Vor­sprung führen müssten, geht das Spiel mit 1:2 ver­loren. Union macht das Opti­male aus seinen wenigen Chancen. Beim Abpfiff ist Michael Preetz wie in Trance. Er weiß, wie schwer so eine Nie­der­lage wiegt. In Derbys wird Geschichte geschrieben. Iden­ti­täts­stif­tende Par­tien. Hertha hätte an diesem Tag Wie­der­gut­ma­chung für den Abstieg leisten können. So ein Gefühl kann man nicht repa­rieren“, sagt Preetz. Er schwänzt die anschlie­ßende Pres­se­kon­fe­renz, fährt direkt nach Hause. Seine Ana­lyse ist gna­denlos: Union war sehr schlecht, wurde dann schlechter – und hat am Ende gewonnen.“ Geschla­gene zehn Tage lang hängt auf der Geschäfts­stelle anschlie­ßend der Haus­segen schief. Der Manager ist hoch­gradig gereizt. Er blökt ent­gegen seiner sonst eher umgäng­li­chen Art jeden an, der ihm in die Quere kommt.

Selbst­zweifel

Preetz‘ innere Zer­ris­sen­heit bricht sich aber erst eine Woche später Bahn – in einem ver­meint­lich unent­deckten Augen­blick. Es ist Sonntag, der 13. Februar 2011. Beim Aus­wärts­spiel gegen den Karls­ruher SC ist Hertha vier Minuten vor dem Halb­zeit­pfiff mit 0:1 in Rück­stand geraten. Wäh­rend Markus Babbel in der Kabine in ruhigem Ton zu den Spie­lern spricht, ver­drückt sich der Manager einige Minuten in den Dusch­trakt, um allein zu sein und sich zu sam­meln. Peter Nie­meyer und Andre Mija­tovic sehen durch den Tür­spalt, wie Preetz nebenan fahrig wie ein Raub­tier vor der Füt­te­rung durch den geka­chelten Raum geht. Anders als ihnen fehlt dem Manager das Ventil, Frust­mo­mente auf dem Platz abzu­bauen. Preetz muss nach­denken – und sich beherr­schen. Die erste Halb­zeit war unter­ir­disch.

Kann es wirk­lich sein, dass seine Hoff­nungen und Über­zeu­gungen falsch waren? Schei­tert in diesem Augen­blick sein Plan von der Hertha-Reform? Der Traum von einer neuen Ära, von dem sym­pa­thi­schen Haupt­stadt­klub? Er will nicht in die­selben Ver­hal­tens­muster ver­fallen, die sein Vor­gänger Dieter Hoeneß oft an den Tag legte, wenn er bei schlechten Spielen den Trainer zum Sta­tisten stem­pelte und selbst zur Wut­rede ansetzte. Aber ist dies nicht der Moment, in dem es wichtig wäre, ein Zei­chen zu setzen? Ein­fach mal drauf­zu­hauen?

Michael Preetz hat in seiner Kar­riere viele Momente des Zwei­fels erlebt. Es war oft schwierig – und am Ende hat es doch geklappt“, so beschreibt er das Muster, dem seine Pro­fi­lauf­bahn folgte. Er stammt aus bür­ger­li­chen Fami­li­en­ver­hält­nissen, sein ver­stor­bener Vater war Koch, die Mutter kauf­män­ni­sche Ange­stellte. Die Eltern wün­schen sich eigent­lich vier Kinder, aber der kleine Michael schreit so aus­giebig, dass es sich das Ehe­paar anders über­legt und er ohne Geschwister auf­wächst. Als Klein­kind leidet er unter einer Augen­mus­kel­schwäche, die von den Ärzten zu spät erkannt wird. Er wird dreimal ope­riert. Die Eltern zahlen die Behand­lungen aus eigener Tasche, weil die Kran­ken­kasse keine Hei­lungs­chance mehr sieht. Doch für eine voll­stän­dige Gene­sung ist es zu spät. Auf dem linken Auge liegt die Seh­kraft nur noch bei 50 Pro­zent. Bis heute muss sich der Manager voll und ganz auf das rechte als Füh­rungs­auge ver­lassen. Das linke Auge macht mit­unter, was es will. Er sagt: Da kommt es zwangs­läufig zu Situa­tionen, die fies sind.“ Auf seine fuß­bal­le­ri­schen Qua­li­täten hat das kei­nerlei Ein­fluss.

