Seite 7: „Der hat dicke Beine und ein Brett vorm Kopf“

Sturm & Drang

Nach dem Sieg gegen Aue fällt den Spie­lern ein mit­tel­schwerer Find­ling vom Herzen. Als es in der Kabine zu Jubel­szenen kommt, steht Michael Preetz im Tür­rahmen und kann nicht los­lassen. Wie zu sich selbst sagt der Manager: Jetzt muss nur noch Rob wieder in die Spur kommen.“

Rob Friend war im Sommer ein Wunsch­transfer von ihm und Babbel. Der Trainer wollte den Kana­dier bereits zum VfB Stutt­gart holen, als er dort noch arbei­tete. Doch der 30-Jäh­rige tut sich schwer in Berlin, er setzt sich offenbar zu stark unter Druck. Rob ist total blo­ckiert“, sagt Preetz, der hat dicke Beine und ein Brett vorm Kopf. Ich kenne solche Momente, wenn über­haupt nichts funk­tio­niert.“

Nach dem fünften Spieltag wird der Kana­dier zuneh­mend zum Ergän­zungs­spieler. An seine Stelle tritt Pierre-Michel Lasogga. Vor der Saison hat der Hertha-Manager den 18-Jäh­rigen von den Junioren Bayer Lever­ku­sens geholt. Doch vier Tage vor Beginn der Spiel­zeit ver­letzt sich der Youngster in einem Freund­schafts­spiel. Als er wieder fit ist, wirft er sich mit einer sagen­haften Unbe­küm­mert­heit in das Angriffs­spiel der Her­thaner. Gegen den VfL Bochum darf er das erste Mal von Anfang an spielen und trifft gleich zweimal.

Michael Preetz fühlt sich in seinem Urteil über den jungen Mann bestä­tigt. Die Berichte der Scouts waren ein­drucks­voll. Die Spiel­be­ob­ach­tung, die Preetz selbst vor­nahm, über­zeugte ihn. Der Wechsel kam für ein über­schau­bares Salär zustande, obwohl Ale­mannia Aachen ein gewich­tiger Kon­kur­rent in diesem Buhlen war. Dort hätte Lasogga prak­tisch eine Auf­lauf­ga­rantie bekommen. Nach Berlin wech­selte er in dem Bewusst­sein, dass es nur eine Alter­na­tive im Angriffs­zen­trum von Hertha gibt: Rob Friend oder ihn. Doch vor dieser Her­aus­for­de­rung war dem Jungen offenbar nicht bange. Auch die großen Kulissen scheinen den Glad­be­cker eher zu beflü­geln als ein­zu­schüch­tern. Lasogga erlaubt sich keine Schwäche und trifft bis zum Sai­son­ende mehr als ein Dut­zend Mal.

Trai­nings­lager

Port­imao. Algarve. Hertha BSC hat das Fünf-Sterne-Hotel Le Méri­dien“ bezogen. Eine laue Brise weht vom Atlantik her­über. 17 Grad, wäh­rend in Berlin kurz nach dem Jah­res­wechsel tiefster Winter herrscht. Der Trai­nings­platz in dem Golf­re­sort ist nur einen Stein­wurf von der mon­dänen Emp­fangs­halle ent­fernt. Mor­gens um zehn Uhr und nach­mit­tags um halb vier finden ein­ein­halb­stün­dige Trai­nings­ein­heiten statt.

Michael Preetz sitzt mit dem Prä­si­denten auf der Son­nen­ter­rasse und trinkt Tee. Der Kaffee ist seines Erach­tens unge­nießbar. Hertha über­win­tert auf einem Rele­ga­ti­ons­platz. Die Stim­mung ist trotz des Kom­forts und früh­lings­haften Wet­ters ange­spannt. Werner Gegen­bauer steckt den Stress besser weg als der Manager. Der Unter­nehmer kennt den Umgang mit Sieg und Nie­der­lage aus seinem Geschäft. Mal gewinnt man selbst die Aus­schrei­bung, mal ein anderer“, sagt er. Preetz beneidet ihn um die Fähig­keit, nach Nie­der­lagen schnell wieder auf Nor­ma­lität umzu­schalten.

Eine Bou­le­vard­zei­tung meldet in Berlin an diesem Tag, dass Patrick Ebert sich seinen Kumpel Marko Pan­telic zurück zum BSC wün­sche – den Serben, der vier Jahre lang im Sturm der Hertha zwi­schen Genie und Wahn­sinn schwankte. Ebert hat die erste Sai­son­hälfte ver­let­zungs­be­dingt fast voll­ständig in der Reha ver­bracht. Nun schwa­dro­niert er im Inter­view, dass er bereit wäre, einen Teil seines Gehalts für seinen Kumpel zu opfern. Gegen­bauer liest mit einem Schmun­zeln über die Schlag­zeile: Wat denn? Erst Been kaputt, jetz Kopp kaputt?“

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Leader of the pack: Der Manager im Zen­trum der Hertha-Füh­rungs­crew auf dem Trai­nings­platz in Port­imao.