Da kommt es zwangs­läufig zu Situa­tionen, die fies sind“

Als er im Früh­ling 1986 die Schule abschließt, befindet er sich bereits in Ver­hand­lungen mit For­tuna Düs­sel­dorf. Mit der A‑Jugend spielt er um die Meis­ter­schaft, aber die Profis melden sich nicht. Da macht der Ham­burger SV dem Jung­ta­lent ein Angebot, und die Rhein­länder geraten unter Zug­zwang. Schon damals zeichnet ihn eine Eigen­schaft beson­ders aus: Ver­nunft. Mut­proben meidet er. Er ist clever genug, Fehler zu umgehen. Mit ratio­naler Über­le­gung han­delt er seinen ersten Lizenz­spie­ler­ver­trag aus, obwohl die For­tunen ihn nur als Ver­trags­ama­teur ver­pflichten wollen. So einen Kon­trakt will er aber nicht, weil er befürchtet, mit­tel­fristig in der zweiten Mann­schaft zu ver­sa­cken. Er setzt sich durch – und schafft gegen alle Wider­stände den Sprung zum Stamm­spieler.

Auch in der Folge wird er eher unter- als über­schätzt. Ihm eilt der Ruf eines sehr guten Zweit­li­ga­spie­lers voraus, der nicht gut genug für die erste ist. Den­noch spielt er mit For­tuna Düs­sel­dorf und dem MSV Duis­burg in der Bun­des­liga und erar­beitet sich Tor um Tor. Er bewun­dert Spieler wie Andreas Möller, denen das Talent fast jede Tür öffnet, wäh­rend er sich in allen Belangen durch­beißen muss.

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Bye-bye Zweit­liga-Tris­tesse, hello Bun­des­liga: Die Spieler feiern mit den Fans in der Ost­kurve, nur Trainer Markus Babbel mag noch nicht so recht.

Pamela Spitz

Als ihn 1996 der ambi­tio­nierte Zweit­li­gist Hertha BSC haben will, liegt ihm ein Angebot des FC Gütersloh vor. Er ist Ende 20, die Ost­west­falen ködern ihn mit der Per­spek­tive auf einen Job bei Ber­tels­mann im Anschluss an die Kar­riere. Doch die Ber­liner wollen sein Know-how als erfah­rener Auf- und Abstiegs­kämpfer. Was nach dem Errei­chen der Bun­des­liga aus ihm werden soll, sagt ihm das Manage­ment nicht. Preetz ris­kiert es. Ich wollte wissen, ob ich mich durch­setzen kann.“ Wieder wird sein Mut belohnt. Am Ende seiner Lauf­bahn, 2003, führt er die ewige Tor­schüt­zen­liste des Ber­liner Klubs an und hat ein paar Län­der­spiele auf dem Buckel. Er hat einen Anschluss­ver­trag für einen Job im Manage­ment aus­ge­han­delt, weil Hoeneß sich im Jahr 1999 nicht die Blöße geben will, dass Preetz als Bun­des­liga-Tor­schüt­zen­könig auf das Angebot von Tot­tenham Hot­spur ein­geht. Bereits zur aktiven Zeit arbeitet er für die Zeit nach der Kar­riere, büf­felt für den Stu­di­en­gang Sport­ma­nage­ment an der Fach­hoch­schule Göt­tingen. Er will auf alle Even­tua­li­täten vor­be­reitet sein, denn seine Pro­fi­lauf­bahn hat ihn gelehrt, dass er gegen Natur­ta­lente nur dann eine Chance hat, wenn er ehr­gei­ziger und flei­ßiger ist. Das macht ihn zum Getrie­benen.

Er weiß, wie man Happy Ends plant – und dass man dazu auch ein Quent­chen For­tune braucht. Nun wan­dert er im Maß­anzug durch die Wasch­räume des Wild­parks und fragt sich, ob ihn womög­lich sein Glück ver­lassen hat, ob sich das Schicksal in diesem Augen­blick dreht. Hat er am Ende etwas Wich­tiges über­sehen in seinen Pla­nungen? Hat ihn seine Men­schen­kenntnis getrügt?

Er muss nicht mehr über­legen, ob er zur Brand­rede ansetzen soll. Markus Babbel hat mit seiner sach­li­chen Ansprache alles richtig gemacht. Fuß­ball ist Psy­cho­logie. Der Schieds­richter bittet zurück auf den Platz, Preetz hat sich wieder ein­ge­kriegt. Zwei Minuten nach Wie­der­an­pfiff gleicht Raf­fael aus. Auf die grot­ten­schlechte erste Hälfte folgt in der zweiten eine ein­drucks­volle Demons­tra­tion der Domi­nanz. Die Hertha gewinnt das Spiel in Karls­ruhe mit 6:2.

Druck­aus­gleich

Ein Hauch von Auf­stiegs­eu­phorie liegt über den nächsten Wochen. Plötz­lich scheint es, als sei auch den Spie­lern auf­ge­fallen, dass sie mit ihren indi­vi­du­ellen Fähig­keiten weit über dem Liga­durch­schnitt liegen. Beim 5:0‑Auswärtserfolg in Aachen spielt die Babbel-Elf den Gegner eis­kalt an die Wand. Nach dem 2:0‑Sieg in Fürth hat die Hertha nicht nur einen direkten Kon­kur­renten um den Auf­stieg in die Schranken gewiesen, son­dern auch den eigenen Abstand zum Rele­ga­ti­ons­platz auf sechs Punkte aus­ge­baut. Hertha mar­schiert von Erfolg zu Erfolg.

Michael Preetz kommt in diesen tur­bu­lenten Tagen fast sein ana­ly­ti­scher Blick abhanden. Mit Aber­glauben hat er nie viel am Hut gehabt, doch als ihm beim Kurz­ur­laub im öster­rei­chi­schen Hin­ter­glemm der befreun­dete Hotel­chef ein soge­nanntes Power-Arm­band mit den Worten umlegt: Nicht mehr abma­chen – damit kannst du gar nicht anders als auf­steigen“, leistet er wider­spruchslos Folge und läuft fortan mit einem Plas­tik­bänd­chen am Hand­ge­lenk herum.

Das große Finale beginnt mit einem Heim­sieg gegen den SC Pader­born. André Schu­bert, der Trainer der Ost­west­falen, wird hin­terher sagen: Das Spiel hat zwei Erkennt­nisse gebracht: Hertha gehört in die Bun­des­liga und der SC Pader­born defi­nitiv in den bezahlten Fuß­ball. Eine Mann­schaft, die beim Aus­wärts­spiel 70 000 Men­schen ins Sta­dion lockt …“ 70 620 Besu­cher haben am ersten som­mer­li­chen Tag des Jahres den Weg ins Olym­pia­sta­dion gefunden. Gut, Hertha hat durch ein paar Preis­ak­tionen den Ticket­ver­kauf ange­heizt, aber die Kulisse ist ein ein­drucks­voller Nach­weis, dass in der Stadt ein neues Gefühl für den Klub aus dem Ber­liner Westend ent­standen ist. Selbst auf der Pres­se­tri­büne sieht man jubelnde Hertha-Anhänger. Ab der 70. Minute schwappt eine Welle der Euphorie durchs Sta­dion, das Geschehen auf dem Rasen spielt da schon fast keine Rolle mehr.

Hey, was für‘n Lauf, die Hertha steigt wieder auf“

Nach Spie­lende laufen die Spieler geschlossen in die Ost­kurve. In diesen Wochen wird kein Tages­zei­tungs­in­ter­view mit einem Hertha-Prot­ago­nisten erscheinen, in dem nicht auf den wich­tigen Anteil der Anhänger am Erfolg der Mann­schaft hin­ge­wiesen wird. Die Spieler haben nach dem Schluss­pfiff ein T‑Shirt über­ge­streift. Auf­schrift: Hey, was für‘n Lauf, die Hertha steigt wieder auf.“ Die T‑S­hirt-Aktion ist keine kon­zer­tierte PR-Aktion des Klubs, son­dern die Initia­tive einer Ultra-Grup­pie­rung, die den Profis nach dem Abpfiff ein­fach eine Plas­tik­tüte voller Hemden über­geben hat. Spre­cher Bohm­bach kann nur schmun­zeln: Die Jungs ziehen alles an, was man ihnen in sol­chen Momenten in die Hand drückt.“

Das Spiel in Bochum bringt die Vor­ent­schei­dung. Der VfL hat seit 15 Spielen nicht mehr ver­loren. Hertha kann seinen Vor­sprung auf den Rele­ga­ti­ons­platz mit einem Sieg auf sieben Punkte aus­bauen. Michael Preetz steigt um 19.38 Uhr aus den Kata­komben des Ruhr­sta­dions. Wie ein Feld­herr steht er an der Bande der Nord­tri­büne. Schwarzer Ein­reiher. Ein skep­ti­scher Blick gen Tri­büne, wäh­rend sich die Mann­schaft warm macht. Geschäfts­lei­tungs­kol­lege Tom Her­rich steht bei ihm wie einst Robert Duvall als Con­si­gliere in Der Pate“ und ver­wi­ckelt ihn in eine leise Unter­re­dung. Als Fried­helm Funkel vor­bei­schlen­dert, gibt es eine ent­spannte Umar­mung. Für einen Moment brö­ckelt bei Preetz der Tun­nel­blick. Für einen kurzen.

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Party-Pyra­mide: Preetz stützt sich auf Physio Rein­hard Mörz und die Spieler Chris­toph Janker und Fanol Per­dedaj.

Pamela Spitz