Pamela Spitz

An den Abenden in Port­imao trifft sich die Klub­füh­rung in der Hotelbar: Gegen­bauer dampft eine Cohiba Siglo No. 4. Es gibt Bier. Ein kleines Quiz beginnt: Wer kann anhand des Namens Sportler ihrer Dis­zi­plin zuordnen? Preetz und Gegen­bauer tun sich bei dem Wett­be­werb aus der Kate­gorie unnützes Wissen“ beson­ders hervor und ordnen Heide Rosen­dahl oder Eric Heiden ihren Sport­arten zu. Beim Namen Jochen Rindt sind alle im Bilde, nur Markus Babbel steht auf dem Schlauch: Ein Segler?!“, rät der Trainer. Grinsen in der Runde. Der Coach über­legt weiter: Ein Ski­läufer!?“ Schließ­lich platzt Preetz mit der Ant­wort heraus: Mensch Markus, der ein­zige Formel-1-Fahrer, der posthum den WM-Titel gewann …“

Kurz vor der Abreise zum Test­spiel gegen Stan­dard Lüt­tich laden Preetz, Babbel und Gegen­bauer die Stützen des Teams zur Unter­re­dung. Was denen anfäng­lich wie ein Kri­sen­ge­spräch vor­kommt, soll ein Aus­tausch sein. In lockerer Atmo­sphäre geht es noch einmal darum, die besten Vor­aus­set­zungen für den Auf­stieg zu schaffen. Lell, Nie­meyer, Mija­tovic und Aerts wün­schen sich, dass Phy­sio­the­ra­peut Rein­hard Mörz, der bis­lang nur auf Abruf von seiner Praxis aus für Hertha arbeitet, den Profis in der Rück­runde rund um die Uhr zur Ver­fü­gung steht. Ein Wunsch, der umge­hend erfüllt wird. Das Gespräch knüpft die Bande zwi­schen dem Füh­rungs­spieler-Quar­tett und den Bossen noch mal enger. Später werden die Profis häu­figer erwähnen, dass in dieser Stunde end­gültig der Pakt für die Rück­kehr in die Bun­des­liga geschlossen wurde.

Inves­to­ren­geld

Der ein­ge­tra­gene Verein Hertha BSC ist ein orga­ni­sches Gefüge. Zwar wird der Spiel­be­trieb der Profis seit 2002 von der Hertha BSC Kom­man­dit­ge­sell­schaft auf Aktien durch­ge­führt, doch einzig haf­tender Aktionär ist der e.V. Diese Gemenge­lage hat zur Folge, dass Werner Gegen­bauer einem unru­higen Prä­si­dium vor­steht, das des Öfteren ein Mit­spra­che­recht bei den Profis ein­for­dert. Unter Hoeneß hat es das zwar nie gegeben, umso größer sind die Begehr­lich­keiten jetzt. Gegen­bauer ist daran gelegen, dass alle mit­ge­nommen werden – die sport­liche Lei­tung soll den­noch unbe­hel­ligt von poli­ti­schen Schar­müt­zeln ihr Wie­der­auf­stiegs­pro­jekt durch­ziehen. Ein schwie­riger Spagat, obwohl grund­sätz­lich alle den Kurs mit­tragen. Trotzdem for­dert im Laufe der Nie­der­la­gen­serie in der Hin­runde ein Prä­si­di­ums­mit­glied, Trainer Babbel solle vor dem Gre­mium doch mal zum Rap­port erscheinen. Ein Wunsch, dem Michael Preetz allen­falls mit hoch­ge­zo­gener Augen­braue begegnet. Gegen­bauer hin­gegen muss sich dazwi­schen­werfen und abwie­geln. Doch einige Prä­si­di­ums­mit­glieder mögen es nicht, im Freun­des­kreis keine Ant­worten auf Fragen zu Hertha BSC geben zu können. Sie wollen mit­reden. Einer aus dem Vor­stand ist mit Spie­ler­be­ra­tern befreundet. Er will seinen Ein­fluss gel­tend machen und stattet sogar dem Leiter des Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trums einen Besuch ab.

Mit Beginn der Rück­serie muss sich die Geschäfts­füh­rung drin­gend um die Lizen­zie­rung bei der DFL küm­mern. Eine Inves­to­ren­gruppe, die anonym bleiben will, ist bereit, acht Mil­lionen Euro in die hoch ver­schul­dete Hertha zu ste­cken. Der Haken an der Sache: Nur Preetz, Gegen­bauer und Schiller wissen, wer sich hinter dem geheim­nis­vollen Geld­geber ver­birgt. Nachdem das Trio glaub­haft ver­si­chert hat, dass es sich um kein dubioses Geld han­delt, stimmt das Prä­si­dium dem Deal mit neun zu null Stimmen zu. Als Gegen­wert erhält der Finan­zier eine Betei­li­gung an Trans­fer­erlösen. Preetz garan­tiert: Ohne jeg­liche Ein­fluss­nahme.“ Da das Geld voll­ständig in die Schul­den­til­gung fließen soll, ist die Lizenz für die Bun­des­liga damit gesi­chert.

Aber das mys­te­riöse Invest­ment weckt die Neu­gierde einiger Kol­legen von Werner Gegen­bauer. Einer recher­chiert sogar im Han­dels­re­gister, um die Hin­ter­gründe zu erfahren. Ständig droht von irgend­woher ein Stör­feuer. Gegen­bauer lässt es sich nicht nehmen, Prä­si­di­ums­sit­zungen mit einem sar­kas­ti­schen Und nun viel Spaß bei der Nach­prä­si­di­ums­sit­zung!“ zu beschließen.